Seite auswählen
FUTATSUME NO MADO © 2014 WOWOW & COMME DES CINÉMAS, Cannes Filmfestival

FUTATSUME NO MADO © 2014 WOWOW & COMME DES CINÉMAS, Cannes Filmfestival

Wenn man mit dem Bauch fühlt: Erste Preise und Spekulationen

Wer wird über die Wächter wachen?

Juvenal

***

Der wichtigste Preis heute Abend ist keineswegs die Goldene Palme. Es ist der Sieg in der Fußall-Championsleague, im Finale zwischen Real Madrid und dem Außenseiter Atlético Madrid. Für die, für den linken, proletarischen Stadtteilverein der spanischen Hauptstadt sind hier alle, die ich kenne, sozusagen die Guten der Filmkritik. Real, die Ex-Faschisten und Großkopferten, den LEVIATHAN des spanischen Fußballs, mag hier niemand. Sie sind aber Favoriten, und wahrscheinlich wird der Tom Cruise des Fußballs, Cristiano Ronaldo, heute Abend „La Decima“ in Händen halten. Wie gewohnt schauen wir mit Argentiniern, Holländern, Türken im „Irish Pub“ gegenüber dem Bahnhof von Cannes. Dieser Ort ist zwar „cursed“, verflucht, wenn man zu Borussia Dortmund hält. Aber letzte Woche wurde Atlético hier zum ersten Mal seit 18 Jahren spanischer Meister, darum hoffen wir mal kontrafaktisch das Beste.

***

Kannst du den Leviathan ziehen mit dem Haken und seine Zunge mit einer Schnur fassen? … Aus seinem Munde fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus. … Die Gliedmaßen seines Fleisches hangen aneinander und halten hart an ihm, dass er nicht zerfallen kann. Sein Herz ist so hart wie ein Stein … Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken.

Bibel, Buch Hiob

***

Jane Campion und die Frauenfrage – das wurde an den letzten zehn Tagen oft diskutiert. Wie wird die erklärte Feministin entscheiden? Wäre ein Preis für eine der beiden Regisseurinnen gar eine rein politische Konzession? Branchenmagazin „Variety“ unterstellte so etwas in seinem Abschlußbericht. Also müsse Campion den Preis einem Mann geben, um die Frauen im Wettbewerb gegen Verdacht zu schützen.

Was ist jetzt nochmal die Frage der Frauen? Kann mir niemand beantworten. Diese Frauenfrage stellt sich jedenfalls zu zumindest meiner Überraschung als wichtiger heraus, als man das im 21. Jahrhundert für möglich hält. Allein Campions Präsenz als Jurypräsidentin führt bereits dazu, dass mehr über das Thema diskutiert wird.

Wäre gegen solche „positive Diskriminierung“ überhaupt etwas zu sagen? Finde ich gar nicht. Vielleicht ist die Lage der Frauen in der Männergesellschaft tatsächlich derart fatal, dass ihre nahezu einzige Chance auf eine Goldene Palme eine weiblich geführte Jury ist? Jedenfalls finde ich nicht, dass ein solch‘ politisches Denken „poor feminism“ wäre. Einstweilen ist Campion, die einzige Frau, die je die Goldene Palme gewonnen hat. Da wird es Zeit. Und mit Naomi Kawase gibt es eine Kandidatin.

***

Wenn Männer Männern Preise geben, sagt auch keiner was.„, meint Martina. Das stimmt zwar, aber wenn Männer Männern Preise geben, dann tun sie es wohl tatsächlich eher selten, weil die Preisträger Männer sind. Eher schon vielleicht, weil sie Frauen keine Preise geben wollen.

***

Im Interview mit Ernesto aus Chile hat Thierry Fremaux auf die Frauenfrage erklärt, es sei nicht der Fehler von Festivals, wenn keine oder nur wenige Frauen im Wettbewerb liefen, es sei der Fehler der Industrie. „The festival is just reflecting, what’s happening in the industry.“ Da hat er einen Punkt, finde ich.

***

MOMMY, © Shayne Laverdiere, Cannes Filmfestival

MOMMY, © Shayne Laverdiere, Cannes Filmfestival

Kawase würde ich den Preis jedenfalls sowieso am meisten wünschen. Ich glaube nicht dran. Es gibt ein paar Frauenversteher-Filme, die bestimmt geeignete Kompromisskandidaten wären. Olivier Assayas SILS MARIA zum Beispiel, mehr noch aber Xavier Dolan mit seinem prollverherrlichenden, sehr kitschigen, aber schon auch guten Mütterlichkeitsepos MOMMY – für mich ist der zu manieriert und affektiert, bei allen guten Ideen. Das wäre eher der Preis für die beste Schauspielerin. Und sogar Tommy Lee Jones THE HOMESMAN – obwohl man sich das nicht richtig vorstellen kann.

Irgendwie mein Bauchgefühl sagt, dass der von Anfang an gar nicht geheime Favorit Nuri Bilge Ceylan mit WINTER SLEEP zwar einen wichtigen Preis bekommt, aber nicht den Hauptpreis. Irgendwie Bauchgefühl ist, auch dass TIMBUKTU, ein ethnokitschiger Film aus Afrika, gute Chancen hat. Und eben Dolan. Der Argentinier Damián Szifrón, an den hier in Cannes keiner zu glauben scheint, wäre aus meiner Sicht unbedingt für einen Regiepreis gut, oder für etwas anderes analog zu DRIVE vor drei Jahren.

***

Aber was meinen die anderen? Wer führt beim Spiegel von critic.de bei dem ich ebenso mitmache, wie bei dem internationalen vom Argentinier Diego Lerer?

Zuvor eine generelle Bemerkung: Wenn man die Noten der critic-Kritiker nimmt, muss man ja fast glauben, das wäre hier ein eher nicht so richtig gutes, bei einigen Herren ein richtig schlechtes Filmfestival gewesen. Zu verhalten, Freude, etwas zu wenig Begeisterung, außer für Godard. Da finde ich merkt man, dass dies noch ein junges Magazin von jungen Menschen ist, da fehlt die Großzügigkeit des fortgeschrittenen Alters. Und vielleicht ein Schuss Femininität?

Ich schreibe das hier so hin, weil wir darüber reden werden, anhörbar auch für Leser dieses Blogs. Denn für Montag haben wir hier einen ausführlichen Podcast verabredet. Details folgen.

***

Also: Was meinen jetzt die anderen? Bei critic.de gibt es für mich wenig Überraschungen. Außer Godard, dem man irgendwie trotz allem keine Chance einräumt – aber wäre es nicht großartig dem 83-Jährigen für seine Frechheit, seine Narretei, seine seiltänzelnde fröhliche Wissenschaft der Filmkunst einen ganz großen Preis zu geben? Ich fände es super! -, außer Godard also führen Ceylan, Kawase. Assayas und Dolan kommen gut weg, und sogar Cronenberg.

Bei todaslascriticas, auch männerlastig und im Durchschnitt älter, führt Godard vor Ceylan und den Dardennes. Über deren Film, ihren schlechtesten, werde ich an den nächsten Tagen noch schreiben, auch wenn sie nichts gewinnen. Dann Assayas. Kawase findet weniger Gnade. Dolan auch nicht, eher noch Bonello mit SAINT LAURENT, den ich mir ersparen wollte.

Bei Screen-Daily führt Mike Leigh mit dem unsäglichen MR. TURNER, was man sich nur mit der Auswahl der Abstimmenden erklären kann. Bei den französischen Kritikern von „Le Film Francais“ führen die Dardennes vor Ceylan.

Irgendwie habe ich noch ein Bauchgefühl: Wir werden nachher eine Überraschung erleben.