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THE RESSURECTION OF A BASTARD

THE RESURRECTION OF A BASTARD

Zurück in Rotterdam. Jahr Nummer drei. Dieses Jahr startete das Festival nach langer Zeit wieder einmal mit einem niederländischen Film – seit 1998 war das nicht mehr der Fall. Mit THE RESURRECTION OF A BASTARD adaptiert Guido van Driel seine eigene Graphic Novel OM MEKAAR IN DOKKUM als Spielfilmdebüt. Ronnie, ein extrem brutaler Schuldeneintreiber, wird darin durch eine Nahtoderfahrung geläutert und kehrt friedvoll in sich ruhend unter seine Freunde, Feinde und Kollegen zurück, um als versöhnlicher Humanist für seine Taten einzustehen. Eine Erzählung, die vor allem mit religiösen Konnotationen angereichert wird, die aber auch ganz bewusst eine essenzielle Erfahrung im Umgang mit dem Kino widerspiegelt: Den veränderten Blick auf das Vertraute, die Neuentdeckung der eigenen Wahrnehmung.

„He’s totally different. Just as Bruce Willis was totally different in THE SIXTH SENSE from in DIE HARD. He’s just not the old Ronnie anymore!“

Veränderungen spiegeln sich in allem, was man intensiv und wiederholt betrachtet. Etwa wenn das Gleiche eben nicht das Selbe ist, wenn ein Festival wie Rotterdam sich trotz eindrucksvoller Konsistenz Jahr für Jahr ein wenig verändert. Diesmal spürt man, dass dem 7,3 Millionen Euro umfassenden Budget des Festivals ein Einbruch bevor stehen könnte – etwa bei Spendenaufrufen oder der reduzierten Zahl von Freigetränken für Team und Gäste. Und dann gibt es die Veränderungen, die man selbst durchlaufen hat, wie der Held des zuvor genannten Films. Die Veränderungen, die in einer unerwarteten Perspektive auf eigentlich Vertrautes resultieren. Man ertappt sich manchmal, Liebgewonnenes mit anderem Maß zu messen und schneller enttäuscht, weniger tolerant zu sein. Sieht man einen Film nicht zum ersten Mal, gewinnt man stets einen Blick auf den eigenen Umgang mit dem Kino, auf neue Schwerpunkte der eigenen Wahrnehmung, auf veränderte Sichtweisen. Je größer dabei die Unterschiede sind, desto schwerer fällt es, ein angebrachtes Maß von Objektivität zu wahren. Gleiches gilt für einen Festivalbesuch. Rotterdam hatte es dieses Jahr unerwartet schwer.

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SPRING BREAKERS

Unter den bisherigen Filmen erwiesen sich wenige als vollends überzeugend – umso heftiger und irreführender fiel die Reaktion auf die herausragenden Programmbeiträge aus. Korines SPRING BREAKERS ist in seiner Intensität und Poetik auch nach einiger Bedenkzeit noch schwer erfassbar und wirft die Frage nach dem Umgang mit Euphorie bei der Betrachtung von Kino auf. Die Frage, ob Formalisierung und Intellektualisierung nicht ab und an schlichtweg ziellos sind.

HALLEY

HALLEY

Das grandiose Spielfilmdebüt HALLEY von Sebastian Hofmann ließ selbst einige hartgesottene Rotterdam-Zuschauer den Saal verlassen und ist nicht nur eine visuell brillante Reflexion über Krankheit und Tod in Mexiko City, sondern kann mit der Intensität seines Sounddesigns sicherlich Gaspar Noés Filmen auf Augenhöhe begegnen. Auch der zuvor erwähnte Eröffnungsfilm des IFFR lieferte durch die bewegende Leinwandpräsenz seines Hauptdarstellers Yorick van Wageningen vor einer teils schwarzhumorigen, teils surreal-beängstigenden, teils wundervoll anrührenden Geschichte eine ausgesprochen eigenständige Erfahrung – dabei völlig ohne das Pathos vergleichbar angelegter Filme wie AMERICAN HISTORY X. Zusammen mit THE DEFLOWERING OF EVA VAN END verteidigt der Film übrigens erfolgreich die These des Festivals, das niederländische Kino erstarke derzeit sehr auffällig in einer jungen Generation von Filmemachern und Zuschauern. Im Vergleich zu den lokalen Programmbeiträgen des letzten Jahres markieren die beiden Filme in der Tat einen wahren Quantensprung, der auch durch den etwas schwächeren Wettbewerbsbeitrag SILENT ONES nicht abgemildert wird.

IO E TE

IO E TE

Man liest natürlich viel und hört sich um. Italien wäre da noch zu entdecken. Nachdem letztes Jahr schon Davide Manulis Kaspar Hauser Adaption zu den interessantesten Filmen des Festivals zählte, wird das Land auch dieses Jahr merklich thematisiert. Etwa durch zwei Gespräche mit italienischen Filmemachern: Altmeister Bertolucci präsentierte mit IO E TE seinen ersten Film seit Jahren und wurde durch einen „Big Talk“ (Video) gewürdigt, während Landsmann Matteo Garrone exemplarisch für die derzeitige Aufbruchsstimmung des italienischen Films zu seinem Film REALITY befragt wurde (Video). Im Iran wollen die Programmmacher Rotterdams gar eine neue, surrealistisch und absurd ausgerichtete Stilrichtung des Kinos entdeckt haben, vertreten unter anderem durch Mohammad Shirvanis FAT SHAKER und TABOOR von Vahid Vakilifar. Eine iranisch angehauchte Teelounge und die komplette Signals-Programmsektion Inside Iran laden hier seit Festivalbeginn zum Entdecken ein.

FAT SHAKER

FAT SHAKER

Was aber, wenn man sich weigert, den Vorgaben eines Programms zu folgen? Oder schlimmer, wenn man feststellt, dass man nicht mehr vollends kompatibel ist zu einem Festival, das man liebte, wenn es zunehmend schwer fällt, sich inspirieren zu lassen? Das Programm hier ist nach wie vor äußerst vielfältig, doch sucht man ein wenig nach relevanten Themen, nach anklagenden Filmen, nach Stimmen im Rahmen des Festivals, die über den Kinosaal hinaus wollen. Fiktion ist hier ein hohes Gut, künstlerischer Wagemut, radikale Bilder, hermetische Welten. Das ist schön und gekonnt umgesetzt. Doch es fühlt sich eben nicht immer wirklich neu an. Das Auge gewöhnt sich, wird anspruchsvoller und auch ablehnender. Ein Effekt, der hier leider durchaus schnell einzutreten scheint. Sieht man zu viele Filme ähnlicher Ausrichtung, wird der Geist ungeduldig. Immer weniger von ihnen können noch vollends überzeugen. Die Frage, die resultiert, ist eine allgemeine: Warum noch zuhören, warum noch zusehen, warum die Geduld strapazieren? Das Kino ist eine Kunstform, die uns so vieles abverlangt, insbesondere Konzentration – und Zeit! Bei aller Liebe: Wir haben so wenig davon. Sollte es uns genügen, unterhalten oder ein wenig gekitzelt zu werden? Wie erkauft sich das Kino heute noch unsere Aufmerksamkeit und welche Strategien – auch welche Strategien eines Festivals – sind überhaupt legitim? Genügt es, ein wenig das Sehen zu hinterfragen? Und kann man überhaupt noch von Subversion sprechen, wenn doch nur ein Gewohnheitskonsum abseits der Norm kultiviert wird? Natürlich wollen wir Rotterdam nicht mit dem Fantasy Filmfest vergleichen. Aber warum mit unterschiedlichen Maßstäben messen? Wie lange hat es ein Film verdient, ihm zuzusehen, wenn er nicht über Mittelmaß hinausreicht? Je mehr Filme ein Festival präsentiert, desto größer werden Ablenkung, Zerstreuung, Frust und Zeitverschwendung. Und je mehr Produktionen entstehen – und hieran ist Rotterdams Hubert Bals Fund im positiven Sinne ebenso wie im negativen Sinne einer Vereinheitlichung massiv beteiligt – desto mehr von ihnen sind leider eben nicht mehr das Optimum. Sondern können auch Opium sein.

Geht ins Kino! Habt Mut zur Entdeckung.

Aber habt auch Mut zur Ablehnung.

Fotos: © IFFR 2013