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the cut akin kritik

Das kleine Glück im großen Schrecken.

Sogar von Morddrohungen hatte man vorher hören müssen, und es war klar, dass es sich bei solchen Meldungen nicht um eine besonders zynische PR-Masche handelte. Mit THE CUT hat sich Fatih Akin einem Risiko ausgesetzt, künstlerisch, politisch, persönlich.

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Ein Film über das Drama der Armenier in der Türkei. Manche sprechen von Völkermord, andere wollen mehr differenzieren. Aber juristische Feinheiten können wir den Juristen überlassen: Es war ein Massenmord, der noch immer ein Tabu ist, und den alle möglichen politischen Lager heute für sich ausschlachten wollen. Fatih Akin dagegen will erzählen. Er erzählt eine persönliche Geschichte, die schrecklich ist, aber doch vom Überleben handelt. Von einem Schicksal, das günstiger verlief als das von Hunderttausenden.
Dafür hat er umfangreich recherchiert, gelesen, Historiker konsultiert, und bietet ein differenziertes, hochinteressantes Panorama. Im Vorfeld hatte es Gerede um den Film gegeben, darum, dass Akin ihn nach Einreichung in Cannes wieder zurückgezogen hatte. Wenn man den Film jetzt sieht, dann sind diese obsolet. THE CUT ist nicht sonderlich verwegen, aber er ist sehr anständig.

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An einem Morgen in aller Frühe fängt es an: Da kommen die Häscher der türkischen Armee und holen Nazaret, den jungen armenischen Schmied, aus dem türkischen Marsin ab. Die Handlung spielt im Jahr 1915, und für die im Ersten Weltkrieg kämpfende Türkei läuft es nicht gut. Gerade sind die Engländer bei Gallipolli gelandet, und die armenische Minderheit des osmanischen Reichs kann sich nicht länger von dem Konflikt distanzieren. Am Abend zuvor hatte Nazaret im Kreis der Familie noch fröhlich und weitgehend unbeschwert gefeiert, und noch etwas früher hatte man in Tornatore-Sonnenlicht getauchtes Glück gesehen, Menschen mit Fez, Nonnen, Beichtende. Ein bisschen zu glatt und anständig vielleicht. Als ob das Glück besonders glücklich sein muss, damit das Unglück unglücklich genug wird. Jetzt ist der Mann, der nach der Geburtsstadt Jesu benannt ist, als Christ und vor allem als Armenier zum Außenseiter und Sündenbock abgestempelt.

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Beim Gespräch unter Armeniern über Gallipolli fällt auf: Sie sprechen von „den Türken“. Sie sagen „Das geht uns nichts an“. Haben die Armenier wirklich so empfunden? Haben sie sich als Außenseiter und Fremde im multikulturellen osmanischen Reich begriffen?

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THE CUT heißt der neue Film von Fatih Akin, der am Sonntag im Wettbewerb von Venedig Premiere hatte. Dies ist ein episches, bilderstarkes und unbedingt für die große Leinwand inszeniertes Drama, das im ersten Teil die Innenansicht des Massenmordes an den Armeniern in der Türkei vor knapp 100 Jahren bietet, und im zweiten zu einer Reise über drei Kontinente wird, zum globalen Trip eines Heimatlosen, eines Vaters auf der verzweifelten Suche nach seinen Töchtern.
Insofern sehen wir mitunter und gerade am Ende das kleine Glück im großen Schrecken.

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Mitunter ist der Film ein süffiges Epos mit allen Vor- und Nachteilen. Darin erinnert er an Franz Werfels DIE 40 TAGE DES MUSA DAGH. Auch dies eine Mischung aus Kunst und Kolportage, Roman und Historie. Von Werfel hat Akin manches gelernt, aber leider dann doch nicht die Möglichkeit gehabt, dies ganz umzusetzen. Werfels Roman ist pathetischer und facettenreicher zugleich, er hat viel mehr Figuren als THE CUT, und er vermischt Emotionaleres mit Politischem. Er zeigt auch die türkische Seite.

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Der Film, ein vielschichtiges Drama, ist nicht nur mutig. Es ist politisch so klug wie anständig: Anständig weil er die Verbrechen deutlich zeigt, in ziemlich schrecklichen Szenen, sie benennt und nicht beschönigt, weil er sich klar auf der Seite der Opfer positioniert, weil er aber auch auf die feinen Unterschiede achtet, zumindest in Teilen: So wird im Film sehr deutlich herausgearbeitet, dass die Morde an den Armeniern nicht aufs Konto der Armee gehen, die kurze Zeit später die osmanische Herrschaft stürzte, und die moderne Türkei aufbaute, sondern auf das Konto der politischen Führung, die Schwerverbrecher aus dem Gefängnis holte und sie als Mordschergen die grausige Dreckarbeit machen ließ. Auch weist der Film sehr subtil, aber klar auf die Verstrickung der Deutschen hin, genauer gesagt des kaiserlichen Heeres, mit dem die Osmanen im Ersten Weltkrieg verbündet waren.
Schließlich: Er zeigt eine Gruppe türkischer Deserteure. Auch das ein Tabubruch – denn so albern uns das erscheinen mag: In der Türkei ist es nicht möglich so etwas offen zu sagen: Dass es Deserteure gab, dass es Angst vor dem Krieg gab, Feigheit vor dem Feind. Im Selbstbild waren alle türkischen Soldaten ungebrochene Helden bis zum letzten Atemzug.
Klug ist auch, wie er das Thema aktualisiert: Denn Akin erzählt auch eine gegenwärtige Geschichte: Von Flüchtlingen, von Migranten, von multikultureller Gesellschaft.

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Nicht immer ist THE CUT so differenziert: Die Türken in diesem Film sind fast immer böse. Augenrollende Schurken mit dunklen Bärten, die töten und vergewaltigen, Tote ausrauben und keine Gelegenheit auslassen, um die Lebenden Opfer sadistisch zu quälen. Nur wenige Ausnahmen gibt es in diesem groben Bild: Der, der Nazaret den „Cut“ versetzt, den Schnitt durch die Kehle, der nicht tödlich ist, ihm aber die Sprache nimmt, ist eigentlich einer, der mitfühlt und ihm das Leben rettet. Und die erwähnten Deserteure. Der Rest sind hier Schurken.
Dafür sind die Armenier offenbar per se grundgute Menschen, fürsorglich und human, noch im Tod solidarisch und liebevoll. Kein schlechter Charakterzug trübt das Bild, keinen Verräter gibt es im Film unter ihnen, nur ein paar, die um ihr Leben zu retten, zum Islam konvertieren, weshalb sie von ihren Landsleuten denn auch gleich als „Judas“ beschimpft werden. Etwas arg ist solche Schwarzweißmalerei, etwas mehr Grautöne wären hier gut gewesen. Das passt ins Bild: Fatih Akin hat einen Mainstreamfilm gemacht, der sein ambitioniertes, mutig gewähltes Thema mitunter weichspült, und an vielen Stellen unterkomplex behandelt.
Aber der konventionelle, auch in der englischen Sprache erkennbar aufs breite Publikum zielende Zugang hat auch Vorteile: Im Gewand der Unterhaltung schmuggelt der Film brisante Botschaften auf die Leinwand: Er bricht mit einem Tabu, rückt die Leiden des armenischen Volkes ins Zentrum der Aufmerksamkeit.

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Stilistisch ist dies ein Roadmovie über drei Kontinente, und manches erinnert an Western-Bilder: Große weite karge schöne Landschaften, die in ständiges Sonnenlicht getaucht sind, und in denen Schreckliches passiert. Die Natur ist größer als der Mensch.
Es gibt viel Musik, sie ist schön und reißt gleich von Beginn an mit, sie stammt von Alexander Hacke von den „Einstürzenden Neubauten“ und funktioniert in ihrer Mischung aus Pop-Dynamik und folkloristischer Zartheit hervorragend. Vielleicht wird sie ein wenig zu oft eingesetzt, vielleicht muss sie manchmal Schwächen überbrücken, aber sie trägt den Film.

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Drei deutliche Schwachpunkte hat THE CUT, und sie trüben leider den Gesamteindruck: Einer ist leider sein Hauptdarsteller: Der Algerienfranzose Tahar Rahim, bekannt als Star des französischen Films UN PROPHÈTE hat leider nur einen immergleichen und etwas sehr naiven Ausdruck. Wie ein armer Tor wandert er durch das Grauen der Welt, innerlich wie äußerlich scheinbar unberührt. Dass er die Hölle auf Erden erlebt hat, hinterlässt weder in seiner Seele, noch in seinem Gesicht erkennbare Spuren, und die zehn Jahre in Elend, Armut und Todesgefahr machen ihn keinen Tag älter. Es gibt kein Trauma. Dass er das alles erlebt haben soll, glaubt man dem Darsteller keine Sekunde.
Der zweite Schwachpunkt: Der Film ist zu lang. Episch hin oder her, aber die letzten eineinhalb Stunden haben Längen, zumal man ahnt, dass in dieser Art Filmen zwischen allem Elend der Welt doch zumindest die persönliche Vatersuche ein Happy End haben wird.
Last, not least: Es geht um nichts. Schon klar: Der Mord an den Armeniern wird angesprochen. Abgründe türkischer Geschichte. Die Welt des Nahen Ostens um 1918 ersteht wieder auf. Aber ansonsten: Um was geht es eigentlich? Die Hauptfigur ist zu aseptisch und unmenschlich um uns nahezugehen, um ein Held zu sein. Er hat immer Glück, er hat keine Freunde, er liebt niemand, er hat aber auch keine Laster und Schwächen. Er ist einfach da, und ist besessen davon seine Töchter zu finden.

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Liebe, Tod und Teufel nennt Fatih Akin im Presseheft seine Trilogie, die mit GEGEN DIE WAND begann (Liebe), mit AUF DER ANDEREN SEITE (Tod) weitergeführt wurde und nun abgeschlossen ist. Von diesem Triptychon hatte ich vorher noch nichts gehört, aber das macht ja nichts. Nur muss ich zugeben: Vom Teufel hab ich nicht genug gesehen in diesem Film. Das war mir zu brav für den Satan.
Der Film ist in den ersten zwei Dritteln stärker als im letzten. Ich hätte mir gewünscht, dass er von den einzelnen Stationen mehr erzählt, besonders von Aleppo, wo die Araber von türkischen Kolonialherren beherrscht wurden. Aber das wollte Akin offenbar nicht, und das haben wir zu akzeptieren. Wir sollten den Film als das nehmen, was er ist, und würdigen, was er erreicht.

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Meine drei Lieblingsmomente im Film: Einmal, schon stumm, schon gerettet, geht Nazaret in Aleppo ins Kino. „Moving image is the work of the devil“, warnt ihn eine Frau noch. Dann sieht er Chaplin auf der Leinwand, Szenen aus THE KID. Er lacht. Und wir erleben für Sekunden den Zauber des Kinos.
Kurz darauf bekommt er in einem Waisenhaus ein Bild seiner Töchter. Fatih Akin hat dafür ein altes Foto genommen, in das er die Schauspielerinnen hineinmontiert hat. Es ist gut gemacht, und doch erkennt der geübte Blick, dass die Vorlage historisch ist und die anderen Mädchen auf dem Bild echte Armenierinnen. Der Zauber des alten Material fängt einen ein. Er ist unvergleichlich, er bringt eine Ahnung des historischen Geschehens und der Verlust in den Film, der ungemein berührt.
Schließlich: Nazareths „Trainhopping“ in den USA und schon vorher. Das lässt das Kino der Depressionsära wiederauferstehen und so viele Filmbilder, die ich aus meiner Kindheit von irgendwoher im Kopf habe, ohne sie noch zuordnen zu können. Arme, die mit ihrer ganzen Habe im Zug gemeinsam der Hoffnung entgegenfahren – ein hochromantisches Bild.

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Gewidmet ist der Film übrigens Hrant Dink, dem 2007 unter nach wie vor ungeklärten Umständen ermordeten Journalisten und Bürgerrechtler armenischer Herkunft. Fatih Akin zeigt: Die armenische Vergangenheit will nicht vergehen.

 

Bild-Copyright: Filmfestival Venedig 2014, Pandora

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