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Blau – Weiß – Pastell: Film ohne Männer und andere
Frauengeschichten

Venedig-Blog, 2 Folge

Ein früher Tonfilm, eine Frau, vielleicht Jean Harlow, und eine andere, etwas ältere, die sie am Monitor betrachtet. Eine andere Frau, eine Japanerin steht auf einem Balkon, blickt über eine Stadt. Noch eine Frau, jung, braune Haare, badet ihre Tochter, wartet auf den Babysitter. Eine jüngere auf der Straße. Immer wieder geht des hin und her. Die vier werden zusammengeführt, parallelisiert. Man sieht Kleidungs-Accesoires: Schuhe, Handtaschen, eine Sonnenbrille, Schuhe immer wieder. Schön, auffällig. Das sollen sie auch, dazu unten. Frauen, diese Frauen beim Anziehen. Beim Haarerichten, Schminken. Beine. Schönheit. Intensität. Verschiedene Stadien von Weiblichkeit: Arbeit, Mutter-sein, Alter, Jugend, Einsamkeit, Familie. Alles dies ist nur angedeutet, aber es ist da in dem Film. Dann brechen alle vier auf, etwa zeitgleich. Dann steigen sie in ein Auto. Werden gefahren. Vom Fahrer, im Taxi. Die Fahrer, vermutlich Männer sehen wir übrigens nie. Wir verstehen auch nicht alle Worte; Japanisch schon gar nicht. Der Film ohne Männer ist auch ein Film ohne Übersetzung. Lost in Translation.

Ihre Fahrt scheint auf einander zuzuführen. Alles ist möglich, auch ein Zusammenstoß. Schließlich landen sie am selben Ort, einem Konzert der Sängerin Zola Jesus. Ich kannte sie nicht. Aber ihr Gesang ist wunderbar und berührend. Dann die Credits: Rosa-Schwarz.

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Film ganz ohne Männer, das sieht man nicht alle Tage. Noch nicht mal, wenn es sich, wie in diesem Fall, um vier Kurzfilme handelte: WOMEN’S TALES – „Frauengeschichten“ heißt das Gemeinschaftswerk von vier bekannten Regisseurinnen des Weltkinos, der Argentinierin Lucretia Martel, der New Yorkerin Zoe Cassavettes, der Italienerin Giada Colagrande und der Französin Massy Tadjedin. Mit ihnen eröffnete in Venedig die renommierte Nebensektion „Giornate Degli Autori“. Zwar handelt es sich bei den vier Filmen im Grunde um eine Auftragsarbeit des Modelabels „Miu Miu“, doch ist das Ergebnis derart eigenständige Kunst und so fern von aller Werbung, dass man es hier zeigt. Vier Filme über das Empfinden von Frauen, in denen Spiegel und Blicke eine wichtige Rolle spielen, die jeweils in eine ganz eigene Stimmung gehüllt sind, und alle Filme prägt hohe Intensität, die Essenz gelungenen Kinos.

Besonders Tadjedins Beitrag IT’S GETTING LATE, den ich eben beschrieben habe, hat eine großartige Atmosphäre.

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Martels heißt MUTA. Das bedeutet auf Spanisch einerseits „stumm“, andererseits „verwandelt“ (wie Mutuation). Man sieht ein Schiff, einen alten Rad-Dampfer auf einem sehr breiten Fluß. Das Boot allein ist schon großartig. Frauenkörper kriechen aus seinem Inneren. Zwischendurch macht der Film ruckartige Bewegungen. Ihre Gesichter sehen wir nicht. Irgendwann tragen sie Masken. Spiegel spielen eine wichtige Rolle.

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Auch das ist wieder völlig assoziativ und offen und macht darum einen Teil der Menschen aggressiv, was an sich eine gute Sache ist. Der Verzicht auf Plot, das Musikalische, auch Visuell-Musikalische ist aus meiner Sicht die Essenz des Kinos. Auch darum war dies, vor allem IT’S GETTING LATE für mich das bisher Beste am ersten richtigen Venedig-Tag.

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Violeta aus Buenos Aires, mit der ich den Film sah, vergleicht den Film mit David Lynch. „Der Gesang am Schluß… Das erinnert mich an die andere Seite von Lynch. Er mag nicht nur das Dunkle, er will uns auch Spaß machen.“

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Auch sonst standen Frauen an den ersten Tagen von Venedig im Zentrum – dies ist bestimmt auch als bewusster Kontrapunkt zur Konkurrenz in Cannes gedacht. Bei den dortigen Filmfestspielen hatte es diesmal keine Frau in den Wettbewerb geschafft. Und die französischen Regisseurinnen hatten protestiert.

Nun glauben die italienischen Männer allemal von sich selber, dass sie viel vom anderen Geschlecht verstehen. Und so hatte sich in diesem Jahr die Leitung des Filmfestivals von Venedig – sämtlich Herren fortgeschrittenen Alters – offenbar vorgenommen, sich ganz besonders deutlich als Frauenversteher zu präsentieren. So war der Eröffnungsfilm von einer Frau, und darum auch die Eröffnung der „Giornate…“

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Man kann alle diese Filme, über die ich gerade geschrieben habe, übrigens auf You-Tube sehen. Aber es war großartig, ihnen auf der Leinwand zu begegnen. (Anm. v. NEGATIV: Videos am Ende des Textes)

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Daniel aus Köln, auch so ein Frauenversteher, fand die WOMEN’S TALES übrigens richtig blöd, wie er mir sagte. „Wie können so intelligente Frauen derart dem Konsum verfallen?“ Darauf gibt es viele Antworten – zum Beispiel weil Konsum Spaß macht, und weil Kommunismus bedeutet, dass alle Maserati fahren und Miu-Miu tragen, nicht, dass wir alle in Sack und Asche gehen.

Die Annährung und Ununterscheidbarkeit von Kunst und Werbung – hat Michelangelo etwa keine Werbung für den Papst gemacht? – ist natürlich ein tolles Thema, über das wir mehr schreiben müssten. Geht es aber nach Daniel, dürfen keine Werbefilme auf Festivals laufen: „Das eine ist das, wofür sie viel Geld bekommen, das andere ist die Kunst.“ Den Unterschied verstehe ich nicht. Meiner Ansicht nach gibt es gute und schlechte Filme. Und das hier sind gute.


Die Filme:

THE POWDER ROOM, von Zoe Cassavetes

 

MUTA, von Lucrecia Martel

 

THE WOMAN DRESS, von Giada Colagrande

 

IT’S GETTING LATE, von Massy Tadjedin

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