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Copyright: Sebaso

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Arme Berlinale, armes Kino: Dieter Kosslick verlängert seinen Vertrag als Berlinale-Chef

Die Verlängerung von Dieter Kosslicks Vertrag als Berlinale-Chef, die gestern nachmittag vom BKM, der Bundesstaatsministerin für Kultur bekannt gegeben wurde, ist eine sehr schlechte Nachricht.
Es ist eine schlechte Nachricht für die Berlinale selbst, eine schlechte Nachricht für das deutsche Kino. Und eine schlechte Nachricht für die deutsche Kulturszene.
Warum? Zur Berlinale und den Folgen des derzeitigen Berlinale-Kurses für das deutsche Kino, und das Kino-Verständnis des breiten Publikums haben wir bei anderer Gelegenheit schon oft geschrieben, und neue Gelegenheiten werden bis mindestens 2019 noch viel zu viele kommen. Konzentrieren wir uns also auf den letzten Punkt.

Dieter Kosslick ist seit dem Jahr 2002 Chef der Berlinale. Schon jetzt wird er mit der bevorstehenden Berlinale 2015 14 Festivals geleitet haben. Mit der Verlängerung bis 2019 werden es 18 Festivals gewesen sein. Dieter Kosslick hat bereits jetzt das Rentenalter überschritten. 2019 wird er 71 Jahre alt sein. Gibt es in Deutschland denn nur einen, der die Berlinale leiten kann?

Kosslicks Beispiel belegt: Der Vertrag des Berlinale-Chefs ist wie der anderer vergleichbarer Kulturposten, längst zum Automatismus geronnen.

Mit der quasi automatisierten, in der Öffentlichkeit weder debattierten, noch in den sozialen Institutionen öffentlich geprüften Vertragsverlängerung legt die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen mindestens nachlässigen Umgang mit ihrer politischen Verantwortung an den Tag. Sie nimmt die Verantwortung tatsächlich gar nicht wahr. Sie praktiziert Politik nach Gutsherrenart, von oben herab, und straft alle ihre eigenen Sonntagsreden Lügen, nach denen sie in ihrem Handeln an Pluralismus und Offenheit, an Vielfalt und kreativen Kontroversen interessiert sei.

Völlig ungeachtet von der Dauer einer Amtszeit und der Befähigung eines Kandidaten sollten derartige Stellen – ein überwiegend öffentlich finanziertes Kulturereignis ersten Ranges – vor einer Verlängerung öffentlich ausgeschrieben werden. Vielleicht gäbe es noch andere Bewerber? Mit noch besseren Qualifikationen, besseren Ideen, besserer Eignung.
Vielleicht würde eine Bewerbung mehrerer Kandidaten den handelnden Kulturpolitikern und der kritischen Öffentlichkeit neue und diverse Perspektiven aufzeigen, Perspektiven, an die sie nicht mal im Traum gedacht gaben. Einer solchen Chance verschließt sich Grütters ohne Not, und sie verschließt eine solche Debatte auch der Öffentlichkeit.
Aber um die Öffentlichkeit – um alle, die Bürger wie die Kultur wie die Berlinale-Besucher – geht es, nicht immer nur um die Person des Leiters.

Eine solche Debatte könnte ja zum Ergebnis haben, dass Kosslicks Vertrag verlängert wird. Sie würde dann aber auch Kosslick nützen. Er müsste sich erklären, er könnte sich nicht auf Routine und Business as usual zurückziehen, müsste sich anstrengen. Davon würde die Berlinale in jedem Fall profitieren, und um die muss es doch gehen, oder Frau Grütters?

Die Berlinale ist weder der Privatbesitz von Frau Grütters, in dem sie ihren Verwalter nach Gutdünken bestellen darf, noch ein Konzern, der seine Vorstände hinter geschlossen Türen bestimmt und keine demokratische Rechenschaft schuldig ist. Aber selbst die Aktionäre eines börsennotierten Unternehmens haben in Deutschland mehr Macht, als alle, die etwas mit Kultur zu tun haben, also im Fall der Berlinale die Filmbranche, die Verbände, die Beobachter und das Publikum.

Dies ist ein prinzipielles Argument: Wie bestimmen wir die Positionen, insbesondere Leitungsposten in derartigen Institutionen? Wie wollen wir in Zukunft Vielfalt, Abwechslung und Innovation sichern?

Müssen die jeweiligen Amtsinhaber erst freiwillig zurücktreten, oder arbeitsunfähig werden, oder sterben, damit es einen Wechsel der Spitzenpositionen überhaupt geben kann?

Was für eine gestörte Kultur, die den regelmäßigen Wechsel nicht als etwas Selbstverständliches akzeptieren kann? Und im konkreten Fall: Was für eine Anstandslosigkeit, für eine perverse Selbstwahrnehmung Dieter Kosslicks, dass er selbst nicht merkt, dass es genug ist, oder schlimmer noch: Dass es ihm egal ist.

Derart lange Amtszeiten tun niemandem gut. Nicht der Institution, nicht dem Amt, nicht der Person. Kosslick wird länger amtiert haben als der Berliner regierende Bürgermeister Klaus Wowereit und länger als Helmut Kohl als Bundeskanzler. Nun kann man die Belastung dieser Ämter bei allem Respekt vor Kosslicks Arbeitsvermögen zwar nicht miteinander vergleichen. Aber es steht einer demokratischen Institution nicht gut an, wenn Amt und Person miteinander verschmelzen. Gerade im Bereich der Kultur sind Wechsel und Abwechslung eine Tugend, frischer Wind und Innovationskraft. Wie soll einer, der 14 Jahre den gleichen Beruf macht, sich und vor allem das Festival, um das es schließlich geht, immer neu erfinden können? Wie soll er Altes infrage stellen und das für überholt, oder unzeitgemäß erklären können, was er doch selbst geschaffen und mit warmen Worten als etwas Neues ins Leben gerufen hat.

Unter Kosslick hat die Berlinale an internationaler Bedeutung verloren. Die Berichterstattung ist auch international seit Jahren einhellig negativ. Die Filme, die dort laufen, sind größtenteils irrelevant. Als Veranstaltung tritt sie auf der Stelle, es gibt bereits seit langer Zeit keine Innovation.

Hätte Monika Grütters sich für die Sache und die Person Dieter Kosslick interessiert und nicht nur auf ihre offenkundig interessegeleiteten Berater gehört, oder sich selbst von schlechten, sachfernen Interessen leiten lassen, hätte sie noch nicht einmal mit anderen Personen und Verbänden sprechen müssen, sie hätte nicht mit bekannten Kritikern Kosslicks reden müssen, auch nicht auf Filmemacher und Kinobetreiber und Filmkritiker hören, die die Berlinale seit Jahren als Teilnehmer erleben.
Sie hätte einfach einmal bei langjährigen Berlinale-Mitarbeitern vertrauliche Gespräche führen können, und sich aus der Vielfalt dieser Stimmen ein runderes Bild machen können. Sie hätte danach Kosslick zum Beispiel fragen können, warum zu einem Filmfestival Edel-Köche von Los Angeles per First-Class-Flug eingeflogen werden, man einem Regisseur, der einen Film auf der Berlinale hat, aber das Bahnticket nicht bezahlen will. Dies nur als ein konkretes Beispiel, stellvertretend für viele, die ich hier aufführen könnte.

Zusammengefasst: Dieter Kosslick steht für das Gegenteil von Offenheit, Vielfalt und kreativen Kontroversen. Er steht für nahezu alles, was am Gegenwartskino schlecht ist.
Mit ihrem Verhalten belegt Grütters, was sie, so muss man fürchten, noch weiter belegen wird: Dass sie als Filmministerin bisher ein Totalausfall ist, eine Niete.

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