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Das Opfer heißt Polanski… Locarno-Blog, 1. Folge

von | 12 Aug 2014 | Locarno | 0 Kommentare

Roman_Polanski_Césars_2011Wo der Moralismus regiert, kommt die Kunst unter die Räder

Roman Polanski hat seine Teilnahme am Filmfestival von Locarno abgesagt. Polanski schrieb in einer Mitteilung, die die Festivalleitung am Dienstag veröffentlichte: „Ich habe festgestellt, dass mein geplantes Erscheinen bei gewissen Personen, deren Haltung ich respektiere, zu Spannungen und Kontroversen führt. Ich bedaure, dass ich Euch damit enttäuschen muss.“

Die Festivalleitung sprach von einem Rückschlag. Der polnisch-französische Regisseur (ROSEMARY’S BABY, CHINATOWN) sollte in Locarno mit einem Ehrenleopard für sein Lebenswerk geehrt werden, und eine öffentliche Masterclass abhalten.

Schon im Vorfeld des Festivals hatte der Besuch des Regisseurs für Streit gesorgt: Proteste der Schweizer Christdemokraten wurden mit dem bekannten US-Haftbefehl gegen Polanski begründet. Die US-Behörden werfen Polanski vor, sich einer Strafe wegen Sex mit einer Minderjährigen entzogen zu haben.

Das Festival verteidigte sich selbstbewußt: Einen Mann wie Polanski auszuschließen würde „in künstlerische Mittelmäßigkeit münden“. Kunst oder Moralismus? Das war nicht nur in diesem Fall die Frage in Locarno.

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Das Festival im Tessiner Ferienort Locarno ist das kleinste unter den großen fünf europäischen Filmfestivals. Internationale Produktionen kämpfen hier in zehn Tagen im Wettbewerb um den Goldenen Leoparden. Die Stars zeigen sich vor 8000 Zuschauern im Freiluftkino auf der mittelalterlichen Piazza. Eröffnet wurde am vergangenen Mittwochabend mit LUCY von Luc Besson (LEON DER PROFI, NIKITA) . Scarlett Johannsson ist darin in der Rolle von Bessons Lieblingsfigur zu sehen: Einer schönen Frau mit Killerinstinkt.

Geehrt werden in diesem Jahr außer Polanski auch Armin Mueller-Stahl und Jean-Pierre Leaud, die Ikone der französischen „Nouvelle Vague“. Als „Großmutter der Nouvelle Vague“ gilt die französische Regisseurin Agnès Varda. Sie erhält ebenfalls den Ehrenleopard für ihr Lebenswerk – das auch in einer Werkschau zu sehen ist.

Neben vielen deutschen Produktionen ist auch das französische Kino stark vertreten. Deutsch coproduziert wurde REMAKE, REMIX, RIPP-OFF vom türkischen Regisseur Cem Kaya. Der erzählt in seinem Dokumentarfilm die bislang unbekannte Geschichte des ganz speziellen türkischen Blockbuster-Kinos. Seit den sechziger Jahren drehte man die Hollywood-Erfolge einfach nach! Auf türkisch und mit billigsten Mitten entstanden so türkische Trash-Versionen von SUPERMAN, STAR WARS oder auch MANCHE MÖGEN’S HEIß. So wurden die Istanbuler „Yeşilçam“-Studios eine der größten Filmproduktionen der Welt – und eine Art „Pirate Bay“ der vor-digitalen Steinzeit.

 

Bild: „Roman Polanski Césars 2011“ von Roman_Polanski_Emmanuelle_Seigner_Césars_2011.jpg: Georges Biardderivative work: César (talk) – Roman_Polanski_Emmanuelle_Seigner_Césars_2011.jpg. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons.

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