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A masque of Madness © Norbert Pfaffenbichler

A masque of Madness © Norbert Pfaffenbichler

Am Schluss ist es dann doch Norbert Pfaffenbichlers A MASQUE OF MADNESS, der einen Festivalbesuch am ehesten wiedergeben kann. In seinem filmischen Essay hat er alle Spielfilme, in denen Boris Karloff jemals mitgespielt hat, zusammengeschnitten. 160 Filme in 50 Jahren. IMdb auf Speed. Die Filmschnipsel, oft zu kurz um sie wirklich kognitiv zu erfassen, verschwimmen schnell zu einem hauptsächlich schwarz-weißen Bilderreigen, der überforderte Geist hinkt hoffnungslos hinterher, im Kopf läuft ein ganz eigener Film.

Überforderung könnte der Untertitel eines jeden Filmfestivals sein, 192 Filme zeigte die diesjährige Diagonale in rund 130 Vorstellungen. Ein Mithalten ist nicht möglich und so beginnt man – wie eigentlich jedes Mal – sich treiben zu lassen. Sieht man jedoch genauer hin, spürt man, dass die Diagonale anders ist. Und das liegt hauptsächlich an Graz selbst. Streift man nach dem Kinobesuch durch die Stadt, bemerkt man schnell die Widersprüche dieser Stadt: Die pompösen Bauten aus der Jahrhundertwende und die Bräsigkeit von Trachtenboutiquen und Herrenausstattern auf der einen Seite und die Cafés, Ateliers und Bars auf der anderen Seite der Mur. Seit meinem letzten Besuch vor drei Jahren hat sich einiges getan, vor allen Dingen im Stadtteil Lend. Hier ist der Wille zur Erneuerung deutlich zu spüren, ein alternativer Lebensstil wird ausprobiert, ohne zur bloßen Pose zu verkommen. Im Gegensatz zu den deutschen Hipstern sind die Grazer erfrischend unironisch. Eine junge Grazerin beschreibt mir das Lend-Viertel als das „Kreuzberg von Graz“. Na ja, so weit würde ich nun auch nicht gehen.

Der Wille, beinahe schon Drang zur kulturellen Neuerfindung macht sich auch in den Vorstellungen bemerkbar. Während im Berlinale-Panorama gesetzte Bildungsbürger ihren Pinot Noir gustieren, sich dazu Eine-Welt-Feelgoodkino ansehen und sich freuen, dass sie durch ihren Einkauf bei Alnatura mal wieder einen kleinen Beitrag zur Erhaltung eben dieser einen Welt geleistet haben, besteht das Publikum in Graz aus hauptsächlich jungen Menschen bis 30. Diese besuchen nicht nur die unterhaltsamen Nebenreihen wie Austrian Pulp, sondern auch unzugängliche Filme wie Götz Spielmanns OKTOBER NOVEMBER, der sich fernab jedweder dramaturgischen Konventionen des Hollywoodkinos bewegt. Gerade diese Vorstellung hat viel über das österreichische Filmschaffen und sein Grazer Publikum offenbart.

Oktober November © coop99/SpielmannFilm

Oktober November © coop99/SpielmannFilm

Es ist eine klassische Familiengeschichte, die Spielmann erzählt. Sonja ist erfolgreiche TV-Schauspielerin (natürlich leicht depressiv), während ihre Schwester Verena (ebenfalls unglücklich) sich in der österreichischen Provinz um den Gasthof des altersschwachen Vaters (ja, auch dieser unglücklich) kümmert. Ihrem Alltag entflieht sie durch eine vergebliche Affäre mit dem Landarzt (richtig geraten, einsam und unglücklich). Als der Vater krank wird, sind alle Figuren gezwungen, sich der Realität zu stellen. Unter dem Mantel einer klassischen, wenn nicht sogar uninspirierten Geschichte gelingt Spielmann jedoch eine packende Charakterstudie. Konflikte laufen nie auf einen Klimax hin, sondern bleiben – wie so oft in der Realität – unaufgelöst. Jede der Figuren, außer vielleicht Verenas tumber, doch fröhlicher Mann Michael, ist auf der Suche nach der eigenen Identität. Die Suche liefert allerdings keine Antworten, nur weitere Fragen.

Während ich diesen Text schreibe und durch die Steiermark fahre, komme ich an zahlreichen Orten vorbei, die genau so vom Weltgeschehen entkoppelt sind wie das kleine Dorf, in dem Sonja und Verena aufgewachsen sind. Wer regiert, interessiert nicht, denn die da oben machen ja sowieso, was sie wollen und Personen lassen sich auf ihre Funktion in der Dorfgemeinde runterbrechen: Die Wirtin, der Landarzt, der Förster. In Graz ist der Widerspruch zwischen Ländlichkeit und städtischer Freizügigkeit deutlich zu spüren. Hier scheint Spielmanns unterkühlter und ruhiger Film einen Nerv getroffen zu haben, wurde er doch vom Publikum äußerst positiv aufgenommen. OKTOBER NOVEMBER ist ein Film, der vor allem in seinen ruhigen Momenten seine volle Kraft entfalten kann. Hier wird er nicht nur zu einer Meditation über die Identität der Figuren, sondern führt unweigerlich zu Fragen über die eigene Identität. Und genau wie die Figuren kann man (seien wir ehrlich: ich) diese nur schwer beantworten. Der Gegensatz zwischen Stadt und Land, Tradition und vermeintlichem Fortschritt findet sich auch zuhauf in anderen Filmen des Festivals. So zum Beispiel in Michael Glawoggers DIE FRAU MIT EINEM SCHUH oder Andreas Schmieds DIE WERKSTÜRMER. Oft bleiben die Konflikte dabei unaufgelöst, eine Entscheidung für oder gegen das Landleben bleibt meist aus. Allein dafür darf man schon dankbar sein.

Vor dem Film läuft ein kurzer Protestspot der Filmfernsehfreunde Österreichs. 50 Persönlichkeiten aus der Filmwirtschaft rufen in diesem den ORF dazu auf, das Budget für heimische Produktionen nicht um 20 % zu kürzen. 1500 Arbeitsplätze seien in Gefahr, heimische Produktionen haben einen deutlich höheren Zuschaueranteil als teuer eingekaufte amerikanische Serien, der österreichische Film genieße einen sehr guten internationalen Ruf, etc. Bei aller Grundsympathie für ihr Anliegen, fällt es mir jedoch schwer, mich diesem anzuschließen. Ich kenne die Welt der österreichischen Filmförderung kaum, weiß jedoch aus Deutschland nur allzu gut, dass eine enge Verbandelung von Fernsehanstalten und Filmwirtschaft nur selten spannendes Kino hervorbringt, so edgy wie Moritz Bleibtreu. Darüber hinaus fällt auf, dass die Argumentation rein ökonomisch ist. Sogar der Fehlschluss, dass die 1500 gestrichenen Stellen den Staatshaushalt durch Arbeitslosengelder erheblich höher belasten als die Weiterführung der Förderung, wird als Argument aufgeführt. Welche Qualitätsproduktionen nach den Kürzungen nicht mehr möglich wären, wird nicht genannt.

Nach der Vorstellung von OKTOBER NOVEMBER stand Götz Spielmann für eine kurze Fragenrunde zur Verfügung. Auf eine kurze Frage der Moderatorin, aus welchem Grund zwischen diesem und seinem letzten Film REVANCHE (2008) rund 5 Jahre liegen, antwortet er weitschweifend. Es beginnt in mehrminütiger Monolog über klassische Dramaturgien und seinen Versuch, sich selbst von altbekannten Mustern zu befreien. Während er spricht, schweife ich ab. Das, was sich hier im kleinen KIZ-Royal-Kino abspielt, so denke ich, ist genau das, was Festivals leisten können: Eine Umerziehung des Publikums, das formalistisches Arthouse- und Mainstreamkino gewohnt. Es sind solche kleinen Augenblicke, die aus dem mentalen Bilderbrei am Ende des Tages hervorragen.

Nach einem Festivaltag kann man sich in den zahlreichen Bars und Kneipen des Lends die Zeit vertreiben oder noch schnell zu einer der Spätvorstellungen der Reihe „Austrian Pulp“ eilen. Schon zum zweiten Mal öffnet das österreichische Filmarchiv seinen Giftschrank und zeigte herrlich obskure Filme aus den letzten 60 Jahren. Den Anfang der von Paul Poet, Thomas Ballhausen und Markus Keuschnigg kuratierten Reihe machte Wolfgang Glücks MÄDCHEN FÜR DIE MAMBO-BAR, ein Film verloren irgendwo zwischen Schlager- und Kriminalfilm. Glück, selbst im Publikum anwesend und wenig angetan von seinem Frühwerk, hatte diesen 1959 im Rahmen eines Vertrags mit Rex-Film abgedreht – „nur zur Übung für mich“, so sagt er heute. Es ist die Zeit von Bill Ramsey, den Kilima Hawaiians und Gitte Haenning. Die Deutschen, inzwischen mit Vollgas unterwegs ins Wirtschaftswunderland, wollten sich ein Stück Exotik in den eigenen Alltag hereinholen. Aus diesem Wunsch nach einer Weltoffenheit ohne die eigenen Denkmuster überwinden zu müssen gingen sie in Bars wie die Mambo-Bar, wo „Mexikaner“ breakdancen, Pseudo-Bogarts schlecht Trompete spielen und leicht bekleidete Mädchen (Cilli, Tilli & Co.) Mambo tanzen und so manchem verheirateten Mann den Kopf verdrehen. Der Plot ist hierbei vollkommen zweitrangig, mit offenem Mund sitze ich im Publikum und staune wie sich vor mir die Zeitkapsel des schlechten Geschmacks öffnet.

Nach dem Film steht Glück noch für Fragen aus dem Publikum zur Verfügung und Moderator Paul Poet kann sogar noch einen Überraschungsgast ankündigen. Eines der Mädchen aus der Mambo-Bar ist auch zugegen. Auf Poets Frage, welches der Mädchen sie denn nun gewesen sei, antwortet sie in einem beinahe zehnminütigen Redeschwall und springt von A nach B („Hach, wie das alles ausgesehen hat damals“). Eine endgültige Antwort ist sie noch heute schuldig geblieben. Für mich sah sie aus wie Tilli.

Am zweiten Abend der Reihe ging es dann weiter mit DIE SCHLANGENGRUBE UND DAS PENDEL, ein Film des altehrwürdigen Harald Reindl. Laut Moderation der erste deutsche Nachkriegshorrorfilm. Auch dieses Werk ist absolut bizarr, es folgen anderthalb Stunden Kutschfahrten unterlegt mit 60er Schlager, Reißschwenks mit Zoom auf das monoton dreinblickende Gesicht Lex Barkers und einer Geschichte, die herrlich wenig Sinn ergibt. Leider konnte die eigens organisierte 35-Millimeter-Kopie wegen ihres miserablen Zustands nicht vorgeführt werden.

Nach solchen filmischen Abenteuern wünsche ich mir, in der billigsten Absturzkneipe Graz‘ einzukehren. Leider ist die Umgebung rund um den Lend zu sophisticated.

Noch einmal zurück zu A MASQUE OF MADNESS: Was Pfaffenbicherl herausragend gelingt, ist das Auffinden von Verbindungslinien zwischen den Filmen Karloffs. Recht schnell werden verschiedene Tropen des Science-Fiction-Films aufgedeckt, die Analyse der selben findet dann im Kopf statt. Das Gleiche passiert, ob man es will oder nicht, nach einem langen Festivaltag. Zahllose unzusammenhängende Szenen setzen sich zu einem neuen Ganzen zusammen. Frankensteins Monster im Kopf. Leider spielt die Hauptrolle nicht Boris Karloff.

Die Gewinner der Diagonale 2014:

Großer Diagonale-Preis Spielfilm des Landes Steiermark (€ 21.000)
Houchang Allahyari für Der letzte Tanz

Großer Diagonale-Preis Dokumentarfilm des Landes Steiermark (€ 21.000)
Ruth Beckermann für Those who go Those who stay

Diagonale-Preis Innovatives Kino der Stadt Graz (€ 10.500)
Lukas Marxt für High Tide
Lobende Erwähnung: Josephine Ahnelt für Wasser aus Korn

Diagonale-Preis Kurzspielfilm von ServusTV (€ 4.000)
Stefan Bohun für Musik
Lobende Erwähnung: Alexandra Makarová für SOLA

Diagonale-Preis Kurzdokumentarfilm der Jury der Diözese Graz-Seckau (€ 4.000)
Antoinette Zwirchmayr für Der Zuhälter und seine Trophäen

Diagonale-Preis der Jugendjury des Landes Steiermark (€ 4.000)
Britta Schoening, Michaela Taschek und Sandra Wollner für Uns geht es gut

Diagonale-Preis Bildgestaltung des Verbandes Österr. Kameraleute AAC (je € 4.000)
Thomas W. Kiennast für Das finstere Tal (Spielfilm)
Joerg Burger und Attila Boa für Das große Museum (Dokumentarfilm)

Diagonale-Preis Schnitt des Verbandes Film- und Videoschnitt aea (je € 3.000)
Karina Ressler für Oktober November (Spielfilm)
Dieter Pichler für Das große Museum (Dokumentarfilm)

Diagonale-Preis Sounddesign des Verbandes Österreichischer Sounddesigner/innen
VOESD (je € 2.000)

Christoph Amann für Shirley – Visions of Reality (Sounddesign Spielfilm)
José Miguel Enriquez und Alejandro de Icaza für Calle López (Sounddesign Dokumentarfilm)

Diagonale-Preis Szenenbild und Kostümbild
des Verbandes Österreichischer Filmausstatter/innen (je € 3.000)
Christina Schaffer für Fieber (Szenenbild Spielfilm)
Theresa Ebner-Lazek für Die Werkstürmer (Kostümbild Spielfilm)

Diagonale-Publikumspreis der Kleinen Zeitung (€ 3.000)
Gloria Dürnberger für Das Kind in der Schachtel

Diagonale-Schauspielpreis in Kooperation mit der VDFS (je € 3.000)
Erni Mangold für Der letzte Tanz
Gerhard Liebmann für Blutgletscher, Das finstere Tal und Bad Fucking

Preis Innovative Produktionsleistung der VAM Verwertungsgesellschaft für
audiovisuelle Medien (je € 5.000)

Prisma Film- und Fernsehproduktion für Alphabet und Dor Film für Der Letzte der Ungerechten