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Das lässigste Festival der Welt

von | 6 Sep 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Es war einmal in Venedig: Schwarz und Weiß über der Lagune, und eine Avant-Premiere mit Orson Welles

 

Paukenschläge. Schwarz ist das Leinwandbild, pechschwarz, dann wieder fast komplett gleißend weiß. Einmal teilt eine Diagonale von links unten nach rechts oben das Bild in eine untere schwarze und eine obere weiße Hälfte. Aber es ist ein fettes öliges Schwarz und ein gleißendes, grelles Weiß. Soldaten und Priester, auch das Kreuz, das sie sich selbst vorantragen, sind dunkel. Überblendungen nähern uns ans Geschehen an: Ein Leichenzug, der vorwegnimmt, was passieren muss. Ein Mann und eine Frau werden weggetragen. Und ein Gefangener wird bestraft und ausgestellt im öffentlichen Käfig.

Es war einmal in Venedig…

Diese Bilder, diese Schatten bilden den im Weiteren unüberbotenen Anfang zu OTHELLO (1951) von Orson Welles – ein prächtiges in blendendem Sonnenschein gedrehtes Licht-und-Schatten-Spiel in Schwarzweiß.

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Bereits am Dienstag gab es die PRE-APERTURA, eine Voreröffnung des Festivals für die Venezianer Bevölkerung, geprägt von angenehm italienischem Stilgefühl: Elegant gekleidete Honoratioren kamen ohne Kravatte, aber in perfekt sitzendem Maßanzug und hellblauem Hemd darunter – italienische Leichtigkeit. Allen voran Paulo Baratta, der Direktor der gesamten Biennale-Institution, und Alberto Barbera, der Künstlerische Leiter der Mostra. Beide hielten kurze, humorvolle Reden, und bewiesen einmal mehr, dass Venedig eben das lässigste Festival der Welt ist.

 

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Mit Live-Konzert zeigte man danach die zwei Filme der Regie-Legende Orson Welles (er wäre in diesem Jahre 100 Jahre alt geworden), die in Venedig gedreht wurden: Beides sind Shakespeare-Verfilmungen: Das Schwarzweißstück OTHELLO (1951) ist wohlbekannt und gilt als einer der  besten Filme von Welles‘.

DER KAUFMANN VON VENEDIG, ein fürs Fernsehen entstandener Film von 1969 ist dagegen nur in Fragmenten erhalten. Während des Drehs ging das Geld aus. Der unter anderem vom Filmmuseum München restaurierte Film ist de facto ein 35-Minuten-Torso.

Da man die Musik von Francesco Lavagnino zuvor gerade gehört hatte, war es eine interessante Erfahrung, sie dann im Film zu erleben. DER KAUFMANN VON VENEDIG zeigt ein in Farbe gedrehtes, trotzdem im Vergleich zu OTHELLO düster und aller Pracht entkleidet wirkendes Venedig. Welles versuchte hier in erster Linie die überraschend aktuelle Ehrenrettung der Hauptfigur: Mit Shylock habe Shakespeare dem Angehörigen einer Minderheit die schönsten Worte englischer Sprache von einer nie gesehenen Eleganz in den Mund gelegt. „I have never seen Shylock as a villain, but as a lonely stranger, in a cruel coldhearted city, hard and cruel just beneath the carnevalesk facade, an object of racial hatred.

Welles war schon immer von der Figur des Shylock fasziniert. Seine eigenwillige Version des Stücks entfernte die Figur der Portia. Der Film endet auch nicht wie das Stück vor Gericht, sondern mit einer Rede Shylocks an die venezianischen Bürger. Von der Arbeitskopie wurden Welles angeblich eine Rolle und das Negativ komplett gestohlen. Nach dem Tod von Welles tauchte eine Rolle aber wieder auf.

Der Inszenierungsstil hat mich eher enttäuscht. Gegenüber OTHELLO wirken diese Fragmente banal. Das ist nicht der Welles, den man aus seinen Meisterwerken kennt. Die Interpretation des Shylock ist schlüssig, aber die Inszenierung spröde, bieder, bebildernd. Die Maske schlecht, und zudem Klischees des „Jüdischen“ reproduzierend. Auch als Fernsehfilm ist das nur Durchschnitt.

Hier ein Eindruck des Materials, von dem man sich bald auch in Deutschland selbst überzeugen kann.

Bereits am kommenden Donnerstag, 10.9.2015 zeigt das Münchner Filmmuseum um 19.00 Uhr im Rahmen der „Open Scene“ diese Restaurations-Fassung des Films. Stefan Drößler hält dazu einen Einführungsvortrag über die Restaurierung des Films.