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Timing ist alles – Anna Magnani gegen Ingrid Bergman oder: Wenn Frauen lieben, hassen sie

Venedig-Blog, Folge 8

Ob Anna Magnani jetzt wirklich „die größte Schauspielerin Italiens“ war, darüber darf man wahrscheinlich streiten. So pries man sie jedenfalls vor der Vorstellung dieser Retrospektiven-Vorführung einer Dokumentation über italienische Filmgeschichte an. Ist aber auch vielleicht gar nicht so wichtig. Doch gerade, wenn diese großen Worte zutreffen, ist eine andere Erfahrung um so verwunderlicher, die man hier in Venedig seit Jahren immer wieder macht: So sehr die Italiener nämlich ihre Filmgeschichte einerseits schätzen, so schätzen sie, oder jedenfalls die Verantwortlichen beim Filmfestival, sie doch andererseits derart gering, dass bei den manchmal halbstündigen Gesprächen nach einem Film einfach absolut nichts übersetzt wird. Offenbar interessiert das Gerede eh keinen Ausländer. Oder Italiener sind einfach egozentrisch.

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Der Film selbst immerhin hatte Untertitel: „This is not the story of Ana, Ingrid and Roberto.“, heißt es etwas esoterisch am Ende: „This is the story of the volcano, which does not change in time.“ Nun ja. Was man zuvor gesehen hatte, unter dem Titel LA GUERRA DEI VULCANI, war schon vor allem Ana, Ingrid und Roberto.

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Die Geschichte beginnt mit ein paar Sizilianern aus guter Familie, die seit Anfang der 40er Jahre zu den ersten Unterwasser-Filmern der Welt gehörten. Sie gründeten eine Firma, Panaria-Film, und präsentierten ihre atemberaubend neuen Bilder von der Unterwasserwelt rund um die äolischen Inseln, zu denen auch Aufnahmen eines Vulkanausbruchs gehörten, gemeinsam mit Ideen für ein Spielfilmprojekt eines Tages Ende der 40er Jahre in Rom Roberto Rossellini. Der war nach Filmen wie ROM, OFFENE STADT, PAISÁ und DEUTSCHLAND IM JAHRE NULL der Regisseur der Stunde. Ihm standen alle Türen offen.

Seit ROM, OFFENE STADT waren Rossellini und seine Hauptdarstellerin Anna Magnani ein Paar. Er war 42, sie 39, er war, wie der Film es nennt „charmant und unzuverlässig, ein Frauenheld, der immer an zwei Fronten spielte“, sie „always in need of affection“. Sie lebten zusammen, hatten keine Kinder, aber zwei Hunde. Eines Morgens Anfang 1949 verließ Rossellini die gemeinsame Wohnung, um mit den Hunden um den Block zu gehen. Als Magnani nach über einer Stunde herunterkam, waren die Hunde beim Concierge abgegeben. Rossellini war verschwunden.

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Im Jahr zuvor hatte ein Feuer die Büros der bedeutenden Minerva-Film in Rom und eine Menge Filmmaterial vernichtet. Zur Feier von Rossellinis 42. Geburtstag am 8.5.1948 bekam er vom Minerva-Boss ein Geschenk: Einen Brief, der aus den Beständen gerettet worden war: er stammte von Ingrid Bergman, die darin ihre Bewunderung für die Filme des Regisseurs ausdrückte, und sich für eine gemeinsame Arbeit bewarb. Der sehr vornehm formulierte Brief schloss mit der Bemerkung, sie könne leider kein Italienisch, außer zwei Worten: „Ti amo“.

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Bergman war 32 und zu dieser Zeit wie Rossellini auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs: Auf ihre Arbeiten mit Hitchcock und auf CASABLANCA folgte die Remarque-Verfilmung ARC DE TRIOMPHE und JOAN OF ARC, aber auch niveaulosere Filme. Sie war Hollywood so leid wie ihre Ehe mit einem schwedischen Arzt und Manager, wollte neue Herausforderungen und vermutlich auch ihrem Privatleben entkommen.

Man vergisst immer, wie schön die Bergman war. Der Film erinnert daran mit prägnanten Filmausschnitten. So muss es auch Rossellini gegangen sein. Als er Bergmans Brief bekam, kannte er keinen einzigen ihrer Filme. Er ließ sie zu sich kommen, und schloss sich ein Wochenende im Studio ein, um alle zu sehen. Auf diese Weise hatte er sich offenkundig in Ingrid Bergman verliebt. Kurz darauf begann er mit der Arbeit an einem neuen Drehbuch.

Seine Co-Autoren Sergio Amidei und Federico Fellini verpflichtete er zu vollkommener Geheimhaltung. Die galt nicht allein gegenüber der notorisch eifersüchtigen und zu Recht Verdacht schöpfenden Magnani, sondern auch gegenüber den Jungens von Panaria-Film, deren Ideen Rossellini gnadenlos ausschlachten wollte, ohne sie zu beteiligen. Als die Arbeit beendet war, beschrieb Rossellini seine Ideen in einem Brief an Bergman, machte einen Termin in New York und führte die Hunde aus…

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STROMBOLI wurde im Sommer gedreht. Das Geld dazu stammte von Howard Hughes. Spätestens während der Dreharbeiten wurden Bergman und Rossellini ein Paar. All dies wusste man schon vorher. Was man nicht wirklich wusste: Magnani schlug zurück. Nicht nur in der Presse, die sich, und mit ihr die gesamte italienische und bald auch amerikanische Öffentlichkeit, in zwei Fraktionen spaltete. Sie kontaktierte die jungen Männer von Panaria-Film, die sich gleichfalls betrogen fühlten, und sie gewann den Hollywood-Veteran William Dieterle für das Projekt: Die Geschichte einer Frau, die auf eine der äolischen Inseln zurückkehrt und dort von den Bewohnern ausgeschlossen wird, ein Melodrama zu Füßen des Vulkans, das in dessen Ausbruch mündet, ähnelt der von STROMBOLI sehr, und wurde unter dem Titel VULCANO verfilmt. Eine in ihrer Verzweiflung so absurde, wie geniale Parallelaktion, eine faszinierende Geschichte. Wie ähnlich sich beide Filme waren, zeigt der Vergleich der jeweiligen Ankunftsszenen, der Konfrontation zwischen der modernen Einzelgängerin mit den Frauen der Insel. Eine Geschichte über den Konflikt zwischen – Konformismus und Freiheit.

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Als VULCANO dann im römischen Cinema Barberini Premiere hatte, gab es erst einen Projektor-Ausfall, dann schrieb die Presse: „Der Vulkan gebiert eine Maus.“ Vor allem aber: An genau demselben Abend wurde der erste Sohn von Rossellini und Bergman geboren, und niemand schrieb mehr über die VULCANO-Premiere.

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Eine Anekdote der Filmgeschichte also, aber eine interessante, aus der man noch mehr hätte machen können. Denn LA GUERRA DEI VULCANI ist im Prinzip ein bisschen albern und nachlässig, beliebig in seinem Umgang mit Filmausschnitten. Aber sehr entertaining. „Wo endet das Theater, und wo beginnt das Leben?“, fragt Magnani in einem Film. Gute Frage.

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STROMBOLI lief auch hier, im Rahmen der Retrospektive. Da sieht man dann die Bergman im Trenchcoat. Alles an ihr ist Verschlossenheit, Reserviertheit, und scheint zu symbolisieren: Sie gehört nicht hierher.

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Die schönste Szene in LA GUERRA DEI VULCANI waren Making-Of-Aufnahmen in Farbe von der berühmten Thunfischfang-Szene. Das Aufscheinen einer völlig verlorenen Welt, in der alles anders war. Da begegnet man dem Italien, das nach dem Krieg so viele fasziniert hat, auch Bergman. Der nächste, der dann auf die äolischen Inseln kam und dort einen Film drehte, war Antonioni.