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Der Geschmack des Lebens

von | Sep 26, 2015 | San Sebastian 2015 | 0 Kommentare

Arnaud Desplechins TROIS SOUVENIRS DE MA JEUNESSE

„I walk through the long schoolroom questioning;

I dream of a Ledaean body, bent
Above a sinking fire, a tale that she
Told of a harsh reproof, or trivial event
That changed some childish day to tragedy“
W.B.Yeats, AMONG SCHOOL CHILDREN

Wenn mich jemand nach meinem Lieblingsregisseur im Gegenwartskino fragt, dann steht die Antwort nicht fest. Sie hängt von meiner Laune ab, davon, was mir zuerst einfällt, und was ich gerade zuletzt gesehen habe. Eine der fünf bis zehn möglichen Antworten – und die heutige – lautet: Arnaud Desplechin. Lieblingsregisseur, das heißt natürlich nicht, das damit der objektiv beste oder wichtigste Filmemacher gemeint ist. Kategorien wie „wichtig“ und „der beste“ sind sowieso eher uninteressant, wenn man nicht präzisiert, was gemeint ist.

Mit Lieblingsregisseur ist gemeint: Der Regisseur, der am meisten zu mir spricht, dessen Filme mich berühren, dessen Filme mich glücklich machen im Augenblick, wo ich sie sehe, dessen Filme ich gern mehr als einmal und eigentlich immer wieder angucke, zu dessen Filmen mir auch immer ganz viel einfällt. So geht es mir mit Desplechin. Er macht einfach bezauberndes, kluges, fesselndes Kino. UN CONTE DE NOEL habe ich bis jetzt viermal gesehen – im Kino. Auf DVD auch noch.

Desplechin in San Sebastian ist für mich auch eine sehr gute Erinnerung: Vor ein paar Jahren habe ich mir hier zusammen mit Sara Brito den wunderbaren ROI & REINE angeguckt – und wir waren beide vom Film (und vielleicht den Canja danach) derart berauscht, dass wir den Film quasi auf Filmlänge, also so etwa zwei Stunden lang, noch einmal durchgesprochen und debattiert hatten. Bei diesem Film denke ich jetzt immer an Sara, die damals noch Filmkritikerin war, sich aber im Zuge der massiven Medienkrise in Spanien mit einer Abfindung aufs Land zurückgezogen und ein Kind gekriegt hat. Jetzt organisiert sie in Madrid ein Musikfestival.

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TROIS SOUVENIRS DE MA JEUNESSE (international: MY GOLDEN DAYS) hatte in Cannes in der „Quinzaine“ Premiere, wo ich ihn aber verpasst hatte. Hier läuft er in den „Perlas“ der Reihe der „Festivalperlen“, in zwei Wochen hat er dann beim Festival von Mannheim-Heidelberg seine Deutschlandpremiere. Es ist wieder ein großartiger Film und sehr typisch Desplechin. Wieder spielt alles in der nord-ost-französischen Provinzstadt Rubaix, und wie in anderen Filmen begegnet man roten Backsteinhäusern, dem Gymnasium „Ecole Baudelaire“ und geht irgendwann mit dem Film ins Museum, wo diesmal ein Gemälde aus dem 18. Jahrhundert Gesprächsthema und Bildschlüssel zum Film wird.

Mit leichter Hand, verspielt, dabei sehr einfallsreich und mutig in der Wahl seiner Mittel und im Zutrauen an den Zuschauer erzählt Desplechin in episodischer Struktur, drei Erinnerungen des 50-jährigen Paul Dedalus. Paul Dedalus ist für Deplechin das, was für Francois Truffaut Antoine Doinel gewesen ist: ein prototypischer Held und Begleiter durch die Jahrzehnte, hier wie schon einmal vor über 20 Jahren in LA VIE SEXUELLE gespielt als Erwachsener vom unvergleichlichen Mathieu Amalric, der auch sonst in Desplechin-Filmen das Alter Ego des Regisseurs verkörpert. Den jugendlichen Paul, der hier im Zentrum steht, spielt der bezaubernde Quentin Dolmaire; er ist nur der auffälligste einer ganzen Handvoll exzellenter junger Schauspieler.

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Es war eine unbeschwerte, goldene Zeit, die 70er und 80er Jahre, in denen der Film spielt. Vielleicht glaubt man das auch nur, weil man jung war – egal. Die Erinnerung bleibt, auch wenn das Leben weitergeht. Jetzt ist Paul um die 50. DREI ERINNERUNGEN AN MEINE JUGEND erzählen nicht nur von ein paar Anekdoten. Es geht darum, wie ein Mensch zu dem wird, was er ist. Denn wenn das Leben weitergeht, nimmt man den mit, der man geworden ist.

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„Das Leben ist seltsam“, erkennt Paul schon zu Anfang des Films. Paul ist 19, der Halbwaise lebt nach dem Selbstmord seiner Mutter (die erste Erinnerung) mit seinen Zwillingsgeschwistern Delphine und Ivan bei seiner Tante und leidet unter seinem so strengen wie depressiven Vater.

Er freundet sich eng mit einigen Schulkameraden an. Deren Unbeschwertheit gibt ihm Trost. Zusammen entdecken sie die Welt, die Farben und den Geschmack des Lebens: Rebellen in einer Provinzmetropole. Sie werden Kommunisten und Philosemiten. Die zweite Jugenderinnerung erzählt von einer Klassenfahrt nach Minsk, während der Paul und sein Freund Marc (Elyot Milshtein) Geld und Pässe für russische Juden in die Sowjetunion schmuggeln. So wie im ersten Stück klar wurde, worunter Paul leidet, und was er mit sich herumträgt, wissen wir nun: er ist offen, mutig und jederzeit bereit, anderen zu helfen, und etwas für sie zu riskieren.

Es ist zugleich eine charmante unschuldige Jugend. Wir sehen Jugendliche, die Levi-Strauss‘ „Traurige Tropen“ lesen, die über Nausikaa und Odysseus reden, die Go spielen, wir erleben Partys, Schlägereien. Vor allem aber erleben wir Verwundbarkeit – die Verwundbarkeit des Menschen.

Der Hauptteil des Films aber erzählt die dritte Erinnerung, in der sich Paul unsterblich in Esther verliebt. Eingeleitet wird das mit einer großartige Split-Screen-Sequenz, die das Geschehen aus drei Perspektiven gleichzeitig erzählt, die dann vereinigt werden. Paul spricht Esther, die er seit Jahren beobachtet hat, wie er schnell zugibt, mit dem perfekten Satz an: „I always wondered, what guys just say to pick you up.“ Antwort: „They tell crap“.

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Es wird eine glückliche Liebesgeschichte, die über Jahre geht, und natürlich nicht glücklich ausgehen kann, dafür ist sie zu fou, zu ernst. Aber Schuld haben nur die Umstände und worum es wirklich geht, ist die Zeit vor dem Ende. Doch noch der 50-jährige Paul, ein Anthropologe, der nach Jahren in der Fremde nun in Frankreich allein lebt, leidet unter dem Misslingen dieser ersten Liebe. Eine Utopie, die sich nicht realisierte. Im Kino traurig und schön. Er sieht Esther nicht mehr: „What good is friendship if passion is intact?“

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Irgendwann gegen Ende liest Paul ein Gedicht von Yeats: AMONG SCHOOL CHILDREN handelt vom Alter und dem Rückblick eines alten Mannes auf sein Leben. Es heißt dort: „Had pretty plumage once—enough of that,/ Better to smile on all that smile, and show/ There is a comfortable kind of old scarecrow.“

In TROIS SOUVENIRS DE MA JEUNESSE erzählt Desplechin eine herzerwärmende romantische Geschichte über jugendlichen Optimismus, erste Liebe, und den Verlust der Unschuld – ein Film, wie ihn nur Franzosen machen können.