Seite auswählen
(C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.

(C) 2012 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND METRO-GOLDWYN-MAYER PICTURES INC.

Es gibt eine Einstellung in DER HOBBIT, in welcher der Exilkönig der Exilzwerge, Thorin, seinen zweiten Erzfeind zum zweiten Mal konfrontiert. Kurz davor ist dieser König noch samt Mannschaft auf Bäume geklettert. Dann sind diese Bäume dominoartig bis auf den letzten umgekippt. Dieser, natürlich ganz am Rande einer kilometerhohen Klippe gelegen, bog sich immer mehr über den Abgrund. Die Orks waren am Grinsen, die Zwerge, samt Gandalf und Bilbo am Bangen. Thorin und besagter Erzfeind, Azog der Schlächter, Orkanführer, beäugten sich ununterbrochen fleißig, denn ihr gegenseitiger Hass transzendiert alles Weltliche, und vor allem die auswegslose Lage der 14 Mitglieder der „Unternehmung“. Zum x-ten Mal wars das für diese Reise aller Reisen. Doch da erhebt sich dieser König der Zwerge, während die Kamera in die Hocke geht und der Film sein Tempo verlangsamt. Den Blick immer noch auf Azog gerichtet, gibt er zuerst durch seine Mimik zu verstehen, dass er sich das nicht gefallen lässt, dass nun die Konfrontation losgeht. Und läuft auf ihn zu. In Slow Motion, versteht sich, und mit diesem schweren Gang, den wir noch von den Mordor-Armeen so gut kennen, so dass die Rüstung richtig klappert und die Stahlkonsistenz dieser Krieger so richtig zur Geltung kommt – und darüber hinaus ist dieser Gang in meiner Wahrnehmung nicht weit entfernt von dem Hüpfgang eines MTV-Gangstarappers. Dann aber Bumm! Tschack! Der König liegt am Boden, Azog lässt seine Keule fallen, die Lage wird für die Helden noch auswegsloser!

Und hier liegt mein Problem! Denn die ganze Zeit wurden in Gegenschnitten die besorgten Gesichter der Zwergen dazwischen eingeblendet, und ich verstehe erst jetzt – es geht um diese Standardsituation, in welcher der eine totgeschlagen wird, und die anderen hilfslos dabei zusehen müssen!

Ja warum habe ich da nicht eins und eins zusammengezählt? Wir hatten bisher die reißerischsten dummen Witze, die memefähigsten Einzeiler und den extremsten Pathos serviert bekommen, und nun erwarte ich, dass Thorin im Alleingang diesen konsequentesten roten Faden des Films auf die Probe stellt? Nee, da muss natürlich ausgerechnet Bilbo her, mit seinem Dolch, um einen Ork zu töten und Thorin das Leben zu retten. Da müssen gleich danach alle Zwerge angreifen und, nachdem sie mehr als eine Stunde lang auf der Flucht waren, sich endlich einem Feind stellen. Gemeinsam. Da muss mehr Pathos her, mehr Einzeiler, mehr Blicke – mehr Überbietung der Überbietung. Bis ins Fassputische, bis auch der letzte Zuschauer begriffen hat, dass dieser HOBBIT Film anders ist als HERR DER RINGE.

Er ist ein Film des absoluten Exzesses, der gnadenlosen Integration von alldem, was wirtschaftlich im Schnitt als Abfall gilt, ein Film der Fetzen, der Fratzen, und noch mehr Fratzen. Staunend, lachend, ernst schauend, bestätigend, potenzierend, widersprechend, ausleiernd, aber vor allem integrierend sind sie eingesetzt – denn jeder ist hier wichtig, alle bekommen ihr Plätzchen in dem Abenteuer und nur gemeinsam erreichen sie ihr Ziel, die Kinoleinwand. DER HOBBIT ist ein Film, wie ihn nur ein Kind sich hätte wünschen können, in seiner Unfähigkeit, auf das zehnte Lieblingsspielzeug zu verzichten, denn es ist ja auch süß. In seiner Unfähigkeit zu verzichten, auch die zwanzigste Attraktion eines Vergnügungsparks auszuprobieren, während die Eltern schon längst ungeduldig an das Abendprogramm denken. Und da haben wir sie, die Verarbeitung des Kindischen im Roman. Und wem das nicht reicht, der kann dasselbe Integrationsprinzip auf formeller Ebene erkennen. Standardsituationen und Standardsituationen ineinander verschachtelt, miteinander im Dialog, einander potenzierend, ein Sammelsurium aus den Annalen des Trashfilms, das hier noch einmal bis ins kleinste Detail abgefeiert wird, und zwar im provokantesten Kontext überhaupt: HFR 3D.

Aber wie ist dieses zu genießen? Mein Schlüssel zum Film kam erst nach der Pause. Erst dann fing ich an, mich von der Optik loszulösen, von der Handlung, von der Idee, dass das alles irgendwie ernst gemeint ist. Und da eröffnete sich mir diese Welt des Exzesses. Jede Einstellung überbietet die vorige in Absurdität, jede Standardsituation führt zu einer nächsten, zu einer noch klischeehafteren. Jede überschüssige Einstellung wurde zu einer Steigerung dieser Absurdität, und damit zum Anlass für Spaß, für Genuss. Ich kann mir im Nachhinein nicht vorstellen, wie diese Opulenz die Kritik nicht erreicht hat, wie sie nicht eine Zwischenebene erschaffen hat in der Wahrnehmung des Films, die, losgelöst von den großen Herausforderungen des Films in Sachen Technik und Inszenierung eines Fantasyepos, eine vollkommen neue Dramaturgie um den HOBBIT schuf: die des Exzesses. Im Nachhinein bereue ich es zutiefst, dass mir das, trotz der zahlreichen Hinweise schon am Anfang des Films, über die Hälfte der Zeit entgangen ist: Peter Jackson nimmt alle Erwartungen, die man an ihn und an den Film haben kann, einfach auf die Schippe, und zeigt, dass er immer noch der Regisseur von BAD TASTE und BRAINDEAD sein kann, obschon inzwischen eine nationale Ökonomie um ihn herum entstanden ist.

Oder auch nicht, das kann alles nur ein Beiprodukt gewesen sein – die Kurve, die ein sehr, sehr schlechter Film kriegt, um doch zu seinen Zuschauern zu finden. Aber das ist wiederum der berühmte Silberstreifen, den ein Film erreichen kann und, da ein Film nicht in der Postproduktion endet, sondern im Kinosaal, ist alles andere unerheblich. Ebenso wie meine kurze Verwirrtheit in der Konfrontationsszene zwischen Thorin und Azog, in welcher ich den Überblick verlor und einseitig nur auf die Standardsituationen achtete. Dabei wurde dieses Prinzip der Integration gerade hier in seiner Vollkommenheit gezeigt: Alles Unnötige wurde zusammengeworfen, um eine einfache, platte Aussage entstehen zu lassen, weit über alle Kitschvorstellungen hinaus. Man darf ihn bloß nicht ernst nehmen, sonst soll man den Kinosaal am besten gar nicht betreten.

Als weitere Lektüre zum HOBBIT und seiner Reise  seien diese drei Texte empfohlen:

Und zum Ende zitiere ich unseren geschätzten Sundance-Korrespondenten, Michael Brodski:

Vielleicht würde ein Film wie DER HOBBIT  hinsichtlich seines Trashpotenzials bei diesbezüglichen Experten nur ein müdes Lächeln entlocken…aber gerade in diesem irrsinnigen Kontrast zur Big Budget Attitüde wird es zur ganz großen Geste…

Pin It on Pinterest