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THE COMPANY YOU KEEP ©La Biennale di Venezia – ASAC

Sink watt iss häppenink in Amerikkaaa: Freiheitskämpfer, Wettermänner und Pippi Langstrumpf auf Acid

Venedig-Blog, Folge 6

„Terroristen“ sind charismatisch, klug, erfolgreich, schön – jedenfalls, wenn sie älter werden. Sie sehen dann aus wie Julie Christie. Wie Susan Sarandon. Wie Robert Redford. Oder diese Menschen sind eigentlich keine Terroristen. „Was dem einen sein Terrorist, ist dem anderen sein Freiheitskämpfer.“ Hat ein kluger Mann gesagt, und es war weder Mao, noch Lenin.

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„Ich hatte große Sympathie für die Bürgerrechtsbewegung, für Widerstand und Protest gegen die US-Regierung. Ich glaube bis heute, dass die einen guten Grund hatten, zu rebellieren.“ Wären doch alle Filmemacher auch persönlich so interessant und intelligent wie Robert Redford – dem Kino der Welt, besonders aber dem Hollywoods ginge es besser.

Robert Redford (2. v. links) ©La Biennale di Venezia – ASAC

Da saß er gestern nun, wie gewohnt hervorragend aussehend bei der Pressekonferenz im marmornen Casino von Venedig, und blendete mit seinem strahlenden Redfordlächeln und gescheiten Antworten die Weltpresse noch mehr als der Sonnenschein draußen vor der Tür.

Er sprach über Widerstand und politischen Untergrund – „das wird immer passieren, und das ist etwas sehr Gesundes“ -; über Gewalt: „Manchmal ist Gewalt eine Option. Auch Schmerz ist Gewalt. Es gibt emotionale Gewalt“; über den Zustand der USA heute: – „We are such a young country… the opportunity is not equal. … it is really about the one percent … Es gibt da den Kampf zweier Seiten des Denkens: Die Angst vor der Veränderung gegen die Einsicht, dass eine Veränderung unvermeidlich ist.“ und über die Leute von „The Weather Underground“, jenen nun von ihm portraitierten linken Systemgegnern, die vor Gewalt nicht zurückscheuten: „I believe, they had the right ideas. … they stood up against hypocracy, … their cause was a good cause.“ Über Generationen: „Every Generation has its moment of discontent. I see the same conditions repeating themselves and the same mistakes repeating themselves.“

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THE COMPANY YOU KEEP ©La Biennale di Venezia – ASAC

Redfords Film erinnert atmosphärisch gleich an zwei Werke aus Redfords größter Zeit, der Ära des „New Hollywood“, als Amerika einmal für kurze Zeit gesellschaftskritisches Kino machte: Den Paranoia-Thriller DIE 3 TAGE DES CONDOR und das Watergate-Drama DIE UNBESTECHLICHEN. Denn auch hier kommt ein junger Journalist vor, der zwischen Wahrheitssuche, Ehrgeiz und dem, was richtig ist, noch seinen moralischen Kompass finden muss.

Anhand dieser Figur geht es auch um die Zukunft des Journalismus in einer Zeit mit weit weniger Idealismus als damals, in der es wichtiger ist, wer die Story zuerst hat, als woraus sie eigentlich besteht. Es entsteht kein schmeichelhaftes Portrait des Journalismus, sondern das eines Journalismus um jeden Preis: Er besteht aus Bestechen, Flirten, Lügen, Bloßstellen.

An diesen beiden Hauptfiguren geht es auch um die Dichotomie zwischen zwei Generationen: Der 68er und der heutigen.

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THE COMPANY YOU KEEP ©La Biennale di Venezia – ASAC

THE COMPANY YOU KEEP ist spannendes, engagiertes, dabei unterhaltend erzähltes Kino, bis in die Nebenrollen gespickt mit Stars, denen Redford jeweils wunderbare Auftritte gibt: Julie Christie, Susan Sarandon, Nick Nolte und viele mehr – Hollywood at its best. In Zeiten, in denen auch 11 Jahre nach dem 11. September Terroristenangst und in deren Gefolge der Sicherheitswahn den Ton angeben, und sich die Politik Obamas von der des George W. Bush nur graduell unterscheidet, unternimmt Redford eine Ehrenrettung des liberalen Amerika.

Und der Film ist noch mehr als das, nämlich eine faszinierende politische Provokation: Redford zeigt, dass der Staat nicht immer im Recht ist, und die sogenannten Terroristen nicht immer im Unrecht.

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Die einzige doofe Frage an Redford, die nach seiner Frau, kam aus Deutschland, von einer, die sich als ARD-Vertreterin vorstellte. „Your werri biutifull weifff…“ – Redfords lustige Zwischenbemerkung: „Don’t believe what you see on TV.“ Danach wurde die dann richtig politisch: „Sink watt iss häppenink in Amerikkaaa…“

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SPRING BREAKERS ©La Biennale di Venezia – ASAC

Einst war Harmony Korine ein Star des US-Independent-Kinos. Er drehte Filme über die übersehenen schmutzigen Ecken seiner Heimat und hielt so den Vereinigten Staaten den Spiegel vor. Die Filme waren gut, aber ehrlich gesagt nicht so, dass man sie sich gern ein zweites Mal anschauen wollte. Erinnern wir uns nur an GUMMO, 1998 beim Filmfest München. Ich kenne ein Mädchen, das nach dem Besuch dieses Films beschlossen hat, niemals Kinder kriegen zu wollen.

SPRING BREAKERS ©La Biennale di Venezia – ASAC

Jetzt ist Korine im Wettbewerb um den Goldenen Löwen mit SPRING BREAKERS vertreten und auch hier geht es um Trash – aber im völlig anderen, übertragenen Sinne: Als Inbgriff für die Grenzbereiche der Popkultur, für das was die New Yorker Schriftstellerin Susan Sontag einst in ihrem berühmtesten Essay „Camp“ nannte, also Dinge, die „so schlecht sind, dass sie schon wieder gut sind.“

SPRING BREAKERS ist ein Film, den man sich sehr gern und immer wieder anschauen möchte. Allein schon wegen James Franco, seiner Goldzahnreihe und der Antwort auf die Frage, ob er denn Geld habe: „I am money.“ Korine erzählt von Strandparties, leichtem Leben und leichtbekleideten Girls. Die kommen auf den schwachsinnigen Gedanken ein Lebensmittelgeschäft zu überfallen, um sich Geld für ihre „Spring Breaker“-Party zu beschaffen. Dabei lernen sie einen Gangster kennen – eben Franco. Aber nicht diese wunderbar haarsträubend konstruierte Geschichte, die nun erst beginnt, ist die Hauptsache bei SPRING BREAKERS, sondern wie sie erzählt wird: Überbordend und anarchistisch ist Korines Stil, dabei voller Liebe zu seinen Figuren – so gelingt ihm mit dieser ironischen Höllenfahrt durch die Popkultur ein Beispiel für die vielen Möglichkeiten des Kinos einer der bislang ungewöhnlichsten Venedig-Beiträge: Eine Art Pippi Langstrumpf – auf Acid!!

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