Seite auswählen

PIETA, Kim ki-duk

Lieder am Lido: Der Koreaner Kim ki-duk gewinnt den Goldenen Löwen

Venedig-Blog, 13 Folge

Wir werden unseren Freund und Kupferstecher Dr. Josef Schnelle, pardon: Giuseppe Rapido in Zukunft nur noch Orakel-Jupp nennen. Denn wie im Vorjahr bei Sokurov hatte er auch diesmal erstaunlich früh und sicher vorausgesagt, dass Kim Ki-duk den Hauptpreis gewinnen würde: „Großartig. Goldener Löwe“ verkündete die sms gleich nach der ersten Pressevorführung am letzten Montag.

***

Ulrich Seidl

Italien, wie wir es kennen und lieben: Leichtbekleidete Dauerlächel-Moderatorinnen als fleischgewordene Remineszenz an Bunga-Bunga-Land; Moderatoren im Smoking, die vor der Abschlußgala zwei Stunden lang ununterbrochen moderierten, und alles, aber auch alles, was sich da aus den Lancia-Sponsorenboliden schälte, „bella!“, „bellissima!!“, „emozionante!!!“ fanden, und Ulrich Seidl fragten: „What is the message of your movie?“ („Meine Filme haben keine Message…“); ein vergessener Preis für einen Kurzfilm (der wurde dann am Abend beim Buffet nachgereicht); ein vertauschter Preis (er wurde dann halt gleich auf offener Bühne zurückgetauscht, wofür Laetizia Casta dann halt mal – „one moment please, there was a little mistake, hihi“) – die Preisrede Ulrich Seidls unterbrach. Und auch sonst Pleiten, Pech und Pannen bei der Preisverleihung. Ansonsten gab es noch Lieder am Lido. Und auch die Preisvergabe selbst bot am Samstag eine handfeste Überraschung, als der Präsident der Internationalen Jury, Hollywoodregisseur Michael Mann, den Gewinner des Goldenen Löwen verkündete: „Its my great pleasure to give the Golden Lion Award to: Kim ki-duk“.

***

Als in den letzten Tagen unter den Besuchern der Filmfestspiele von Venedig über die möglichen Sieger spekuliert wurde, hatte kaum einer den Koreaner Kim ki-duk auf der Rechnung.

Die anderen ausgezeichneten Filme, das prächtige Generationenportrait APRÈS MAI vom Franzosen Olivier Assayas, Paul Thomas Andersons THE MASTER, eine verkappte Biographie des Scientology-Gründers L.Ron Hubbard, zugleich die Fortsetzung von Andersons Americana-Epen über Vater-Sohn-Beziehungen und schließlich Ulrich Seidls in ihrer Provokation so kalkulierte, wie in der Inszenierung großartig enervierende Katholizismus-Groteske PASSION: GLAUBE – sie alle hatte man unter den Favoriten gesehen. Und dass es auch einen italienischen Sieger geben würde, das gebot allein schon die Höflichkeit gegenüber den Gastgebern.

***

Kim ki-duk

Aber ausgerechnet Kim ki-duk! Mehr als einmal war die Regiekarriere des Koreaners schon am Ende. In seinem eigenen Land war er immer ein Außenseiter. Die Koreaner mögen Kim nicht, sie unterstellen ihm Kalkül und finden seine Filme so wenig intelligent wie stillos. Und wer die letzten Werke von Kim, der jährlich mindestens einen Film dreht, gesehen hatte, alles, was etwa seit 2005 auf Festivals lief, musste den Kritikern recht geben: Zu manieriert waren diese Filme, und hatten nichts zu sagen – ganz anders, als so viele andere Werke aus dem „Land der Morgenstille“.

Kim war am Ende. Er trank zuviel, erlitt psychische Zusammenbrüche und konnte nicht mehr drehen. Doch im letzten Jahr kam ARIRANG und mit diesem Film zog sich Kim wieder einmal selber aus dem Sumpf: Ein Dokumentarfilm über die eigene Schaffenskrise, in der man nur Kim allein in seiner bescheidenen Provinzhütte sieht, beim Feuermachen, Kochen, Schlafen, und beim Lamentieren über die eigene Lage. Damit drehte Kim, der als Maler begonnen hat, auch ein filmisches Selbstportrait in der Tradition der Alten Meister. Als Münchhausen des Kinos findet Kim offenbar die Kraft zu einem Neubeginn – und so sang er denn vor der versammelten Weltpresse das koreanische Volkslied ARIRANG.

***

PIETA – Kim ki-duk

Hat er den Preis verdient? Ich kenne außer Giuseppe Rapido keinen, der den Preis angemessen findet. Kims Siegerfilm PIETA ist trotz seines Titels eine sehr weltliche Rachegeschichte, bei der eine Mutter einen zynischen Schuldeneintreiber für den Tod ihres Sohnes bestraft. Die vom Koreaner ungewohnte Arthouse-Variante eines Exploitation-Films – nicht wenigen schien deren so unnötige wie explizite Gewaltdarstellung vor allem den Zuschauern gegenüber sadistisch. Kim mischt Elemente verschiedener koreanischer Erfolgsfilme der Konkurenten miteinander – auf schlechte, aber für westliche Geschmäcker konsumierbare Weise. Kulinarisches Kino à la Korea.

Ich finde: Wer Kim für diesen Film einen Preis gibt, hat dessen Gesamtwerk nicht präsent, und auch nicht das von Park chan-wook und Kim jee-woon. Ich selbst mochte Kim ki-duk früher, besonders ADDRESS UNKNOWN und THE ISLE, finde aber, dass seine Filme spätestens nach BIN JIP langweilig wurden. Aber offenbar war PIETA im Gegensatz zu anderen mehrheitsfähig – in einer Jury, die sichtbar miteinander gestritten hat: zu deutlich waren die Unterschiede zwischen den prämierten Filmen.

***

Was wirklich blöd ist: Die drei Hauptpreise bekommen genau die drei selbstbesoffensten Regisseure des Wettbewerbs. Wieder einmal bewahrheiten sich so zwei Bauernregeln: Die erste lautet: Je besser die Jury, um so schlechter die Preise. Die stimmt nicht immer, in Cannes 2009 und 2011 wurde sie widerlegt. Die zweite lautet, und sie stimmt immer: In Venedig gewinnen immer die falschen Filme. Davon kann sich jeder selbst überzeugen.

***

So ging am Samstag ein insgesamt guter, aber keinesfalls überragender Wettbewerb zuende, in dem die Themenfilme deutlich das Interesse an der Form, am Experiment und künstlerischer Innovation überwogen. Inhaltlich ging es um Glaube und facettenreiche Innenansichten von Religion, um das Erbe von 1968, und die sehr aktuelle Frage, wann Widerstand gerechtfertigt sein kann. Die Geschichten waren spannend und auch politisch brisant, während ästhetisch das Kino hier kein Film neu erfunden hat.

***

Der neue Venedig-Leiter Alberto Barbera kann also einigermaßen zufrieden sein. Der Neuanfang ist geglückt. Aber ob er wirklich etwas von Programmierung versteht? Das Festival war gut, es war viel los, zugleich plätscherte alles so dahin. Es gab keine rechte Dramaturgie, außer ein paar Äußerlichkeiten: Amerikaner am Anfang und am Ende, dazwischen Asiaten und Europäer. Oder: Religion am Anfang, dann die Frage nach dem Erbe von 1968.

Und die Baustellen sind nicht zu übersehen. Vom gescheiterten Bau des Festivalpalasts ist nur ein großes doppeltes Loch geblieben – in der Erde und finanziell. Und der mit großem Aplomb verkündete Markt war ein Reinfall. In dunklen überklimatisierten Räumen saßen die Händler und holten sich statt neuen Aufträgen nur eine Erkältung.

So muss sich Venedig noch mehr einfallen lassen, um die Konkurrenz weiter auf Distanz zu halten. Bisher ist das Alleinstellungsmerkmal vor allem die dekadente Schönheit der Lagunenstadt, das aber durch überteuerte Hotels und Logistikpannen mehr als ausgeglichen wird. Die inneritalienische Konkurrenz scharrt bereits mit den Füßen: Im November findet in Rom das zweite große Festival Italiens statt. Rom hat Geld und umgarnt die Produzenten mit geradezu luxeriösen Bedingungen – und sein neuer Direktor ist ein alter Bekannter: Barberas Venedig-Vorgänger Marco Müller. Er wird sich gestern, wegen der Preise und wegen der Pannen, die Hände gerieben haben.

Pin It on Pinterest