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Drei Gespräche zum Abschluss

Neulich in Oberhausen im „Transatlantic“ meinte Lena – schönen Gruß! – ich habe „wohl in jedem Festival Dein Stammlokal„. Nun, ganz so ist es nicht, aber in manchen halt schon. Anderes entwickelt sich dann auch erst nach Jahren. Aber im Sturm des Festivalbetriebs sind verlässliche Lokale ein Hafen, besser gesagt eine Oase, denn was zu trinken muss es ja auch geben. Vor allem aber Menschen. Lokale Bars, „Kneipen“, die ich mag, müssen so sein, dass andere vorbeikommen. Menschen, die man kennt, aber eben auch welche, mit denen man nicht rechnet, die aber den Ort, wo man sitzt noch mit Überraschungselementen aufladen.

Wir schreiben, was wir in Cannes schreiben, fast immer im „Le Crillon“, unserer örtlichen Lieblingsbrasserie seit einigen Jahren. Die Besitzerin kennt mich schon, und begrüßt mich immer sehr nett. Dies ist auch, was man nur sieht, wenn man sehr genau hinguckt, das älteste Lokal von Cannes. Eine Website gibt es nicht – um so wärmer unsere Empfehlung an jeden zukünftigen Cannes-Besucher, hier mal vorbeizuschauen. Seit 45 Jahren erzählt die Besitzerin, sei das „Le Crillon“ in Familienbesitz. Aber es ist noch viel älter. „Dies gab es schon zu Zeiten Napoleons. Napoleon selbst hat hier Rast gemacht, als er von Elba zurückkam.“ Die „Route Napoleon“ beginnt nämlich hier in Cannes, also gewissermaßen dort, wo heute das Festival-Palais ins Meer hineinragt. Eigentlich beginnt sie im „Le Crillon“.

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Heute Mittag, am Tag nach dem Festival saß ich hier, und trank einen Kaffee. Die Sonne schien, natürlich brauchte ich auch das zuverlässige Internet. Und dann kam Gilles Jacob, der ehemalige Festivaldirektor und immer noch eine Art Pate des Festivals, mit seiner Frau vorbei, und aß zu Mittag. Dazu ein junger Mann, eher sein Enkel, als sein Sohn.

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Jetzt schreibe ich hier meine Notizen ab, und arbeite an den letzten Blogs. Ich schreibe immer parallel, aber das bekommt ja jeder mit, der das hier liest.

Da taucht plötzlich Hans Hurch auf, der Viennale-Festivaldirektor, den ich hier überhaupt erst einmal gesehen habe, ganz von fern. Recht mutig behauptet Hans, er sei regelmäßig hier, heute aber nur für einen Durchgangsdrink, weil er noch verabredet ist. Er bleibt dann doch eine gute Stunde mit mir sitzen, was sehr nett ist. Wir gehen das Programm durch, es gibt wenige, die so druckreif analysieren und auf den Punkt bringen, wie Hans, was mich dann erstmal etwas perplex macht. Ich hör auch gern zu, denn meine eigenen Ansichten kenne ich ja schon, und streite mich nur, wenn’s lohnt. Es gibt auch leider gar nicht viele, mit denen man so unterschiedlicher Meinung sein kann, und sich trotzdem geborgen fühlt, anerkannt als Gesprächspartner. Es wird nicht feindselig, sondern man ist gegenseitig aneinander interessiert, und respektiert sich. So ist ja auch die Viennale.

Wir gehen also so die Filme durch, Ozon findet er besser als vieles, Desplechin mögen wir beide mehr als die meisten Filme, Jia Zhang-ke finden wir auch gut, aber etwas kalkuliert und glatt, nicht so toll wie viele Kollegen; Farhadi verliert mit der Zeit, Giraudie gewinnt – und wir überlegen, ob es überhaupt etwas gibt, was dem Film vorzuwerfen ist.

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Nur bei Claire Denis sind wir zwischendurch uneins, wobei ich ihm gar nicht wiedersprechen kann, dass dies der frauenfeindlichste Film des Festivals ist. Eine sehr hübsche Bemerkung fällt da am Rand: BEAU TRAVAIL sei Pop-Riefenstahl. Auch das stimmt – leider? Vielleicht ist aber Riefenstahl sowieso Pop. Und dies das eigentliche Problem. Aber klar möchte Denis gern ein Mann sein, und mit den großen Jungs spielen. Darum steht sie auf solche übervirilen Typen wie Vincent Lindon – von dem ich nicht glaube, dass er Chiara Mastroianni zu einer Affaire verführt, wenn die mit so einem tollen Grandseigneur wie Michel Subor zusammen ist.

In diesem Film spielt Lindon einen Charaktertyp, der einem zuletzt verstärkt im Kino begegnet: Das ist der Mann, der von Außen kommt, der einen vertrackten Figurenkosmos in Bewegung bringt, Dinge in Ordnung bringt, oft mit einer der Figuren ein Liebesverhältnis beginnt. Vincent Lindon eben.
Davon abgesehen mag Hans halt Denis einfach nicht. Passt schon!

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Eine echte Differenz haben wir – für mich nicht unerwartet – bei Sofia Coppola und ihrem Film THE BLING RING. Hier geht es lange hin und her, denn ich verteidige. Interessante Fragen werden angerissen, wie die, ob eigentlich dumme Leute gute Filme machen können. „Geht nicht!“, insistiert Hans, und da hat er ja recht. Ich finde Coppola ja auch nicht dumm. „Es gibt kein reines Oberflächenkino“, sagt Hans, „Kino ist immer beides: Oberfläche und Tiefe.“ Stimmt auch, nur ist Coppola halt auch tief. Ihr Film ist einer derjenigen, die von Cannes 2013 bleiben werden – und auch Hans wird wohl zustimmen, dass allein die Tatsache, dass wir fast eine halbe Stunde über sie reden konnten, ja sehr für diese Regisseurin spricht.

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Ein Film, über den Hans noch mehr ins Schwärmen kommt, als ich, ist Polanskis WEEKEND OF A CHAMPION über Jackie Stewart und die Glanzzeit der Formel 1. „Das war ja auch ein bisschen meine Zeit“, sagt er mit strahlenden Augen. Und es geht ihm wie es mir vor drei Tagen in meinem Text ging: Man vergleicht unwillkürlich beide Geschichten, die der Formel 1 und die von Cannes. Auch Hans erzählt, dass früher, bei seinen ersten Cannes-Besuchen, alles besser war. „Die Leute haben anders gejubelt, nicht so gekreischt, wie heut“. Neben dem alten Palais seien die Urlauber in Badesachen vom Strand gekommen – und dann haben sie mal kurz rübergeguckt.

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Dann musste Hans gehen. Vorher erzählt er noch eine schöne Anekdote, aus seinem ersten Besuchsjahr:

„Plötzlich haben die Leute gerufen „Monsieur Hulot, Monsieur Hulot„, und dann war da tatsächlich der Tati. Der ging die Treppen hoch, er war schon sehr alt und ist auch bald danach gestorben. Aber oben angekommen, drehte er sich nochmal um und lächelte das Publikum an. Dann griff er in die rechte Jackentasche – das hatte er bestimmt vorbereitet – und zog ein Taschentuch raus, das war viel zu lang, ganz überdimensioniert, und damit winkte er dann den Leuten zu. Da hat man das Gefühl gehabt: Es gab noch eine richtige Beziehung zwischen Filmen und Publikum.“

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A propos Stammkneipe. Zum ersten Mal war ich nicht im „Les Artisans“, das ich durch Michael Althen 2006 kennengelernt hatte. 2007 hatten wir dort am 26.5., dem Abend vor der Preisverlehung gegessen, während Peter Körte Michael permanent per sms über den Stand der Dinge beim DFB-Pokalfinale auf dem Laufenden gehalten hatte. Nürnberg gewann damals 3:2 gegen Stuttgart, aber erst nach Verlängerung.

Jetzt erzählt mir Hans, das „Les Artisans“ sei geschlossen, und stünde zum Verkauf. Quelle domage!

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Meine Freundin Nil aus Istanbul ist zum ersten Mal in Cannes. Vor zwei Wochen war alles aufregend, nah einer Woche ist sie bereits zum Routinier geworden. Nur manchmal merkt man, dass sie zum ersten Mal hier ist. Zum Beispiel ist sie noch überrascht, dass bei der Preisverleihung im Augenblick, wo die Veranstaltung beginnt, die Übertragung in den Presseraum plötzlich die Sprache wechselt. Nur noch Französisch, auch wenn Spielberg redet, auch für die internationale Presse. Hm.

Auch Nil ist in den wenigen Tagen zum Cannes-Glauben konvertiert. Klar, dass man hier immer herkommen muss, klar, dass hier ein Tag so gut ist, wie eine ganze Berlinale. „Es ist schon ein wahnsinnig starkes Programm“, resümiert sie, „Cannes lässt sich mit keinem anderen Festival auf der Welt vergleichen. Die Qualität der Filme ist exzellent.“
„In Istanbul in der Redaktion haben sie schon Mitleid mit mir“, erzählt Nil, „Sie fragen, ob es mir gut geht, und ob ich nicht zuviel arbeite.“ Und lacht dazu. Denn wir hier wissen: In Cannes geht es nur denen gut, die zuviel arbeiten.

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Wir sprechen wie immer auch über die Situation in der Türkei, über die Kulturdebatten in Istanbul: Dort wurde gerade dieser Tage das „Emek“-Kino abgerissen, eines der ältesten Kinos der Stadt, für dessen Erhalt vor sechs Wochen noch über 1000 Leute demonstriert hatten, unter anderem international bekannte Regisseure wie Costa-Gavras und Mario Bechis. Das Art Deco-Gebäude fiel dem Bau einer Shopping-Mall zum Opfer. „Its a shame“, eine Schande sei das, sagt Nil – die weltweite Allianz aus Dummheit, Ignoranz und einem Neoliberalismus, der nur noch kurzzeitige Profite kennt, bedroht Europas Kultur.

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Nil war natürlich auch beim Fußball. Ihre Fähigkeiten als Medium, die sie bereits bei anderer Gelegenheit unter Beweis gestellt hatte, reichten diesmal nicht aus. Ein paar Stunden nach dem Spiel erzählte sie mir dann, auch in Istanbul sei man ganz traurig. Dort versteht man noch besser als in Deutschland, dass das Duell zwischen Bayern und Dortmund auch ein Klassenkampf, ein Duell zwischen Gut und Böse ist. „In Istanbul they said“, erzählt Nil, „Emek lost again!“

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Ich erzähle Nil auch von meinem Gespräch mit Semih Kaplanoglu beim türkischen Empfang. Wie ihr ging es auch mir so, dass ich mit jedem seiner letzten Filme etwas skeptischer bezüglich der Qualitäten dieses Regisseurs geworden war. Das dürfte auch ihm nicht entgangen sein, in Nils Fall sowieso, denn sie schreibt in der wichtigsten Tageszeitung der Türkei. Aber auch in meinem, denn ein paar meiner Texte übers türkische Kino wurden übersetzt. Nil, die hier auch ein überraschend freundliches Gespräch mit ihm hatte, bringt es wunderschön treffend auf den Punkt: „He is rebuilding the bridges he burned…“

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Gestern hatte ich dann noch ein sehr interessantes Gespräch mit Diego Lerer aus Argentinien – mit dem ich seit einigen Jahren befreundet bin. Obwohl er kaum älter ist, als ich, war dies bereits sein 17tes Cannes, und dies mit einigen Unterbrechungen. In den späten 80er Jahren kam er zum ersten Mal hierher. Diego war lange Redakteur von Clarin, jetzt ist er freier Filmkritiker, und organisiert auch die Cannes-Kritikerumfrage, über die ich hier schon berichtet hatte.

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Auch wir sprachen über das Programm. Tendenziell sind wir uns öfter im Einzelnen uneinig, obwohl wir schon in zwei Fipresci-Jurys verlorene Kämpfe ausgefochten hatten.

Diego ist ein entschiedener Anwalt des Kunstkinos, viel konsequenter als ich. Er liebt diesen Typus der alten Meister, die ich staubtrocken finde. Unter vielen „seiner“ Kritiker fühle ich mich endlich einmal als Vertreter des Massengeschmacks. Ich finde halt auch Filme gut, wie KILLING THEM SOFTLY, die er verachtet. Und andererseits konstatiere ich bei ihm ein gewisses in-die-Knie-gehen vor großen Namen, aber man muss auch zugeben, dass Diego amerikanische Filme mag, die ich für seichte Industrieprodukte halte. So hatten wir eine interessante Diskussion über den Vergleich zwischen den Filmen Kore-edas und der Coen-Brüder. Deren neuen Film liebt er, während ich ihn stinklangweilig finde, er wirft Kore-eda hingegen Fernsehästhetik vor, und sagt, der Film falle hinter NOBODY KNOWS oder STILL WALKING zurück. Das stimmt. Aber mein Gegenargument ist, dass ihn bei den Coens ja auch nicht stört, dass sie schon viel bessere Filme gemacht haben. Und dass es Kore-eda doch um ganz andere Dinge geht. Er will nicht einen besseren Film machen, sondern von etwas erzählen.

Jeder zweitklassige amerikanische Regisseur hätte den Film besser gemacht als Kore-eda, sagt Diego. Aber in welcher Hinsicht? Kore-eda will berühren. „Genau das gelingt ihm bei mir nicht“, sagt Diego

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Seit vier Jahren macht Diego seine Kritikerumfragen in Cannes. Er erzählt von interessaten Tendenzen: „Die Leute gucken mehr „Un Certain Regard“, und weniger Quinzaine“, sagt er. Das zeigt, dass „Un Certain Regard“ besser wird. Die „Semaine“ ist immer ungefähr gleich gering besucht. „Die liegt halt einfach weit weg.“

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Am interessantesten unter Diegos vielen Beobachtungen finde ich seinen Gesamtbefund: Es hätte dieses Jahr zu viele Filme gegeben, die „easy to digest gewesen sind. Man kann sie gut durchgucken, gut konsumieren, man wird nicht ermüdet, weil man nicht provoziert wird.“ Guter Punkt!

Tatsächlich erinnere ich mich an meine zwei ersten Cannes-Erfahrungen. Da liefen im Wettbwerb Filme wie ELEFANT, 5 DAYS IN THE AFTERNOON, WOLFZEIT, DOGVILLE, UZAK, BROWN BUNNY, TROPICAL MALADY, 2046, LA NINA SANTA…
Nichts von diesem Jahr ist damit zu vergleichen.

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„Es gibt eine Globalisierung des Geschmacks, sagt Diego. Die erlebten wir gerade. Alle Filme sähen sich ungemein ähnlich. „Kennst Du Hou Hsiao-hsiens THE PUPPETMASTER? Das ist ein stinklangweiliger Film. Bei dem kämpft man mit dem Schlaf. Er ist anstrengend, aber er ist auch wunderbar.“ Wenn man sich vorstellt, dass der vor 20 Jahren in Venedig im Wettbewerb lief! Das wäre heute unmöglich. Die Leute, auch unsere Kollegen, würden einen solchen Film heute gar nicht mehr aushalten. „Das finde ich deprimierend. Ich finde auch viele Filme heute deprimierend, weil sie nichts Neues zu bieten haben.“ Wo sind diese seltsamen, sperrigen Avantgarde-Filme hin?

Diego erklärt weiter: „Ich empfinde einen Überdruss am classical way of storytelling. Alle Filme hier sind auf uninteressante Weise gleich. Mit zwei drei Ausnahmen. Zum Beispiel fand ich MICHAEL KOHLHAAS nicht so gut. Aber ich war müde, und muss ihn mir nochmal angucken. Vielleicht gefällt er mir dann besser. Denn ich habe die Ahnung, dass dies einer der wenigen Filme ist, der nicht so klassisch erzählt ist.“

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Das wichtigste Argument: Festivals sind immer auch ein Mittel der Geschmacksbildung. Wenn schon Cannes das professionelle Publikum kaum noch zu Anderem, Neuem, zu cinephilen Wagnissen erzieht – wer soll es dann tun?

 

Bilder-Copyright: Festival de Cannes