Seite auswählen

Truffaut ist auch ein glühender Anhänger des film noir, er verfilmte fünfmal einen Titel aus der französischen Buchreihe série noire, die im Galimard-Verlag erscheint und sich der hardboiled Kriminalliteratur angenommen hat. Ergebnis sind die Filme Tirez sur le pianiste (F 1960), La mariée était en noir (F, I 1968), La sirène du Mississipi (F, I 1969), Une belle fille come moi (F 1972) und Vivement dimanche! (F 1983). Letzterer ist in Deutschland unter dem Titel Auf Liebe und Tod in die Kinos gekommen. Es sollte der letzte Film des französischen Regisseurs werden.

Seine Verfilmungen der série noire teilen das klassische Weltbild des noir nicht, denn Truffauts Werk kennt keine Bösewichte. Beispielsweise ist der Stiefvater von Antoine Doinel in Les quatre cents coups (F 1959) zwar nicht gerade ein guter Vater, aber er kann auch mal ganz nett sein. Die Nazis und Kollaborateure in Le dernier metro (F 1980) sind auch nicht abgrundtief böse.

Sein zweiter Film und erster noir, Tirez sur le pianiste ist ein kleines Meisterwerk. Besonders gefällt mir an ihm seine Kürze, er ist kaum länger als eine Stunde. Die Anfangsszene sei in Erinnerung gerufen, sie veranschaulicht wunderbar das Vorgehen des Films: Ein Mann rennt im Low-Key einer auch später nicht näher bestimmten Stadt, er ist auf der Flucht. Doch er übersieht eine Laterne. Ein Passant hilft ihm auf die Beine. Die beiden unterhalten sich nun in aller Ruhe über Frauen. Mit den klassischen Konventionen des Kriminalfilms wird gebrochen, der einfache Mensch steht im Vordergrund, sein Alltag, was ihn interessiert. Dies zieht sich im Film weiter fort. Die noir-Elemente (Low-Key, das Verdrängte aus der Vergangenheit wird hervorgeholt und nicht zuletzt der unausweichliche tragische Schluss), werden in den Hintergrund gedrängt. Stattdessen stehen die Alltäglichkeiten im Fokus, in deren Mitte die tragische Liebesgeschichte zwischen dem Kneipen-Pianisten (Charles Aznavour) und der Kellnerin (Marie Dubois) ihren Lauf nimmt.

Eine Herangehensweise, die unter anderen bereits in Jacques Beckers Touchez pas au grisbi (F, I 1954) zu beobachten ist; dort essen zwei Gangster erst einmal in Ruhe Kekse mit Marmelade, obwohl die Situation richtig angespannt ist. Heute ist wohl Tarantino der bekannteste Regisseur, der Ganoven über Banalitäten diskutieren lässt, sei es Musik oder die Bedeutung einer Fußmassage.

Die folgenden drei Verfilmungen Truffauts halte ich für weniger gut gelungen, La sirène du Mississipi hat mich sogar sehr enttäuscht, während ich mich bei den anderen zumindest gut unterhalten fühlte. Ob es an der Farbe lag? Vivement dimanche! ist jedenfalls in Schwarz-Weiß gedreht worden und knüpft nahtlos an die Qualität des frühen Truffaut an.

Vivement dimanche! ist eine Homage an die Schwarze Reihe, Krimi und zugleich Komödie ohne eine Parodie zu sein. Dieses Kunststück führt zu einem Höchstgrad an Unterhaltung. Es gelang Truffaut, Spannung und Humor zu verbinden, wie es seinem Mentor Hitchcock mit seinen besten Werken gelungen war.

Die Handlung ist dabei nicht das Wichtigste. Der Immobilienmakler Julien Vercel (Jean-Louis Trintignant) gerät unter doppelten Mordverdacht. Seine Sekretärin Barbara Becker (Fanny Ardant), die in ihn verliebt ist, ermittelt auf eigene Faust. Am Ende, nachdem seine Unschuld bewiesen wurde, heiraten sie.

Die Form macht den Film interessant. Die offene Dramaturgie, sicherlich nicht radikal offen wie bei Robbe-Grillet, aber doch offen für kleine Episoden. Zeit nimmt sich der Film, Zeit für eine Tasse Kaffee und auch die Zeit, darüber zu reden, dass der Kaffee eigentlich viel zu heiß sei. Diese Zeit haben die Protagonisten des klassischen noir nicht. Auch die Kamera hat Zeit, sie verharrt zum Teil an einem Ort, während die eigentliche Handlung an anderer Stelle weitergeht: Barbara stürmt die Sitzung in der Kanzlei eines Privatdetektiven, um diesen zu befragen. Bevor das Gespräch der beiden beginnt, sehen wir aber der Sekretärin der Kanzlei dabei zu, wie sie die Perücke eines Mitarbeiters richtet, der mit der korrekten Kostümierung nun besser ermitteln kann.

Der Film lebt von den Kontrasten zwischen Düsterem und Lustigem. Bestes Beispiel ist eine Szene, in der Barbara von dem leitenden Kommissar (Philippe Morier-Genoud) verhört wird: Er dreht einen Wasserhahn auf, der jedoch defekt ist, und ein Wasserstrahl spritzt durch das ganze Zimmer. Die Komik entsteht aus der Unangemessenheit dieser Situation: Ein Verhör sollte der Horror sein für den Verdächtigen und dementsprechend auch die Umgebung – wie beispielsweise in der vergleichbaren Szene aus Louis Malles Ascenseur pour l’échafaud (F 1958). Doch nachdem die Wasserspritzer trocken gewischt wurden, zeigt der Kommissar Barabara schockierende Bilder der Leichen, die Spannung steigt nun wieder.

Diese Verhörszene ist exemplarisch, im Film wechseln sich lustige Szenen mit Mordszenen ab. Ein negatives Menschenbild entsteht so zu keiner Zeit, das gilt auch für den Mörder.

Zu Truffauts Menschenbild gehört auch eine Umkehr der Geschlechterrollen: Bei Truffaut sind die Frauen dominant und vor allem sind sie eigenständige Figuren, die nicht männlichen Befehlen oder Phantasien gehorchen. Vivement dimanche! ist diesbezüglich im Werk des französischen Meisters keine Ausnahme, aber leider in der Geschichte des noir schon. Ferner enthält Trauffauts Werk zwar hin und wieder Tendenzen zum Chauvinismus, dieser führt jedoch stets zur Verherrlichung der Frau und nicht des Mannes.

Wie viel ist vom klassischen noir noch übrig geblieben, kann man Vivement dimanche! überhaupt noch als noir bezeichnen? Auf jeden Fall, denn geblieben ist nicht nur das schwarz-weiße Filmmaterial und die Grundstruktur der Handlung, sondern auch die düstere Atmosphäre des noir, die allerdings stets aufgelockert wird. Der Film grenzt sich nicht ab, er macht Lust, die Schwarze Reihe zu sehen, zeigt aber, dass sie stets erneuert werden muss, um aktuell zu bleiben. Bei Truffaut steckt das Genre in vielen Details: In der Telefonzelle, wo der Mörder die Morde gesteht, in dem Regenmantel, den sich Barbara von Vercel borgt, in dem zur richtigen Zeit einsetzenden Regen.

Die schwarze Reihe geht weiter. Nächstes Mal werde ich mit dem flämischen Film De zaak Alzheimer (B, NL 2003) wieder in die von Männern dominierte Welt des noir zurückkehren.

Vivement dimanche! wurde zusammen mit Une belle fille comme moi vom Verleih Concord Home Entertainment als François Truffaut Collection 3 herausgegeben. Wie bei den vorangehenden beiden Veröffentlichungen ist dies liebevoll geschehen und mit interessanten Extras gespickt. Nur die Untertitel sind, wie auch bereits zuvor, nicht ganz gelungen.

Hier befinden sich alle Artikel der Serie zum europäischen neo-film-noir

Auf Liebe und Tod / Vivement dimanche!
R: François Truffaut
B: François Truffaut, Suzanne Schiffman, Marc Aurel
D: Fanny Ardant, Jean-Louis Trintignant
F 1983, 110 Min.
Verleih: Concorde Home Entertainment