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Die ‚condition postmoderne‘ ist noch nicht vorbei, zumindest in den Köpfen nicht: Wohlfahrtstaatliche Ästhetik, die Ökonomie der offenen Rechnungen, und meine Antwort auf Roy Andersson

filmfestival venedig 2014Wenn man heute, nach dem Wochenende und dem stürmischen Montag einmal eine erste Zwischenbilanz zieht, dann ist sie gemischt. Nicht alle sind zufrieden mit dem diesjährigen Wettbewerb, und auch in den Nebenreihen gibt es noch keinen Film, der so richtig Furore macht. Das war, bei aller Wertschätzung für die Arbeit von Alberto Barbera, zu Zeiten von Marco Müller vor ein paar Jahren noch anders. Nick James von „Sight & Sound„, ein unabhängiger Kopf, meinte gestern Abend gar, nachdem er den Countdown für die letzten Transfers zur Premier League im Live-Ticker verfolgt hatte (und mit den Einkäufen seines Lieblingsteams ManU durchaus zufrieden war), dass wenn es so weiter ginge, Venedig bald die Reise nicht mehr wert sei.
Einstweilen ist aber auch Nick noch da, glücklicherweise, und wenn man die Punkte der Kritikerspiegel verfolgt, sieht die Qualität so schlecht nicht aus.

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Im Venice-Daily stimmen internationale Kollegen ab: Da kommt TROIS COEURS erwartungsgemäß schlecht weg, außer bei Michel Ciment und der Kollegin von „Le Monde„. Dass der Film für deutsche Kritiker nichts ist, war klar. Die Deutschen mögen Eindeutigkeit, ja keine Ambivalenzen. Interessant, dass Susan Vahabzadeh von der SZ bei Fatih Akin nicht ähnlich patriotisch abstimmt. Der Film bekommt nur von Le Monde weniger, von allen anderen mehr Punkte. Es führt der Eröffnungsfilm THE BIRDMAN wie beim italienischen Publikum. Da sieht man mal, wie volksnah die Filmkritik ist, zumindest in ihrer Festivalzusammenstellung. Bei den Italienern führt erwartungsgemäß THE LOOK OF SILENCE: Massaker und Opfer zählen doppelt in der Gunst der Profis und auch Dokumentarfilme machen sich auch immer gut.
Morgen könnte alles schon wieder ganz anders aussehen, denn heute lief der neue Film von Roy Andersson.

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Eine Taube saß auf einem Ast und dachte über die Existenz des Menschen nach. Piep.“ Diesen Witz liest man bevor der Film beginnt, und auch danach folgen hundert Minuten lang kurze Szenen auf kurze Szenen. Man kann sie je nach Temperament und Geschmack als gespielte Witze betrachten, als kleine sarkastische Reflexionen über menschliche Schwächen, oder auch als tiefere Einsichten über die Absurdität des Daseins. Allemal handelt es sich bei dem schwedischen Film A PIGEON SAT ON A BRANCH REFLECTING ON EXISTENCE um einen der besten und bestimmt den originellsten Beitrag im Wettbewerb von Venedig.

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Dann folgen gleich drei Szenen „Meeting with Death“. Auf den ersten Zwischentitel: „Meeting with Death 01“ folgt eine Szene, in der ein Ehepaar zu Abend essen will. Durch das Fenster sieht man: Draußen schneit es. Sie geht in die Küche, singt ein Lied. Er versucht eine Weinflasche zu öffnen, strengt sich an, ruft nach ihr, bricht zusammen, ruft nach ihr, stirbt dabei, ruft noch einmal nach ihr, sie hört es nicht, und singt stattdessen ihr fröhliches Lied.
„Meeting with Death 02“ zeigt ein Krankenhausbett: Darin eine alte Frau, drei Kinder, auch schon alt, umringen sie. Sie hält eine Handtasche umklammert, die Kinder wollen was darin ist, versuchen sie ihr zu entreißen. Lachen im Publikum über diese absurd-verzweifelte Szene. Dann „Meeting with Death 03“. Der Speisesaal eines Kreuzfahrtschiffs. Ein Toter am Boden. Der Kapitän und ein Arzt umringen ihn. Das Publikum im Esssaal guckt schweigend. Die Serviererin fragt: „Und was mache ich jetzt mit dem Essen? Er hat schon bezahlt.“ Der Kapitän: „Wir können nicht zweimal kassieren.

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Dann ein Tanzsaal: Flamenco-Unterricht, zwei Männer und fünf Frauen, die dicke Flamenco-Lehrerin ist offenkundig in den jungen Mann im Vordergrund verliebt. Er weist ihre Avancen zurück. Später sehen wir Breakup in dem Restaurant, ihre Verzweiflung, die Leute gucken.

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So geht es weiter. Zwei Running Gags: Nämlich immer wieder Telefongespräche, in denen die zu Sehenden immer je zweimal sagen: „Schön zu hören, dass es Dir gut geht.“ Gegen Ende des Films ist darunter auch ein potentieller Selbstmörder. Das alles soll uns wohl sagen, dass solche Rituale blöd sind, dass wir über unsere Gefühle nicht wirklich reden. Stimmt. Aber vielleicht hält genau das die Gesellschaft zusammen, die der Film zu verachten scheint, nicht zu lieben.

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Zweiter Running Gag: Zwei Humoristen, genau gesagt Vertreter von Scherzartikeln, die nie etwas verkaufen, aber offene Rechnungen kassieren und eintreiben wollen, und irgendwann selbst mit Schuldeintreibern konfrontiert sind. Das könnten wir verstehen als Aussage: Wir leben alle in einer Ökonomie der offenen Rechnungen.

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Wie soll man diesen Film beschreiben? Schon seit vielen Jahren ist Regisseur Roy Andersson berühmt für seine sehr absonderlichen und wohlstilisierten Betrachtungen über den Menschen, etwa in dem Film SONGS FROM THE SECOND FLOOR. Auch sein neues Werk fügt sich wieder in die sehr besondere Ästhetik dieses Regisseurs: Es gibt keine klare Hauptfigur, sondern gleich deren 10 bis 20. Neben den Darstellern spielen auch die Räume Hauptrollen. Die halbe Miete bei Andersson sind diese Räume. Sie sind gleichberechtigte Hauptdarsteller: Sie sind Grau in Grau, Grüngrau in Grüngrau gehalten. Ihre Möbel stammen aus der schwer definierbaren Zeit der „Trentes Glorieuses“, der drei Dekaden des europäischen Wirtschaftswunders zwischen 1945 und 1975 – eine leicht angestaubte wohlfahrtsstaatliche Ästhetik aus Brauntönen und Pastellfarben, aus Platik, Holz und billigem Metall. Die stilisierten Bilder sind auch sehr oft exakt nach Goldenem Schnitt gestaltet, von links kommen die Menschen, links ist der Raum offener, weiter, als rechts.
Sehr schön anzusehen das alles.
Man sieht zum einen Institutionen: Ein Krankenhaus, ein Männerwohnheim, eine Bushaltestelle, eine Gaststätte. Die Menschen in ihnen sind bis zum letzten Statisten überaus genau choreographiert. Die Menschen haben weißrosa geschminkte Haut und pastellfarbene Kleidung. Alle haben einen trüben, traurigen, depressiven Gesichtsausdruck. Und doch ist alles zusammen auf befremdende Weise schön anzusehen und strahlt etwas unbedingt Artifizielles aus, manche würden sagen Manieriertes. Und manchmal wird nicht geredet, sondern gesungen.

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A PIGEON SAT ON A BRANCH REFLECTING ON EXISTENCE ist ein sehr sehr lustiger Film. Wenn wir lachen, lachen wir zwar mit unter zynisch, oft sarkastisch, selten ironisch und nie mit den Figuren. Aber wir lachen. Wenn auch ein böses, verzweifeltes Lachen.
Trotzdem und trotz vieler Running Gags ist die Stimmung nicht heiter: A PIGEON SAT ON A BRANCH REFLECTING ON EXISTENCE zeigt oft Tod und Bosheit, Leiden, selten Liebe und Trost.

Die Menschen hier sind böse, hässlich, ihr Treiben sinnlos.

Ein philosophischer Film, misanthropisch – und vielleicht ist diese Misanthropie auch ein Teil des Problems -, aber eben auch eine berührende, kluge, wenn auch kalte Betrachtung über das Drama und die Absurdität der menschlichen Existenz und bisher einer der besten Filme im Wettbewerb.

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Die sarkastischen, schrilleren, artifizielleren Szenen gefallen mir am besten. Etwa: in Lokal der Gegenwart wird plötzlich von Soldaten des frühen 18. Jahrhundert heimgesucht. Sie räumen die Kneipe, alle Frauen müssen raus. Wenn man sich ein bisschen mit schwedischer Geschichte auskennt, weiß man gleich, dass es Karl XII. ist, der unglückliche strahlende Fürst und Feldherr des „Großen Nordischen Kriegs“. Der Film zeigt ihn als effeminierten Jüngling, der den Barmann in sein Schlafzimmer beordert. Vielleicht doch ein eher etwas billiger Witz.
Ansonsten ist die Szene großartig, weil zwei Welten aufeinanderkrachen, und man sich vorstellen kann, wie es wohl wäre, würden in den heutigen Alltag plötzlich Verhältnisse wie vor 300 Jahren einbrechen.

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Zwei weitere tolle, endgültig absurde Szenen kommen gegen Ende nach dem letzten Zwischentitel: „Homo Sapiens“. Ein Affe im Versuchslabor, auf schockierende Weise angekettet und sein Kopf eingespannt, der Schädel aufgesägt und verdrahtet. Ihm werden bei lebendigem Leib Stromstöße versetzt, während die Laborantin neben ihm – hässlich, dick, im Kittel, wie fast alle Menschen in diesem Film hässlich, dick und unvorteilhaft gekleidet sind – während diese Laborantin also ungerührt telefoniert. Das ist billigste Denunziation von Wissenschaft, aber trotzdem ein hocheindrucksvolles, dabei seltsam schönes Bild.
Ebenso das Nächste: Ein Dutzend Schwarze, offenbar afrikanische Eingeborene, angekettet zum Teil mit Halseisen – „wie der Affe“ kommt einem unwillkürlich in den Sinn, soll es wohl auch, obwohl und weil die Assoziation rassistisch ist. Sie werden von Weißen im Tropenkostüm mit Peitschen in einen Metallkessel getrieben, der wird erhitzt und beginnt sich zu drehen, womöglich von Innen im Überlebenskampf angetrieben. Es folgt ein 180-Grad-Schwenk auf eine Party-Gesellschaft aus lauter reichen Alten, die sich das Spektakel angucken. Auch das denunziert überaus billig westlichen Kolonialismus, ist aber gut abzusehen und als Bild für sich stark.

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Noch einmal zum Insert am Anfang, zum Titel: „Eine Taube saß auf einem Ast und dachte über die Existenz nach. Piep.“ Was sagt uns das eigentlich? Oder: Was soll uns das sagen? Alles ist eitel? Alles sinnlos? Aber was? Das Leben der Menschen? Oder vielleicht das der Taube? Denn genaugenommen wissen wir ja nicht, ob eine Taube überhaupt denken kann, und wie das ist, wenn eine Taube nachdenkt. Wenn sie über den Menschen nachdenkt vertäubt sie vielleicht alles Menschliches, weswegen dann nur ein „Piep!“ herauskommt, während umgekehrt, der Mensch, wenn er über die Taube nachdenkt, sie vermenschlicht, und eben glaubt, dass sie über die Existenz reflektiert, was natürlich auch nur ein humanistischer Fehlschluß ist. Immerhin schreiben Menschen Gedichte über Tauben, während Tauben keine Filme machen, und man auch von ihren Gedichten noch nichts gehört hat.
Mit anderen Worten: Was soll der Scheiß? So etwas auch nur kurz als philosophisches Problem ernst zu nehmen, zeigt nur etwas über die Schwäche und Sensibilität (vielleicht übertriebene Sensibilität) der Menschen, vor allem der europäischen über ihre Unfähigkeit, umgekehrt sich selber ernst zu nehmen und sich um sich zu kümmern, ihre Lage zu verbessern, anstatt nur vor sich hin zu jammern. („You are a crying-baby.“ das sagt natürlich der menschenverachtende der beiden Humoristen im Film zum Sensibilisten.)
Die Condition postmoderne ist leider noch nicht vorbei, zumindest in den Köpfen nicht.

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Aber im Ernst: Dieser Film, bei allen unbestreitbaren Stärken, erzählt mir gerade im Applaus, den er hier beim kulturbürgerlichen Publikum erfährt, etwas über unseren eigenen Zustand, über unsere Schwäche und den Selbsthass des Westens.
Wir reden gern von Menschenwürde, in der Kunst aber sprechen wir diese den Menschen ebenso gern ab, und erklären ihr Treiben und Tun, ihre vielleicht etwas spießigen Utopien und allzu niedlichen Ideale kurzerhand für obsolet. Und wundern uns dann über Isis und Konsorten, die die westlichen Werte endgültig in den Orkus katapultieren wollen.

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Wie ein Spiegel dieses Films und aus meiner Sicht wie seine Wiederlegung funktioniert LA ZUPPA DEL DEMOMIO vom Italiener Davide Ferrario. Der läuft außerhalb des Wettbewerbs und ist ein Dokumentarfilm über die Geschichte des Fortschritts im 20. Jahrhundert. Wunderbare alte Film-Bilder erzählen mit Schwerpunkt auf Italien, aber nicht ausschließlich, von Produktion und Konsum, von Rationalisierung und Innovation, von Elektrifizierung und Maschinisierung, von Fordismus und Futurismus von 1909 bis in die 1970er Jahre. Kaum Kommentar, dafür viele Texte von Pasolini und Sciascia, Ermanno Olmi und Carlo Emilo Gadda, aber auch in Deutschland unbekannten wie Ottiero Ottieri und Giorgio Bocca, Luigi Meneghello und Luciano Bianciardi. Es ist dies auch die überaus sehenswerte Geschichte einer Generation, die Kinder der Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs und des italienischen Faschismus, die 1920-1924 geboren nach dem Zweiten Weltkrieg Italiens Republik aufbauten.
Eine Zeitreise, die unter anderem von Fiat erzählt, dem ersten Fiat-Werk in der Sowjetunion, von Olivetti und Olivettis zu einer Art Idealstadt des Industriezeitalters umgebauten Geburtsort Ivrea.
Olivetti, heißt es, war „a taste, a style, a way of life„.

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Wie die Moderne. Die immer schon nichts anderes war, als Aufklärung, Verwestlichung, Rationalisierung. Wenn wir sie verwerfen und denunzieren, verwerfen und denunzieren wir uns selbst. Mit notwendiger Selbst-Kritik hat das alles schon lange nichts mehr zu tun.

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