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Der Toronto-Kübel

von | Sep 12, 2015 | Venedig 2015 | 0 Kommentare

Regisseure, die keiner kennt… Und Tom Hooper

„It was not like boys playing cops and robbers on the street. We were doing it for real. But like in the playground, it was not always easy to say who was who.“
Aus: BLACK MASS

„Based on true events“
Gefühlt die Hälfte aller Filme in Venedig

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Die erste Hälfte in Venedig – damit ist es immer das gleiche: Der Toronto-Kübel wird über den professionellen Besucher ausgekübelt. Dicht an dicht laufen hier amerikanische Filme, Filme von und mit Stars, und ein paar übermäßig gehypete Europäer. Einziges Kriterium der Auswahl ist: Sie werden in wenigen Tagen in Toronto laufen, und sollen zuvor ihre Weltpremiere in Venedig haben.

In diesem Jahr ist besonders auffällig, dass man da vor allem lauter unbekannten oder quasi unbekannten Regisseuren begegnet, Regisseuren, die überspitzt gesagt, keiner kennt. Wer zum Beispiel ist Drake Doremus? Scott Cooper? Thomas McCarthy? Xavier Giannoli? Piero Messina? Was haben die eigentlich in Venedig zu suchen, im Wettbewerb? Allen gemeinsam ist allein, dass ihre Filme in Toronto laufen werden.

Venedig ist in diesem Jahr sozusagen die andere Seite von Cannes. Laufen in Cannes manchmal nur die Arbeiten der „üblichen Verdächtigen“, also von Filmemachern, die man gut zu kennen glaubt, so besteht die Hälfte der Wettbewerbs in Venedig in diesem Jahr aus Filmen von Leuten, zu denen auch einem Profi erstmal nichts einfällt.

 

Zum Glück gibt es das Internet. Doremus wurde 1983 geboren, hat ein paar Filme gemacht, die die Welt nicht veränderten, und läuft jetzt in Venedig im Wettbewerb mit dem unglaublich schwachen Film EQUALS, eine Art 1984 im Schneckentempo, zu dessen Gunsten nur zu sagen ist, dass Kristin Stewart mitspielt, und man der immer wieder eineinhalb Stunden zuschauen kann. Und dass die Musik super ist. Scott Cooper wurde 1970 geboren, ist eigentlich Schauspieler, und hat bisher drei Filme gemacht. In Venedig läuft außer Konkurrenz BLACK MASS, in dem Johnny Depp einen harten Gangster spielt. Thomas McCarthy wurde 1966 geboren, ist ebenfalls in erster Linie Schauspieler – muss man eigentlich neuerdings Schauspieler sein, um Filme machen zu können, Til, Matthias, Florian David, Karoline? -, hat zuletzt in PIXELS mitgespielt, und immerhin schon vier Filme gemacht. In Venedig läuft gleichfalls außer Konkurrenz SPOTLIGHT. Irgendwie bislang völlig unbekannte austauschbare Nullen auf der Regisseurslandkarte. Man muss aber zugeben, dass SPOTLIGHT und BLACK MASS mindestens sehenswerte, meiner Ansicht nach gute Filme sind. Sie haben auch noch den gleichen Kameramann und spielen in derselben Stadt, nämlich Boston. Sonderbares Phänomen. Es ist nicht auf Amerika begrenzt: Xavier Giannoli, 1970 geboren, hat sechs Filme gemacht, die von Kunst noch weiter entfernt sind, als Biarritz von Paris. Piero Messina? 1981 geboren. im Wettbewerb läuft sein Debüt L’ATESSA. Muss ja ne Wucht sein, fällt aber selbst bei den Italienern durch.

Neben diesen Unbekannten, die von der Mostra jetzt auf Autorenfilm-Level hochgejazzt werden, gibt es noch einfach gnadenlos überschätzte Regisseure wie Tom Hooper.

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THE DANISH GIRL fängt noch ganz nett an, wird dann mehr und mehr zu einer unerträglichen, satten Schmonzette. Es geht los mit Naturaufnahmen, die in ein Gemälde übergehen, eine Galerie „Copenhagen 1926“. Die Zärtlichkeit und die Gesten wie die Bewegungen sind aber nicht 90 Jahre alt, sie stammen von heute. Einar und Greta, ein junges Paar, beide Künstler. Eddie Redmayne und Alicia Vikander spielen sie mühelos und sehenswert. Es fängt an, wie ein Ehedrama, ist es dann auch, aber doch ein anderes: „my life, my wife“, sagt der Gatte, um dann bald selbst Frauenkleider anzuziehen und sich Lili zu nennen. Sie malt ihn dann und hat gerade damit Erfolg. Das hätte eine spannende fiktionale Geschichte sein können.

Aber auch THE DANISH GIRL ist wieder so ein Film, der vor allem ein Topic bebildert, Crossdressing zunächst – er vor dem Spiegel, nackt, dann in Frauenkleidern, und Transgender dann später. Zugleich inszeniert auch zum x-ten Mal öde Kunstmythologie. Dann ist es eine Story über Medizin des frühen 20.Jahrhundert, als man derartige Phänomene noch mit Schädelbohrungen, Strahlungen, oder einfach einer Zwangsjacke behandelte.

Stattdessen liefert Hooper die üblichen tausendmal gehörten, nicht mehr hörbaren Hollywood-Kitsch-Dialoge: „This is not my body, please take it away.“, „What you draw, I became.“, „Please Greta, dont you believe, this is a game.“ Melodramatisch und stockkonventionell. Die Ehefrau hat hier nie ein Problem damit, dass ihr Mann eine Frau ist, nur die böse Gesellschaft.

Am Schlimmsten von allem ist aber, dass der Film sich die Seriösität einer realen Geschichte anschminkt, sie aber dann verfälscht und glattbügelt und schönfärbt, wo es nur geht: Die realen Vorgänge ereigneten sich nicht 1926 sondern gut 15 Jahre früher, worauf die Kostüme auch hindeuten, die reale Ehefrau war lesbisch, und hatte deshalb auch kein Problem mit einer Ehefrau, nur passte das nicht in die Hollywood-Prüderie. Und außerdem hieß sie Gerda, nicht Greta. Nur klingt das weniger nach Greta Garbo.

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Hoopers unentschuldbar schlecht gemachter, mit der Zucker-Musik von Alexandre Desplat überzogener Film dementiert somit alle ernsthaften Anliegen der Transgenderbewegung, wie der Schwulen und Lesbenbewegungen. Er ist ein zynisches Kommerzprodukt.

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Über zwei Filme außer Konkurrenz, die beide in Boston spielen, schreiben wir dann morgen mehr: Johnny Depp tritt in BLACK MASS in die Fußstapfen von Marlon Brandos PATE-Darstellung. Und in SPOTLIGHT verkörpern Michael Keaton, Mark Ruffalo und Rachel McAdams drei Journalisten des „Boston Globe“, die 2001 als erste Medienvertreter dem massenhaften Kindesmissbrauch und dessen jahrzehntelanger Vertuschung durch die Katholische Kirche auf die Spur kamen. Eine überfällige Feier couragierten Journalismus. Auch diese beiden Filme gehen auf reale Geschehnisse zurück – das Kino hungert nach der Wirklichkeit.