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Le Havre von Kaurismäki im Vertrieb von Match Factory

…aber nichts ohne die Regisseure: Neben den Filmemachern und der Star-Garnitur gehören hier in Cannes die Weltvertriebe hier zu den wichtigsten Akteuren. Aber was ist, und was macht eigentlich ein Weltvertrieb? – Cannes-Blog, Folge 8.

Schon klar: Cannes ist das Mekka des Kinos und die beste, größte, tollste Bühne des internationalen Autorenkinos. Dazu kommen dann noch die Stars, quasi als Kirsche auf der Sahne. Sie schreiten auf dem Roten Teppich, und in allen Zeitungen finden wir die gleichen Fotos, die gleichen unkritischen Balla-Balla-Berichte, als wären Partys wichtig, Stars von Bedeutung, und die Welt wirklich so dumm und vulgär, wie die Berichterstatter des Boulevard.

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Doch sollte man sich von all dem schönen Schein nicht täuschen lassen. Er dient nur dazu, zu verhüllen, und davon abzulenken, worum es wirklich geht: Denn in Cannes geht es hart zur Sache und um ungemein viel Geld, und dafür wird sehr hart gearbeitet. Nicht nur das Festival selbst ist eine perfekt geölte Maschine, auch tausende von Festivalfachbesuchern arbeiten hochprofessionell. Für sie ist diese Woche die wichtigste Woche des Jahres. Visitenkarten werden ausgetauscht, Zahlen überschlagen, der Geruch von Geld hängt in jedem Winkel in der Luft.
Im Gegensatz zur Berlinale – sogenanntes „Publikumsfestival“ – können normale Besucher hier gar keine Karten kaufen. Die Filmfestspiele von Cannes sind wie eine Messe des Kinos, und als solche ausschließlich Fachbesuchern vorbehalten. Neben den berichterstattenden Kritikern sind dies vor allem Produzenten, sowie die Verkäufer und Einkäufer der Filme, die sich auf dem Filmmarkt tummeln. Hier werden die eigentlichen großen Deals abgeschlossen, werden im Wettstreit der Bieter Millionen hin- und hergeschoben. Denn Filmfestivals funktionieren wie eine Börse: Hier wird mit Erwartungen gehandelt. Jede Kritik, jedes Zuschauerurteil – erst recht, wenn es sich um professionelle, also „wichtige“, weil einflussreiche Zuschauer handelt – verändert den Marktwert eines Films oder eines Regisseurs. Bei den Marktverhandlungen geht es um fertige Filme, aber auch um zukünftige Projekte, die in Drehbuchform oder nur als Rohentwurf vorliegen und erst noch finanziert werden müssen. Immer noch unterschätzt wird dabei der Einfluss der Weltvertriebe auf das globale Film-Geschehen und vor allem die Festivals. In den letzten fünfzehn Jahren sind Weltvertriebe zu einer festen Größe geworden, die die filmindustrielle Landschaft neu strukturiert. Aber was ist überhaupt, und was macht eigentlich ein Weltvertrieb?

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„Wir handeln mit Filmen“ – so einfach bringt es Thorsten Ritter, Leiter des Bavaria-Weltvertriebes in München auf den Punkt. Weltvertriebe kaufen Auswertungsrechte eines Films, und verkaufen sie weiter. In der Regel weltweit für alle Territorien zusammen und total, also eine ganze „Rechtekette“ für die verschiedensten Verwertungswege vom Festivalauftritt über Kino, DVD und Fernsehen bis zum Internet. Die Differenz entscheidet über Gewinn und Verlust. Deshalb ist es so wichtig, wichtig, wie ein Film „ankommt“. Und dafür wiederum ist die Festival-Platzierung eines jeden Films – Welche Sektion? Tag und Uhrzeit? Welches Umfeld? – entscheidend. Um sie wird hinter den Kulissen handfest gerungen. Aber schon vorher sprechen Weltvertriebe ein gehöriges Wort mit. Meist sind sie es, die über „Festivalstrategien“ entscheiden, darüber, welches Festival für welchen Film das beste ist. Dafür haben sie dem Produzenten schon vorab eine bestimmte Summe bezahlt, den größten Batzen in Form einer „Minimumgarantie“ – mit der kann ein Produzent dann sicher rechnen, unabhängig vom Ergebnis. Umgekehrt hat er mit dem Risiko dann auch einen guten Teil der Erlöschancen im Erfolgsfall an den Weltvertrieb abgegeben. Der wiederum minimiert sein Risiko, indem er es auf mehrere Filme verteilt.
Dieses „Portfolio“, die Filmtitel, die ein Weltvertrieb auf seiner Verkaufsliste hat, macht die (Markt-)Macht des Weltbetriebs aus. Je mächtiger ein Weltvertrieb, um so mehr kann er das Programm eines Festivals beeinflussen. Dss geschieht, ähnlich wie dann später bei den Rechteverkäufen, durch sogenannte „Paket-Deals“. Das bedeutet: „Schwierige“, also schwer verkäufliche Filme werden mit Titeln, um die sich alle reißen, zusammengebunden, und im Paket verkauft. Das alles gilt vor allem für Filme aus Europa, Asien und dem Rest der Welt. Die großen amerikanischen Studios wie zum Beispiel Sony oder Warner bringen ihre Filme selbst in den jeweiligen Ländern heraus. Aber auch für die größte deutsche Produktionsfirma Constantin erleichtert ein eigener Weltvertrieb das Herunterrechnen von Kosten und die Abschreibung von Verlusten.

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Der mit Abstand mächtigste Weltvertrieb ist die in Paris ansässige Firma Wild Bunch. Daneben sitzen auch andere wichtige Weltvertriebe in Frankreich (Celluloid Dreams, Film Distribution, Pathé). Großen Erfolg hatte in den letzten Jahren die 1991 gegründete, in Amsterdam ansässige Fortissimo, die sich vor allem auf Filme aus Südostasien spezialisiert hatte, nach dem frühen Tod ihre Gründers Wouter Barendrecht 2009 aber zuletzt in schwereres Wasser geriet. In den letzten Jahre ist auch Deutschland als Standort von Weltvertrieben wichtiger geworden. Denn neben zwei älteren Münchner Firmen, der Bavaria und der Beta Film, mischte Match Factory, die Kölner Neugründung des ehemaligen Bavaria-Chefs Michael Weber, seit 2006 die eingefahrenen Verhältnisse mächtig auf, wurde zum jungen Hecht im Karpfenteich und in nur fünf Jahren einer der mächtigsten Weltvertriebe. Das zeigte sich auch im letzten Jahr, als Match Factory sowohl den Gewinner des Goldenen Bären der Berlinale (den türkischen Film Bal) als auch den der Goldenen Palme von Cannes (den thailändischen Uncle Bonmee) stellte. Zuletzt hatte die Firma auf jedem der großen Festivals mehrere Filme, darunter oft Preisträger. Sie reichten von den Filmen des deutschen Berlinale-Siegers Fatih Akin bis zu dem philippinischen Autorenfilmer Brillante Mendoza. Das Geheimnis sind außer einer gut gefüllten Geldbörse (oder hilfreichen Kred
itgebern) vor allem gute Kontakte. Ohne sie geht gar nicht, genauso wie nichts ohne das Vertrauen der Regisseure läuft. „Das Persönliche ist entscheidend.“ betont Match Factory-Gründer Michael Weber, „wenn kein gegenseitiges Vertrauen da ist, kann man nicht zusammenarbeiten.“

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„Was den Film international verkauft, sind nur die Regisseure.“ ist sich Weber ganz sicher. Nur Laien, glauben, dass sich irgendjemand außer des Heimatlandes für Stars interessieren würde. „Til Schweiger geht vielleicht noch in Russland“, so Weber, ansonsten könne man Schauspieler vergessen, abgesehen von den wenigen Stars wie eben Johnny Depp oder Penelope Cruz. Daneben nimmt er Drehbücher wichtig, und wen es gute Erfahrungen und Vertrauen zur Produktionsfirma gibt, hilft das natürlich auch.

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Über Finanzfragen wird in der Branche selten geredet: Jede Cannes-Premiere verursacht Kosten von mindestens 20.000 Euro, oft das Doppelte. Geld verdient ein Weltvertrieb über die prozentuale Beteiligung an den Erlösen sowie eine zuvor vereinbarte Aufwandspauschale, die zunächst verrechnet wird. Diese kann schnell bei 150.000 Euro liegen, und bis zu 500.000 reichen. Das ist auch in etwa die Summe, die für die Weltrechte eines besseren deutschen Films bezahlt wird. Aber von den ca. 160 deutschen Filmen im Jahr haben nur etwa 25 Prozent am Ende überhaupt einen Weltvertrieb. Davon leben die vielen kleineren Rechtehändler. Manche von ihnen verkaufen so gut wie nichts, bringen aber ihre Filme auf viele und gute Festivals. Sie verdienen ihr Geld dann mit den Gebühren, die sie von Festivals nehmen.

Da wenig Zahlen bekannt sind, brodeln die Gerüchte: So behaupten manche, Weltvertriebe verhinderten mit hohen Gebühren Verkäufe, nur um ihren Ruf zu verteidigen. Und ein Weltvertrieb, der 40 oder mehr Filme gleichzeitig verkaufen will, kann sich kaum um alle gleich gut kümmern. Das führt zu Frustrationen. Daher sind viele Produzenten nicht gut auf Weltvertriebe zu sprechen.
Michael Weber sieht das naturgemäß anders: „Ich glaube fest daran, dass der Produzent eine bestimmte Kompetenz hat bei der Fertigstellung. Weltvertriebe wie wir haben unsere Kompetenz in der Auswertung und Vermarktung. Das Optimale ist eine gute Zusammenarbeit, und für Produzenten ist es von Anfang an sinnvoll, sich mit Auswertung zu befassen.“

Hier finden sie alle Cannes-Texte.