Seite auswählen

Das grüne Licht von Cannes und die Macht der Imagination

Eine Party von Baz Luhrmann – da wären wir schon gern zu Gast. Wenn da nur zehn Prozent von dem los ist, was er in seinen Filmen so zeigt, dann wäre es bestimmt die beste des Festivals: Überbordend, exstatisch, verrucht. Und so wie es jetzt böse wäre, zu sagen, dass Luhrmann vielleicht besser Partyveranstalter geworden wäre, als Filmemacher, so darf man umgekehrt formulieren, dass seine Filme immer ein bisschen sind, wie eine große Party. Mit einem Schuß Kindergeburtstag.

***

Mit den Parties in Cannes ist es ja, im Gegensatz zu allen Vermutungen neidischer Daheimgebliebener, nicht so weit her. In diesem Jahr schon gar nicht, denn es ist bitterkalt in Cannes und regnet so wie in Hamburg in der Drei-Wetter-Taft-Werbung. Aber es hat alles hier ja erst angefangen. Den ersten schönen Empfang gab es am Donnerstag, da hatte das Festival von Locarno geladen. Im Gegensatz zum letzten Mal sogar ohne Platzregeneinlage. Bei Locarno-Empfängen trifft man immer besonders nette Menschen – gleich am Eingang hatte ich das Glück, Rebecca Zlotowski zu begegnen, der Pariser Regisseurin, deren Debüt BELLE EPINE vor zwei Jahren in der Sektion „Semaine de la Critique“ Premiere hatte, und in Deutschland später in Hof. Im gleichen Jahr hatte ich sie in Locarno kennengelernt, und als ihr neuer Film vor ein paar Wochen für die Reihe „Un Certain Regard“ angekündigt worden war, und ich Rebecca gratulierte, kam es zu einem netten SMS-Austausch. Am Sonntag hat ihr Film Premiere, und wir haben uns danach zum Gespräch verabredet.

Dann traf ich die Mitarbeiter des Korean Film Council KOFIC, und dann vor allem Argentinier: Violeta aus Buenos Aires, die immer in Cannes ist, vor ein paar Jahren mit ihrem Film den Goldenen Leopard gewann und mir Marcelo Panozzo, den neuen Direktor des BAFICI-Festivals vorstellte. Mit Argentiniern redet man immer über Fußball und zur Zeit auch immer über den neuen Papst. Der ist bekanntlich Fußballfan, und der Chef von dessen Lieblingsclub San Lorenzo ein Freund von Marcello – beim nächsten Mal in Buenos Aires gehen wir ins Stadion. Dann beim Rausgehen standen da noch Giulia, Pressechefin des Festivals, die hier auch als Agentin für zwei Filme unterwegs ist, und Joachim Kurz von der Mannheimer Kino-Zeit. Ich musste leider schnell weiter zur Quinzaine-Eröffnung.
Bevor wir auf die kommen, aber erstmal zum Eröffnungsfilm des Festivals, zu THE GREAT GATSBY.

***

Ich habe ihn mir in Cannes noch einmal angesehen, nachdem er bereits am Montag in einer Berliner Pressevorführung lief. Das hatte ich gemacht, weil doch fast alles in diesem Film so schnell und knallbunt und überladen ist, dass man schnell mal den Überblick verlieren kann. Ich war mir beim ersten Mal auch einfach nicht sicher, was von diesem Film zu halten sei, bin es auch immer noch nicht, aber die doppelte Sichtung habe ich keineswegs bereut.
Es war eine sehr interessante Erfahrung, schon weil die Unterschiede riesig waren. Die Cannes-Vorführung war tausendmal besser, als die im Nachhinein unterirdisch beschhhhhh…eidene Berliner. Der Film war viel heller, die 3-D-Effekte viel weniger schlierig, der Ton viel besser ausgesteuert. Das beweist schon mal, dass Cannes auch in dieser Hinsicht eine Top-Adresse ist. Es beweist aber auch, dass der deutsche Warner-Ableger sich alles andere als einen Gefallen tut, wenn er nicht auf die Details achtet. Und zum Beispiel auch an die Presse bei einer schon lausigen Pressevorführung auch nur lausige billigst-3-D-Brillen verteilt, anstatt beste Qualität.

***

Überhaupt 3-D! Oh wäre dieser Film doch nur nicht in 3-D. Als 3-D-Film ist er ein Desaster. Das Paradox eines 3-D-Films als eines Films der reinen Oberfläche, in dem nur Oberflächen übereinander gelegt werden. Selbst echte Momente wirken hier kulissenhaft. Ansonsten ist er immerhin unbedingt sehenswert, aber man muss schon viel Aufwand treiben, um das 3-D möglichst zu vergessen. Die deutsche Pressepolitik von Warner hat überhaupt wieder mal einen Fehler nach dem anderen gemacht. Interessant war zum Beispiel, von Violeta aus Barcelona zu hören, dass die Pressevorführungen zu THE GREAT GATSBY in Spanien entweder in Englisch und 2-D oder auf Spanisch und 3-D angeboten wurden. Die guten Kritiker sahen entsprechend alle den Film in 2-D. Eh besser.

***

In fast schwarzweißem Stummfilm-Sepia, grobkörnig und flach sind die ersten Vorspann-Bilder, dann öffnet sich die Leinwand und es geht in die Tiefe, durch Novembernebel und Schneeflocken hindurch auf ein einsames grünes Licht zu. Die Farbe Grün ist zwielichtig und giftig, aber auch eine Farbe der Verheißung im Roman wie in dessen jetziger neuer Verfilmung. Denn Grün ist das Licht an dem Landungssteg der großzügigen Villa, in der Daisy Buchanan lebt, die Frau, der die Sehnsucht von Jay Gatsby gilt. Sie ist seine große, verlorene Liebe und er ist fest entschlossen, sie zurückzugewinnen.

***

Warum nochmal mochten wir THE GREAT GATSBY schon früher? Dies ist eine Geschichte aus jener Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Einerseits. Andererseits haben zwei Menschen gegenseitig eine Projektion voneinander. Gatsby zerstört Daisy; sie hat ihn schon zerstört, könnte man sagen. Daisy weißt nicht, was sie will, Gatsby verlangt von ihr den offenen (Liebes-)Verrat. Er will Gentleman sein, nicht heimlich abhauen, sondern die Ehre muss halten. Ist dies also die Geschichte einer Amour Fou?
Es ist auch das Portrait eines ruchlosen Kapitalisten.

***

THE GREAT GATSBY, der 1925 erschienene berühmte Roman von Francis Scott Fitzgerald (1896-1940) taucht heute einigermaßen überraschend direkt neben Werken wie James Joyce‘  ULYSSES, Marcel Prousts AUF DER SUCHE NACH DER VERLORENEN ZEIT und Robert Musils DER MANN OHNE EIGENSCHAFTEN auf Listen der besten Romane des 20. Jahrhunderts auf. Der GATSBY ist sehr vieles auf einmal: In jedem Fall ein schillerndes Soziogramm der „Roaring Twenties“, des „Jazz-Zeitalters“ der Goldenen Zwanziger, dessen Lebensgefühl er auf den Punkt bringt. Darin ist er dann zugleich eine Sozialstudie über zwei gesellschaftliche Aufsteiger in der reichen Oberklasse des Geldadels der US-Ostküste, und der USA am Anfang des amerikanischen Jahrhunderts – neben Gatsby selbst auch Nick Carraway, der Erzähler, der gewissermaßen immer außen vor bleibt, die Beobachter-Perspektive behält. Der Aufstieg scheitert, altes Geld siegt über neues und statt einen American Dream zu erleben, wird man Zeuge eines Alptraums. Romantisches Glück zerbricht an den Mechanismen der Leistungsgesellschaft. Das ist sehr amerikanisch, und sehr konservativ zugleich in seiner Moral, in der der brave Westen gegen den verdorbenen Osten Amerikas ausgespielt wird. Man könnte daraus offenkundig nun auch einen Film über das heutige Geld machen, über die Finanzkrise und die Obszönität ihrer Gewinner. Oder über die letzte Party ihrer Verlierer – dann wäre Gatsby ein Untergangsroman über das Ende der alten Welt, the „coloured empires“, über die Daisy, die triste Siegerin am Ende spricht.

Dazu würde auch die Melancholie des Stoffes passen: GATSBY kann verstanden werden als reine Phantasie, als Tagtraum des Erzählers, der sich ähnlich hineinträumt in die Welt der Reichen und Glücklichen, Jungen und Schönen, wie Gatsby sein Leben mit Daisy phantasiert. Der Roman als eine doppelt verschränkte Tagtraumstudie. Zugleich aber ist er ganz eine romantische Sehnsuchtsgeschichte, der Entwurf eines Gegenbildes zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Liebe gegen die Welt. Dieser Welt allerdings mag GATSBY trotz allem nicht entsagen – das kann er nicht, sagt die konservative Lesart. Statt der blauen Blume ist er jenem grünen Licht verfallen, das giftig über die Long Island Bay leuchtet. Darin klingt auch noch der Ästhetizismus der Jahrhundertwende nach, die künstlichen Paradiese von Joris Huysmans und Oscar Wilde. Zugleich war der Roman aber bereits zu seiner Zeit ein Abbild des Materialismus der neuen Ära. Gatsby war der Neue Mensch des Kapitals: Äußerlich ein Sohn Gottes, mit Reichtümern überhäuft, doch innerlich leer und geschichtslos. Er hat einfach die Weisheit des Zeitalters begriffen: Wer Erfolg haben will, muss sich als Erfolgsmensch inszenieren. Und im Übrigen, auch das ist bezeichnend und erlaubt eine „linke“ Lektüre des Buchs, ist er natürlich sozial ein Kind des organisierten Verbrechens, ein Profiteur der Prohibition und dabei abhängig von den schweren Jungs in Chicago und Philadelphia, die ihn zu unpassendsten Zeiten anrufen.

***

Die Frage an jede GATSBY-Verfilmung darf also nicht lauten: Was ist GATSBY? Sondern: Was ist DIESER GATSBY? Viermal wurde das Buch bereits verfilmt. Und jede dieser jeweils grob alle 30 Jahre erschienenen Verfilmungen ist auch ein typisches Zeitprodukt: Der Stummfilm von 1926 ist eines der berühmtesten „verschollenen“ Werke der Filmgeschichte. Die große Studioverfilmung von 1949 ist brav und vergessen, ganz anders als Jack Clayton Film von 1974, der im Untergang des Gatsby auch den von Hollywoods großen Jahren spiegelt. Zugleich zeigt er mit Robert Redford und Mia Farrow zwei Stars des New Hollywood. Dies war eine gewissermaßen existentialistische Darstellung eines Gatsby als „Gleichgültigen“, „Fremden“, einen todessehnsüchtigen Sisyphus des Kapitals, dessen ennui alles andere übermannt.

***

Auch die neueste Verfilmung durch den Australier Baz Luhrman (ROMEO & JULIET; MOULIN ROUGE), mit der am Mittwoch jetzt die 66. Ausgabe der Filmfestspiele eröffnet wurde, dürfte in 30 Jahren als typisches Zeitprodukt erscheinen: Ein gewissermaßen anti-existentialistischer Gegenentwurf – einerseits glamouröses Starkino pur – Leonardo Di Caprio, Tobey Maguire und Carey Mulligan spielen die Hauptrollen – andererseits ein innerlich kaltes, formal überhitztes Stilfeuerwerk, das von allem etwas zuviel bietet, und deswegen den Exzess der Menschen, um die es hier geht, blendet darstellt. Regisseur Luhrmann passt perfekt zu diesem Roman. Denn er ist ein Formkünstler mit einem eigenwilligen Stil von neobarocker Opulenz. Und äußerlich greift er hier in die Vollen: George Gershwins RHAPSODY IN BLUE ertönt vor blauem Himmel zu einer grell-kunterbunten Party – dann tritt sein Gatsby erstmals auf. Luhrmanns GATSBY ist ein babylonisches Stilmischmasch, ein dekadent angehauchter Tanz auf dem Vulkan, der aussieht, als hätte Hieronymus Bosch nicht an Gott, Teufel und die Hölle geglaubt, sondern ein Wimmelbild aus dem Hier und Jetzt gemalt.

***

Ein bisschen hohl tönt es allerdings zwischendurch schon, denn hinter all den mitunter comichaft überbetonten, grotesken Effekten, verschwindet das romantische Traumspiel, der bittersüße Liebeszauberzuckerguß, verschwinden Ernst und Melancholie dieser Geschichte, die doch eigentlich verblüffend aktuell sein könnte in ihrer Weltuntergangsstimmung. Auch Tobey Maguire als Erzähler Nick Carraway erscheint als krasse Fehlbesetzung: Dieser ewig Naive grinst sich durch den Film, lässt einen dauernd an Spider-Man in den Zwanziger Jahren denken und verstärkt noch den Eindruck GATSBY als Comic zu sehen.
Dafür überzeugen Carey Mulligan als Sehnsuchtsgirl Daisy und Leonardo DiCaprio, dessen Gatsby ein Getriebener ist, und auch ein trauriges Genie des Hedonismus, darin seinem Auftritt als AVIATOR-Multimillionär Howard Hughes recht ähnlich. Vor allem aber ist er ein Wütender, der von seinem Zorn, der zwar eine Todsünde ist, aber immerhin auch eine Leidenschaft, schließlich übermannt wird. Der Zorn reißt ihn und andere in den Abgrund.

***

So halten Licht und Schatten sich die Waage. New York City erscheint in alten Bildern und Farbe und 3-D. Allerdings kommt man gar nicht richtig dazu, all die Schauwerte anzugucken, denn in punkto 3-D ist dieser Film wieder ein klarer Rückschritt gegenüber Martin Scorseses HUGO CABRET – gerade der Raumeffekt lässt hier alles um so flächiger wirken und die Schlieren der Kameraschwenks in 3-D hindern das Auge immer wieder daran, sich in den Bildern zu verlieren.
Mehr als aufgewogen wird dies durch den Soundtrack, Lana del Rays YOUNG AND BEAUTIFUL dürfte das prominenteste Stück sein, daneben bietet Luhrmann alles auf, was gut und teuer ist, und nagelt jedes Bild mit Bombastklängen zwischen Disco und Classic –  im Einzelnen oft eine Geschmacklosigkeit, wie sie einem zuletzt in den 80er Jahren begegnete, im Ganzen dann in seiner Chuzpe aber wieder Camp. So ist THE GREAT GATSBY der Film zum Soundtrack.

***

Warum aber Luhrmann? Was will Luhrmann mit GATSBY? Der Film ist ein Kaleidoskop. Mit jedem Blick auf ihn wechselt er sein Gesicht. Vom „caleidoscopic carneval“ ist selbst die Rede, und das findet sich nicht im Manuskript. Bis zum Ende wird nicht klar, ob dies nun alles im Grunde als Komödie gedacht ist, oder doch ernst gemeint sein soll? Großartig ist die inherente, also in der Form nicht der Geschichte (über die man wie gesagt streiten kann) manifestierte Romantik des Films.
Die Liebe zu Oberflächen, zu Gegenwärtigkeit, zum Hedonismus macht Luhrmann wohl so nur Sofia Coppola nach – die sogar noch etwas besser. Il faut etre absolument moderne…
Einmal ist von Gatsbys „perfect, irresistable Imagination“ die Rede. Das ist es: Imagination! Indem der Film sie feiert, die Macht der Überschreitung, feiert er auch die Kunst und das Kino.

***

„Ich erinnere mich, dass ich eines Nachmittags im Taxi fuhr, zwischen sehr hohen Gebäuden, unter einem malven- und rosafarbenen Himmel; und ich begann zu schreien, weil ich alles hatte, was ich wollte, und wusste, dass ich nie mehr so glücklich sein würde.“, schrieb Francis Scott Fitzgerald 1932 im Rückblick auf sein Jahrzehnt. So geht es uns hier in Cannes. Wir sind, alle, dem Untergang geweiht. Diese Party wird die letzte sein.

Pin It on Pinterest