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Die Macht im Schneewittchensarg

von | Sep 26, 2015 | San Sebastian 2015 | 0 Kommentare

Aus dem Reich der Toten: Die Geister der Vergangenheit, Heimat als Mythos und Utopie, Politik als Abgrund und Spektakel

„Who gives the orders here?“
„Memory.“

aus: EVA NO DUERME

Es war wie eine bestellte Werbemaßnahme für zwei Premieren beim diesjährigen Filmfestival von San Sebastian, als am Dienstagabend eine Eilmeldung durch den Ticker schoss, die am nächsten Morgen die Titelseiten der spanischen Tageszeitungen beherrschte: Zwei untergetauchte Führungsmitglieder der ETA waren nach jahrelanger Fahndung in Frankreich verhaftet worden. Das Timing war schon fast zu gut, angesichts der Regionalwahlen in Katalonien am Sonntag, die auch von manchen als Abstimmung über eine mögliche Trennung der Region von Spanien gedeutet werden, und im heftigen Wahlkampf vor den spanischen Parlamentswahlen im Dezember – die Geister der Vergangenheit waren jedenfalls wieder da.

Beim Filmfestival in der baskischen Hauptstadt, das zugleich das wichtigste spanischsprachige Festival ist, und an diesem Wochenende mit der Preisverleihung zuende geht, sind sie nie ganz verschwunden: Die Polizeipräsenz ist hier stärker als bei anderen Festivals, und die Anwesenheit internationaler Gäste nutzen die Kitsch-Spinner des baskischen Nationalismus wie die nationalspanische Fanatiker, aber auch republikanische Patrioten, ETA-Sympathisanten, Gefangenenunterstützer wie Opferverbände, zu symbolischen Aktionen. Und auch im Kino bleibt die „baskische Frage“ und die ETA ein Thema.

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SANCTUARY heißt der französische-spanische Film, der perfekt zur neuesten Entwicklung passt: Der französisch-baskische Regisseur Olivier Massanet-Depasse erzählt in diesem hervorragend gemachten, effizient inszenierten und informativen Politthriller, wie aus der 1959 gegründeten antifaschistischen Befreiungsbewegung, die sich im Kampf gegen den spanischen Diktator Franco Meriten und Sympathien in aller Welt erwarb, eine mafiose Terrorbande wurde, deren ernsthaftes politisches Programm man allenfalls noch mit dem Mikroskop ausmachen kann: Anfang der 80er Jahre rangen innerhalb der ETA Hardliner und Moderate um Vorherrschaft. Die französische Regierung schützte die in Frankreich lebenden ETA-Mitglieder, doch dieser Schutz bröckelte. Auch in Madrid regierten Sozialisten, und da die ETA inzwischen auch demokratische Politiker mordete, wurde es immer schwerer, sie noch zu verteidigen.

Aber auch innerhalb der Pariser Regierung und der PSF gab es verschiedene Franktionen: Innenminster Joxe war ein Hardliner, der mit Madrid gegen die ETA arbeitete, Justizminister Badinter wollte der ETA dagegen eine Brücke bauen, und sie zu Verhandlungen zwingen.

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SANCTUARY ist ein spannender und komplexer Film, der in den Abgrund blickt: Massanet-Depasse zeigt, wie auch Spaniens Regierung (ob mit Wissen von Ministerpräsident Felipe Gonzalez oder nicht, ist bis heute unklar) französische Kriminelle und Ex-Fremdenlegionäre anheuerte, um auf französischem Boden die Drecksarbeit zu machen, ergo zu morden, zu foltern, zu entführen – dabei unterstützt von französischer Polizei und Geheimdienst, die gegen der Kurs der eigenen Regierung die Identität und Verstecke der ETA auffliegen ließen. Jene „GAL“-Organisation ist illegal und sogar der seinerzeitige Innenminister wurde deshalb später zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Andererseits sollte man deren Aktivitäten vielleicht auch in ein Verhältnis stellen – was der Film nicht tut: Etwa 28 Tote gehen aufs Konto der GAL, über 800 auf das der ETA.
Präsident Mitterand versuchte seinerzeit wiederum persönlich Verhandlungen in die Wege zu leiten – doch die moderaten Basken agierten zu zögerlich. Als die Gaullisten 1986 die Wahl gewannen, verhafteten sie unter dem Hardliner-Innenminister Pasqua dann bewusst die ETA-Moderaten: Die Radikalen gingen in diese schlichte Falle – was auch einiges über die schlichten Gemüter der meisten „Etarras“ verrät – und verübten brutale Anschläge, die auch Zivilisten trafen. So gaben sie der Pariser Regierung den willkommenen Anlass, um den Schutz exilierter Basken endgültig zu beenden.

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Der Film erzählt alles dies mit leichter Hand, ohne aufdringliche Pädagogik und aus relativ neutraler Position. Er ist auch insofern spannend, als er Nachrichtenbilder und anderes Archivmaterial mit Szenen verknüpft, in denen Schauspieler als Mitterand, Badinter und Joxe auftreten. Der deutsch-spanische Darsteller Alex Brendemühl ist hier in einem beeindruckenden Auftritt als Baskenführer Txomin zu sehen. Erzählt wird auch wie die ETA ihre eigenen Symbole „exekutierte“ und so schnell die letzte Unterstützung unter der baskischen Bevölkerung verlor.

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Wie ein Kommentar hierzu wirkt der geniale Film UNITED RED ARMY von 2007, den ich mir hier in der Retro noch einmal angeschaut habe. Echter Rock’n’Roll, zugleich ein unverhüllter Blick auf den Wahnsinn einer Untergrundgruppe, die sich selber fertigmacht und in Fraktionskämpfe und Selbstbezichtigungsorgien verfällt.
Filmisch ist der über dreistündige UNITED RED ARMY noch um Meilen besser – ein vorbildliches period-Piece auf 35mm mit bewusst ausgeblichenem Filmmaterial und ebenfalls Archivstücken. Eine Kultur- und Bewußtseinsgeschichte des japanischen Linksterrorismus.

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Einen guten Einblick ins baskische Milieu bot AMAMA, erst der zweite baskische Film überhaupt, der es je in den Hauptwettbewerb von San Sebastian schaffte: Asier Altuna erzählt von einer Familie im Konflikt zwischen Stadt und Land -und legt gar nicht mal subtil eine Paradoxie bloß, die man auch aus anderen besonders „heimatbewußten“ Regionen Europas – denken wir mal an die Bayern – kennt: Das Baskenland ist reicher als der Durchschnitt, industrialisiert und modern. Die meisten Basken, übrigens auch die meisten ETA-Mitglieder, leben in Städten. Aber man verklärt die Natur, das bäuerliche Leben und seine vermeintlichen Idyllen, und stilisiert sich als leidendes unterdrücktes Volk der Opfer einer Diktatur, die heute bereits so lange vorbei ist, wie sie einst dauerte. Heimat ist mehr Mythos und Utopie als Realität.

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Ähnliches gibt es auch in anderen Ländern: In Argentinien heißt der Mythos „Evita“, die 1952 früh gestorbene Gattin des populistischen Präsidenten Peron, die nicht nur bis heute Ikone der Peronisten und der Feministen Lateinamerikas ist, sondern als Gegenstand von Musicals, Kunstinstallationen und natürlich Kinofilmen ein Kassenmagnet. Von ihm erzählt Pablo Aguero in dem großartigen, mit internationalen Stars (Gabriel Garcia Bernal, Denis Lavant) besetzten EVA NO DUERME („Eva schläft nicht“).

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„That bitch!“ – der erste Satz des Films. „She made a fool of us for 25 years.“ Die Stimme Bernals. Dazu erklingt der Marsch „Avenida de las camelias„, den in Argentinien jeder mit dem Faschismus der Militärs verbindet. „This bitch invited dirty laborers, Indios de Patagonia, toothless peasants, street sweepers, she invited the whores. She was a plague. She even managed to die the same age like christus.“ Dazu Archivbilder der Vierziger Jahre.
Ein toller Anfang, der mehr verspricht, als er zu halten vermag, aber der allein den Film lohnt. Und der hält genug. Es folgen Filmbilder des „chefe spiritual de la patria“, so lautete ernsthaft Eva Perons öffentliche Anrede, bei einer Rede. Sie geißelt „foreign capitalism“ und das argentinische Kapital, das aus „submissive servants“ Amerikas bestehe.

Sie tritt für Frauenrechte ein, für die Arbeiter, für die Besitzlosen. Mag alles pure Rhetorik ein, hört sich aber dennoch besser an, als die pure Rhetorik anderer.

Dieser Beginn macht klar: Dies ist ein peronistischer Film.

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In einem überaus eleganten Mix aus Fiktion, Archivbildern und nachgestellter Realität beschreibt der Film den Mythos Evita anhand des Verbleibs ihres Leichnams von 1952 bis heute – eine unglaubliche Geschichte. Zunächst wurde sie einbalsamiert und als politisches Schneewittchen in einem Glassarg ausgestellt. Dann putschte das Militär, brachte den Leichnam zum Verschwinden. Ein Ex-Diktator wurde entführt und ermordet, um Informationen über seinen Aufbewahrungsort zu erpressen. 1971 kehrte der Sarg zurück, wurde wieder öffentlich ausgestellt, 1976 nach Perons Tod und erneutem Militärputsch ein weiteres, vorläufig letztes Mal bestattet, christlich auf dem bürgerlichen Recoleta-Friedhof im Herzen von Buenos Aires – aber in sechs Meter Tiefe unter eine Stahlplatte, um Schändungen und Diebstahl schwerer zu machen. Aber vielleicht auch, um die Wiederauferstehung der Toten zu verhindern.

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Der Film ist ein surreales Poem, irreal und in bester Weise irrsinnig, denn er assoziiert wild und schamlos. Etwa in dem Bernal wieder mal aus dem Off über Evita schimpft, und für ein paar Sekunden Jean Fouquets Gemälde von Agnès Sorel eingeblendet wird, das die Mätresse des französischen Königs als Madonna zeigt.

„That pagan idol upstaged god“, heißt es, „But we’ve made one mistake, one fatal error. We did not destroy her body.“

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Eine weitere, bestechende Episode ist jene der Entführung des General Aramburu, der im Juni 1955 unter dem Wahlspruch „Gott ist gerecht“ gegen Peron geputscht hatte, und unter anderem eine Protestversammlung von Tausenden auf Buenos Aires‘ größtem Platz aus der Luft bombardieren ließ – ein bis heute beispielloses Ereignis. 400 Menschen starben, 800 wurden verletzt. Im Juni 1970 wurde er von revolutionären Peronisten entführt. Im Film gibt es erfundene, aber beklemmende Dialoge. „Alle Revolutionäre töten Konterrevolutionäre“, verteidigt sich Aramburu.

Und vor seiner Hinrichtung sagt er den Peronisten ein paar Sätze von großartig schrecklicher Wahrheit: „Was nach mir kommt ist noch viel schlimmer. Ihr wisst nicht, was Terror ist. Ihr werdet sterben wie Algerier: Sie werden Euch zwingen, Eure Scheiße zu essen. Sie werden Euch Eure Augenlieder abschneiden. Es werden nicht mal Leichen übrig bleiben.“
„Wo haben Sie diese Ideen her?“ – „Non son ideas, son technicas.“

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EVA NO DUERME endet mit einer Evita-Rede: „I’ll stand with the workers, I’ll stand with the women, I’ll stand with the nonpossives. Dead or alive!“ Peronismus heißt, für Charisma in Politik zu sein. Dieser Film ist ganz eindeutig ein peronistischer Film.

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Agueros Film beweist: Politik ist mehr, als nur die Kunst des Möglichen, als Durchregieren oder mechanisches Ausbalancieren der Interessen, wie es unsere Physikerin auf dem Kanzlerstuhl betreibt. Sie ist die Kunst des Unmöglichen: Sie ist auch Spektakel, Utopie, und die Wiederauferstehung der geisterhaften Vergangenheit von den Toten. Wie das Kino. Viele Filme in San Sebastian boten dafür diesmal reiches Anschauungsmaterial.