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LA CHAMBRE BLEUE, Copyright: Cannes Filmfestival

LA CHAMBRE BLEUE, Copyright: Cannes Filmfestival

Filme von Mathieu Amalric, Nuri Bilge Ceylan, Damian Sziffron, Jessica Hausner, über sowjetisches Eishockey und noch andere Netze aus Gefühl und Obsession

Jetzt aber wirklich die Filme vom Freitag im Schnelldurchlauf. Dieser Freitag brachte auf die Leinwand mehrfach Winterlandschaften, mehrfach Amour Fou und immer wieder klassische Kammerspiele, oft in bemerkenswert engen Räumen.
Die ersten zwei Tage von Cannes waren überdies überraschenderweise deutlich vom Genrekino dominiert. Das kann das des Thrillers sein, wie bei Atom Egoyan. Oder es kann das des Polizeifilms sein, wie im Fall des französischen Schauspielers Mathieu Amalric, der für seine fünfte (Langfilm-)Regiearbeit Georges Simenons Roman DAS BLAUE ZIMMER verfilmt hat – zum ersten Mal. Das Ergebnis ist ein spannendes, aber etwas trockenes Kammerspiel um einen Indizienprozess.

Im Rückblick erzählt Julien einem ermittelndem Staatsanwalt (dem klassischen „Juge“ des französischen Polizeifilms) im Verhör seine Geschichte: Esther und Julien, zwei inzwischen verheiratete Ex-Klassenkameraden treffen sich nach Jahren zufällig wieder und beginnen ein Liebesverhältnis. Irgendwann kommt ihr Mann dahinter. Jetzt will Julien aus Angst um seine Ehe die Geliebte nicht mehr sehen. Sie versucht weiter auf diskrete Form Kontakt zu halten, er verweigert sich. Dann stirbt ihr Mann – ob an seiner chronischen Krankheit, oder weil sie nachgeholfen hat, bleibt bis zum Ende unklar. Gut vier Monate später stirbt auch seine Frau – an vergifteter Marmelade.

Bis zum Schluß bleibt offen, ob das schließlich verurteilte Liebespaar die jeweiligen Gatten ermordet hat. Esthers Mann könnte auch eines natürlichen Tods gestorben sein, Juliens Frau könnte von der so bösen wie argwöhnischen Mutter des Toten ermordet worden sein. Oder sich selbst vergiftet haben…

LA CHAMBRE BLEUE ist in jeder Hinsicht ein Vexierspiel, das es in sich hat. Der Leser/Zuschauer bleibt ebenso im Unklaren, was geschah und wie. Simenons Roman kann man als skeptische Theorie der Aufklärung betrachten, einer scheiternden Aufklärung. Und als Betrachtung des einsamen und von vornherein aussichtslosen Kampf des Einzelnen gegen ein System, das glaubt, im Besitz der Wahrheit zu sein. Die Ermittlung und der Prozeß der beiden gemacht wird, ist von den Verfahren der Inquisition nicht zu unterscheiden. Das macht sie zu Opfern und unseren Helden – selbst, wenn sie Täter waren. Zudem ist Julien auch ein Repräsentant des klassischen Konflikts zwischen gelebtem und ungelebtem Leben, für die Konsequenzen, die die Entscheidung für ein Leben hat, und für die mitunter schrecklichen Konsequenzen die die Erstarrungen des Älterwerdens, die Abwehr der eigenen Verspießerung mit sich bringen.

Doch ist Amalric anzukreiden, dass er genau diese interessanten, zeitgemäßen Aspekte nicht herausarbeitet, sondern allenfalls andeutet. Man könnte das aufregend inszenieren. Weil Amalric dem Roman nichts hinzufügt, aber genügt es, Simenon zu lesen. Sein Film wirkt für sich genommen völlig unnotwendig.

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Dreieinhalb Stunden lang ist WINTER SLEEP, der neue Film von Nuri Bilge Ceylan, der nicht nur bei unseren Freunden in Cannes als „der“ Favorit auf die Goldene Palme gilt. Mein Favorit war er vorher nicht, und ist er auch jetzt nicht, obwohl der Film sehr sehr gut ist, den Preis für sich genommen verdient hätte und nur von Ceylans letztem Werk ONCE UPON A TIME IN ANATOLIA übertroffen wird. Die Gründe für diese Vermutung liegen einfach darin, dass ich nicht glaube, dass Jane Campion als Jurypräsidentin diesen Regisseur auszeichnen wird, der von Macho-Gehabe nicht frei ist, in dessen Filmen man, wenn man will, durchaus misogyne Elemente entdecken kann, und der auch hier eine klassische Männerstory erzählt, wenn auch weniger testosterongeladen als früher.

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WINTER SLEEP, Copyright: Cannes Filmfestival

WINTER SLEEP, Copyright: Cannes Filmfestival

Der Film spielt in einem großartigen Hochland im abgelegenen Teil Zentralanatoliens. Die Hauptfigur ist Aydin, ein alternder Theaterschauspieler, der sich im Elternhaus zur Ruhe gesetzt hat, dort ein Hotel betreibt, und mit seiner Schwester und seiner deutlich jüngeren Frau Nihal zusammenlebt.

Um diese drei Figuren und eine Handvoll weiterer Charaktere entspinnt sich ein dichtes Beziehungsgeflecht, das einerseits als Portrait der Türkei „in a nutshell“ gelesen werden kann: Es gibt einen Hodscha und einen Lehrer, es gibt Proletarier und Kleinbürger. Die Hauptfigur steht für die reiche, gebildete, kunstinteressierte und modern ausgerichtete Elite und ihre Desillusionierungsprozesse.

Der Film braucht die drei Stunden, die nie langweilig werden, im Gegenteil immer unter Spannung stehen und einen sehr eigenen Flow entfalten. Filmhandwerklich ist alles sehr sehr gut, sehr kontrolliert, aber bei aller Kontrolle gibt es auch immer wieder Überschuß, Momente des Sich-gehen lassens.

WINTER SLEEP ist ein erstaunlich gesprächiger Film, ein „talking turk“, stellenweise schwer dialoglastig, andererseits würde man das einem Stück von Tschechow auch nicht vorwerfen, und ein dreistündiger Tschechow wäre eher kurz. Aber ist das wirklich Kino? Zumindest schöpft Ceylan nicht alle dessen Möglichkeiten aus. Vielleicht hat alles etwas zu wenig Bewegung, zu viel Kammerspiel, zu viel Sprache. Es ist spannend, aber ist das genug?

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Von der bis vor kurzem richtig guten, unter ihrem neuen Leiter aber etwas verwahrlosenden Sektion „Semaine de La Critique hört man bisher nichts, außer einer Sache, die man lieber nicht gehört hätte: Zur SIC-Party bekommt nämlich selbst Dana Linssen, zur Zeit immerhin die Vizepräsidentin des internationalen Kritikerverbandes FIPRESCI, keine Einladung. Mal sehen, ob die FIPRESCI auf solchen Kleingeisterkram die Antwort gibt. Hoffentlich…

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LOS SIMULADORES, die Simulanten, heißt die Fernsehserie, mit der der argentinische Regisseur Damián Sziffrón zuhause bekannt wurde. Auf YouTube gibt es offenbar mehrere Folgen – und ich werde sie mir trotz leider nur rudimentärer Spanischkenntnisse angucken.

Der von den Almodóvar-Brüdern produzierte RELATOS SALVAJES, mit dem Sziffron erstmals in Cannes und dann gleich im Wettbewerb vertreten ist, ist eigentlich eine Compilation aus fünf Kurzfilmen, die miteinander nur über ihr Thema, nämlich schräge Begegnungen von Ungleichen, zusammenhängen.

RELATOS SALVAJES © K&S Films & EL DESEO, Cannes Filmfestival

RELATOS SALVAJES © K&S Films & EL DESEO, Cannes Filmfestival

In der ersten Story merken ein paar Dutzend Fluggäste, dass sie alle über einen gemeinsamen Bekannten verbunden sind – der entpuppt sich als Pilot, der das Flugzeug mit den Leuten, die sein Leben zerstört haben, abstürzen lässt. Bei einer Autofahrt geraten zwei Fahrer in einen Streit der gewaltsam eskaliert. In der dritten Episode spielt Ricardo Darin einen Sprengmeister, der durch eine private Abschleppfirma und die Verkettung vieler Zufälle alles verliert, inklusive Frau und Kind – und sich dann dadurch rächt, dass er die Firma in die Luft sprengt.

Wirklich toll sind die zwei letzten Geschichten: Eine reiche Familie versucht die tödliche Unfallfahrt ihres Sohnes zu vertuschen. Und die fünfte: Eine (jüdische, sehr schöne, energiegeladene) Hochzeit gerät zur brutalen Entlarvung der reichen Oberschicht, als die Braut begreift, dass der Bräutigam schon vor der Hochzeit fremd gegangen ist.

Die Qualität dieses Films liegt darin, dass er auf diskrete und unaufdringliche Weise ein hartes antikapitalistisches Manifest entfaltet: Sziffron kennt offenkundig gut, wovon er erzählt, aber das lässt ihn kein bisschen nachgiebiger gegenüber seinem Gegenstand werden. Der Humor von RELATOS SALVAJES hat in etwa so viel Menschenfreundlichkeit wie die „Heute Show“ [http://heuteshow.zdf.de/], der Film bietet toughe, abgründige, zugleich sehr lustige, satirische und kompromisslose Gesellschafts- und Kapitalismuskritik.

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Russische Filmkritiker neben mir finden den Film übrigens „cartoonish“. Die haben’s gerade nötig, Kapitalismuskritik nicht an sich rankommen zu lassen.

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Jessica Hausners AMOUR FOU besprechen wir hier später ausführlich – zu sagen ist zu dem Film vorweg nur, dass er sehr schöne Seiten hat, zugleich bestimmte grundsätzliche Probleme aufwirft, und entgegen anderslautenden Gerüchten fast gar nichts mit Heinrich von Kleist oder der Romantik zu tun hat.

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Schließlich RED ARMY – das ist ein netter Sportfilm über die Geschichte des sowjetischen Eishockeys, der leider nicht in sowjetischer, sondern amerikanischer Ästhetik fabriziert wurde. Weswegen es über dieses entbehrliche Filmchen weiter nichts zu sagen gibt, es uns aber immerhin die Überleitung erleichtert zu den beiden Filmen, die wir am heutigen Samstag am – mit großem Abstand – leidenschaftlichsten erwarten: „FC Barcelona gegen Atlético Madrid„, bei dem ich ausnahmsweise einmal nicht zu Barcelona halte. Schon deswegen, damit Atlético nicht vor dem Championsleague-Finale frustriert wird. Und weil Barca dieses Jahr den Titel wirklich nicht verdient hat.

Danach dann das Pokalfinale Dortmund gegen die Bayern, die den Sieg so verdient haben, wie Til Schweiger einen Oscar – nur leider ist Letzteres unwahrscheinlicher. Geguckt wird alles wie schon in Cannes gewohnt, mit den Spaniern. Der Fußballsachverstand sagt, dass Barca ebenso gewinnen wird, wie die Münchner. So wie in der Relegation zur zweiten Liga bereits Bielefeld gegen Darmstadt 98, was wir noch nicht mal Arminia-Fan Helmut Merker gönnen. Aber Wunder gibt es immer wieder, im Fußball wie im Kino, also geben wir die Hoffnung nicht auf. Olé, hier kommt der BVB!

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