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Maria geißelt sich in PARADIES: GLAUBE

„Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…“:
Groteske und Geheimnis, Theologie und Tyrannei, schwache Männer, grüner Mais

Venedig-Blog, 9 Folge

„Hallo, mein Name ist A…. und ich bin freischaffende Künstlerin.“, sagt die Unbekannte in englischem Akzent, „Ich frequentiere die Filmfestspiele weil ich auf der suche nach Filmgeld bin. Aber das ist ja nicht das, was ich von Ihnen bekommen könnte…“ Stimmt.

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Für die diesjährigen Filmfestspiele von Venedig müsste man Theologie studiert haben. Geben wir es doch zu: Eigentlich nervt Religion, nervt Glauben, nervt Gott – jedenfalls im Kino. Warum muss man sich auf Probleme einlassen, die man gar nicht hat. Das Schlimmste an diesen ganzen Venedig-Filmen um den Komplex Religion: Dass sie alle tun, als ginge es um etwas Wichtiges, und dass sie des nicht mehr beweisen müssen.
Hinzu kommt, dass Religion/Glaube/Gott sich offenbar immer noch am besten für die blödesten Provokationen eignen. Ein gutes Beispiel hierfür ist der neue Film von Ulrich Seidl: PARADIES: GLAUBE.

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In PARADIES: GLAUBE – dem zweiten Teil der Glaube-Liebe-Hoffnung-Trilogie nach PARADIES: LIEBE, der in Cannes lief – stellt der österreichische Regisseur (HUNDSTAGE) ganz und gar eine Frau ins Zentrum. Jene Maria ist eine fanatische katholische Fundamentalistin, die ihr Leben damit zubringt, ihre Mitmenschen zu missionieren – ob sie wollen oder nicht, und zwar mit einer gehörigen Portion Aggressivität. Schon die allererste Szene des Films spricht Bände: Da zieht sich Maria vor einem Kruzifix halbnackt aus, und verpasst sich genau 48 Peitschenhiebe auf den Rücken. Es gehört zu Seidls spezieller und seit jeher umstrittener Methode, dies dem Publikum direkt und in aller Ausführlichkeit – eben mit genug Zeit zum Mitzählen der einzelnen Schläge – zu zeigen. Da bewegt sich der halbe Saal schon recht unruhig und rutscht auf dem Sitz unwohl hin und her, als handle es sich um einen Beichtstuhl. Wir denken eher: Ah geh? So primitiv? Aber es „hat was“ wie man so sagt, und verfehlt seine Wirkung nicht. Primitiv daran finde ich vor allem, dass man bei Seidl ja mit nichts anderem mehr rechnet, als mit Zumutungen. Man ist insofern nicht überrascht, sondern fühlt sich bestätigt, und das Publikum zieht sich Ekel und Abstoßung und die Faszination für die Freakshow rein, wie einmal im Jahr eine Darmspiegelung.

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Auch sonst überschreitet der Film viele übliche Geschmacksgrenzen: Ein Krüppel robbt minutenlang durch die Wohnung, Betrunkene lallen, eine Sex-Orgie im Stadtpark wird explizit gezeigt, Kruzifixe werden im Dutzend zerschlagen und ein Ratzinger-Portrait fällt von der Wand – was übrigens vom italienischen Publikum mit Applaus gewürdigt wurde, der mir, einem religiös unmuskalischen und keineswegs papstpatriotischen Menschen saudumm vorkommt. So geht’s weiter durch den religiösen Sumpf der „Legio Cordis Jesu“, der Maria offenbar angehört. Einmal trifft sich die Gruppe und guckt in die Kamera. Sie gucken also uns im Saal an, ernst und voller Liebe, und für ein paar Momente sind wir Jesus. Dann rufen sie im Chor: „Wir sind die Sturmtruppe der Kirche“; „Wir schwören Dir Treue bis in den Tod.“; „Wir schwören Dir, dass Österreich wieder katholisch wird.“

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Dazwischen missioniert die seltsame Hauptfigur, eine perverse Heilige, die jede neue Tortur als „Prüfung“ freudig begrüßt, „Danke Jesus, Danke!“ jauchzt nach den 48 Peitschenhieben. Sie erklärt zwei Geschiedenen: „Sie leben in Sünde.“ Antwort: „Wer bestimmt, was Sünde ist?“ Nur um die ihr anvertraute Katze kümmert sie sich dagegen nicht sehr gut. Auch nicht um einen Moslem, der im Rollstuhl sitzt, und plötzlich bei ihr einzieht. Er stellt sich als ihr Ehemann heraus, und gibt Anlaß, ihm zu erklären, dass auch dessen Unfall „einen Sinn“ gehabt hat. Der Mann wiederum sagt ihr: „Du musst Dir eine andere Religion suchen.“
Dann wieder wird ein Messi missioniert, Weihwasser wird per Spray verteilt, bis Maria am Ende doch zusammenbricht, und den Christus am heimischen Kreuz geißelt.

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Was ist die Moral von alldem? Vielleicht dass Religion in Aggression mündet, und dass diese Aggressivität einer Eskalationsspirale unterliegt? Die Seidl zeigt. Vielleicht auch, dass der arme Jesus am Ende auch noch von seiner treuesten Jüngerin verraten wird? Vielleicht dass es bei Religion am Ende nur um Sex geht? Bei Seidls jedenfalls. Vielleicht dass das tyrannische Kino Seidl seine Hauptfigur so lange und so weit demütigt, bis sie zusammenbricht und Seidl diesen Zusammenbruch zeigen kann.

Es sind insgesamt groteske Szenen, nicht angenehm zu sehen, aber stark in der Wirkung. Und das muss man über diesen Film sagen: Ich mag ihn nicht wirklich, sehe ihn nicht gern, aber er ist gut, und oft auch lustig. Ohne Frage ist der Film eine Zumutung, aber er ist auch stark in seiner Gnadenlosigkeit. Zumindest die Wahrheit der ungemilderten Provokation hat er auf seiner Seite.

Damit aber auch den billigen Beifall. Und ich unterstelle Seidl, dass er Wirkungen, auch öffentliche, sehr genau kalkuliert.

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Seidl zeigt alles im für ihn üblichen Stil: Ohne Neugier, nicht suchend, sondern alles von Anfang an wissend, uns ausstellend. Voyeuristisch. Im Gestus: Guckt mal liebe Kinder, was ich hier wieder Fürchterliches gefunden habe. Kino als Fahrt mit Geisterbahn. Hui, jetzt ham‘ wir uns aber gegruselt….
Visuell eine Kadrierung am Rand des Ästhetizismus, totale Symmetrie, Ordnung, Leere – Kino eines Kontrollfreaks, der das Zufällige, Unberechenbare zu hassen scheint. Und der kalkuliert: Einmal kommt Marias Mann in ihr Schlafzimmer, öffnet die Tür zum Bad: Er rollt hinein, wir hören Geräusche, die nur als „pissen“ zu deuten sind. Nach langen Sekunden des Zuhörens sehen wir, dass er nur den Wasserhahn betätigt.
Ist das ein Dokumentarfilm? Darüber diskutierte ich gestern mit Tine und Patrizia, den beiden großartigen Damen – Chefin und Assistentin – vom Kopenhagener Filmfestival, das sich auf Doku-Essays spezialisiert hat, und den Begriff derart weit steckt, dass sie wohl auch noch Malicks TO THE WONDER zeigen könnten. Ich halte Seidl für den Prototyp eines Arthouse-Exploitation-Filmers. Seine Filme sind das Intellektuellen-Pendant zu DAS FRAUENGEFÄNGNIS VON COBRA CITY, Teil 3, also mit einer gewissen perversen Lust am Abgründigen gedreht. Die Lust immerhin nimmt für Seidl ein, und die Tatsache, dass seine Filme unvergleichlich und unnachahmbar sind.

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Das Schlußlied: „Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…

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„Ulrich“ sagt der Filmkritiker, der immer in der ersten Reihe sitzt, wenn er „Seidl“ meint. Er erzählt vom Abendessen, dass die Österreicher offenbar so kontrollfreakig ausgerichtet haben, dass noch nicht einmal der Weltvertrieb viel mitreden durfte, „Ich dachte da sind nur sieben Leute, und dann waren 120 da. Hätte ich das geahnt, wäre ich nicht hingegangen.“ Er scheint persönlich gekränkt durch die Anwesenheit der vielen. „Ich hab‘ damals die einzige Retro gemacht, die es je zu Seidl gegeben hat.“ – „Man fühlt sich immer ein bisschen doof neben Dir“, antwortet die Redakteurin.

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Wie ein kleiner feiner Kommentar zu Seidl und eine Antithese wirkt der Kurzfilm, in dem die große Liliana Cavani ein Kloster portraitiert: Ungemein menschlich, man sieht lustige Nonnen, die sehr offen über Glaubenszweifel, Frauenfeindlichkeit und Intellektuellenhass in der katholischen Kirche reden. So geht’s auch!

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Es muss nicht auf Seidl zutreffen und war nicht auf ihn gemünzt, aber im Gespräch mit Alexandra aus Wien entspinnt sich folgender Dialog: Ich: „Ihr tut so, als ob ihr Manieren habt, aber eigentlich habt ihr keine.“ Sie: „Ja, das ist unser Geheimnis. Das ist der Charme.“

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Auch ein Kontrollfreak, und noch viel mehr der Typ eines selbstbesoffenen Alpharegisseurs ist Paul Thomas Anderson.

THE MASTER

THE MASTER ist zuerst einmal genau das, was sich Schauspieler wünschen, jedenfalls amerikanische, weil sie sich mit solchen Rollen wichtig machen können. Amy Adams und Philip Seymour Hoffman nutzen ihre Möglichkeiten glänzend, während Joaquim Phoenix overacted: Es gibt diese bestimmte Art amerikanischer Schauspieler, zu spielen. Sie hat nichts mehr mit dem Leben zu tun, nichts mit Naturalismus, aber wir halten sie fast dafür, weil wir das so oft (zu oft) gesehen haben. Und übrigens sieht Phoenix hier so hässlich aus, wie noch nie. Er spielt eine ähnliche Figur, wie der Cruise in MAGNOLIA, wie Daniel Day Lewis in THERE WILL BE BLOOD: ein ausgezehrter, asketischer, aggressiver Unsympath, der zwar „böse“ „ist“, auch im Film, aber doch erkennbar die Identifikationsfigur, das alter ego für Anderson.

THE MASTER ist unterhaltsam, gut, aber nicht außerordentlich. Gutes Handwerk. Aber auch vollkommen geschlossen. Auch ein Film, der alles weiß, nichts wissen will, und vor allem nicht überrascht werden möchte.

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Sein Thema ist anders, weil kritischer, wertender als Seidl, aber doch am Ende ähnlich die Geburt der Religion aus dem Geist des Wahnsinns. Neben dem, was ich schon neulich in Folge 4 als ersten Eindruck geschrieben habe, ist noch der Zorn, der Pessimismus und der Zynismus Andersons zu bemerken.

Hochinteressant ist das geistige Netz aus Manipulation, Hypnose, Bewusstseinserweiterung, das hier ausgelegt wird. Die 50er Jahre Paranoia und der Kybernetik-Komplex, die Vorstellung, dass Menschen zu Automaten werden könnten, die John Frankenheimer unnachahmlich in THE MANCHURIAN CANDIDATE portraitierte. Aber ein Dokumentarfilm eignete sich für all dies besser.

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Amy Adams verdient den Schauspielerinnenpreis. Allein schon dafür, mit welcher Überzeugung sie solche Sätze sagt: „You can do, what ever you want. This is not you. Your spirit is not free. It is controlled by an invader force. We are in the middle of a battle, which is 3 trillion years old.“
Weitere schöne Sätze: „We are not a part of the animal kingdom.“

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AT ANY PRICE

Ansonsten auch eine weitere Folge der Endlosserie Americana. Zu der gehört auch der einzige a-religiöse US-Beitrag des Wettbewerbs: AT ANY PRICE. Ein weitaus milderer, in der Machart leichter konsumierbarer, aber sehr gelungener Film. Hollywoodstar Dennis Quaid spielt unter dem Iraner Ramin Bahrani einen wohlhabenden Mais-Farmer aus Iowa. Der Film taucht tief ein ins ganz normale Leben des weißen US-Mittelstandes. Äußerlich lebt man kaum anders, als vor 60 Jahren – hatte Arbeit, keine Schwulen, Schwarzen und Linke und man scheint von der Moderne unberührt. Aber unter der Oberfläche sind viele Brüche erkennbar. Der Regisseur erzählt mit viel Sinn für Komik eine grundsätzlich ernste Geschichte von amerikanischer Männlichkeit und der Zerbrechlichkeit der US-Männer: Sie prügeln sich, klopfen Sprüche, fahren Autorennen, und gehen fremd, aber mit Niederlagen können sie nicht umgehen und ertrinken in Selbstmitleid. Schwache Männer, grüner Mais. Hinter ihnen sind es wieder die Frauen, die den Laden zusammenhalten und zur Not schmeißen.

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Großartige Szenen sind die Autorennen, die von allen gesungene Nationalhymne zu Beginn, die Wiederbegegnung von Heather Graham – remember BOOGIE NIGHTS, da war Anderson noch besser, sie nicht – und dann jene wunderbaren Momente, in denen Dennis Quaid immer wieder allein auf seinem vom Autopilot gesteuerten Trecker sitzt, und in die Ferne schaut, Leere im Blick.