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Belmondo auf dem Roten Teppich. Warum bringt das Kino solche Typen nicht mehr hervor?
Cannes-Blog, Folge 5.

Cannes ist ein Ort, wo man auch mal Kim Ki Duk auf der Straße begegnet, oder Johnny Depp zuguckt, als er gerade am Hafen aus einem Boot aussteigt, mit herunterhängenden Hosenträgern, wie mir zumindest aus zuverlässiger Quelle berichtet wurde. Oder begegnet Nuri Bilge Ceylan in der Warteschlange. Vor ein paar Jahren bin ich sogar einmal Isabelle Huppert auf der Herrentoilette begegnet. Oder man sitzt neben Lee Chandong im Kino und hilft seiner hübschen Begleitung – im Gegensatz zum Begleiter – beim Suchen des Mobiltelefons unter dem Vordersitz. Solche Erlebnisse gibt es hier viel mehr als auf der Berlinale, die sich zwar immer gern „Publikumsfestival“ nennt, weil jeder eine Karte kaufen darf, der sie bezahlen kann, aber sonst doch eben ziemlich publikumsfern ist.

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Wer übrigens anderer Ansicht ist, als wir hier in diesem Blog – dem man ja nun wirklich nicht alles glauben muss, außer dass es halt ehrlich so niedergeschrieben wird, wie man es jetzt und hier empfindet -, der kann auch noch woanders nachgucken. Die internationalen jüngeren (und überdurchschnittlich geschmackvollen) Filmkritiker, die der argentinische Freund und Kollege Diego Lerer in seinem Blog Micropsia versammelt hat, wo man seine Urteile zu Noten von 10 bis 0 zusammenfassen muss, finden Herrn Dresens neuen Film, zum Beispiel auch nicht besser, als wir. Josef Lederle vom Filmdienst dagegen schon. Sein lesenswerter Blog  bietet eine sehr schöne Alternative zu den doch oft etwas uninteressanteren Texten der meisten Tageszeitungen. Was ganz anderes ist schließlich noch Fernando Costas Lumiere-Blog 

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Was sie wirklich beherrschen in Cannes, das ist die Selbstinszenierung des Festivals. „Les marches“ nennt man den Einmarsch der Ehren- und Premierengäste zur jeweiligen Großveranstaltung. Stunden vor Vorführungsbeginn geht es los. Ohrenbetäubend ist der Lärm auch hier im ersten Stock des Palais, wo wir diesen Text schreiben. Das stört aber gar nicht so, man hat vielmehr, auch wenn man nur über einen Monitor sieht, was passiert (weil wir ja nicht Stunden am Roten Teppich verbringen), das Gefühl, dabei zu sein.

Faye Dunaway 2008 by David Shankbone
Faye Dunaway

Heute Abend zum Beispiel wurde Jean-Paul Belmondo geehrt. 78 ist er inzwischen. Braungebrannt, weiße Haare. Viele Franzosen sind dabei, aber auch Faye Dunaway, die man hier vom Filmplakat grüßen sieht. Ein rührender Moment, an dem man sich erinnert, wer Belmondo, Bebel, mal war: Sein frecher Charme, die Aura des Rebellen machten ihn zum Jugendidol der wilden Sechziger. Frauenheld, Macho, Gangster, Polizist, Charakterkopf – er hatte immer alles drauf. „Schönheit allein zählt nicht mehr. Man muss ein Typ sein“, erklärte Belmondo einst seinen nicht eben glatten Weg zum meistgefeierten französischen Filmstar. Ein Star des Autorenkinos, wie des populären Films. In Cannes hat man da keine Berührungsängste. Und er war ein europäischer Star. Man ging in „Belmondo-Filme“.

Aber wo ist heute einer wie Belmondo? Warum bringt das Kino Derartiges nicht mehr hervor?

Hier finden sie alle Cannes-Texte.

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