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Der religiös-paranoide Komplex

von | Sep 11, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Unreine Gewässer: Israels Kino rückt den jüdischen Fundamentalismus ins Zentrum – auf verschiedene Weise

„Avtalion said: Sages, be careful with your words lest you incur the penalty of exile and are called to a place where the waters of learning are impure and the disciples that come after you drink of them and die; and the Heavenly Name is consequently profaned.“
Aus der Torah

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Das geht ja schon mal gut los: Hebräisch mit italienischen Untertiteln. Der Rest fehlt. Also buht und ruft und lacht und stöhnt der gut gefüllte Palazzo di Cinema. 8:45 am Morgen ist allemal keine ideale Zeit, um ein fast dreistündiges Polit-Dokudrama anzugucken, noch dazu wenn es von Amos Gitai stammt, dessen Ruf als Filmkünstler… sagen wir mal: nicht über jeden Zweifel erhaben ist. Der Film beginnt mit einen sehr konventionell gedrehten Interview mit Shimon Peres, dessen zentrale Aussagen ich mir aus den Untertiteln gerade noch zu zusammenreimen kann.
Glücklicherweise geht nach einer knappen Viertelstunde das Licht an.

„Der Kinoleiter war offenbar Kaffee trinken“, sagt einer hinter mir. Eine Italienerin neben mir meint: „Warum unterbrechen die, da waren doch nur etwa 50 Leute, die nicht folgen konnten.“ Will wohl heißen: Auf die kommt’s doch nicht an.
„It’s Italy!!“ ruft Kollegin Margret Köhler laut in den Saal. „It’s Germany!“, denke ich.
Ein Saaldiener schlägt die Plane vor der Fläche für die Untertitel zurück und bekommt viel Applaus. Winkt grinsend ins Publikum. Dann beginnt der Film nochmal von vorn.

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„Ihr Weisen, seid achtsam mit Euren Worten…“ Wie diese Sätze der Torah wohl von jenen extremistischen Priestern interpretiert werden, die die Denkschule hinter dem Anschlag auf Yitzhak Rabin bilden?

Diese Ereignis veränderte Israel – dieser Satz fällt mehrfach in diesem Film. Und wenn man religiös wäre, könnte man sich fragen, ob das Land nicht seitdem verdammt ist, bestraft wird für seine Sünden, durch die immer weitere Zuspitzung seiner inneren und äußeren Lage.

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„Wir haben für Yitzhak Rabins Ermordung einen hohen Preis bezahlt“, sagt Peres, er erwähnt die „Likud-Propaganda“ gegen seinen Parteifreund und die Spaltung der israelischen Gesellschaft, die in der Luft lag. „This made it possible.“
Vor allem lobt er Rabins Persönlichkeit: Nie habe er ihn mehr bewundert, als in den Wochen zwischen Oslo und seiner Ermordung. „He gave up no ground. No ground. That is the test“, sagt Peres über Rabin, und damit zugleich über das Wesen guter Politik.
Zu dem gehört auch das Risiko des eigenen Lebens: „If you send out a soldier, he may be killed. And the same is for a political leader.“

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Dann dokumentarische Aufnahmen einer großen Friedensdemonstration in Tel Aviv 1995, dazu Sätze aus Yitzhak Rabins letzter Rede, Bilder Minuten vor seiner Ermordung. Kaum zu glauben, dass das schon zwanzig Jahre her ist – jener Samstagabend des 4. November 1995, an dem der damalige israelische Premierminister Yitzhak Rabin ermordet wurde. Sein Mörder war kein Araber, sondern ein gläubiger Jude: Yigal Amir, Student jüdischen Rechts und des Talmud und Soldat, der sich zur Rechtfertigung des Mordes auf religiöse Vorschriften berief. Die Untersuchung des Anschlags öffnete seinerzeit die Tür zu den inneren Abgründen Israels, zu einem bis dahin unbekannten oder ignorierten dunklen Israel, einer Schattengesellschaft, die religiösen Fundamentalismus mit Hysterie und Verschwörungstheorien verband. Viele unbequeme Fragen tauchten auf, denen sich Israels Gesellschaft nur zögerlich stellen wollte – bislang machte auch das Spielfilmkino einen großen Bogen um dieses Ereignis.

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Jetzt hat Amos Gitai, der international bekannteste und nach wie vor wohl trotz allem renommierteste israelische Filmregisseur dieses heiße Eisen angepackt: RABIN, THE LAST DAY, der 35. Film des 1950 geborenen Gitai, läuft im Wettbewerb um den Goldenen Löwen. Der Film, ein Dokudrama mit viel Reenactment, konzentriert sich auf die letzten Stunden von Rabins Leben, auf die Ermittlungen der Untersuchungskommission und auf die Folgen des Mordes: Scham und Selbstzweifel unter zumindest einem Teil von Israels religiösen Juden, die Rabin noch kurz vor seiner Ermordung öffentlich verunglimpft hatten. Jener Rabbis wie Dov Lior und Nachum Rabinovitz, die Rabin mit unglaublich harten Angriffen überschütteten: „The villain Rabin“, „Ein Feind des Volkes“, „He’ll find his death in less than a month from now – we call the angels of destruction.“

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Dieser Engel kam dann auch aus ihren Reihen. Der Film zeigt sie: Junge Fanatiker, Rechthaber in Holzfällerhemden, Ignoranten mit Bärten, Mafiagangs, wie die ETA und die IRA. Die Nationale-Kitsch-Armee-Fraktion. Die Übergänge zwischen ihnen und Paranoikern sind fließend: In Gitais Film begegnen wir der „Ärztin“ Dr. Neta, die einen Vortrag hält, dessen Thema die „Charakteranalyse“ Rabins ist. Sie begründet ausführlich, warum er an Schizophrenie leidet, den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren hat, ein „megalomaniniac“ sei. Wir begegnen Historikern, die erklären, warum sich Israel nach dem Vertrag von Oslo in ähnlicher Lage befindet wie „the occupied France facing Nazi-Occupation“, „we are like Vichy“, „Rabin will be put to trial like Petain“. Wir begegnen Religionswissenschaftler, die „beweisen“, dass das israelische Kabinett aus „Satanisten“ besteht.

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Ergänzt wird dieser religiös-paranoide Komplex durch die Likud-Partei, den „National Block“ Israels, der auch „Tod für Rabin“ auf manchen Plakaten stehen hat, auf anderen Rabin in SS- oder GESTAPO-Uniform zeigt, als Totenkopf, oder schreibt, man werde Rabin „mit Blut und Feuer“ bekämpfen.

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So ist dies vor allem eine schockierende Milieustudie der politischen Rechten Israels. Der Film zielt eindeutig auf die Gegenwart, auf Likud und Netanjahu.
Der glorreiche Sieg im Sechstagekrieg von 1967 erscheint rückblickend als der Wendepunkt und als das große Problem: Da bekamen die Rechten und Nationalisten plötzlich Oberwasser, von da an ging es nicht mehr um das nackte Überleben Israels, sondern um Ausweitung des Territoriums zu einem „greater Israel“, das der Likud immer wollte.

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Gegen Ende hören wir die Frau von Rabin: „Ich hätte nicht gedacht, dass das möglich gewesen wäre.“ Auch sie verweist auf die „Denkschule“ der Likud-Wähler und die Rechtsextremisten, auf die veränderte gesellschaftlich-politische Kultur.
Der Abschlussbericht der Kommission fordert Konsequenzen für die Gesellschaft als Ganzes, im Besonderen das Erziehungssystem. „Israel wird nie wieder sein, wie zuvor.“
„Ist Israel noch zu retten?“, frage ich mich angesichts dieses traurigen Gesamtbildes.

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Als Film, also in Stil und Inszenierung ist dies, wie leider zu erwarten, hölzern, spröde, prätentiös, unelegant, voll pathetischer Musik, aber sehr informativ.

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Eine Fragenkaskade, die mir irgendwann durch den Kopf schoß: Warum gibt es eigentlich derzeit keine säkulare Befreiungsfront? Warum keine Linken, die ein paar rechte Politiker töten? Warum kein Attentat auf Benjamin Netanjahu?
Ist die Tatsache, dass es das nicht gibt, vielleicht die Schwäche der heutigen Linken?

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Davon abgesehen, dass Gitai in Venedig ein Stammgast ist, passt der Film auch sonst gut ins Programm eines Filmfestivals, das seit jeher sehr offen für Israels Kino gewesen ist, und dessen Programm zudem oft durch politisch brisante Themen gekennzeichnet ist. 2009 gewann hier Samuel Maoz‘ LEBANON den ersten Goldenen Löwen für Israel – ein bis heute auch in seiner Heimat umstrittener Kriegsfilm.

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In diesem Jahr laufen hier neben Gitais Beitrag noch zwei weitere Filme aus Israel, beide von jungen Frauen, die als Hoffnungsträgerinnen des jüngeren israelischen Kinos gehandelt werden: Ein derzeit sehr modisches Thema, nicht nur unter israelischen Filmemachern, und ein merkwürdiger Kontrast zu Gitais Film, ist die Neugier und klammheimliche Sympathie für das Milieu, das für Rabins Ermordung verantwortlich ist: Orthodoxe Juden und ihre Lebenswelt. Auffallend oft und weit überproportional – gemessen am Bevölkerungsanteil der Chassiden – tauchen ihr Leben und innere Konflikte Strenggläubiger derzeit in – nicht immer nur israelischen – Festivalfilmen auf. Oder Filme mit diesen Themen werden besonders gern genommen. Vielleicht spielt hier der Reiz des Exotischen auch eine wichtige Rolle, vielleicht ebenso das allgemein gewachsene Interesse an religiösem Fundamentalismus. Der Regisseurin Yaelle Kayam ist es in ihrem Spielfilmdebüt MOUNTAIN, der in der Nebensektion „Orizzonti“ gezeigt wurde, nicht wirklich gelungen wird, dem Sujet noch Neues abzugewinnen. Kayam thematisiert die Ehekrise und die Gewissenskonflikte einer jungen verheirateten Frau, die unter der Distanz zu ihrem Mann leidet. Bei einem ihrer einsamen Spaziergänge rund um den Jerusalemer Olivenberg ertappt sie ein Liebespaar, das auf einem Friedhof Sex hat – verstört kehrt sie zurück nach Haus, doch das Erlebnis lässt sie nicht los.

LAMA AZAVTANI (WHY HAST THOU FORSAKEN ME) von Hadar Morag läuft ebenfalls in den „Orizzonti“. Ein arabischer jugendlicher Kleinkrimineller und ein älterer, einsamer jüdischer Außenseiter, der mit dem Motorrad durch die Straßen streift, und sein Geld als Messerschärfer verdient, freunden sich an. Gemeinsam ist dem ungleichen Paar, das sie um Freiheit und Selbstkontrolle kämpfen – gegen eine feindselige Umwelt. Die junge Regisseurin Morag war bereits 2008 mit ihrem Film SILENCE auf dem Filmfestival von Cannes vertreten.