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von Silvie Wemper

In Mannheim röhrt es wieder. Vom 15. bis 17. Juli fand zum zweiten Mal Der Große Endhirsch als Abschluss der regionalen Kurzfilmreihe Zum Goldenen Hirsch statt. Nach zwei Jahren und 13 Kurzfilmabenden in Mannheim und Heidelberg sollte nun also der beste, nein vielmehr der großartigste und überhaupt fantastischste Kurzfilm der Metropolregion gewählt werden.
Im Kurzfilmwettbewerb um die beiden Jurypreise sowie den Publikumspreis präsentierten sich die Gewinner der Publikumsentscheide der vorhergegangenen Hirschabende.

Ein Lucky Loser in Smokey Boy Goes Choclate

Als neuen Programmpunkt führten die Festivalleiter Benjamin Jantzen und Matthias Vogel dieses Jahr zusätzlich den Lucky-Loser-Wettbewerb ein. Gezeigt wurden dort zwölf Kurzfilme, welche sich bei den Publikumsentscheiden nicht durchsetzten konnten. Es handelte sich dabei jedoch keineswegs um weniger sehenswerte Filme, sondern um eine liebevolle Auswahl des Hirsch-Komitees.
Den Wettbewerb konnte Pseudo, 1986 von Robert Führer gedreht, knapp für sich entscheiden. Die dreiminütige Hommage an Alfred Hitchcock in schwarz-weißen, rauschenden Bildern thematisiert humorvoll ein grauenhaftes Ereignis des jugendlichen Alltags, genauer: ein Kaffeetrinken mit Oma und deren Freundinnen. Der Gewinner konnte sich neben dem mit 111,11 Euro dotierten Preis, gestiftet vom Mannheimer Filmkunsthaus Cinema Quadrat, auch über die Teilnahme am Kurzfilmwettbewerb freuen.
Neben dem Gewinner des Lucky-Loser-Wettbewerbs fand sich zwischen groteskem Horrorfilmtrailer in 3D, einer anrührenden Romanze zwischen Affe und Puppe und einer Liebeserklärung an die Schokolade als Mittel zur Raucherentwöhnung auch eine Überraschung und persönliches Highlight des Festivals: Schlag auf Schlag von Moritz Vetter und Lukas Laier.
„Warum leben wir, warum lebe ich?“, fragt der Protagonist Bronislav gleich zu Beginn des knapp zehnminütigen Jugenddramas und setzt somit den Rahmen der existentialistischen Sinnsuche im Kontext der emotionalen Verwahrlosung. Nüchterne und triste Bilder zeichnen eine Milieustudie zwischen Gewalt, Alkohol und Hilflosigkeit, der in ihren skurrilen Momenten, wie beispielsweise der Suizidanleitung durch den Weihnachtsmann, eine großartige Selbstironie innewohnt. Völlig zu Recht wurde dieser Kurzfilm daher für das up-and-coming Int. Film Festival Hannover nominiert.

Suizid Spengler

Das ambitionierte Wettbewerbsprogramm des Folgetages konnte ebenfalls durch vielfältige Thematik und unterschiedlichste Herangehensweisen an das Projekt Kurzfilm überzeugen. Nicht zuletzt dürfte dies durch die relativ offenen Teilnahmekriterien des Goldenen Hirschs / Endhirschs begünstig worden sein, da die Filmemacher als Voraussetzung lediglich aus der Metropolregion stammen und deren Filme dort spielen lassen oder gedreht haben sollten. Bewusst fehlende Einschränkungen hinsichtlich Budgets, Alter des Filmemachers oder Alter des Kurzfilms schaffen einen breiten Fächer an Blickwinkeln, Reifegrad und Reflexion des Mediums.
Den Endhirsch Publikumspreis, dotiert mit 333,33 Euro und gestiftet von der FilmCommission Metropolregion Rhein-Neckar, ging an die Dokumentation Und Sonntags Essen mit Mutter Theresa von Vika Jagucanskyte und Martina Weickel. Sie eröffnet den Einblick in das Leben des mittlerweile 82-jährigen Ludwigshafeners Phillip Schäfer und lässt diesen erzählen: über seinen Fußmarsch nach Indien, über Liebe, Religion und Glaube und über Glück. Schritt für Schritt entwickelt sich so ein Bild von menschlicher Identität, Erfüllung und Sinnhaftigkeit, aber auch von der Vergänglichkeit des Lebens und der Hinfälligkeit des Körpers. Versinnbildlicht wird dies durch einen kauzigen Mann, der trotz Krankheit und Verlust der Ehefrau seinen Sinn für Humor nicht verloren hat. Für das Mannheimer Publikum ist also ein sehr feinfühliger und menschlicher Film der herausragendste der letzten zwei Jahre. Eine sympathische und nachvollziehbare Wahl, die über den einen oder anderen Mangel in der Umsetzung dieses Kurzfilms wohlwollend hinweggesehen hat.

Zu Beginn der Jurypreisverleihung gab es gleich eine kleine Überraschung. Zusätzlich zu den beiden bekannten Preisen, dem kleinen und dem großen Endhirsch, hatte sich die Jury, bestehend aus Daniel Bucher, Alia Pagin, Ole Schwarz, Felix Stienz und Chiara Strickland, dazu entschieden, eine zusätzliche Ehrung mit dem charmanten Namen Der Röhrende Hirsch mit einer Dotierung von 55,55 Euro an Oliver Krause zu vergeben. Der Film des Mannheimer Abiturienten, Abitour zur Weisheit, musste aufgrund von Überlänge vom offiziellen Programm ausgeschlossen werden und lief daher außer Konkurrenz.
Der Kleine Endhirsch, gestiftet vom Medienforum Heidelberg, und die damit einhergehenden 333,33 Euro, gingen an Anna Martin für ihre großartige Darstellung der Jessica in Christian Martins gleichnamigem Kammerspiel. Die Jury lobte das differenzierte Spiel der 11-jährigen und stellte auch nochmals die wichtige Thematik des Kurzfilms heraus, welcher sich mit physischen und psychischen Missbrauch auseinandersetzt. Im Rahmen eines gemeinsamen Essens deckt die Protagonistin die heuchlerische Idylle des familiären Beisammenseins auf. Offenbart wird ein zwischen Leistungsdruck, Isolation und egoistischen Geltungsbedürfnissen verlorenes Kind. Zwischenmenschliche Wärme oder Kommunikation existieren nicht, was Jessica durch ihren verzweifelten Versuch der Kontaktaufnahme belegt. Ihre Aussage „Ich werde missbraucht.“ wird von der Mutter durch ein schlichtes „Das ist schön, Schätzchen.“ quittiert.

Dann war es also so weit, die Bekanntgabe des besten Kurzfilms der Metropolregion Rhein-Neckar stand an. Wer röhrte am lautesten, wer war am großartigsten, wer nimmt den ebenfalls vom Cinema Quadrat gestiftete Preis über 333,33 Euro und einen Studiotag für Tonendabmischung bei Anixe Mannheim mit nach Hause? Für die Jury war die Entscheidung eindeutig und sie machten Sebastian Natto und sein Werk R 1138 zum neusten Hirschkönig. Gelobt wurde die Umsetzung einer großartigen Idee in einem dramaturgisch ausgefeilten Konzept, dargestellt durch einen ästhetischen Blick auf die technisierte Moderne.
Zu sehen ist Hauptdarsteller Denis von Trümbach, der in einem seltsam skurril anmutenden Verschlag augenscheinlich einer monotonen und streng geordneten Büroarbeit nachgeht. Durch dynamische und schnelle Schnitte verschafft der Film sich eine drängende stilistische Progression, welche analog zum Handlungsverlauf stattfindet. Die Auflösung zeigt, dass hier eigentlich die Arbeit eines Pixels thematisiert wird, eingebettet in einen Fernsehbildschirm. Menschliche Identität und technische Anonymität werden zu einem agierenden Organismus verbunden, der die Frage aufwirft, wer hier eigentlich wen beherrscht und lenkt.
Alles in allem ein würdiger und philosophischer Hirschkönig und gelungener Repräsentant eines sympathischen Festivals, das sich selbst nicht immer zu ernst nimmt und mit seinem Publikum lacht und leidet. Man merkt dem Endhirsch, wie auch dem Goldenen Hirsch, an, dass es hier wichtiger ist, regionalen Filmemachern eine Plattform zu bieten, als sich an allzu großen Projekten zu verbeißen und somit Gefahr zu laufen, diese zu verkünsteln. Die Liebe zum Kurzfilm und deren Vermittlung steht im Vordergrund, unabhängig von Alter, finanziellen Mitteln oder technischem Equipment. So ermöglichten beispielsweise verschiedene Workshops, welche das Festivalprogramm um die Analyse des Werks Claude Lelouchs, die Arbeit mit Licht und die Facetten der Musikvideoproduktion ergänzten, einen praxisnahen Einblick für Interessierte.

Und der Erfolg gibt der Festivalleitung recht! Nach nunmehr fünf Jahren, ungefähr 250 Glanzstücken und Schrecklichkeiten der Region und circa 30 regelmäßig ausverkauften Hirschabenden, hat sich das Festival als feste Größe im Mannheimer und Heidelberger Kulturbetrieb etabliert.
Man darf sich auch weiterhin auf großartige Abenteuer, groteske Experimente, herzzerreißende Liebesgeschichten und leise Erzählungen des Lebens freuen, immer mit dem Hirsch im Herzen und dem Wald vor Augen.

Übrigens: Wer sich ein Bild der beiden Städte Mannheim und Heidelberg machen möchte, dem sei Tim Sesslers Stilles Leben, ebenfalls aus dem Wettbewerbsprogramm, wärmstens ans Herz gelegt. Ein schöner Kurzfilm über den Kontrast von schneller Konformität der Stadtmenschen und langsamer Selbstfindung des Individuums, Dynamik der Masse und Verletzlichkeit des Einzelnen, gezeigt in klaren Bildern voller Ästhetik. Hier könnt Ihr ihn sehen:


STILLES LEBEN from Tim Sessler on Vimeo.

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