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Im Keller - Ulrich Seidl

Todeskuss am Schlangenfluss, das Süß und das Salzige, das Bizarre und das Unerträgliche, die Python und das Meerschweinchen

In unserer Immer-Noch-Lieblingsbar „Maleti“ die gerade erheblich an Charme verliert, aber dazu ein andermal, saß man bis vor wenigen Jahren auf weißen Plastiksesseln, jenen Stühlen mit Armlehnen, die auch auf unserem Appartmentbalkon und gefühlt in jedem dritten Lokal auf dem Lido und global kräftig an der allgemeinen Verhässlichung unserer Welt arbeiten. Wer hat die eigentlich erfunden? Wer stellt sie her? Ihr Designer muss ja Millionen verdient haben – so etwas habe ich schon öfter gedacht. Im ersten Film nach der Eröffnung tauchen sie gleich auf, gleich im ersten Bild – diesmal in Rot, und auch die Farbe passt gut. „Ich hab ihn aufgeschnitten, seine Innereien kamen heraus.“ sagt der Mörder, der auf ihm sitzt. „The Look of Silence“ heißt der Film, was ich mit „Das Antlitz der Stille“ übersetzen würde.
Es fängt furios an in Venedig mit einem Wechselspiel aus hellen und dunklen Seiten, aus harten ernsten Filmen und flotten Komödien, die natürlich auch ernst sind, aber auf andere Weise.

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Der Wettbewerb begann gleich mit dem einzigen Dokumentarfilm, der diesmal ausnahmsweise auch um den Goldenen Löwen kämpft: „The Look of Silence“ heißt der Beitrag des erst 39-jährigen Amerikaners Joshua Oppenheimer, der auch dänische Wurzeln hat und derzeit in Kopenhagen lebt, er wurde im vergangenen Jahr mit „The Act of Killing“ berühmt, einem weltweit gefeierten und oft preisgekrönten, aber keineswegs unumstrittenen Dokumentarfilm über die schwierige Bewältigung von Mord und Terror in Indonesien, in dem die Mörder ihre Taten auf der Theaterbühne nachspielen, und dadurch zum Teil eine schockierende Katharsis erleben. Der war eindrucksvoll und hat mich zugleich durch seinen Manierismus abgestoßen. Ich glaube viel von dieser Katharsis war nur behauptet, lag eigentlich im Auge des Betrachters auf den Filmfestivals des Westens, will dass sie bereuen und von sich selbst abgestoßen sind, und darum sieht man dies in den Bildern. Den Mördern selbst nehme ich die Reue dagegen nicht ab.

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Oppenheimers neuer Film setzt diese Arbeit fort, aber er macht es besser. Diesmal beschäftigt er sich spezieller mit jenen wenigen Jahren die auf den Militärputsch seit 1965 folgten, und die schon seinerzeit durch Peter Weirs großartigen Spielfilm „Ein Jahr in der Hölle“ zu trauriger Berühmtheit kamen.

Ein Dokumentarfilm, der die Täter und ihre Kinder und die Nachfahren der ermordeten Opfer zu Wort kommen lässt. Es geht um die schwierige Bewältigung von Mord und Terror in Indonesien. Aber eine Annäherung um die Ecke: Ein uralter Mann wird in der Dusche von einer alten Frau gewaschen. Er ist, fast blind, sitzt im Rollstuhl und ist, das alles stellt sich in den nächsten Minuten etwas sehr geduldig heraus, 103 Jahre alt. Das sind die Eltern des Protagonisten, der als Bruder eines Opfers das er nie kannte jetzt, fast 50 Jahre später recherchiert, was geschah, wie sein Bruder starb. Er ist ein Optiker und versorgt auch die Täter mit Brillen.
Wir sehen eine Schulklasse, die antikommunistischer Propaganda ausgesetzt sind, auf dem Niveau von „Communists are cruel.“

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Dann erzählen Menschen, die sich als Mörder des „Kommando Aksi“ herausstellen, wie sie mordeten. Mit der Machete vor allem. Das ist der Unterschied zu unseren feinen Altnazis: Sie haben wirklich Blut an den Händen, haben die Opfer gesehen und gehört, haben zum zweiten Mal zu geschlagen, wenn der erste Hieb zu schwach war um den Hals zu durchtrennen, sie haben Männer getötet, indem sie ihnen den Penis abschnitten und lebenden Frauen die Brüste abgehackt, und deren Köpfe später in Mülltonnen geworfen. Sie sind keine Schreibtischtäter, sie haben statt Anzügen T-Shirts an, und die Machete ist auch noch in Gebrauch, aber nur noch um Kokusnüsse aufzuschlagen.

Mehrfach erzählen Männer, wie sie das Blut ihrer Opfer getrunken haben. Menschenblut schmecke „salty and sweet“ erfahren wir, und in Indonesien scheint der Volksglaube verbreitet, dass man wenn man schon morde, das Blut seiner Opfer trinken müsse, „um nicht verrückt zu werden.“
Als einer das erzählt, sitzt seine Tochter neben ihm, und erfährt angeblich gerade zum ersten Mal, dass ihr Vater das Blut der Toten getrunken hat. Ein paar Minuten später sagt sie: „Maybe because he did it, he is still strong.“

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Solche Momente sind es, die mich stören. Man hört immer wieder einmal aus dem Off sinngemäß „Joshua, das hatten wir ja besprochen“. Es gab offenbar sehr lange Vorrecherchen und der Regisseur ist ein Teil der Welt seiner Figuren. In den Credits lesen wir dann lauter „Anonymous“. Das finde ich mindestens wichtigtuerisch, wenn nicht sogar etwas verlogen.

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Der Film ist eine ganz mühsame zähe Sache. Ein brutaler, aber eindrucksvoller Film über zum Teil schwer vorstellbare Grausamkeiten.

Irgendwann fragt die Frau des Optikers als sie von den Recherchen ihres Mannes erfährt: „Denkst Du nicht an Deine Kinder?“ Da fragt man sich als Zuschauer ja schon eine Weile – der Film zeigt den Dialog, stellt sich auch dieser Problematik, wie so mancher, nicht.

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Was mit ihm nach solchen Fragen während der Diktatur passiert wäre, fragt der Optiker den Kommandeur vom „Kommando Aksi“. „You can’t imagine“ antwortet dieser ohne Selbstzufriedenheit, aber mit dem Wissen eines Menschen, der Dinge kennt, die wir nicht kennen, „You can’t imagine.“

Ein allgemeiner Gedanke: Wir sollten mehr der Phantasie und den Träumen und unserem Unbewussten vertrauen, weniger dem was wir für Realität halten. Ein Dokumentarfilm über die Diktatur, das könnte auch ein Monsterfilm sein.

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Auch unangenehm zu sehen, aber mehr bizarr, als grausam ist Ulrich Seidls neue Dokumentarexpedition/-exploitation: Der österreichische Anti-Haneke, der mit der Spießerabgrundserforschung „Hundstage“ berühmt, und mit dem Migranten-Swinger-Drama „Import-Export“ berüchtigt wurde und mit seiner „Liebe-Glaube-Hoffnung“-Trilogie schließlich die Weihen der Kunstakademien erhielt, arbeitet bereits im Titel offen spekulativ: Wem kommen bei „Im Keller“ nicht die Abgründe von Amstetten und die Passion der Natascha Kampusch vor Augen? Auf derartigen Voyeurismus setzt der Regisseur.

Was er dann zeigt: Gewohnt cleane, von Martin Gschlacht tatsächlich sehr schön fotografierte Bilder Modelleisenbahnen und Partykeller, Neonazis, und Sado-Masochisten, Singen im Schießkeller und Saufen vor Hitlerbildern. Die Sadistin sagt dem Regisseur „Ich liebe meinen Ehesklaven abgöttisch“ und diesem dann „Schwein komm her!“ worauf er fröhlich grunzt. Das Publikum denkt „Sachen gibt’s“ und gluckst verlegen. Am bizarrsten vielleicht die über 50-jährige Puppenmutter, die immer in den Keller geht und dort lebensechte Kinderpuppen auspackt, mit denen redet, und sie wieder wegpackt.

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Irgendwann ist alles gleich: Kleinbürger-Rituale hat schließlich jeder. Der eine macht Musik, der andere peitscht. Und man weiß nicht mehr, was perverser ist wer ist perverser: Die Nazis oder die Sadisten. Das Publikum dankt’s dem Kontrollfreak mit der Lachbereitschaft derjenigen, die sich sicher sind, mit alldem nichts zu tun zu haben.

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Gleich zu Beginn sieht man eine gelbe Python. Sie liegt in ihrem Glaskasten, und ein Meerschweinchen kauert in der anderen Ecke. Langsam robbt sich die Schlange an die Beute ran, diese merkt nix, sondern hoppelt noch zutraulich auf diese zu. Dann eine plötzliche, rasante Bewegung, Quieken, das Meerschweinchen ist erwürgt.

Das repräsentiert die Haltung. Seidl ist die Python, das Meerschweinchen der Gegenstand des Films. Nur dass die Python schon erkennbar ein paar Vorgängermeerschweinchen vertilgt hat, weil vielleicht nicht jedes ähnlich schön sterben wollte. So hat auch der Regisseur sich bereits einige Protagonisten einverleibt.

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„Das ist ja ein Spielfilm, das ist ja überhaupt kein Dokumentarfilm“ sagt Freund und Kollege Josef Schnelle zu mir. „Da gehört Dein Film 70.000 mal mehr auf dieses Festival als der. Das ist wirklich meine Meinung. Das ist uninteressant und verlogen.“
Ach ja, mein Film. Tja, auch dazu in den nächsten Tagen mehr.

Bild: (c) Stadtkino

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