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Sean Penn in This Must Be the Place


Wofür Aki Kaurismäkis Film Le Havre steht, zweimal Arthouse-Scheiße im Wettbewerb
Cannes-Blog, Folge 15.

Drive

Wer nicht hassen kann, kann auch nicht lieben. Es ist gar nicht anders zu sagen: So wie jeder auf so einem Festival seine Lieblingsfilme hat – in meinem Fall Nicolas Winding Refns Drive, The Yellow Sea von Na Hong-jin und Terrence Malicks The Tree of Life -, so hat jeder auch seine Hassfilme. Das sind bei mir in der Regel jene Werke, die ich als Soz-Päd-Kino empfinde, Filme, die ihr Publikum sozialpädagogisch betreuen wollen, und sich dafür ebenso vergnüglich grunzend in Hässlichkeiten suhlen, wie eine Wildsau in der Schlammgrube. Oder die sich als Wohlfühlkino verkleiden, also jeden Preis, vor allem jeden künstlerischen, dafür zu zahlen bereit sind, alle Zuschauer, und zwar noch den allerletzten, mit einem guten Gefühl nach Hause zu schicken. Als ob es immer aufs gute Gefühl ankäme. Am schlimmsten sind natürlich dann jene Filme, die beides irgendwie verbinden. Mein persönlicher Hassfilm ist daher in diesem Jahr Aki Kaurismäkis Le Havre, gefolgt von Paolo Sorrentinos This must be the place. Zweimal Arthouse-Scheiße in selten zu findender Perfektion. Und das einzig positive, was ich über diese Filme sagen kann, ist: Sie wecken eine gewisse, wenn auch perverse, Leidenschaft. Daher gönne ich mir im Folgenden eine kleine Erleichterung.

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Man hatte es ja fürchten müssen. Irgendwann am Sonntag breitete sich ein Gerücht aus unter den professionellen Beobachtern in Cannes: Man habe Aki Kaurismäki zurückgeholt zum Festival – das deute ja wohl eindeutig darauf hin, dass der Finne am Abend einen Preis erhalten werde. Andere wussten zu erzählen, „Baumi“, also Karl Baumgartner von Kaurismäkis deutschem Co-Produzenten Pandora liefe „schon strahlend durch die Stadt.“ Whatever that means.
Viel hatte schon in den letzten Tagen dafür gesprochen: Großer Applaus für den Film. Einhellig waren diejenigen Kritikerkollegen, mit denen ich mich befreundet fühle, in ihrem positiven Urteil, nur die Intensität variierte. Es also diesmal nichtnur mein einer guter Freund und erfahrener Filmkritiker, der glaube ich jeden Kaurismäki-Film aus Prinzip toll findet, der ihn mochte. Und auch von den anderen, weniger befreundeten (was ja auch ein bisschen was mit Geschmack zu tun haben kann), waren äußerst angetan. Komisch. Denn als ich dann in Kaurismäki ging, in einer Nachholvorführung, weil ich am Morgen der Pressevorführung etwas anderes tun musste, sah ich einen schlechten, ungemein langweiligen Film.

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Le Havre

Was sieht man? Schön gefilmte, häßliche Menschen, mit „originellen“, also zerfurchten, faltigen Gesichtern. Lakonisch-stur sind die Gesichter und Gesten. Marcel Marx ist Schuhputzer, aber alle haben heute Turnschuhe an. Böse böse Moderne, früher war alles besser. Nur einer hat schwarze Schuhe, läßt sie putzen, er hat auch einen Koffer und Handschellen, an denen der befestigt ist. Dann kommen andere zerfurchte Trenchcoatträger und der Kunde ist tot. Auch diesen Tod nimmt Marcel ungerührt hin. Im Folgenden taucht der Film erst einmal ein ins Glück der kleinen Leute. Marcel kann zwar nicht beim Bäcker und Gemüsehändler zahlen, aber er bringt alles Geld nach Hause, bekommt dafür von seiner Frau Arletty ein Lächeln und 5 Euro für einen Aperitif, den Rest des wenigen Geldes verstaut sie feinsäuberlich in einer Blechschale.
Ganz süüüüüß diese zerknüllten 5-Euro-Scheine. Und ganz süüüüüß diese Frau, wie sie ihre Not doch vor dem geliebten Mann verbirgt. Die cuteness hier ist das Schlimmste. Dann sieht man sie Zwiebeln schneiden, und den Kopf auf ihre recht hässlichen Hände stützen. Recht öde, schon hier. Derweil trinkt Marcel seinen Aperitif gemeinsam mit Hund Laika in einer Bar namens „La Moderne“.

Le Havre

Kaurismäkis Bilder sind meist statisch, allenfalls kleine Schwenks kommen vor. Kein Zoom. Halbtotalen. Viel Schuß-Gegenschuß. Die Welt ist eine gekünstelte Nostalgiewelt. Mit Hollywood-Licht, Musik aus den 50ern, Telefonen aus Roy-Andersson-Filmen. Nur die Busse sind neu.
Aber Computer und Handys gibt es nicht.
Die Story entwickelt sich dann über arme Flüchtlinge in einem Container. Schwarzafrikaner, deren Gesichter als Portraits aneinandergereiht werden, wieder in Halbtotalen: Menschen, die aus traurigen braunen Knopfaugen traurig gucken. Kitsch-Musik dazu aus dem Off.
Derweil ist Arletty im Krankenhaus. Es sieht nicht gut aus. „So there is no hope.“ sagt sie. Der Arzt: „Miracles happen.“ Sie: „Not in my quarter.“ Da lacht die Kritikerschar. Kati Outinen spricht ein überaus holprigres Französisch. Aber sie ist ja auch Finnin. Ich kämpfe mit dem Schlaf. Ein schwarzer Junge flieht, er heißt Idrissa, kommt bei Marcel unter, der ihn dann fragt „Quo vadis Idissa?“ Jetzt sind alle nett, und Marcel bekommt viel zu essen, obwohl er nicht zahlen kann. Sie sind alle so herzensgut und bieten ihr Geld an.
Es wird immer langweiliger. Immer diese glotzenden Gesichter, diese herumstehenden Körper. Dann Folklore, Ethno-Musik aus dem Transistorradio. Ein Flüchtlingslager. Dann wieder Glotzen, Herumstehen. Bedeutungsschwanger wird ein Kafka-Buch in die Kamera gehalten, ein paar Sekunden zu lang, um nicht unbemerkt zu bleiben. Man hält es nicht aus.
Der ganze Film ist wie naive Malerei. Die Menschen lächeln nicht. Das ist wohl die angebliche Schönheit der armen Leute. Tristesse-Schmierentheater. Natürlich geschehen am Schluss Wunder: Der Polizist ist nett. Idrissa kommt nach London. Arletty stirbt nicht. Das kleine Kino der großen Wunder.

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Kaurismäki ist von den ganzen Regisseuren der bekannten Cannes-Familie, jenen mit Wettbewerbs-Abo, der einzige, der nichts, aber auch gar nichts riskiert. Der einfach immer das Gleiche macht. Das hat mit Kino nicht viel zu tun, es ist Kunsthandwerk der Betroffenheit, Niedlichkeitsschmonzette. Arthouse-Mainstream, der gerade dem richtigen Kino in allen Ländern die Luft abschnürt. Kaurismäki sehen wir dauernd, aber welchem anderen finnischen Regisseur wären wir in den letzten Jahren schon in Cannes oder Berlin oder Venedig begegnet? Warum nicht? Weil die anderen so schlecht sind, und Kaurismäki so gut, oder weil Kaurismäki schlicht und einfach die Gelder blockiert und die Plätze in solchen Festivals. Dafür dürfte man dann doch etwas mehr erwarten?
Aber man weiß schon jetzt, was alles wieder geschrieben werden wird über diesen Film. Wie menschlich er ist, und wie schön, wie rührend und wie positiv in seiner Aussage. Und man wird gewiss sein, dass der Autor dieser Zeilen ein schlechter Mensch sein muss, dass der sich all dem verweigert, oder schlimmer noch, dass er all das nur schreibt, um sich wichtig zu machen. Auch das ist schön daran, dass Kaurismäki keinen Preis gewonnen hat – das diese Unterstellung jetzt etwas weniger zieht.

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Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, dass mein persönlicher Hassmograph auch ein ganz guter Detektor für die Vorhersage der FIPRESCI-Preise ist, jedenfalls auf großen Festivals, auf denen die FIPRESCI, die internationale Kritikerorganisation die Jurys zumeist mit über 60-Jährigen, vor allem Männern, besetzt. Da kommt dann, das zeigt die Erfahrung, selten Gutes bei heraus, und ein Verband, der sich selbst auf die Fahnen geschrieben hat, Entdeckungen zu machen, mutige, gewagte Filme auszuzeichnen, wirkt dann seltsam erstarrt, wie Stalinismus in der Endphase – und gibt einem Regisseur einen Preis, der bereits 17 Spielfilme gedreht hat – und zudem dem einzigen unter all den bekannten Regissseuren, der nichts Neues versucht, sondern einfach das macht, was er immer schon gemacht hat.
Man würde daher gerne die Begründung für diesen Preis lesen, aber die Begründungen hat die FIPRESCI leider schon vor Jahren abgeschafft.

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Aki Kaurismäki

Am Abend erzählte Sara Brito aus Madrid (die den Film mag, obwohl wir sonst bei fast jedem Film einer Meinung sind), was sie vorhin erlebt hatte: Mit ihrem Kollegen Alex war sie essen – „in der ohne Frage besten Bar in Cannes, einer echten Kaurismäki-Bar“, wie Sara mit spanischer Passión hinzufügte -, da saß am Nebentisch plötzlich Kaurismäki. Er war also da. Ganz normal angezogen, mit knallrotem Kopf, weil er schon seine übliche Ration Alkohol intus hatte, und trank eine Flasche Schnaps leer. Ok, offenbar wollte er sich noch umziehen, und dann auf der Bühne anständig vollgetankt stehen. Sara schickte Alex hin, er sollte ihm ein paar Fragen stellen. Kaurismäki hatte verständlicherweise wenig Lust, antwortete trotzdem: Ein paar technische Dinge, dann übrigens: „Ich mache keine Filme über arme Leute. Ich mache Filme über Loser. Denn ich bin selbst ein Loser.“ Tolles Zitat, oder? Erst ein paar Stunden später dämmerte es uns, dass der Finne, der eben sympathischer ist, als seine Filme, damit auch gleich noch den Schlüssel zur Preisverleihung gegeben hatte. Auch da war er nämlich ein Loser.

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Eher ein Fall von Shoa-Exploitation war dagegen This must be the place vom Italiener Paolo Sorrentino im Wettbewerb. Sean Penn spielt dort so langsam und schleppend, wie nach 20 Jahren Drogenmissbrauch einen Ex-Rockstar namens Chayenne, der irgendwie im Kinderstadium hängengeblieben ist. Erwachsen wird die traurige Gestalt erst, als in New York sein alter Vater stirbt, einst jüdischer KZ-Insasse. Zeitlebens hatte er versucht, jenen SS-Schergen zu finden, der ihn einst in einem polnischen Lager gequält hatte. Erschüttert macht sich Cheyenne auf den Weg, um diesen Plan mithilfe des berühmten Nazujägers Mordechai Midler zu erfüllen. Das gelingt zwar schließlich – doch Mord, KZ-Opfer und Nazijagd sind hier nur Mittel, um die Hauptfigur erwachsen werden zu lassen und einem Film irgendeine Bedeutung anzuschminken, der erschreckend nichtssagend ist, und miserabel inszeniert, ohne Rhythmus und Ökonomie, und daher ganz zu recht keinen Preis erhielt, außer dem der notorischen Betroffenheitsfraktion von der ökumenischen Jury.

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The Tree of Life

Einmal müssen wir hier, ganz am Ende über die Konkurrenz reden: Es ist schon erstaunlich, mit welch sicherem Instinkt critic.de diesmal daneben liegt: Malick und Refn schlecht, Kaurismäki gut. Wirklich, Leute? „…nicht um Wirklichkeit, sondern, noch ein großes Wort, um so etwas wie Wahrhaftigkeit. Und das Kino verwechselt gern das e
ine mit dem anderen.“ Ach was? Dann aber Refn: „fiebrige Übersteigerung ins Obsessive. Drive reiht sich auch hier in Refns Werk ein: durch Überaffirmation des Brutalen, Männlichen, visuell Gefallsüchtigen stellt es diese im Kino ewig präsenten Felder aus wie in einer Vitrine, hübsch ausgeleuchtet und für alle sichtbar.“ Genau, alles was Kaurismäki nicht ist. Kino halt.

Hier finden Sie alle Cannes-Berichte.

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