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Wovon wir uns ernähren: Friedkin, „Meteor“, sieche Griechen, das Loch und Kino nach Nicholas Ray;

Venedig-Blog, Folge 12.

Pressekonferenz mit William Friedkin zu seinem Film Killer Joe: Wie ein Stand-Up Comedian plauderte der 76-jährige in einem fort, setzte eine Anekdote und Pointe an die nächste. Sein Film, eine „twisted love story“, handle eigentlich von einem Aschenputtel, das nach „prince charming“ sucht. „She finds him. But he happens to be a hired killer.“ So gehe es doch allen. Oft genug verwandle sich der geliebte Mensch in ein Ungeheuer: „This is true. I’ve been married four times! It’s not something I’m proud of. I was looking for Cinderella and instead I’ve found hired killers“ Nur seine zweite Frau, Jeanne Moreau, sei eine Ausnahme gewesen: „a wonderful woman and actress. What the hell she was doing with me I have no idea.“

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Auch im Interview ging es später so weiter. Für French Connection so Friedkin, hatte er seinerzeit eine Million Dollar. Für die Hauptrolle habe er unbedingt Steve McQueen casten wollen. „Du hast ihn“, hätten ihm die Produzenten gesagt. „Aber dann hast Du keinen Film mehr, denn es bleibt kein Geld übrig.“ Zu Gene Hackman hätten ihn die Produzenten gezwungen: Ein langweiliger Ex-Soldat, dem man erst das das Schauspielen beibringen musste.“
Als ich ihn fragte, wo denn für ihn in diesem Film die Grenze zwischen Ironie und Zynismus liege, gab es ein Lob: „This is an excellent, outstanding question! But I’ve no idea. I love irony but I love cynicism as well“ Oder war er da nur ironisch?

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Raketenträume und die Gesichter von Jungen, die in den Himmel blicken, in denen Aufbruch und Hoffnung geschrieben steht, manchmal auch Angst. Sie sind die bekanntesten deutschen Künstler im Programm der Filmfestspiele in Venedig: Seit Jahren arbeiten Christoph Girardet und Matthias Müller zusammen, und haben ihren ganz eigenen Stil entwickelt. Ein Bewusstseinsstrom aus bewegten Bildern, kurzen Szenen, die sie zumeist in klassischen Hollywoodfilmen finden und zu neuen eigenen Erzählungen montieren, die freisetzen, was in den Filmen verborgen ist. In diesem Fall sind es Science-Fiction-Filme aus den Jahren 1933 bis 1969, dem Jahr der Mondlandung. So sieht man Astronauten im Weltraum und auf fremden Planeten, Raumschiffe in Technicolor, und Himmelskörper, die zusammenstoßen. Dazu hört man eine Arie von Puccini: Meteor heißt dieser nur viertelstündige faszinierend gehreimnisvolle, und sehr schöne Film im Programm von Venedig, einer von drei deutschen Beiträgen in diesem Jahr.

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Es gibt so viele Filme, von denen wir noch erzählen müssen. Zum Beispiel der griechische Wettbewerbsbeitrag Alpis von Yorgos Lanthimos. Der hatte bereits 2009 mit dem überaus bizarren Dogtooth von sich reden gemacht, der in Cannes in „Un certain regard“ lief. Man wusste also, dass man mit blutigen Zumutungen zu rechnen haben würde, mit einer Art Kunstsplatter, einen Film, den alle hassen würden, wäre es nicht in die neuen Kleider der Arty-Farty-Fraktion gehüllt. In der fragmentarisch gefilmten und erzählten Story geht es um eine künstliche Familie, eine Art Ersatz für die echten der Personen, die nach ihren eigenen Regeln strukturiert ist. Die Namen etwa werden nach Alpengipfeln gewählt. der Chef heißt „Mont Blanc“. So ist denn, wenn schon nichts sonst, immerhin der Titel erklärt. Eine Frau bricht die Regeln und wird brutal bestraft. Das alles erinnerte einen Kollegen an die RAF, die Regelbrecherin wäre dann Ulrike Meinhof.Im Gegensatz zu Phillipe Garrel ist dies genau die Art Kunstkino, auf das sich die Mehrheit noch einigen kann. Ein Film, der toll ist, weil er so hermetisch ist. Man steht vor dem, Kino und sagt „Hä, was war das denn?“ Dann muss es wohl gut gewesen sein. Wem das anders ging, konnte sich nur in Kalauer flüchten: „Give Greece a chance“ und „Wenn sieche Griechen kriechen.“

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Oder natürlich Wuthering Heights, über den man eigentlich noch viel ausführlicher schreiben müsste. Den Literaturklassiker, der bei uns als Sturmhöhe bekannt ist, hat Andrea Arnold verfilmt. Zuvor gab es bereits zwei berühmte Kinofassungen: William Wylers Hollywoodklassiker von 1939 mit Laurence Olivier und eine vergessene von Luis Buñuel. Im Wesentlichen hält sich Arnold genau an die Vorlage von Emily Brontë (1818-1848), die in ihrem einzigen Roman schicksalsschwer von zwei Familien aus Yorkshire und deren über mehrere Jahrzehnte um das Jahr 1800 wechselseitig verschränkten Leidenschaften erzählt – mit einer signifikanten Änderung: Heathcliff, das Findelkind das eine der Familien aufnimmt und das als Außenseiter zur Hautperson des Buches wird, wird von einem Farbigen gespielt – ein Einfall, der alles verändert. Auf den ersten Blick überzeugt er, denkt man länger nach, ist die Idee aber vielleicht doch nicht so gut. Ansonsten ist dies ein Kostümfilm ohne Glamour, voller Dreck und Matsch, also sehr authentisch, aber nichts für romantische Träume.

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Ein völlig anderes Temperament ist der Japaner Sion Sono (Love Exposure). In Himizu erzählt er – aufwühlend, grell, am Rande des Wahnsinns, von einem Teenager, der in den Wochen nach dem Erdbeben vom 11. März ohne Mutter und mit alkoholabhängigem, gewalttätigen Vater überleben muss. Der Film entstand in wenigen Monaten, Regisseur Sono änderte das Drehbuch nach der Katastrophe. So sieht man eine opernhaft-pathetische, hochromantische Liebesgeschichte – doch am meisten im Gedächtnis bleiben die Bilder der verwüsteten japanischen Landschaft und Städte, in der sie spielt.

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Aus Deutschland kommen immer wieder Fragen nach „dem Loch“. Gemeint ist damit der Ort, wo eigentlich seit diesem Jahr der neue Festivalpalast stehen sollte. Der soll dafür sorgen, dass endlich genug Platz da wäre, um parallel zum Festival auch einen richtigen Markt zu veranstalten und sich damit innerhalb der Festivallandschaft wieder klar von der Konkurrenz Toronto abzusetzen. Geplant war der Palast schon seit vielen Jahren. Aber vor drei Jahren schien er tatsächlich Realität zu werden. Tatmensch Marco Müller hatte nicht nur ein Modell und diverse Baupläne präsentiert, es wurden auch fast alle Bäume auf dem schönen Gelände vor dem Casino gefällt, die über Jahrzehnte ein Ort der Erholung am Lido gewesen waren. Im nächsten Jahr war dann auch noch jene Steintreppe vor dem Casino verschwunden, auf der sich immer die Festivalgäste in der Sonne geräkelt hatten. Vor ein paar Tagen erst hatte Viennale-Chef Hans Hurch erzählt, wie er in den frühen siebziger Jahren zum ersten Mal nach Venedig gekommen war, und sich auf der Treppe mit Pasolini und anderen Stars des Autorenkinos unterhalten konnte. Tempi passati in jeder Hinsicht – trotzdem zeigt das Beispiel der Pasolini-Treppe, dass der Mostra unter Festivalleiter Marco Müller nicht nur der Sinn fürs dolce vita und das schöne Drumherum eines Festivals abhanden kommt, sondern auch der Respekt vor Traditionen und die Fähigkeit zu ihrer Pflege. Müller hat aus dem Festival eine Maschine gemacht. Wenn die wenigstens funktionieren würde, könnte man sagen, es habe ja seine Vorteile. So aber hat man hier ein Festival, das im Konkreten für die, die hier arbeiten, Filme gucken oder präsentieren wollen, viele Probleme aufwirft, und zugleich mehr und mehr seinen Charme verliert.

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Dazu gehört das Loch. Das Loch wurde aufgerissen und steht da nun, so groß wie drei Fußballfelder, in der Mitte des Lido. Abgezäunt und eingemauert – ein Ground Zero am Lido. Um den Zaun hat man eine Plastikplane gelegt, dass keiner ins häßliche Loch gucken kann. Irgendjemand riß sie neulich auf voller Länge ab. Inzwischen wurde die Plane erneuert. Schon letztes Jahr wusste jeder, dass der Palast nie gebaut werden würde. Inzwischen ist es offiziell. Warum? Angeblich hat man in der Erde Asbest gefunden. Darüber, warum das ein Hindernis sein soll, muss man nicht nachdenken, denn die Spatzen am Lido pfeifen von den Dächern, dass das sowieso nur ein Vorwand ist. Tatsächlich ging den Verantwortlichen wohl das Geld aus, oder es gab nie genug für den von Anfang an völlig größenwahnsinnig überdimensionierten Plan. Wenn wir Glück haben, schüttet man das Loch jetzt endlich zu, und stellt auf die freie Fläche ein paar Sponsoren-Lancias, mit Pech steht das Loch noch unverändert über Jahre.

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Auch wenn hier manche manchmal einen anderen Eindruck haben: Wir mögen die Italiener. Nicht unbedingt deren zeitgenössische Filme, aber auch da gibt es Ausnahmen. Zu denen gehört das Filmkollektiv „Zapruder„, die hier in der „Orizzonti„-Sektion gleich drei kürzere Werke zeigte. Im Anschluss gab es eine der nettesten Partys der eher partyarmen Mostra: Im „Orizzonti“-Club im Erdgeschoß des Casinos. Die Zapruder-Leute hatten fürs Buffet selbstgemachte Salami, Käse, Wein und anderes aus ihrer Region (bei Rimini) mitgebracht. Auch sie haben zum Loch am Lido eine Meinung: „Es repräsentiert die kulturelle Situation in einem Italien, das keinerlei Sinn für seine Kunstschätze und deren Erhaltung hat, und keinerlei Geld für die Gegenwartskunst. Kunst wird im Berlusconi-Land nicht mehr gewollt.Daher ist dieses Loch ein Denkmal für den Zustand der italienischen Kultur. Man muss das nur ansehen, dann versteht man alles.“

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Das Essen sei ja hier sicher sehr gut, wurde per Mail vermutet. So kann man das leider nicht sagen. Dagegen, dass wir hier wahnsinnig gut essen würden, spricht nicht nur, dass alles hier auf dem Lido wahnsinnig teuer ist. Wenn man sich denn mal entschließt, „anständig“ essen zu gehen, oder was man dafür hält, schmeckt es leider meistens schlechter, als bei jedem Italiener in Deutschland. Und wohl jeder, der schon einmal hier war, weiß: So wunderschön Venedig auch ist, Venedig ist auch ein Ort, der von den Touristen verdorben wurde. Gegen gutes Essen spricht allerdings auch das vollgepackte Programm – ich habe hier jeden Tag mindestens drei Filme gesehen, an manchen Tagen auch fünf, Kurzfilme nicht mitgerechnet. Man besucht die Pressekonferenzen, macht ein paar Interviews, und braucht nicht zuletzt ja auch Zeit, um über die Filme zu schreiben. Das geht manchmal erst nach 23 Uhr, und dabei isst man dann eine Focaccia mit Käse und Ruccola oder etwas Ähnliches, oft das erste nach dem Morgen, und trinkt sein erstes Bier. Erst nach zehn Jahren habe ich an den letzten Tagen einen kleinen „alimentari“ unweit der Festivalzone, also in Fahrradnähe, entdeckt, wo man nicht nur gut und sehr sympathisch bedient wird. Der Laden wartet auch mit einer Riesenauswahl aus Schinken, Wurst und Käse auf, die einem dann zu halbwegs moderatem Preis – 3 Euro – mit Brot zubereitet werden.
Schreiben tut unsereins, von kurzen Notizen mal abgesehen, außer im Presseraum und „Orizzonti“-Club nur im Maleti. Diese Bar an der Hauptstraße des Lido wurde schon vor Jahren zum Stammplatz vieler europäischer Kritiker. Außer den Deutschen gibt des hier besonders viele Österreicher, Spanier und Schweden.

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Erst am vorletzten Tag gingen wir wirklich gut essen: In der formidablen trattoria Favorita, einem der besten Restaurants vom Lido. Am Nebentisch saß André Téchiné, am anderen eine chinesische Film-Gruppe, etwas weiter eine Dame, die unsere geschwächten Augen dann zunächst für Keira Knightley hielten, auch weil sie nun wirklich extrem magersüchtig war. Bei genauerm Hinsehen aber nicht nur magerer, sondern häßlicher. Arrangiert hatte das alles Ugo, der Patron jener Gruppe von Italienern, die auch immer im Maleti sitzen. Guiseppe Rapido dürfte aber mit und ich auch, sowie Luis Minaro, Produzent aus Barcelona, der unter anderem am letztjährigen Cannes-Sieger „Uncle Bohnmee..“ beteiligt war. Geredet wurde, weil kaum einer der Italiener Englisch konnte, durcheinander auf Italienisch, Französisch und Spanisch. Und das Essen war großartig: Nur Fisch, erst ein roher Fischsalat, dann eine Mischung aus Krebsen, Muscheln, Krabben und anderem, dann Spaghetti mit Krebssauce, dann Frittura Mista, dann eine „Espana“, also Schokoldenvanille-Torte, die wie Luis erzählte in Portugal „castellan“ heißt – so kann man hier also auch essen.

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Am Tag vor der Preisverleihung blüht die Spekulationsblase: In einem starken Wettbewerb, dem allerdings die klaren Höhepunkte ebenso fehlten wie die herausstechenden Filme, ebenso wie der Variantenreichtum, der Venedig sonst auszeichnet, gibt es keinen klaren Favorit. Die Filme sind einander meist zu ähnlich. Genres fehlten fast völlig, die Hardcore-Kunst war nicht gut genug. Was nun? Viele, ich auch, sind der Ansicht, dass man von Jurypräsident Darren Aronofsky nicht viel erwarten darf, dass er eher ein Depp ist. Ich halte ihn auch für missgünstig und würde mich daher wundern, wenn direkte Konkurrenten Steve McQueen oder Andrea Arnold den Hauptpreis bekämen. Aber nicht immer entscheidet der Präsident. Und vielleicht bekehrt uns die Jury am Samstag-Abend eines Besseren.
Im Festival-Daily führen Shame und Faust vor Sokurov und den üblichen Italienern.
Würde ich allein den Löwen vergeben, dann ginge er an den chinesischen Überraschungsfilm. Oder an Friedkin. Alfredson bekäme den Regiepreis. Garrel bekäme etwas, Sono Sion, Evan Rachel Moore oder die Hauptdarstellerin von Anne Huis Film den weiblichen Schauspielpreis, Fassbender den männlichen.
Grundsätzlich gelang Venedig auch diesmal, was ein Festival dieser Dimension leisten soll: Es muss Raum bieten, ein Forum schaffen, provozieren, die Aufmerksamkeit auf das Marginalisierte lenken, auf die Filme, die sich keinen Riesenmarketingetat leisten können.

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Schön war übrigens der im Prinzip konventionell gemachte Dokumentarfilm von Susan Ray über ihren Mann Nicholas Ray. Darin fallen lauter kluge oder interessante Sätze über das Kino. Hier eine Auswahl des „cinema according to Nicholas Ray„: „Art is what you are doing. Politics is living.“ „Film is a way of life. I cant teach it. It is to be experienced.“ „acting is living and living is acting.“ „Camera is form to serve the actors.“ „The director is never ready unless the actor is ready and the scene is ready – and then the fucking technician has to be ready.“ „film is made to catch moments“ „The director is not the constructor of the magic. He is the medium.“ „trust your instincts“ „Better a wrong decision, than no decision.“ „film is the cathedral of the art.“ „film has to serve and to reproduce and to represent the feeling.“

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Mag alles sein. Trotzdem würden wir für das gestrige Essen nahezu jeden Film des Festivals hergeben. Den Faust gleich zehnmal. Oder, wie Manoel de Oliveira hier in Venedig vor ein paar Jahren gesagt hat: „La cinema e come la vita. Ma non e la vita!“

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