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Fritz Lang ist besser als Murnau, Neues von Wong Kar-wai, Nicolas Winding Refn, Harmony Korine und der Anal-Quaida; Cannes-Blog, Folge 9.

Gespräch mit der Wiener Kollegin Alexandra über Reygadas Post Tenebras Lux, den sie ungemein prätentiös findet. „Wie Murnau“ sage ich. „Meinetwegen“ sagt sie, „aber eben nur wie Murnau, nicht Murnau.“ „Murnau ist auch überschätzt“ antworte ich, „Fritz Lang ist viel besser.“ Sie: „Natürlich ist er das. Warum sagt das eigentlich keiner?“ Müssen wir’s halt tun. Hiermit wäre das also jetzt auch gesagt.

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Da sitzen wir nun im „Salle Soixantieme“ und warten gespannt. Immer mehr Kollegen strömen herein. Ein mysteriöses „Mystery-Screening“ wurde uns angekündigt. Irgendjemand erzählte: Zehn Minuten von Malick und von Tarantino. Ein anderer meint Refn und Wong Kar-wai. Schaun wir mal. „Weinsteins Resterolle, nein danke.“ lehnte Guiseppe Rapido kühl ab, als ich ihm noch eine sms schrieb.

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Dann tritt Thierry Fremaux vors Publikum und zeigt wieder mal seine Fähigkeiten als guter Gebrauchtwagenverkäufer: Halb französisch, halb englisch moderiert er elegant eine Trailershow, die ganz offenkundig auch den Zweck hat einigen Sponsoren – „cheres amis de Cannes“ – einen Gefallen zu tun. Es beginnt mit 5 Minuten Gutmenschlichem: Sean Penn und Paul Haggis tun Gutes in Haiti, Penn vor allem ist offenbar ein Tausendsassa, der überall selbst mitanpackt, Sandsäcke schleppt und Kubikmeter vermisst, baggert und dabei das große Wort führt. Fehlt nur noch, dass man ihn im OP das Skalpell führen sieht.
Dazu läuft schlechte Musik, und unwillkürlich frage ich mich, ob es in Haiti eigentlich schon McDonalds gibt.

Dann ist Disney mit seinen Verkaufsfilmchen an der Reihe: Chimpanzés geht über Schimpansen – „Sie sind wie wir.“, dann Pixar: Brave.

Dann legt Fremaux wieder los: „What is coming now, is subtitled. But it’s very french, what we will be seeing now – I am very sorry for that.“ Lachen im Saal. Es folgt ein längerer Trailer zu Porn in the Hood, bestimmt eine ziemliche Dödelkomödie, die ich trotzdem witzig finde, weil da von einem Porno die Rede ist, der Anal-Quaida heißt…

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Dann wird’s ernst: Ein paar Minuten aus Spring Breakers von Harmony Korine, bei dem es in sehr sehr poppigen Farben offenbar um vier leichtbekleidete Ami-Mädels geht, die einen Bankraub begehen, und auch sonst ihren Spaß haben. Man sieht viel nackte Haut und alles wirkt eher wie ein Film von Larry Clark.

Der nächste Film spielt in Thailand. Es ist Nacht, man sieht einen langen Gang, eine Table-Dance-Bar, rotes Neonlicht, es läuft der Song: Stay away from me, und auf einer Couch sitzt einsam Ryan Gosling. Dann steht er auf und prügelt zwei Asiaten brutal zusammen. Alles sehr 80er, handfest, wirkt wie eine Fortsetzung von Drive und ist tatsächlich ein ungeschnittener Auszug aus Only God Forgives, dem neuen Film des ungewöhnlichen Dänen Nicolas Winding Refn, der uns alle hier vor einem Jahr mit offenem Mund staunend zurückließ.

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Zumindest um den letzten Ausschnitt darf Guiseppe Rapido dann doch etwas neidisch sein (und war er später auch): Eis und Schnee über Pflanzen, alles Grau, Weiß, Blau, eine Tochter redet aus dem Off über ihren Vater. Gespielt wird sie von Zhang Ziyi. Dann sieht man einen Alten, bei Kampfkunst-Übungen im Innenhof eines alten chinesischen Hauses. „It’s a pity, I am not a man.“ sagt Zhang Ziyi, dann übt sie selbst, und die Kampfbewegungen sehen aus wie ein Tanz, draußen im Schnee, im blauen Kleid. Ein Girl, das aus der Kälte kam. Das Wichtigste sagt sie, sei der „Code of Honor“…

Das seien, so Fremaux, exklusiv für heute Abend geschnitten, 5 Minuten aus The Grandmasters, dem neuen Film von Wong Kar-wai. Den wollen wir sofort sehen. Ganz!

Hier alle Berichte aus Cannes 2012.