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PASOLINI, Copyright: Venedig Filmfestival 2014

PASOLINI, Copyright: Venedig Filmfestival 2014

Buddenbrooks in Mississippi: Eine türkische Entdeckung, James Francos Faulkner und Abel Ferraras Pasolini

To scandalize is alright. Beeing scandalized is a pleasure. I am more militant than ever.
Pier Paolo Pasolini

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Vielleicht gibt es bald Filmfestivals nur noch für „real celebrities“ und die Brache„, „Schon heute schreiben viele Journalisten über Festivals, obwohl sie gar nicht da sind. Das ist ein Teil der Zukunft.“ Mit einer befreundeten Presseagentin, die wir hier einmal N. nennen wollen hatte ich dieser Tage ein interessantes Gespräch. Sie verschickt die Filme, die sie betreut per Link. „Ich habe jetzt schon 30 Abdrucke, am Ende der Woche 50. Die Hälfte der Autoren ist nicht hier.“ N. hat auch diverse Filme, die sie betreut als Link. „Was irgendwie im Netz ist, wird auch piratiert„, da macht sie sich keine Illusionen.

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THE SOUND AND THE FURY, Copyright: Venedig Filmfestival 2014

THE SOUND AND THE FURY, Copyright: Venedig Filmfestival 2014

Auch abseits des Wettbewerbs sah man Bemerkenswertes: Von Larry Clarks Erforschungen der Teenagerabgründe (THE SMELL OF US) über Christophe Honores Ovid-Anverwandlung METAMORPHOSES, über die ich schon geschrieben habe, bis hin zu einem Spielfilm über die Lage kubanischer Künstler 23 Jahre nach Ende der UdSSR von Laurent Cantet, der 2008 die Goldene Palme gewonnen hatte.Viele bekannte Namen tummeln sich diesmal in den Nebensektionen. So auch James Franco, der auch in seinem dritten Spielfilm als Regisseur wieder die Abgründe der Südstaaten aufsucht, und eine Faulkner-Story verfilmt: THE SOUND AND THE FURY hat einen epischen Atem, und beschreibt den Verfall einer Großbesitzerfamilie aus vier Perspektiven anhand der Schicksale ihrer vier Kinder: Der eine Sohn ist schwerbehindert, der zweite bringt sich um, der dritte ein neurotischer Sadist und die Tochter hat ein uneheliches Kind. Zuvor hatte sich der Vater bereits totgesoffen – Buddenbrooks in Mississippi.

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Life’s but a walking shadow, a poor player/ That struts and frets his hour upon the stage/ And then is heard no more. It is a tale/ Told by an idiot, full of sound and fury/ Signifying nothing.“ Shakespeares Macbeth (Act 5, Scene 5) wird zitiert zu Beginn des Films, wie bei Faulkner. Dessen Vaterfigur, ein belesener Säufer und mitfühlender Patriarch redet in Faulkners Worten kaum schlechter als Shakespeare: „Man – the sum of its climacting experience … a stalemate … the saddest of all, lower than … sometimes water … men are just accumulations – dolls stuffed with souldust.

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Franco spielt selbst den behinderten Benji, eine starke Leistung und nicht das Problem des Films. Insgesamt ist dieser zu langsam, zu affektiert, beeindruckend, aber auch ein klein wenig unbefriedigend. Oder muss es reichen, dass der Bösewicht am Schluß Gefühle zeigt: „Bring my brother back, bring him back.“ Da ist sowieso alles zu spät.
Aber immer wieder richtige Sätze: „Quentin loved the shadows“ über den Bruder, der sich dann umbringen wird, eine Filmstunde später.
Und alles in allem macht es Spaß, den Film zu sehen, wie immer bei Franco.

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Als die Linke noch Fußball gespielt hat, war sie besser. Scheint mir jedenfalls bei Ansicht von Ferraras PASOLINI, auf den ich noch mal zurückkommen will.

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Is sex political?“ – Pasolini: „Of course. There is nothing, which is not political.
Pasolini: „To scandalize is alright. Beeing scadalized is a pleasure. I am more militant than ever.
Pasolini: „Narrative art is dead.
Pasolini redet. Viel, dauernd. Pasolini ist in diesem Film erstmal ein Sprücheklopfer, nahe am Maulheld. Einer, der zu allem was zu sagen hat, nie den Mund hält. Pasolini redet Englisch. Was er dann auf Englisch sagt, ist unüberbietbar.
Wenn er mal ruhig ist, kommt Bach. Nicht irgendwas, sondern klarerweise die Matthäus-Passion. Kleiner kann Ferrara nicht. Er ist ein Katholik, opulent, blutdürstig. Vielleicht ist das genau der richtige Zugang für Pasolini, einen, der so gar nicht in unsere Zeit passen will.
Dieser Zeit und diesem Publikum, uns also, mutet Ferrara eine acht Minuten lange Interviewszene zu, in der größere Teile von Pasolinis letztem Interview nachgespielt werden. Recht so! Der Text ist berühmt, aber heute kennt das keiner mehr. Pasolini – was würden unsere lieben deutschen Kritiker wohl mehrheitlich über einen Pasolini-Film schreiben, wenn sie ihn zu sehen bekämen? Nichts Gutes ist zu vermuten.

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Über PASOLINI kann man streiten. Willem Dafoe spielt Pasolini, der Christus Scorseses den Ferraras, der Passionsdarsteller, den für uns gestorbenen Messias der Linken. Mutter Mutter, warum hast Du mich verlassen?

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Zwei Hauptprobleme hat der Film, nein drei: Die visualisierten Szenen aus Pasolinis ungedrehtem Werk können an das gedrehte gar nicht herankommen. So wie man Träume träumen möchte, aber nicht bebildert sehen, so ist das verfilmte ungedrehte Drehbuch eben nur ein Werk zweiter Ordnung. Dann: Die Ästhetik Ferraras ist der Pasolinis nicht gewachsen. Man fragt sich daher gelegentlich wie wohl dieser das Werk Ferraras beurteilen würde, und diese Frage kann nicht zu Ferraras Gunsten ausgehen.
Und schließlich: Es ist ein so eindeutiger Hetero-Film, dass es unangenehm berührt. Die Frauen, die Ferarra zeigt, sind waRm und sexy, die Männer verdruckst und kaum zu sehen – von Pasolini/Dafoe abgesehen. Es ist Ferraras Blick der aber den des Mannes, den er bewundert, dementiert.

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Narrative art is dead.“ – „Mine is not a tale. It is a parabel.“ Damit erklärt Ferrara seine Methode. Um Realismus geht es ihm gar nicht. Er verdichtet die letzten 24 Stunden des großen Künstlers zur Synthese seines Lebens: Mit dem Drehbuchautor Maurizio Braucci (GOMORRHA) geht es eher um Verfremdungsmittel und um Mosaiksteine, die ein Bild seines Lebens entstehen lassen.
Diskontinuierlich switched der Film zwischen Ereignissen hin und her. Er visualisiert Pasolinis Texte.

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„All I want is that you look around and take notice of the tragedy. What is the tragedy? It’s that there are no longer any human beings; there are only some strange machines colliding with each other. … But not what I know and what I see. I want to say it plain and clear: I go down into hell and I see things that do not disturb the peace of others. But be careful. Hell is rising toward the rest of you. … Don¹t be fooled. And you are, along with the educational system, television, your pacifying newspapers, the great keepers of this horrendous order founded on the concept of possession and the idea of destruction. Luckily, you seem to be happy when you can tag a murder with its own beautiful description. This to me is just another one of mass culture¹s operations. Since we can’t prevent certain things from happening, we find peace in constructing shelves where to keep them.“

Pier Paolo Pasolini, letztes Interview

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Kinderspiele in Schneelandschaft. Ein kleiner Junge, vielleicht zehn, elf, rauft etwas mehr als andere. Er heißt Aslan, ist in Ayse verliebt, die bei der Schulinszenierung von SCHNEEWITTCHEN UND DIE SIEBEN ZWERGE das Schneewittchen spielt. Er möchte Prinz sein, wurde vom Lehrer aber nur als einer der sieben Zwerge bestimmt. „The teacher should made me prince.
Er lebt mit seinem viel älteren Bruder und seinem Vater auf einem Hof in einem kleinen armen ostanatolischen Dorf. Irgendwann kann das Pferd nicht mehr ausreichend arbeiten, da wird der Kostgänger ausgesetzt. Eine Katharsis für den Jungen. Tiere sind eine Sache in dieser Welt, und auch Aslan denkt nicht anders, er guckt aber genauer hin. Darum sieht er, dass Sivas, ein bei Hundekämpfen besiegter, schwer verwundeter Hund, mehr wert ist, und wählt ihn zu seiner persönlichen Mission. Er kümmert sich um ihn, päppelt ihn auf.
Regisseur Kaan Müjdeci taucht tief ein in die Welt der (illegalen) Hundekämpfe, über die er zuvor einen Dokumentarfilm gedreht hast.

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Wie wird ein Mann zum Mann? Dass ist die tiefere Frage. Müjdeci erzählt von der Männerwelt der türkischen Gesellschaft. Aslan wird zum „richtigen“ Jungen. Und der Film das Portrait einer Männergesellschaft. Sobald der Hund da ist, hat der Film trotzdem Probleme. „Die Dinge sind nicht so wie Du sie Dir vorstellst.“ – das ist der letzte Satz. Ein Abschied von der Kindheit.

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Flugzeugabstürze sind gut für die Kunst, denke ich, als die Szene aus Pasolinis hinterlassenem Romanfragment visualisiert wird. Heute gibt es so etwas nicht mehr, weil die Flugzeuge sicherer sind. Da braucht die Kunst neue wahrscheinlichere Katastrophen.

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Draußen ist Vollmond. Aus dem Nebenhaus klingt Raffaela Carrá. „Dokumentarfilme sind schwierig.„, sagt N. dann auch noch. Auch ein schöner Satz aus PASOLINI: „The end doesn’t exist. We just wait, Something will happen.

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