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Filmkritik ist das Verstehen und Fördern des Kinos, im Bestfall die Schaffung der richtigen Diskurse darüber. Online-Filmkritik ist zugleich die Schaffung und die Umsetzung dieser Diskurse.

Kein Diskurs funktioniert jedoch ohne das Publikum.

Bewegte Bilder, zu einem relevanten Teil auch der Film, üben heute zweifellos einen essenziellen Einfluss auf unseren Zugang zur Welt, längst auch auf unsere Sozialisation aus. Wir denken in Bildern, lernen es teils durch sie, entwickeln uns mit ihnen, konsumieren sie schließlich, fressen sie, überfressen uns an ihnen. Gerne und immer wieder. Bis zum Erbrechen. Eine behäbige Trägheit in Verbindung mit einer Abstumpfung der Wahrnehmung ist Teil der mehrheitlichen Medienrezeption geworden. Viele – nicht alle – Zuschauer sind passiv, überreizt, oft ignorant und schwer für unkonventionelle Inhalte zu begeistern. Doch: Passiv sind sie nicht, weil sie unmündig sind. Ganz im Gegenteil. Das heutige Publikum ist potenziell das aktivste welches es je gab. Mit der Umstrukturierung des Medienmarktes, mit dem Aufkommen des Internets und sich rapide verbreitenden, interaktiven Kommunikationsformen sowie neuen Abspielgeräten, wächst eine Publikumsgeneration heran bzw. ist bereits umfangreich vorhanden, die keineswegs unbewusst Medien nutzt, auch nicht unbewusst das Kino betrachtet. Heute besteht eine Generation, die jeder noch so unüberschaubaren, medialen Übermacht souverän, ja radikal, vor allem aktiv gegenübertritt. Diesen Punkt nicht zu bedenken, nicht von Grund auf zu bedenken, ist ein Fehler, vor dem die heutige Filmkritik sich hüten sollte.

In der angemessenen Nutzung der Zuschaueraktivität liegt die Zukunft der Filmkritik, ebenso wie jeder Ausdrucksform, die sich mit Mediennutzung kritisch beschäftigt. Heutige Zuschauer scheinen deshalb passiv, weil es für sie bequem ist und einfacher denn je. Es besitzt für sie keine Relevanz, sich über all die Inhalte, mit denen sie ständig konfrontiert werden, bewusst zu äußern, schon gar nicht, sich öffentlich zu äußern. Ohne diese aktive Auseinandersetzung, kann sich jedoch niemals das Bewusstsein entwickeln, was die nicht selten elitäre Filmkritik dem Durchschnittsseher nur allzu häufig abspricht. Das Publikum überfliegt ihre Abhandlungen, wenn überhaupt, doch zumeist ohne Reaktion. Wieso auch über das Kino sprechen? Die Zeiten sind hektisch. Mühe wird heute oftmals erst dann investiert, wenn ein Gegenwert in Aussicht steht. Quid pro quo: Medien wie das Kino sind mittlerweile zumeist ein Gebrauchs- und Unterhaltungsgegenstand; nützlich, vertraut, schnell auch lästig und austauschbar, wenn sie nicht liefern, was sie sollen.

Der Filmkritiker trifft mit seiner Arbeit stets eine Wahl, er lebt dem Publikum eine Wahl vor. Er konzentriert sich auf ein – NICHT: das einzige – Leitmedium, auf den Film. Er verteidigt dieses heute vergleichsweise passiv ausgelegte Medium aufgrund seiner Geschichte und Kunstfertigkeit als besonders wertvoll. Er richtet sein ganzes Wissen, sein Talent für die Nutzung der Sprache und sein ganzes Sein darauf aus, einen gesellschaftlichen Austausch darüber anzuregen. Heute, im Gesamtzusammenhang der Medienlandschaft jedoch einen Absolutheitsanspruch an die Relevanz des Kinos, insbesondere des spärlich verbreiteten Arthouse-Kinos zu stellen und sich gleichermaßen über die mangelnde Wertschätzung der Zuschauer für dieses Kino zu beklagen, zeugt zweifelsohne von einer gewissen Engstirnigkeit und Realitätsentfremdung. Der Filmkritiker mag klagen, so viel er möchte. Tut er dies ohne dabei in direkten Kontakt mit seinen Lesern zu treten, wird er bis auf wenige Ausnahmen nur die ohnehin versierte Zuschauerschicht ansprechen. Wer den Geschmack des Publikum anregen will – was zweifellos eine Aufgabe der engagierten Filmkritik sein sollte – muss mit dem Publikum ins Gespräch treten.

Das Wesen der Filmkritik heute liegt nicht in ihrer Perfektionierung und Spezialisierung, sondern in ihrer Orientierung. Natürlich: Filmkritik kann nur adressieren, wenn sie überzeugend und versiert ist, wenn sie fesselt, aktiviert, wenn sie herausfordert, vielleicht auch Hinweise gibt, wie Ciprian David es als „Erziehung“ formuliert. Doch ist sie nicht zu verwechseln mit einer literarischen Kunstform, entfaltet ihr Potenzial längst nicht mehr per se. Filmkritik heute ist nicht mehr nur Text, sondern auch und vor allem Hypertext. Sie kann nicht länger hermetisch betrachtet werden, sondern sollte sich auf Augenhöhe begeben, sich nicht als unantastbar inszenieren, sich auch Blöße geben. Ein Text ist lediglich ein Ausgangspunkt, er kann niemals für das Publikum stehen, niemals dessen Geschmack deuten oder abbilden, er kann nicht diktieren, das ist vergebens. Ein Text kann jedoch, wenn er treffend platziert ist, dem Publikum als Grundlage dienen, als Material, als Moderationsbasis für seine Ansichten, vielleicht auch als Angriffsfläche. Wer das Kino heute ernsthaft verteidigen will, kann es nicht alleine tun – und nicht alleine durch seine Texte. Filmkritik muss das Publikum aktivieren, es für das Kino gewinnen, sich in die Reihen setzen, statt die Ränge von der Leinwand aus als ungebildet zu beschimpfen. Filmkritik muss das Publikum in seiner Kompetenz ernst nehmen. Nicht nur bei Béla Tarr, sondern auch bei Jerry Bruckheimer (ein Link erübrigt sich). Denn beide sind Realität, Letzterer zudem in weit größerem Maße. Zweifelsohne kann eine Hasstirade gegen Cameron’s Schlümpfe niemanden aus dem Kinosaal fernhalten, doch sie kann danach zum Gespräch einladen, wenn sie trickreich genug ist, interessant genug ist und sich plausibel inszeniert. Fakt ist: Die Kompetenz des Kinozuschauers ist es, die letztlich das Kinoprogramm bestimmt. An der Kasse geht es um Diskurse. Jedes Ticket ist ein Statement. Und nur ein Zuschauer, der nach seinem Film-Geschmack (nicht: Geschmack oder Intelligenz) gefragt wird, wird diesen auch entwickeln und an dem Diskurs bewusst teilnehmen – erfreuliche Ausnahmen von Eigeninitiative mögen sich gelobt fühlen.

Zweifelsohne ist Filmkritik auch und noch immer ein wichtiges Forum, um auf die Suche zu gehen und die unbekannten Höhepunkte des Kinos zu präsentieren, eindrucksvoll zu präsentieren, auch im Sinne ihrer Macher intellektuell herausfordernd zu präsentieren. Filmkritik handelt stets davon, bewegende Seherfahrungen über den spärlichen Ersatz der Sprache zumindest vage spürbar zu machen. Und sie ist für den Autor immer wieder die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Bewusstsein. Für sich selbst, aber auch stets im Sinne eines selbstverliebten Schauspielers: Filmkritik erlaubt, sich über das Hilfsmittel des Kinos in einen Text zu projizieren und so öffentlich zu inszenieren. In allen Fällen gilt jedoch vermutlich: Das Verfassen von Filmkritik wurzelt stets in einem tiefen, intensiven Bedürfnis, das im Kinosaal geweckt wird, geboren aus Bildern und Tönen, die vom gesamten Körper Besitz ergreifen. Schreiben über Film ist das Erforschen und Ausleben des eigenen Bedürfnisses nach dem Film, das Eingeständnis der eigenen Abhängigkeit davon. Filmkritik ist immer auch Selbstzweck, immer auch Selbstbefriedigung. Sie befindet sich unentwegt in einem Dilemma zwischen ihrer natürlichen Form und dem Anspruch, den sie umzusetzen v
ersucht.

Bei all ihrer Vielfalt, bei all den begnadeten Schreibern, die teils auf jahrzehntelange Erfahrung zurückblicken, ist der Status quo heute nüchtern: Im Kontext der meinungsbildenden und am weitesten verbreiteten Medieninhalte ist die Deutungshoheit der Filmkritik mehr denn je begrenzt, geradezu marginal. Denn heute herrscht Informationsdemokratie. Der Printmarkt ist im Wandel, journalistische Kriterien weichen auf, ein unreflektiertes Chaos von Blogs und Foren scheint die Kontrolle an sich zu reißen. Dieses im Bereich des Films zu lenken, und nicht geringeres, ist die relevanteste und vielversprechendste Funktion des Filmkritikers. Die Frage nach dem Publikumsgeschmack öffentlich zu stellen genügt nicht. Die Antworten zu suchen, zu sammeln, sie zu bündeln und ebenso öffentlich zu machen, sie gezielt, lehrreich und bereichernd zu moderieren, zu präsentieren und zu fördern, in einem respektvollen und offenen Diskurs dem Zuschauer eine Plattform zum Entdecken und Erproben seines Geschmacks zu geben – das ist es, was ein Filmkritiker aktuell tun kann, ja muss, wenn er zukünftig noch eine Rolle spielen will.

Nur im Rahmen eines Diskurses entfaltet das Kino seine ganze Tragweite als ein oftmals begnadetes Medium der gesellschaftlichen Reflexion, als ein Medium der Auseinandersetzung mit der Realität in ihrer ganzen Vielfalt und Komplexität. Dieser Diskurs kann heute besser denn je – einfacher, globaler, vielfältiger – entstehen, ist bereits an vielen Stellen vorhanden.

Nun ist es an uns, ihn zu Ergebnissen zu bringen. Gemeinsam.

Statements und Taten sind herzlich willkommen.

Hier finden sie Ciprian Davids Text zum Thema. Außerdem unsere Interviewreihe mit renommierten Filmkritikern.