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…das ist zu schön um wahr zu sein – drei Supernasen auf Terrorkurs, Freiheit im Untergang, Kennedys Hirn und Jackies rosa Chanel-Hütchen, Nekrophile und andere Loser: Filme von Kelly Reichardt, James Franco, Peter Landesmann, Hiyao Miyazaki und Shinji Aramaki

 

„Ich will nicht schlecht über euch reden, es ist ja doch nur primitiv/
Aber ich verabscheue euch wegen eurer Kleinkunst zutiefst“

Tocotronic

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Zwei Menschen stehen auf einem Staudamm herum. Sie sind allein, sonst ist keine Menschenseele zu sehen. Sie stehen da wie Statuen, unbeweglich, fast wie Untote. Die zwei, das ist nach wenigen Minuten klar, wollen den Staudamm sprengen, und wir schauen ihnen jetzt erstmal eine ganze Weile dabei zu, wie sie das anstellen.

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Sie scheinen sich schon etwas besser zu kennen, aber ein Paar sind sie nicht. Sie fahren durch South Dakota, sie halten in irgendeinem Camp von Ökoradikalen. Am Abend läuft ein Film, eine Dokumentation über böse Umweltverbrechen und den Untergang der Welt. Gegen Ende des Films heißt es aus dem Off eine „Army of individuals should stand up for the nature, for the people, for the planet.“ Bei der anschließenden Diskussion verweigert sich die Regisseurin aber auf Nachfrage jedem Lösungsvorschlag – es gebe nicht „die“ Lösung, sondern nur viele kleine. Das wird mit dem Blick der beiden Durchreisenden beschrieben, man teilt deren Spott, deren sarkastische Verachtung für Nichtstuer und Labersäcke.
Die zwei kaufen ein Motorboot, zahlen Cash. „Cash – the poor peoples money“ heißt es. Das Boot heißt NIGHT MOVES und gibt Kelly Reichardts Film den Namen – das ist nicht nur mal ein schöner Name, sondern auch ein guter Einfall. Dana, die junge Frau ist deutlich klarer, cooler, härter als Josh. Das zeigt sich auch, als die beiden einen Dritten treffen, den Ex-Marine Harmon, und mit ihm Dünger kaufen, um daraus Sprengstoff zu machen. Das Boot wird dann damit vollgestopft, es wird zu Wasser gelassen und nach einer knappen Filmstunde ist es endlich am Staudamm angelangt und der Zünder aktiviert. Puh!
Da hält ein Auto wegen einer Panne. Man schaut sich nervös an. Fährt dann zurück, um den Zünder wieder abzustellen.

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Geht’s noch? Was sind das denn für Terroristen? fragt sich der gemeine Zuschauer. Nur der Künstler, der ja von Natur aus besonders anteilnehmend ist, fragt sich das natürlich nicht. Der versteht den Terrorsoftie, wenn ihm plötzlich Skrupel kommen.

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Gottseidank ist alles rechtzeitig repariert und der Staudamm geht doch noch hoch. Unsere drei Supernasen fahren weg, durchqueren eine Polizeisperre – oh oh oh, das war aber knapp denkt jeder, der noch keinen TATORT gesehen hat, und weiß, dass es jetzt der Dramaturgie nicht zuträglich wäre, würden sie geschnappt. Dann trennt man sich. Wir folgen Josh, dem lahmarschigsten und nerdigsten der drei, der normalerweise auf einer Ökofarm Gemüse putzt.

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Der ist jetzt sehr nervös, immer wenn ein Auto kommt, obwohl da dann nur jemand drinsitzt, der Biosalat kaufen möchte. Und weil bei Staudammsprengen die Flutwelle irgendeinen Camper verschluckt hat, dessen Familie jetzt eine sympathische Webseite schaltet, werden unsere Möchtegern-Radikalen ganz traurig, und bekommen Gewissenbisse. Dana bekommt sogar einen schlimmen roten Hautausschlag, obwohl der auch von den Chemikalien stammen könnte, die sie gemischt hat. Die anfänglich halbwegs interessante, wenn auch lahm inszenierte Fallstudie mündet mit anderen Worten in Paranoia und ein unangenehm moralistisches Traktat, in die wohlbekannte amerikanische Schuld-Scheiße, die man in jedem zweiten US-Film irgendwann serviert bekommt.
Visuell symbolisiuert das die Kamera, indem sie immer zu lange und zu bedeutungsvoll auf den Gesichtern steht, oder dann zurückfährt und sich nach oben schraubt, sodass wir irgendwann wie der liebe Gott, voller Güte aber auch sehr klar im Urteil auf die kleinen Sünderlein herabgucken.

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Die Menschen in Kelly Reichardts Filmen werden von Schauspielern wie Dakota Fanning und Jesse Eisenberg gespielt, sind aber scheinbar ungeschminkt (natürlich nicht wirklich, im Gegenteil ist es schwierig, sie so aussehen zu lassen), oft hässlich, ungewaschen, sie haben abgekaute Fingernägel, und die Maskenbildnerin hat ihnen gehörig Dreck auf die Hände geschmiert. Dieser heute leider viel zu häufige naturalistische Authentizitätsfetischismus macht Reichardts Filme so wenig besser, wie irgendwelche anderen. Nicht nur weil man den Maskenbilder als abwesend anwesend doch sieht. Sondern weil es die Konzentration des Zuschauers ablenkt vom Wesentlichen, gerade Distanz herstellt, wo es sie doch abbauen sollte. NIGHT MOVES könnte auch der Titel eines Film Noir aus den vierziger, fünfziger Jahren sein, und ganz ehrlich gesagt waren die Filme damals ja nicht schlechter, bloß weil es sich erkennbar um Studioproduktionen handelte.

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Hier muss es sich also um Kunst handeln – wenigstens dies ist bei NIGHT MOVES sofort klar, wenn auch sonst nichts, denn so vage, so ausdruckslos sind Menschen nur in einem bestimmten Typ von Kunstfilmen. Aufgeladene Banalität.
Das elegante kunstgewerbliche Verbergen des Eigentlichen, dieses ständige Wegschauen, immer wenn’s interessant wird, nervt am gegenwärtigen Kunstkino zusehends. Die Form wird hier Ersatz für inhaltliche Leere, mehr aber noch für fehlende Haltung.

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NIGHT MOVES ist das Arty-Farty-Pendant zu THE COMPANY YOU KEEP und THE EAST. Irgendwie geht’s um Protest, Widerstand und – uiuiui – Terrorismus. Junge Junge. Und irgendwie auch nicht. Botschaften solle man mit der Post schicken labern solche Filmemacher dann gern, wenn man sie fragt, warum es nicht etwas klarer sein könnte, warum denn bitte alles vage gehalten werden müsse.
Im Presseheft behauptet die Regisseurin, der Film sei „a tale of suspense and a meditation on the consequences of political extremism. When do legitimate convictions truly demand illegal behaviors? What happens to a person’s political principles when they find their back against the wall?“ Keine einzige dieser Fragen beantwortet der Film auch nur im Ansatz. Alles leere Behauptungen, aufgeblasene Banalität, Moralisieren.

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Interessant ist der Film nur insofern, als dass Reichardt indirekt zeigt, dass die ganzen Ökoaktivisten alles Loser sind, dass der Film klarmacht, warum es im Westen keine Revolution gibt.
Das hätten wir besser gemacht“ sagt auch Hans Hurch aus Wien, mit dem man so schön über Filme lästern kann, wie mit kaum einem anderen.

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Auch ansonsten zeitigt der Wettbewerb von Venedig in diesem Jahr bislang verhaltene Resultate. Die großen Höhepunkte bleiben ebenso aus, wie die totalen Reinfälle, wie die Filme, über die man sich streiten kann. Die bisher gezeigten Filme sind keine schlechten, aber auch nicht richtig gut. Inhaltlich sind es oft historische oder private Stoffe, kaum Filme, die sich mit unserer gemeinsamen Wirklichkeit oder der Politik auseinandersetzen, sich abarbeiten an der Gegenwart. Einzige Ausnahme eben NIGHT MOVES. Künstlerisch ist das Wettbewerbskino ein Kino der Aussparungen, des Verzichts, ästhetische Pädagogik, die insgesamt sehr asketisch und puritanisch wirkt – was natürlich auch etwas damit zu tun hat, dass hier viele Amerikaner laufen.

 

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Erwähnen muss man neben Reichardt zwei weitere US-amerikanische Produktionen: PARKLAND von Peter Landesmann, eine Rekonstruktion des Lebens von fünf Menschen an den vier Tagen um den Mord an John F. Kennedy in Dallas. Das Ganze basiert auf einem Sachbuch, und der Film wirkt auch so – Reenactment mit bekannten Darstellern, von Tom Hanks produziert. Visuell lebt das vom MAD MEN-Appeal der Sechziger-Ästhetik, mit Zigarettenrauch und Ledersesseln.
Politisch ist vieles falsch. Denn wenn man dem Film auch gern durchgehen lässt, dass er an der Mythologie des großen Kennedy und der Bedeutung des Tages von Dallas mitstrickt, dass er der Verselbständigung der Legenden nichts entgegensetzt, sie nicht relativiert, durchkreuzt, sondern durch Gravitas, Pathos und Musik noch auflädt, dann wird es doch zu blöde, und hier sehr kennzeichnend für unsere politisch-apathische, sozial-kindische Epoche, wenn alles auf eine denkbar banale privatistische Ebene heruntergebrochen wird, auf das sogenannte „menschliche Element“. Das ist natürlich Unsinn und Ideologie.

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Man kennt den Ausgang der Fahrt um die Ecke Elm Street/Huston Street. Das macht es dem Film nicht einfacher. Er verlegt sich auf die kleinen Anekdoten, die in ihrer Konkretheit im Einzelnen immer interessant sind. Aber völlig banal, fürs Große Ganze irrelevant. Oder was lernen wir, wie verändert es unseren Blick, wenn wir erfahren, wer eigentlich den Sarg von Oswald getragen hat. Dass man die Inneneinrichtung von Airforce One aufsägte, um den Sarg Kennedys hineinzubekommen, weil der nicht im Gepäckfach transportiert werden sollte. Dass auf Kennedys Bauch, als er auf der Bahre ins Hospital fuhr Jackies rosa Chanel-Hütchen lag. Dass sich noch auf dem Rückflug auf dem blutbesudelten Hals des einen Security-Typen Hirnspritzer Kennedys befanden. Wie der Secret-Service an den Zapruder-Film kam. Dass sich die Ärzte mit der CIA stritten, wo Kennedy obduziert wird. Dass Oswald im gleichen Hospital, dem PARKLAND, dass dem Film den Namen gibt, genau einen Tag später lag, wie der Präsident, und vom gleichen Team operiert wurde.
Das wissen wir jetzt also alles. Was wir nicht wissen: Was bedeutet eigentlich „interessant“?

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Und dann CHILD OF GOD vom Multitalent James Franco nach einer Novelle von Cormac McCarthy: Eine White-Trash-Studie in dessen Zentrum ein junger, tief gestörter Analphabet steht: Einsam und verwahrlost lebt er im Wald, und verliebt sich irgendwann in eine Leiche, mit bizarr schrecklichen Folgen. Wir müssen und werden über diesen Film noch länger schreiben, denn ganz schlecht ist der keineswegs. Es überwiegt aber alles die Frage, warum ein gebildeter studierter bürgerlicher Mensch wie Franco sich für so einen Vollidioten interessiert, und warum es uns interessieren sollte, dem zwei Stunden auf den Fersen zu sein. Cormac McCarthy, klar. Francos letzter Film war eine Faulkner-Verfilmung.
Ähnlich wie Reichardt geht es hier um schöne Darstellung des Hässlichen; bei Franco ist alles aber viel viel ästhetisierter. Sein Blick aber auch viel mehr von oben herab.

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Carlos hat Edgar Reitz interviewt und schwärmt: „Wie Marc Aurel – von Altersweisheit aufgeladen.

 

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Beifall schon beim Logo von THE WIND RISES. Hiyao Miyazaki gehört nach Venedig. Das einzige, was uns an Hiyao Miyazaki richtig unsympathisch ist: Er verwandelt Filmkritiker in Fanboys und manchmal in Vollidioten, „cretini“ wie der Italiener sagt. Die Sympathie ändert nicht daran, verstärkt nur den Schmerz der Erkenntnis, dass THE WIND RISES ein richtig schwacher, langweiliger Film ist. Der Titel zitiert Paul Valerys berühmte Zeile „Le vent se leve … il faut tenter de vivre.“
Einmal mehr erzählt Miyazaki von Fliegerträumen, und von Fortschritt und Imperialismus, von den Träumen des 20.Jahrhunderts, von denen wir uns immer noch erholen müssen.

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Es beginnt 1918, ein kleiner Junge in Japan liest englische Zeitschriften, träumt vom Fliegen. Eine Idylle, die kleine Schwester bewundert den Bruder. Im Traum begegnet er Giovanni Battista Caproni, einem genialen Flugzeugingenieur. Im Traum reden sie miteinander. Der Kleine wird größer, studiert, wird Ingenieur bei den Mitsubishi-Flugzeugwerken, einer der besten. Er ist Jirō Horikoshi und hat wirklich gelebt, der Film ist ein Biopic, ganz ohne Geister und Transzendenz, wie sonst Miyazakis Filme. Auch fast ohne Apokalypse. Nur bei den Szenen, die das große Erdbeben von Tokio 1923 beschreiben, kommt es einmal zu der Verbindung aus Poesie und Abgrund, die Miyazakis Werk sonst so unnachahmlich macht.
Ansonsten ist das zunächst noch ganz interessant als halbdokumentarische Betrachtung der Fliegerei-Geschichte im frühen 20.Jahrhundert, der G 38 von Junkers, dem japanischen Blick auf Deutschland mit Schubert und Thomas Mann, eimem Dessau ohne Bauhaus, einem Deutschland ohne Not und Nazis. Nur ein Emigrant sagt einmal düster ahnend „Japan wird hochgehen“ („blew up“ in den Untertiteln).
Dann aber beginnt zu Mozarts „Cosi Fan Tutte“ eine kitschige Liebesgeschichte, der Emigrant klimpert „Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder„, das Girl hat mit TB die romantischste aller Krankheiten, man schleppt sich aber so durch, und Held Jirō hat am Ende endlich den Mitsubishi „Zero“-Jäger konstruiert, mit dem Japan dann Pearl Harbour angreifen und Kamikaze-Flüge fliegen wird.
Politisch hab ich dagegen wenig, solange der Film nicht wegguckt. Weil er aber genau das tut, den Krieg einfach gar nicht zeigt, ist dieser Film nicht nur höllisch langweilig, sondern auch politisch die Hölle.
Entsprechend trotzig war am Ende der Beifall der Kritiker-Cretini.

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Aber trotzdem bitte nichts gegen Japaner! Wie es geht und dass sie besser von Apokalypse erzählen können, beweist Shinji Aramakis HARLOCK – SPACE PIRATE 3D“. Eine epische Geschichte, im arg cleanen Look von FINAL FANTASY. Trotzdem spannend, schön, MATRIX meets STAR WARS – eine Geschichte über Freiheit jenseits des Gesetzes, über die Einsamkeit des Menschen, mit einer Ökomessage und viel Empfinden für Untergangsgefahren.

Bildrechte: La Biennale di Venezia

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