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Der Bauch von Maradona – Cannes-Blog, 12te Folge

von | 24 Mai 2015 | Cannes 2015 | 0 Kommentare

Auf dem Zauberberg von Cannes: Sorrentino, der Dino des Wettbewerbs, macht Rentnerkino als Nummernrevue, kann aber nicht absteigen

„Intellectuals have no taste.“

Igor Stavinsky

„Television is the future.“

Jane Fonda, in GIOVINEZZA

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Das Festival von Cannes, ich habe es schon öfters geschrieben, ist in mancher Hinsicht wie ein Raumschiff. Für knapp zwei Wochen hebt man ab und befindet sich auf der ganz eigenen Umlaufbahn des Weltkinos.

Cannes erinnert aber auch an eine Schule. Die Festivalorganisatoren sind die Klassenlehrer, und wir, die Kritiker und professionellen (andere gibt’s ja gar nicht) Besucher. Und so kam es, dass ich als wir gestern von Agnesh, die an der DFFB studiert und hier bei der Cinefondation mit einem Film vertreten ist, gefragt wurden, ob wir Kritiker uns eigentlich überhaupt gegenseitig kennen würden, antwortete: Wenn wir die etwa 1000 Leute nehmen, die im „Salle Debussy“ morgens sitzen, dann kenne ich von denen 400 bis 600 vom Sehen. Und auch die kennen mich vom Sehen. Und mit bestimmt 200, eher 300 von ihnen, habe ich schon irgendwann mal gesprochen. 50 sind Freunde oder Freunde von Freunden oder Kollegen, mit denen geht man gelegentlich mal weg, in immer neuen Kombinationen. Und mit vielleicht 25 verabredet man sich aktiv.

Wie auf der Schule gibt es die eigenen Klassenkameraden, darunter Freunde, wie Leute, die man nicht so mag, die aber dazugehören. Es gibt Parallelklassen. Und es gibt die Leute in den Klassen über einen, und die in den Klassen darunter. Es gibt die Älteren und die Jüngeren.

Violeta Kovacsics, die dabei saß, und seit neun Jahren hierherkommt, also vier Jahre weniger als ich, sah es ähnlich, und nickte zustimmend.

13 Jahre Cannes – so lang wie die Schulzeit. Das bedeutet also, dass ich in diesem Jahr mein Abi mache.

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Vielleicht muss man es aber auch anders sehen, und Cannes ist ein Sanatorium. Ein geschützter Raum, eine Pflegeanstalt. Die Festivalorganisatoren sind dann die Ärzte und Pfleger. Immerhin vier Filme allein im Wettbewerb schildern derartige Pflegesituationen. Drei von ihnen spielen in einem Sanatorium. Der letzte ist der von Paolo Sorrentino: GIOVINEZZA.


© Gianni Fiorito

Endlich war ich mal auf einer Party, und gleich auf der richtigen: Am letzten Montag lud Chile ein. Parallel fand zwar auch die Party von „Match Factory“ für Miguel Gomes‘ drei ARABIAN NIGHTS-Teile statt. Zu der wäre ich auch gern gegangen, aber die ARABIAN NIGHTS hatte ich leider nicht sehen können. Sie liefen in der Quinzaine und dauern zusammen über sechs Stunden, das ist für mich, wie für viele andere, auf diesem Festival nicht drin. Ich werde bestimmt Gelegenheit haben, sie nachzuholen.

So habe ich dann auch den Moment versäumt, in dem Miguel Gomes seiner Freundin auf der Party einen Heiratsantrag gemacht hat. Mir wurde das dann nur erzählt, von Menschen, die die Gelegenheit suboptimal fanden, und mir erzählten, die Freundin habe vor allem geschockt gewirkt. Gomes selbst meinte dann wohl ins Micro: „She said yes.“ Was hätte sie auch sagen sollen, vor allen Leuten, auf seiner Premiere. Es ging an dem Abend nur um ihn.

Beim chilenischen Abend ging es um… Chile. Es gab keine großen Reden, auch keinen das Gleichgewicht störenden chilenischen Wettbewerbsfilm, aber dafür viele nette Menschen in einer angenehmen Mischung aus Marktteilnehmern und Kritikern. Eine von ihnen, Pamela Pienzobras, die aus Chile kommt, aber in Paris lebt, hatte Geburtstag. Am Abend zuvor hatten wir mit ein paar Drinks hineingefeiert, im „Irish Pub“, wo wir zuvor zugesehen hatten, wie der FC Barcelona durch ein 1-0 beim noch amtierenden Champion Athletico Madrid endgültig spanischer Meister geworden war. Der Raum war voller Katalanen und Argentinier, die wegen Messi und trotz Athleticos tollem argentinischem Coach Simeone Barca adoptiert haben. Im Augenblick des Schlußpfiffs begannen einige die Barca-Hymne zu singen, und Sekunden später sang der ganze Raum. Schön! Da können wir in Deutschland noch ein paar Dinge lernen.

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Traurig hingegen, ist der Zustand jener Straßenecke, die früher mal „das deutsche Eck“ genannt wurde – was natürlich immer schon bedrohlich klang, wo ich aber in meinen ersten Cannes-Jahren viele Abende verbracht habe: Des „Petit Majestic“. Ich erinnere mich noch, dass ich dort vor wenigen Jahren Atom Egoyan getroffen hatte, und natürlich sehr stolz war, dass er mich wiedererkannte, und zuerst gesehen hatte, und auf mich zuging. Diesmal wie schon 2014 und 2013 war ich nur ein einziges Mal da. Und das kurz, denn die Erfahrung war überaus traurig. Vielleicht war ich zu spät, und sollte da mal in der ersten Festivalhälfte hin. Aber alles war jedenfalls derart heruntergekommen, und man traf nicht einen einzigen interessanten Menschen, dass ich wirklich das Gefühl hatte, sich dort länger als eine halbe Stunde aufzuhalten, ist rufschädigend. Es gibt Orte, die haben ihre Zeit, und die Zeit des „Petit Majestic“ ist unbedingt vorbei.

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„Für Francesco Rosi“ – die Widmung am Ende von Paolo Sorrentinos GIOVINEZZA war schon eine Unverschämtheit. Was bitte hat dieser Film mit Rosi? Hätte er den Film Fellini gewidmet, wäre das auch prätentiös und dreist gewesen, aber immerhin hätte man sagen können: Er will uns sagen, dass Fellini sein Vorbild ist, er stellt sich in eine bestimmte Tradition, und das irgendwie zu recht. Aber Rosi??? Der hätte GIOVINEZZA gehasst. Denn dieser Film ist alles das, was Rosi nicht war, auch nicht in seinen späteren, mitunter opernhaften Filmen: Gekünstelt, maniriert, narzisstisch in seine eigene Form verliebt, zugleich unfähig, diese Form zu beherrschen.

Trotz dieses Urteils ist GIOVINEZZA Sorrentinos bester Film seit Jahren. Das liegt allerdings weniger an einer Leistung des italienischen Regisseurs, als daran, dass CHEYENNE – THIS MUST BE THE PLACE und LA GRANDE BELLEZZA wirklich qualitativ unter aller Kanone waren. Das war schwer zu unterbieten. Und es liegt an Sorrentinos Hauptdarstellern.

Ein Sanatorium in den Schweizer Bergen, das Berghotel Schatzalp nahe Davos, eine wunderbare Filmkulisse, ein Zauberberg, auf den wohl auch offen angespielt werden soll. Hier erholen sich allerlei illustre Berühmtheiten und Reiche, ein Filmschauspieler, eine Miss Universe, Michael Caine spielt – mit langen Haaren, mit denen er aussieht, wie Toni Servillo – einen Komponisten, der alt geworden ist, und sich erholen will, gemeinsam mit seiner frisch geschiedenen Tochter, gespielt von Rachel Weisz, und seinem besten Freund, einem Drehbuchautor, den Harvey Keitel spielt. Der arbeitet im Hotel mit einer Handvoll Hipster-Filmemachern an einem Stoff.

Das Gesamtbild zeigt eine melancholische Welt, und Künstler, die mit ihrem Altern sehr unterschiedlich zurecht kommen. Und da GIOVINEZZA immerhin bereits der dritte diesjährige Wettbewerbsfilm ist, der in einem Sanatorium spielt, kommt beim Betrachter unweigerlich die Frage auf, ob das nur ein Zufall ist.

Oder fühlt sich das Autorenkino am Ende alt, verliert seinen Mut zum Risiko und begibt sich in ein Sanatorium zur Frischzellenkur? Das Festival von Cannes taugt dafür kaum, dafür weht hier der Wind zu hart. Spätestens bei der Palmenverleihung wird man das spüren.

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Filmisch ist GIOVINEZZA  simpel, wenn nicht simplizistisch, vor allem überaus faul. Es gibt eine Menge offenkundiger Anschlussfehler, handwerkliche Schwächen, die auch Anfängern selten unterlaufen – und daher glaube ich, dass sie Sorrentino absichtlich einbaut und sich dabei witzig vorkommt.

Davon ungeachtet solcher Schlamperei besteht GIOVINEZZA  aus zwei sehr unterschiedlichen Typen filmischen Erzählens. Es gibt sehr viele Dialogszenen, die höchst banal inszeniert sind, mit Halbtotalen und Close-Ups, die per Schnitt-Gegenschnitt zusammengeleimt werden, und in denen keinerlei Wille zur Stilisierung erkennbar ist. Auf der anderen Seite sehr stilisierte Szenen in denen größere Menschengruppen choreographiert werden, und die extrem stilisiert sind, die mitunter an Musicals erinnern, in ihren Massen-Ornamenten, ihren anspruchsvollen Kameraperspektiven, mit Kameras auf Schienen, an Kränen, Menschen auf Laufbändern, in Fahrstühlen – zu diesen Szenen läuft dann Musik. Die Menschen haben mal exaltiert-grimassierende, mal ausdruckslos schlafwandlerische Gesichtsausdrücke. Zwei Bild-Typen, die nicht recht zusammenpassen.

Die Dramaturgie des Films entspricht der einer Nummernrevue, in der sich eine Pointe an die nächste reiht: Zwei Rollatoren, die zusammenstoßen.

Jane Fonda hat ebenso einen Kurzauftritt wie Argentiniens Fußballikone Diego Maradona wie eine namenlose Nackte mit Atombusen. Sorrentino begibt sich einmal mehr vage auf den Spuren Federico Fellinis, und GIOVINEZZA  könnte man sich auch als seine persönliche Version von ACHTEINHALB vorstellen.

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Es wird viel geredet – „Did you take a piss today?“ -, aber wenig passiert, die Kulissen sind schön, die Bildfeinfälle uninspiriert, aber mit solchen Schauspielern ist das alles trotzdem einigermaßen kurzweilig anzusehen. Bei dem ermüdenden Gerede geht es vor allem darum, wie es ist, wenn man alt ist, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Man hört kleine nette unbedeutende lebensphilosophische Phrasen auf Paolo-Coelho-Niveau. „Legerete an irresistable temptation.“; „In my age, getting in shape is a waste of time.“; „You say, emotions are overrated. But thats bullshit.“ (Das sagt allerdings einer wenige Sekunden, bevor er in den Tod springt.)

Es kommt auch ein Zen-Mönch in Meditation vor, zu dem Caine im Vorbeigehen sagt „You don’t fool me, I know that you can’t levitate.“ Doch in einem der letzten Bilder sehen wir ihn schweben.

Dieser so blöde seichte verlogene Richard-Gere-Buddhismus des Westens, das neue Einverständnis der postmodernen Gesellschaft mit dem Esoterischen, geht mir prinzipiell auf die Nerven und man findet dies im diesjährigen Cannes-Jahrgang in besonders vielen Filmen. Darüber gibt es im nächsten Blog noch mehr zu lesen. Hier nur der Hinweis: Auch Du, Sorrentino!

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Der Titel GIOVINEZZA spielt auf die Hymne des Mussolini-Faschismus mit seinem Kult von Jugend und perfekter Körperlichkeit an. Ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat, werde bei meinen italienischen Freunden aber noch Erkundigungen einziehen, und das Ergebnis nachreichen. Das würde aber, dies wollen wir nicht verschweigen, zum Buddhismus passen, denn die engen Beziehungen und die Sympathien zwischen Buddhismus, vor allem dem der Tibetaner, und Faschisten sind längst bekannt und wissenschaftlich erforscht. Da spricht dagegen, dass Sorrentino hier einfach ein anti-jugendliches Modell vorlegen will.

Dies ist sentimentales Altherrenkino, melancholisch und depressiv und irgendwie wahnsinnig irrelevant.

„Do you hate this film as much as I do?“, fragt eine Italienerin. Meine Antwort: „Yes, I hope.“ Aber genaugenommen ist Hass das falsche Wort. Nein, ich hasse ihn nicht. Der Film ist schrill und dumm, aber er ist nicht so abstoßend, wie der „Holocaust“-Porno CHEYENNE und das knallige Bunga-Bunga-Kino von LA GRANDE BELLEZZA, er ist auch kurzweilig, und hatte ein paar hübsche Momente, und eine gewisse Schönheit.

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Die schönste Szene des Films zeigt Diego Armando Maradona, der hier ein paar Kurzauftritte hat. Er steht mit nacktem Oberkörper (und einem großen Karl-Marx-Tatoo auf dem Rücken) auf der roten Asche eines Tennisplatzes. Dort spielt er mit einem Tennisball. Immer wieder kickt er ihn ihn die Höhe, nimmt ihn auf, tritt ihn wieder hoch. Einmal benutzt er dazu statt seines Fußes seinen Bauch. Nie verliert er auch nur andeutungsweise die Kontrolle. Diese wenigen Momente sind besser als der ganze übrige Film. Die Szene hat eine so ungemeine Poesie, dass sie zu den besten des ganzen Festivals gehört.

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Der HSV ist dem Teufel also vorerst noch einmal von der Schippe gesprungen. Jetzt in der Relegation. Sein Gegner wird heute festgelegt. Ich hoffe, dass es nicht Darmstadt 98 ist, weil ich den Hessen sehr wünschen würde, dass sie am Nachmittag direkt aufsteigen. Das wäre dann so ähnlich wie in Frankreich, wo gerade an allen Favoriten vorbei mit GFC Ajacco und dem SC Angers zwei Außenseiter in die Erste Liga aufgestiegen sind. Jetzt müssen sich in Deutschland noch die Münchner Löwen und der FC St. Pauli retten.

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