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Bleu, bleu, l’amour est bleu

„Wenn ich dich nur hätte, sagte der Mensch zu einem Pferde, das mit Sattel und Gebiß vor ihm stand, und ihn nicht aufsitzen lassen wollte; wenn ich dich nur hätte, wie du zuerst, das unerzogene Kind der Natur, aus den Wäldern kamst! Ich wollte dich schon führen, leicht, wie ein Vogel, dahin, über Berg und Tal, wie es mich gut dünkte; und dir und mir sollte dabei wohl sein. Aber da haben sie dir Künste gelehrt, Künste, von welchen ich, nackt, wie ich vor dir stehe, nichts weiß; und ich müßte zu dir in die Reitbahn hinein (wovor mich doch Gott bewahre) wenn wir uns verständigen wollten.“

Heinrich von Kleist: DIE FABEL OHNE MORAL

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Blau ist der See, blau sind die Haare eines Engels, blau ist Blaubarts Bart, blau ist die Blume der Romantik, blau ist die wärmste Farbe… Ich habe mir heute gleich ein blaues Hemd angezogen, nachdem ich gestern Abend den bisher besten, faszinierendsten, schönsten Film im Wettbewerb gesehen habe: BLUE IS THE WARMEST COLOR (LA VIE D’ADELE) vom Franzosen Abdellatif Kechiche.

Wie einem enttäuschten Liebhaber war es mir mit diesem Regisseur noch bei BLACK VENUS ergangen, einem starren Kostümfilm, bei dem ich bis heute nicht begreife, was da Kechiche geritten haben mag. Um so schöner und eindrucksvoller jetzt diese Wiederkehr!

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„Bleu, bleu, l’amour est bleu“, sang vor knapp fünfzig Jahren Vicky Leandros. Was auch immer Abdellatif Kechiche, den Regisseur so großartiger Filme wie C’EST A FAUTE DE VOLTAIRE, L’ESQUIVE und LE GRAIN ET LE MULET dazu inspiriert haben mag, Blau zur Leit- und Zentralfarbe seines neuen Films, eines Films über die Liebe zu machen – es war eine gute Entscheidung.

Es fällt einem nicht sofort auf, aber dann doch recht früh, in der zweiten oder dritten Szene dieses ganz und gar wunderbaren Films, was er mit den Farben macht: Eine blaue Welt. Nichts Entsättigtes, Eingefärbtes, sondern einfaches Kostüm- und Production-Design. Etwa eine Schulklasse, in der alle etwas Blaues anhaben, und ansonsten Schwarz, Weiß, Grau. Ein Platz, in dem alle Bänke blau gestrichen sind. Und dann punktuelle Gegensätze: Ein rotes Kleidungsstück. Ein grüner Busch, ein rosa Kirschblütenbaum, Adeles rostbraune Lederjacke.

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Natürlich ist die Inspirationsquelle klar: Julie Marohs Graphic Novel LE BLEU EST UNE COULEUR CHAUDE (international BLUE ANGEL“), ein Comic für Erwachsene, lesbisches Coming Out…

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Es beginnt in einer Schulklasse, man liest Marivaux: LA VIE DE MARIANNE. „Her heart was missing something.“, heißt es, und so etwas ist in intelligenten Filmen wie diesem natürlich kein Zufall. Der Lehrer bittet um einen Vergleich mit der PRINCESS DE CLÈVES – mit deren Treffen mit dem Prince de Nemours.

Adele wird von einem Jungen aus einer anderen Klasse angeschwärmt. Beim ersten Treffen im Café geht das so: „Was liest Du da?“, fragt der Typ, der auf sie steht, und sagt, als er es hört, dass er Angst vor dicken Büchern habe: „Ich hab‘ bisher ein Buch gelesen: GEFÄHRLICHE LIEBSCHAFTEN von Choderlos de Laclos.“ Und dann reden sie tatsächlich darüber, über das „Double-reading: Ein Brief mit ‚Ich liebe Dich‘ sagt eigentlich ‚Du dumme Hure‘.“ Und Adele antwortet: „Wenn ein Lehrer überanalysiert, behindert das meine Gefühle.“

Dann kommt erstmals Musik und Adele geht über einen großen Platz und dann sieht sie zum ersten Mal ein Mädchen mit blauen Haaren, und weil die von Léa Seydoux gespielt wird, ahnen wir schon…

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Während Léa Seydoux, die Pariserin, die man schon in den letzten Jahren in einigen französischen Filmen bewundern konnte, und die mit gleich zwei großen Kinohauptrollen in diesem Jahr bislang der heimliche Star bei den Filmfestspielen ist, in GRAND CENTRAL (Reihe „Un Certain Regard“) von Rebecca Zlotowski noch die rätselhafte Unnahbare bleibt, ist ihr Auftritt in BLUE IS THE WARMEST COLOR anders, facettenreicher und daher beeindruckender: Dort spielt sie eine junge Malerin und die Hälfte eines ungleichen Paares.

Angesiedelt in Nordostfrankreich, bei Lille, erzählt BLUE IST THE WARMEST COLOR über einem Zeitraum von etwa fünf Jahren und klassisch strukturiert in den vier Jahreszeiten, beginnend mit Winter, von der anfangs 16-jährigen Adele (Adele Exarchopoulos), die aus eher einfachen Verhältnissen kommt, Grundschullehrerin werden will und sich bald unsterblich in Emma (Seydoux) verliebt – ein aufgeklärtes „Mädchen aus gutem Haus“, das Malerei studiert. Man inspiriert sich gegenseitig: Während Adele (und wir mit ihr) durch Emma die Welt der Kunst und der Philosophie kennenlernt, ist sie Muse und gibt Emmas erschüttertem Ego die Lebensenergie, die sie braucht, um überhaupt als Künstlerin arbeiten zu können.

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Kechiche erzählt von Frauenliebe und vermeidet konsequent alle dazugehörigen Klischees. Man möchte nicht wissen, wie deutsche Filme hier brav und „politisch korrekt“ alle Facetten lesbischer Liebe abarbeiten würden. Kechiche hat einen so neugierigen und unbefangenen Blick und überdies ist sexuelle Orientierung hier nur ein Teil der Geschichte. Aber Kechiche gelingen großartige Liebesszenen, die alles zeigen, aber nichts ausstellen, jeden Voyeurismus vermeiden. So etwas hat man lange nicht im Kino gesehen. Sie sind das Herz des Films. Ich kann mich sowieso nicht an einen Film über lesbische girls aus Hetero-Perspektive erinnern. Einmal mehr aber beweist Kechiche, was wir natürlich schon wussten: Dass er ein brillanter Frauenregisseur ist.

Kechiche flicht in den Film diverse Bildungsdiskurse ein, unaufdringlich aber konsequent und präzis – Marivaux, Princesse des Clèves, Chloderos de Laclos, Sartre, Degas, Mozart. Kechiche steht zur eigenen Bürgerlichkeit, er predigt nicht den reaktionären Mythos einfacher direkter „humaner“ Verständigung. Er zeigt in seiner Geschichte zugleich, dass Liebe und ein paar Wochen intensiver Sex und Verführungsmacht nicht genug sind, um ein Leben zu führen. Emma ist ein Mädchen der bürgerlichen Oberklasse, das gewohnt ist zu bekommen, was sie will. Sie nennt Adele „meine Muse“ fügt vor Freunden hinzu: „sie hat auch gekocht“ (was im Klartext heißt: „Ich bin die Künstlerin, und ich koche hier nicht.“) Der bekannte Fall des Kontakts einer Oberklasse mit der Unterklasse, um deren Lebensenergie zur eigenen Vitalisierung zu nutzen – wie ein Vampir – um das erschüttertes Ego zu rekonstruieren.

Kechiche ist auch ein Meister der sozialen Interaktionen. Zwei Schlüsselszenen gibt es hierfür: Das erste Gespräch zwischen beiden in einer Bar. Die Geburtstagsparty von Emma, bei der Adele kocht. Die feinen Unterschiede, Klassen, Bildung, werden deutlicher, die unsichtbare Differenz zwischen beiden. Adele kann nicht mitreden, fühlt sich unwohl in der Welt der Künstler, Galeristen, wo sehr bürgerlich und gebildet über die Unterschiede zwischen Klimt und Schiele debattiert wird.

In diesem Film wird, wie oft im französischen Kino, viel gegessen, viel geredet, Farbchoreographie und Kamera sind excellent, sodaß dieser Film ein reines Vergnügen ist und ein Preiskandidat – wenn auch in einer Jury mit Spielberg und Ang Lee kaum für den Hauptpreis. Er wird es schwer haben bei dieser Jury.

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Gleich nach dem Film erfasse ich Gesprächsfetzen einiger dummer Italiener: „It’s really Olivier Assayas.“ Und das meinen sie nicht als Kompliment.

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Ein junges Mädchen, komplett nackt bis auf ein paar High Heels, läuft auf einer Straße durch eine nächtlich erleuchtete Stadt. Blut läuft an ihren Beinen hinunter. Ein alter Mann bringt sich um. So beginnt LES SALAUDS, Claire Denis‚ wunderbarer neuer Film, der so ist, wie wir Denis kennen: Mutig, experimentell, auskundschaftend, auf gefährlichem Terrain. Denis erzählt von Menschen und den Kräften, die auf sie einwirken, die sie nicht verstehen. Das Solide wird fragil. Das hat mit Sex zu tun, mit Gewalt, mit Geld.

Michel Subor, Chiara Mastroianni, Vincent Landon stehen im Zentrum dieses abgründigen, sinnlichen Psychothrillers.

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Das Kino ist eine Utopie; die Liebe ist eine Utopie. Aber beides ist auch kontaminiert vom Neo-Liberalismus unserer Zeit. Es gibt auch eines Neoliberalismus des Sexuellen. Die Figuren in L’INCONNU DU LAC von Alain Guiraudie sind solche Neoliberale der Sexualität, vampirische Konsumateure ihrer Mitmenschen, folgenlos, brutal, nicht unbedingt sympathisch.

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Der Film spielt komplett an einem einzigen Schauplatz, über mehrere Tage: Ein See in der französischen Provinz, irgendwo im Süden, irgendwann in den Sommerferien. Im allerersten Moment glaubt man sich an einen gewöhnlichen Urlaubsort versetzt, doch sehr schnell ist klar, dass hier am FKK-Strand nur Männer in der Sonne liegen und alle nur aus einem einzigen Grund hierher kommen: Es handelt sich um einen schwulen Sex-Spot. Manche sind verabredet, andere suchen sich wechselnde Sexpartner, wieder andere gucken zu und befriedigen sich selbst, aber alle verschwinden früher oder später in den Büschen. Dem Regisseur gibt des Gelegenheit zu bukolischen Szenarien von in verschiedensten Positionen vögelnder Männerkörper in sattgrünen Büschen und mehr als einem halben Dutzend ausgiebiger, mehr oder weniger pornographischer Sex-Szenen.

Der große Unterschied zu Kechiche – und das, was diese Szenen schlechter macht – ist hierbei das offensive Ausstellen primärer Geschlechtsmerkmale. Im Klartext: Fortwährend sieht man erigierte Schwänze die gelutscht, geleckt und gewichst werden.

Im Ergebnis gefiel das den Frauen in meinem Bekanntenkreis besser, während es für heterosexuelle Männer je nach persönlicher Verfassung entweder langweilig oder latent unangenehm ist, hier stundenlang zuzuschauen.
Alain Guiraudie gefällt sich spürbar als doppelter Provokateur. Ein Kunstfilm, der viel Sex zeigt und er zeigt ausschließlich schwulen.

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Vor diesem Hintergrund erzählt Guiraudie eine Story, die man nun wahlweise als Thriller-Handlung oder als Amour-Fou-Drama lesen kann: Es gibt eine klare Hauptfigur: Franck, Anfang 30, gutaussehend, der hier täglich hinkommt, und wechselnde Sexpartner hat. Eines Abends dann, der Strand ist schon verlassen, beobachtet er vom Gebüsch aus ein Paar, das im See schwimmt. Aus heiterem Spiel – untertauchen – wird Ernst, als der eine den anderen, wie es scheint aus einer Laune heraus, ertränkt.

Franck verrät nichts. Von nun an beobachtet er den anderen namens Michel, und verliebt sich schnell in ihn. Offenkundig fühlt er sich durch dessen Gewalttat angezogen. Auch Michel wird aufmerksam, beide haben über die nächsten Tage mehrfach Sex. Zur gleichen Zeit wird im See eine Leiche gefunden, die Polizei beginnt zu ermitteln, und verschiedene Indizien deuten auf Franck wie Michel hin. Der Verdacht zersetzt auch die Idylle am See – und zunehmend die Beziehung zwischen Franck und Michel.

Dieser Michel bleibt ein großer Unbekannter. Ein egoistischer Wolf. Ein Blaubart. Wer ist er? Wo kommt er her? Warum hat er gemordet? Was treibt ihn an? Hat er es auch auf Franck abgesehen? Auch Franck selbst ist natürlich ein unklarer, diffuser Charakter. Was will er? Warum begibt er sich in Gefahr? Sucht er den Kick? Fasziniert ihn Gewalt? Hat er masochistische Neigungen?

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Der größte Stärke des Films liegt darin, dass wir einen Schauplatz sehr präzis kennenlernen, seine offenen Regeln und seine ungeschrieben Gesetze, seine Rituale und seine Tabus, nicht zuletzt seine Bewohner und ihre Gewohnheiten. Das befriedigt neben Voyeurismus auch schlichte Neugier. Wie geht das ab?

Die latente Behauptung des Films ist: Schwule haben anderen, freieren Sex. Aber der Film zeigt auch, dass es so etwas wie eine schwule Gemeinschaft nicht gibt.

Es gibt aber auch eindeutig repressive Züge: Dies ist ein kritischer Blick auf freie Sexualität und libertäre Lebensformen, ein versteckter Puritanismus.

In Gestalt des ermittelnden Kommissars wird die Befremdung des Beobachters von Außen ausgesprochen: „You guys have strange habits, a strange way to live…“, sagt er, „Das ist bizarr. Ihr tauscht keine Nummern, noch nicht mal Vornamen. Einer von euch ist ermordet worden und nach zwei Tagen geht’s weiter, der Wagen steht herum, keiner merkt etwas oder kümmert sich. Es geht mir nicht Mitleid, aber…“

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Alles läuft auf das Finale zu, in dem Michel zunächst einen Unbeteiligten brutal niedermetzelt – ein Messer schneidet die Kehle durch – der Verdacht geschöpft hat, dann den ermittelnden Kommissar und schließlich nach Franck sucht, der sich aber in der Abenddämmerung in den Büschen versteckt hält – nach langen Minuten ist die Sonne endgültig untergegangen, das Bild erinnert an das nächtliche Schwarz aus TROPICAL MALADY und Franck richtet sich auf, und ruft laut mehrmals den Namen des Geliebten: „Michel!“

 

Bild-Copyright: Festival de Cannes 2013