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Ein stattlicher Mann und eine schöne Frau jagen mit ihren Pferden über saftige, sonnenbeschienene Wiesen vor weitem Himmel. Schnitt. Es regnet, Mann, Frau und Pferde haben Zuflucht unter den mächtigen Ästen des einzigen Baumes in weiter Flur gefunden. Der Mann und die Frau sind durch ihre Stellungen für immer voneinander getrennt, doch nimmt hier langsam eine Liebesgeschichte ihren Anfang. Möglicherweise ist der Ausritt in früheren Zeiten wirklich DIE Gelegenheit gewesen mit der verbotenen Liebe zusammen zu sein. Doch für ein heutiges Kinopublikum ist eine solche Szene zum Standard historischer Liebesgeschichten geworden. Die Freiheit des Ritts, die schicksalshafte Macht der Natur, die die bald Liebenden für einen Moment der restlichen Welt entreißt. Die Königin und der Leibarzt von Nikolaj Arcel setzt diese Standardsituation routiniert um. Ein Gefühl der Routine beherrscht den gesamten Film. Dem Bilderbuch und dem Lehrbuch scheint er zu entstammen.

Caroline Mathilde (Alicia Vikander) heiratet jung den dänischen König Christian (Mikkel Folsgaard). Schnell muss sie feststellen, dass der junge Mann psychisch instabil ist, ihre Beziehung liegt von Anfang an im Argen. Dann aber befreundet sich der König mit dem deutschen Arzt Johann Struensee (Mads Mikkelsen), der offenbar die Stimmungen des Königs beherrschen kann. Bald kommen sich auch Carolina und Struensee näher, denn sie beide eint der Glaube an die Aufklärung. Gemeinsam gelingt es ihnen den König zum Durchsetzen von Reformen zu bewegen. Als sich das Kabinett weigert, macht Christian Struensee gar zum Regierenden mit Generalsvollmacht. Eine kurze Zeit des Glücks beginnt, für die Umsetzung von Struensees Ideen und für seine Liebe zu Caroline, sogar eine Tochter bekommen die beiden. Dann aber droht droht der Untergang, als sich mehrere Mächte am Hof gegen Struensee zusammenschließen.

Die eigentlich spannenden Motive der Geschichte gehen zwischen den filmischen Standards unter. So ist es eigentlich nur der wankelmütige König, der als Figur Interesse weckt. Struensee hingegen wird als der typische Edelmann inszeniert. Der Charakter böte an sich viel mehr. Gegen Ende muss er die von ihm abgeschaffte Zensur wieder einführen, weil sein Ruf durch Flugblätter zu sehr geschädigt wird. Diese Entscheidung wird aber nur als Randnotiz aufgenommen, die inneren Kämpfe der Figur werden zugunsten des Fokus auf die Liebesgeschichte verdrängt. Besonders aber das Thema Aufklärung, das immer wieder herangezogen wird, wird nicht wirklich ernst genommen, sondern dient nur als Hintergrund der Liebesgeschichte. Diese hätte ja durchaus im Zusammenhang mit dem Thema des Verlangens nach persönlicher Freiheit stehen können, wird aber doch eher melodramatisch und klischeehaft verfolgt. Die Aufklärung wird nur in wenig kraftvollen Dialogen abgehandelt, auf Bildebene findet der Freiheitsdrang keinerlei Entsprechung.

Somit bleibt Die Königin und der Leibarzt insgesamt ein auf Dialogen und dramaturgischen sowie bildlichen Steoreotypen basierender Historienfilm. Da haben wir im Berlinale Wettbewerb mit Leb wohl, meine Königin vor einer Woche schon einen wesentlich gelungeneren und eigenständigeren Film dieser Gattung gesehen.

Hier findet Ihr den Trailer zu Die Königin und der Leibarzt.

Und hier unsere gesamte Berichterstattung von der Berlinale 2012.