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Erkundungen für die Präzisierung des Gefühls für einen Aufstand – Kleist im Kino, Überlegungen vor der Premiere von „Michael Kohlhaas“ im Wettbewerb

„Entbehren und genießen – das wäre die Regel des äußeren Glücks. Und der Weg gleich weit entfernt von Reichtum und Armut, Überfluß und Mangel, Schimmer und Dunkelheit, die beglückende Mittelstraße, die wir wandern wollen … wir kennen die Beschwörungsformel noch nicht – die Zeit allein führt sie mit sich – um die wunderbar ungleichartigen Gestalten, die in unserem Inneren wühlen, zu besänftigen und zu beruhigen.“

Heinrich von Kleist, 1799

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Warum wird Kleist denn eigentlich von einem Franzosen verfilmt? Ein paar Mal begegnete mir diese Frage in den letzten acht Tagen, im Vorfeld der Premiere zu Arnaud des Pallières Wettbewerbsbeitrag MICHAEL KOHLHAAS. Die Frage ist legitim, trotzdem falsch. Ich war der Ansprechpartner, als Deutscher, und weil man glaubte, ich müsse es ja wissen. Denn, da wollen wir nicht herumreden, in diesem Fall bin ich parteiisch: Die deutsche Co-Produzentin des Films ist meine Lebensgefährtin. Allerdings habe ich, das wollen einige auch nicht glauben, den Film im Vorfeld noch nicht gesehen – das wollte ich mir für Cannes aufheben.

Legitim, trotzdem falsch ist die Frage, weil Kleist nicht nur der beste und schönste Dichter deutscher Sprache ist, und einer der modernsten, gerade in seiner fortwährenden Unzeitgemäßheit noch dazu. Sondern weil nämlich auch etwas anderes stimmt: „Kleist ist einer der französischsten der deutschen Dichter“ (Barbara Vinken, BESTIEN). Er lebte zweisprachig, hat selbst im Alltag fast nur Französisch gesprochen, seit er das Berliner Hugenotten-Collège besucht hatte. Er war sehr französisch gebildet, die ganzen Klassiker auf Französisch und mit französischen Lehrern gelesen, lebte sogar länger in Frankreich, kannte sich mit der Französischen Revolution sehr gut aus.

Sehr französisch an Kleist ist seine skeptische, pessimistische, harte Sicht auf die Dinge. Kleist hat nichts vom (spieß-)bürgerlichen Humanismus eines Goethe und manchmal auch Schiller. Seine diesseitige Vermischung von Gewalt und Sex, seine sehr antibürgerliche und „antihumanistische“ Unbedingtheit führen dazu, dass er der Franzosen liebster Deutscher ist.

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Kleist (1777-1811) war bekanntermaßen ein Zeitgenosse der Französischen Revolution und der Herrschaft Napoleons über Europa. Es war ein französisches Zeitalter. Die Revolution von 1789ff. veränderte ganz Europa. Weder die Philosophie von Immanuel Kant und des Deutschen Idealismus, noch die Musik Beethovens, die Malerei Davids oder die Literatur der späten Klassik und der Romantik sind ohne die Französische Revolution und ihre Folgen denkbar. Napoleon exportierte die „Ideen von 1789“ in die von ihm eroberten Länder. Der Geist der Revolution inspirierte Napoleons Politik, und strahlte über französische Kultur und Politik („Code Napoleon“) selbst in die von ihm unterworfenen Gebiete aus, so auch auf Kleists Heimat Preußen. Preußens vernichtende Niederlage 1806 bei Jena/Auerstedt wurde zur Initialzündung einer Revolution von Oben: Die Preußischen Reformen von Stein, Hardenberg, Humboldt, Scharnhorst und Gneisenau. Wie die Philosophen Fichte und Hegel, wie Clausewitz und Gentz, so sind auch die Autoren der Romantik – u.a. Hölderlin, Novalis, die Brüder Schlegel und eben Kleist selbst – und ihr Werk geistig-künstlerischer Ausdruck und Wegbegleiter dieser revolutionären Politik. Kleist war politisch ein Gegner Napoleons, weltanschaulich war er ein Anhänger vieler seiner Ideen.

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Kleist war und ist international. Er war ein deutscher Dichter, doch zugleich ist Kleist in seinem Nachleben eine internationale Künstlerfigur – wie ein Goethe, wie Voltaire oder Oscar Wilde wird sein Werk auch in anderen Ländern gelesen, aufgeführt und verfilmt. Letzteres sogar mehr, als das Werk vieler anderer deutscher Autoren:

Während deutsche Regisseure vor ihm offenkundig Angst haben, bis auf Hans-Jürgen Syberberg natürlich, der gleich drei Kleist-Stoffe verfilmt, was auch wieder passt, während Deutsche also zurückschaudern vor dem Abgrund der Kleistschen Prosa, vor der man nur scheitern kann, lassen sich die Franzosen hineinfallen. Zweimal verfilmte Eric Rhomer Kleist: 1976 DIE MARQUISE VON O. mit Edith Clever und Bruno Ganz, und 1980 DAS KÄTCHEN VON HEILBRONN. Der in Paris lebende Italiener Marco Bellocchio verfilmte das Kleist-Drama DER PRINZ VON HOMBURG. Weniger bekannt ist, dass auch Milos Formans RAGTIME nichts anderes ist, als eine Übertragung des KOHLHAAS-Stoffs auf das Amerika des beginnenden 20. Jahrhunderts. Auch ein Western, John Badhams THE JACK BULL (1999) fußt auf MICHAEL KOHLHAAS.

Jetzt hat also Arnaud des Pallières MICHAEL KOHLHAAS verfilmt, mit Mads Mikkelsen in der Titelrolle, daneben David Bennent, Bruno Ganz und David Kross.

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„Das erste Lesen Heinrich von Kleists Erzählung DIE MARQUISE VON O. dauert eine halbe Stunde. Dabei fällt natürlich mehr als die Hälfte unter den Lesesessel, aber das läßt sich beim zweiten Lesen wieder aufsammeln. Dieses dauert eine Stunde, das dritte auch, und ab dem vierten Mal reduziert sich der Zeitaufwand wieder auf eine halbe. Das Lesen läßt sich über Monate, Jahre verteilen. Das ist ja das Schöne an Literatur, daß sie nicht wie die leidigen Notwendigkeiten Kochen, Essen, Schlafen zusammenhängende Zeiteinheiten beansprucht.“

Hans-Jürgen Syberberg

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MICHAEL KOHLHAAS handelt vom Problem der Gerechtigkeit: Gibt es absolute Gerechtigkeit? Wie lässt sie sich durchsetzen, und um welchen Preis? MICHAEL KOHLHAAS feiert die Utopie absoluter Gerechtigkeit, wie ihre gewaltsamen Abgründe. Er zeigt, dass die bürokratische formale Gerechtigkeit eine konkrete, praktische Ungerechtigkeit zur Folge haben kann. Des Weiteren behandelt die Novelle Fragen der Legitimität von Gewalt und Widerstand, von Selbstjustiz und von Rache.

MICHAEL KOHLHAAS ist mit alldem auch eine Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution. Wie in anderen Werken Kleists hinterlässt auch in diesem Text das Rechtsstudium und die juristische Bildung Kleists deutliche Spuren.
MICHAEL KOHLHAAS ist dabei keineswegs allein ein deutscher Stoff. Die Frage der Gerechtigkeit und ihres Verhältnisses zur Gewalt ist schon zu Kleist Lebzeiten die zentrale Frage einer internationalen Debatte über die Französische Revolution und deren Eskalation: Kleists Zeitgenossen diskutierten darüber, welche Opfer im Namen der Gerechtigkeit legitim sind, und wie man diejenigen bestrafen darf, die Ungerechtes tun.

Man findet die Fragen des MICHAEL KOHLHAAS wieder in den heutigen politischen Debatten über die Legitimation durch Verfahren und die Legitimität von Widerstand gegen Juristik, Bürokratie und Staatsmacht (z.B. „Stuttgart 21“, „Gorleben“, „Heiligendamm“), über die Gerechtigkeit von Weltwirtschaft und Globalisierungsprozessen („Genua 2001“; ATTAC), sowie über die Legitimität und Widersprüche von – tatsächlichem oder angeblichem – Demokratieexport (der westliche Irakkrieg ab 2003; die westliche Afghanistan-Mission ab 2001, etc.), sowie über angemessene und unangemessene Terrorbekämpfung – ganz zu schweigen von historischen Debatten über Selbstjustiz, bzw. guten Widerstand (20. Juli 1944; Resistance) und bösen Terrorismus, die gerade in jüngster Zeit auch im Kino ein hochaktueller, facettenreich behandelter Stoff waren (BAADER MEINHOF KOMPLEX; CARLOS).

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„Das Rechtsgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.“

Heinrich von Kleist, MICHAEL KOHLHAAS

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Trotzdem sollte man sich nicht täuschen. Die Stuttgarter Wutbürger sind keine Kohlhaas‘. Wären sie das, hätten sie Mappus gehängt und das Ministerpräsidentenpalais niedergebrannt.

Die Themenkomplexe „Empörung“ und „Aufstand“ scheinen aber zusätzliche aktuelle Bedeutung zu erlangen: In Deutschland wurde Ende 2010 das französische Manifest DER KOMMENDE AUFSTAND zum von der Kritik gefeierten und vieldebattierten Bestseller. In Frankreich wurde im Januar 2011 der Essay INDIGNEZ VOUS! von Stéphane Hessel zum Überraschungserfolg und verkauft sich über 700.000 Mal. Vielleicht ist es also Zeit, mit Kleist-Lektüren einmal an den ERKUNDUNGEN FÜR DIE PRÄZISIERUNG DES GEFÜHLS FÜR EINEN AUFSTAND (Rolf Dieter Brinkmann) zu arbeiten.

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Als literarisches Werk ist MICHAEL KOHLHAAS fiktional und keineswegs ausschließlich auf seine Entstehungszeit bezogen: Die Novelle spielt zwar im 16. Jahrhundert, doch reichert sie Kleist durch zahlreiche Motive aus späteren Zeiten und seiner Gegenwart an – ähnlicher Verfahren der Abweichung historischer Wahrheit und des Patchwork bedienen sich auch andere Kleist-Geschichten. Sie machten MICHAEL KOHLHAAS zu seiner Entstehungszeit unmittelbar nach Preußens Niederlage gegen Frankreich und zur Zeit des beginnenden spanischen Partisanenkriegs gegen Napoleon zu einem zeitgenössischen Stoff und machen Kleist bis heute zu einem hochmodernen Autor. Wir sind gespannt.

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„Der herrlichste und wollüstigste aller Tode… Du wirst begreifen, daß meine ganze jauchzende Sorge nur sein kann, einen Abgrund tief genug zu finden, um mit ihr hinab zu stürzen… Ein Strudel von nie empfundener Seligkeit hat mich ergriffen, und ich kann Dir nicht leugnen, daß mir ihr Grab lieber ist als die Betten aller Kaiserinnen der Welt. … Ach, ich versichre Dich, ich bin ganz selig.“

Heinrich von Kleist in einem seiner Abschiedsbriefe

Bild-Copyright: Festival de Cannes 2013