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Der „Neue Mensch“ ist schon da – Die 120 Tage von Caligari, Folge 8

von | 13 Jun 2015 | Caligari auf Filmtour, Kino, Rüdiger Suchsland auf Filmtour | 0 Kommentare

Friede den Palästen der Republik: Tote und Untote aus den Ruinen des 20. Jahrhunderts

„Man müsste, wenn jemand stirbt, eigentlich keinen Nachruf auf den Toten schreiben, sondern einen auf die Gesellschaft, die ihn überlebt. Wie sie sich die Dinge zurechtlegt, um selbst gut dazustehen. Wie sie, noch angesichts des Todes, so tut, als würde sie in ihrem abschließenden Urteil letztlich doch noch immer Gnade vor Gerechtigkeit ergehen lassen. Nichts Schlechtes über die Toten heißt in Wahrheit: nichts Schlechtes über die Überlebenden. Es ist kein Zufall, dass es fast immer eine ganze Generation dauert, bis die Revisionen von Biographien beginnen.“

So sprach Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, in seinem Nachruf auf Bernd Eichinger in der FAS am 30. Januar 2011.

Heute vor einem Jahr ist Schirrmacher selbst gestorben, mit erst 54 Jahren, und er ist unvergessen. Man könnte, was er über Eichinger schrieb, auf ihn münzen. Die Revision seiner Biographie, die Betrachtung dieser einmaligen und ohne Frage fesselnden Figur des intellektuellen Lebens der letzten 30 Jahre scheint jenseits aller verständlichen Erschütterung noch immer nicht möglich. Es wäre aber gut, wenn wir dazu bald die Fähigkeit entwickeln könnten. Nicht nur, weil er das sicher goutiert hätte. Sondern wir können von Schirrmacher vieles lernen, nicht zuletzt über uns selbst.

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Den Lobeshymnen der Nachrufe auf den Journalist, den Blattmacher, den Intellektuellen und auch in denen auf den Freund haftet beim Wiederlesen oft auch ein falscher Ton an. Manche sind berührend. Viele handeln, wie das so ist bei Nachrufen, eher von denen, die ihn schreiben. Der falsche Ton aber kommt daher, dass die Texte sich wie Beschwörungen lesen: es möge doch nicht zuende sein mit dem Journalismus, für den Schirrmacher lebte. Dabei war es mit dem schon zu Ende, als er noch lebte. Denn Schirrmacher, und das fehlt in den Nachrufen war einerseits ein Katechon, gemäß der biblischen Figur des „Aufhalters des Endes“, der Apokalypse. Aber er hat das Ende auch selbst herbeigeführt, hat das zerstört, was er doch bewahren wollte. Blickt man genauer hin, ist sein Wirken überaus widersprüchlich.

Weniges zeigt das besser, als seine Behandlung des Films. Da schwärmt er bei Gelegenheit vom Visual Turn, da holt er drei Filmkritiker von der Konkurrenz, wie sonst nur der FC Bayern die Fußballer, da werden über bewegte Bilder ganze Zeitungsseiten freigeschaufelt, wenn es sich um YouTube, Streamingdienste oder Fernsehserien handelt, oder man die textbeispiellastige Urheberrechtsdebatte mit Hysterieszenarien anfeuern muss – doch über das Kino hat Schirrmacher aber nichts Substantielles zu sagen gehabt. Jenes Geschichtsbewußtsein, das ihn wunderbare Texte über Thomas Mann und Kafka schreiben ließ, ließ ihn beim Kino, und nicht nur dem deutschen, völlig im Stich.

Ihm fehlte sogar jener Basis-Instinkt des Geschmacks, der ihn daran hätte hindern können, Tom Cruises VALKYRIE als Film und nicht nur als Bebilderung des 20. Juli 1944 anzusehen. Da genügte, wie in anderen Fällen auch, vollkommen „das Thema“, von dem er sich „eine Debatte“ versprach. Im Theater, der bildenden Kunst, von der Literatur ganz zu schweigen hätte Schirrmacher das anderen nie durchgehen lassen. Und so zeigt sich die sehr deutsche, im womöglich gar nicht so bewusste Verachtung der Bildmedien.

Als Michael Althen, der von der SZ geholte Stareinkauf im FAZ-Sturm dann 2011 starb wurde – unter Schirrmachers Ägide als erstes die DVD-Seite eingestellt, dann die Filmseite reduziert, und die Filmredakteurin Verena Lueken als stellvertretende Feuilletonchefin abgesetzt.

Qualitätsjournalismus war das schon dann nicht mehr. Der Anfang vom Ende begann schon vor Schirrmachers Tod.

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Die Filmtour geht inzwischen weiter. Heute, am Samstagabend, bin ich für eine Vorstellung mit VON CALIGARI ZU HITLER in Karlsruhe in der Kinemathek. Am Sonntagmittag bin ich dann bereits in München im Theatiner zur Spät-Matinee um 13.45 Uhr – bekanntlich in einem der schönsten Kinos Deutschlands. ich habe mir immer gewünscht, dass mein Film dort laufen könnte.

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Davor habe ich meinen Film in Darmstadt im „Rex Kino“ vorgestellt, am Sonntagnachmittag dann in Berlin im FSK, wo er an diesem Sonntag nochmal läuft, und an diesem Mittwoch in Ludwigsburg im „Caligari“-Kino neben der Filmakademie. Veranstaltet wurde die Vorführung vom Stuttgarter Haus des Dokumentarfilms.

Im Vorfeld der Darmstädter Vorführung hat Stefan Benz vom „Darmstädter Echo“ mit mir ein schönes Interview gemacht.

Hier kann man alle Termine nachlesen, und auch erfahren, in welchen Städten und wann der Film genau läuft.

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Im Fernsehen weiß man sich zugleich heute Vormittag nicht zu retten vor Relikten des 19. Jahrhunderts: In London paradiert beim „trooping the colours“ die Garde der Queen, in Stockholm gibt’s eine Prinzessinnen-Hochzeit und in Berlin das Richtfest des betonierten Gerüsts für die Stadtschloß-Attrappen. Dies ein einziger Samstag im vereinten Europa. Modern Life? Eher postmodern life, jene innerlich gnadenlose, nach Außen zuckerbäckerhafte Retro-„Moderne“, die sich bereits seit den 70ern angekündigt hat. Zugleich der Todesschein unter jene alte Bauhaus-Parole „Volksbedarf statt Luxusbedarf“, unter die plumpe Egalität, die moralisch aufgeladene Gleichmacherei, die ihren asketischen Kern nur mühsam verbrämt. Wer so etwas noch glaubt, müsste wohl in Ikea den perfekten ästhetischen Ausdruck und somit den Gipfel des Demokratischen erkennen. Tatsächlich aber geht das ökonomische Downsizing, dessen ästhetischer Ausdruck Ikea ist, prächtig zusammen mit den Paraden der Monarchien und den Superhelden Hollywoods.

Die Monarchie, ihre Paraden, ihre Schlösser, die die Demokratien jetzt sogar ohne dazugehörige Königsfamilie bauen (und gegen den „Volkswillen“), sind der tatsächliche Volksbedarf. Luxusbedarf hingegen ist die Revolution, die ihn ein einst abschaffen wollte. Revolutionäre fahren Maserati, das wusste zumindest Francoise Sagan. Den Volkswagen bauten die Nazis.

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Aber auch der stärkste Stahlbeton wird die Masken dieser Gesellschaft auf Dauer nicht halten können. Dafür ist der Gips zu schlecht, in dem sie gefertigt sind, das Gerüst schon jetzt porös. Und auch unter dem Stadtschloß liegt der Sand, der märkische. Der wahre Palast der Republik.

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Man muss im 21. Jahrhundert alles neu denken. Vor allem Politik, Demokratie und Revolution. Der „neue Mensch“ ist da, jetzt brauchen wir den Übermenschen.

Q&A

In dieser Sektion beantwortet Rüdiger Suchsland Fragen zu seinem Film und zur Kinotour. Stellt Eure Fragen auf Facebook oder hier in den Kommentaren, und in den nächsten Blogs wird er Euch die Antwort geben.

Oliver sagt:

Ich war gestern bei der Vorstellung im Hamburger Metropolis dabei – danke für den interessanten Abend.
Die Generation der „Vater-suchenden“ des Neuen Deutschen Films war ja durch Volker Schlöndorff verteten und ich habe mich gefragt, ob Du versucht hast, Werner Herzog für den Film zu bekommen. Er erscheint mir durch seine bekundete Leidenschaft für das Weimarer Kino, die Verbundenheit zu Lotte Eisner und den eigenen Nosferatu noch naheliegender.

Rüdiger Suchsland antwortet:

Danke! Deine Frage ist sehr berechtigt. Ich habe tatsächlich mal bei Herzog angefragt, das wurde aber schnell abgeblockt, und ich bin darüber offen gesagt nicht allzu traurig. Denn ehrlich gesagt hätte ich Angst gehabt, dass Herzog zuviel von sich und seinen sehr persönlichen Vorlieben spricht, vor allem davon nicht absehen kann.
An Volker Schlöndorff schätze ich seine Offenheit, seine fast jugendliche Neugier und die Bereitschaft sich auf Anderes einzulassen. Er war daher für mich die mit großem Abstand erste Wahl für einen Repräsentanten seiner Generation.

Zweite Wahl wäre Alexander Kluge gewesen: Der spricht aber nach meiner Erfahrung weniger gern über die Vergangenheit und andere deutsche Filmemacher.

Wim Wenders wäre auch schön gewesen, weil der auch viel Liebe und Respekt für das Weimarer Kino hat, für Lang und Kracauer. Das einzige Gegenargument: Er taucht bereits in AUGE IN AUGE auf, Michael Althens und Hans Helmut Prinzlers Film über die deutsche Filmgeschichte. Und er spricht dort über Fritz Langs M. Derartige Wiederholungen sollte man vermeiden.

Herzog wäre nur als ein ergänzender, also zusätzlicher Interviewpartner infrage gekommen – er ist aus meiner Hinsicht kein guter Repräsentant des Neuen Deutschen Films, sondern ein Außenseiter, der sich selbst auch immer als Außenseiter stilisiert.

Mein Film ist ein subjektiver Film, der persönliche Schwerpunkte setzt und Wertungen vornimmt. Über die kann selbstverständlich streiten, man kann sie falsch finden.
Aber sie sind , wie der Film ja zeigt, die, dass ich Fritz Lang für den interessanteren (und womöglich wichtigeren) Filmemacher halte, als Murnau, und dass ich das Buch von Kracauer für wichtiger halte, als das von Eisner.

Dies hätte Herzog gewiss bestritten – aber die Debatte über solche Entscheidungen ist nicht Thema meines Films, sie hätte ihn gestört. Denn der Film handelt ja nicht von Kracauer, sondern vom Weimarer Kino, und nutzt Kracauer als Sprungbrett in dieses.

Gern würde ich irgendwann einen Film machen, der Kracauer/Eisner ins Zentrum rückt. Dann wäre Hrzogs Beitrag interessanter, als hier.

Bald mehr zu alldem in diesem Blog

MrFahrenheit sagt:

Ich habe „Von Caligari zu Hitler“ im Casablanca angesehen. Leider ist es nicht _der_ Film über das Weimarer Kino geworden, den ich mir erhofft hatte. Ein wenig haben mir der rote Faden und eine ausgefeilte Dramaturgie gefehlt; wäre ich mit Kracauers Thesen nicht vertraut, hätte ich das Kino wohl einigermaßen verwirrt verlassen. Vieles wird angeschnitten, aber nicht zu Ende gedacht – vieles wird erwähnt, aber nicht eingeordnet. Dabei soll der Film doch auch und gerade für Laien geeignet sein; die erfahren aber leider nicht einmal, was Expressionismus eigentlich ist.
Auch den – manchmal zu verschwurbelten, manchmal zu simpflifizierenden – Dauerkommentar fand ich stellenweise unnötig. Dass Herr Suchsland kein ausgebildeter Sprecher ist, hört man ihm leider an. Ich vermute allerdings, dass bei der Entscheidung, den Part des Erzählers selbst zu übernehmen, weniger Eitelkeits-, sondern vielmehr Geldfragen den Ausschlag gaben.
Inhaltlich gäbe es auch den ein oder anderen Kritikpunkt, bis hin zu faktischen Fehlern. Gerade Schlöndorffs „Expertenaussagen“ lassen leider jegliche Substanz vermissen. Aber das soll hier nicht im Vordergrund stehen, ist in anderen Rezensionen ja auch zu Genüge besprochen worden. Die genannten Kritikpunkte sollten zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Film durchaus sehenswert ist, gerade weil er den Blick auf Regisseure und eine Regisseurin lenkt, die selbst Liebhabern des Weimarer Kinos nicht unbedingt geläufig sein dürften. Vom Hocker gerissen hat er mich zwar nicht – und ob man ihn sich unbedingt im Kino ansehen sollte, sei dahingestellt (dann vielleicht doch lieber in Wienes „Caligari“ gehen) – aber schön (dank der zahlreichen Filmausschnitte) und anregend ist die Dokumentation dennoch: sie bietet Gesprächs- und Diskussionsstoff und macht Lust darauf, sich die Filme Langs, Murnaus und Lubitschs noch einmal anzusehen und neue Perlen zu entdecken.

P.S.: Gewundert hat mich allerdings die stellenweise miserable Qualität der verwendeten Filmausschnitte – besonders auffällig bei Murnaus „Nosferatu“, aber auch beim „Golem“. Soweit ich weiß, existieren von beiden Filmen mittlerweile aufwändig restaurierte Fassungen (Der restaurierte „Nosferatu“ wurde letztes Frühjahr in Nürnberg gezeigt und ist sogar auf YouTube zu finden). Dabei war die Murnau-Stiftung doch offensichtlich an der Doku beteiligt, und bei „Metropolis“ und „Die Frau im Mond“ war ja auch alles paletti.

Rüdiger Suchsland antwortet:

Lieber MrFahrenheit,

danke für Ihre offenen Worte und schade, dass es für sie nicht „der Film über das Weimarer Kino“ geworden ist, den Sie sich erhofft hatten.

Ihre Kritikpunkte kann ich aber nicht wirklich teilen. Ich versuche es mal der Reihe nach durchzugehen:

– zu Ihrem Vorwurf, es fehle der rote Faden und eine ausgefeilte Dramaturgie:
Stellen Sie sich einmal vor, Sie müssten die mehreren hundert erhaltenen Weimarer Filme zu einem Dokumentarfilm hierüber ordnen, und zu gewissen Thesen bündeln. Und sie wollten dazu ein paar Grundinformationen zu Kracauer und seinem Werk präsentieren (auch wenn die ja keine Buchverfilmung ist) und ebenso ein paar Grundinfos zur Weimarer Kultur, Gesellschaft und Politik. Und das in 90-120 Minuten, also selbst bei nur 150 Filmen mit weniger als einer Minute Zeit pro Film.
Wie kann man das überhaupt bewältigen?
Meine Antwort: Ohne starke Reduktion und deutliche Simplifizierung geht es nicht. Ich habe versucht, mal mehr, mal weniger zu simplifizieren, ich wollte Schwerpunkte setzen und bestimmte Thesen vergleichsweise stark machen.

Daher wird tatsächlich „erwähnt, aber nicht eingeordnet … vieles angeschnitten, aber nicht zu Ende gedacht“.
Die erste Gegenfrage wäre: Was wird denn falsch eingeordnet? Bitte ein Beispiel.
Zweite Gegenfrage Wie sähe es denn aus, wenn im Kino etwas zu Ende gedacht würde. Können Sie Beispiele nennen, wo das aus ihrer Sicht zureichend gelingt?
Dritte Gegenfrage: Finden Sie Godards Filmgeschichte gut oder schlecht?

– Sie stört es, dass wir „nicht einmal [erfahren], was Expressionismus eigentlich ist.“
Das stimmt, aber kann man tatsächlich in so einem Film definieren? Genaugenommen erfahren Sie bei vielen solcher Begriffe nichts Näheres. Damit muss der Zuschauer leben, ich setze klarerweise ein Grundinteresse und damit auch Grundwissen voraus.
Und: Viele Dokumentarfilme verzichten komplett auf Off-Kommentare. Was glauben Sie, was sie da alles nicht erfahren. Schon lustig, dass ich mich bisher immer gegen den Vorwurf wehren musste, zu didaktisch zu sein, zuviel zu erklären.

– Mein Kommentar ist tatsächlich mitunter verschwurbelt und dann wieder simplifizierend – da gebe ich Ihnen recht. Das ist er aber nicht um sie zu ärgern, sondern weil er gar nicht so tun will, als wäre er objektiv. Es ist ein persönlicher Kommentar, der „eine mögliche“ Geschichte des Weimarer Kinos erzählt, oder besser noch: Meine. Nicht mehr und nicht weniger.
Genau darum und nur darum habe ich den Kommentar selbst gesprochen. Finanzielles war nicht ausschlaggebend. Aber auch Godard, Truffaut, Marker, Resnais, Dominik Graf und Michael Althen sprechen/sprachen ihre Filme selbst ohne Ausbildung. Beide Zugänge haben Vor- und Nachteile und generell wird, so scheint mir, Ausbildung überschätzt.

– Wo lässt Schlöndorffs Aussage „leider jegliche Substanz vermissen“? Wo wurde das „zu Genüge besprochen“?

– Die Filmausschnitte bei NOSFERATU und GOLEM stammen aus den neuesten, restaurierten Fassungen der Murnau-Stiftung.

Gruß
RS

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