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In der Arena von Harrenhall steht Brienne einem ebenbürtigen Opponenten gegenüber – und spürt am eigenen Leib, dass an der originalgetreuen Nachstellung von Westeros‘ beliebtesten Gossenhauers The Bear and the Maiden Fair nichts Komisches zu finden ist.

In der Arena von Harrenhall steht Brienne einem ebenbürtigen Opponenten gegenüber – und spürt am eigenen Leib, dass an der originalgetreuen Nachstellung von Westeros‘ beliebtesten Gossenhauers The Bear and the Maiden Fair nichts Komisches zu finden ist.

Im Vergleich vielleicht weniger ereignisdicht als seine Vorgänger, bietet THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR vereinzelte Höhepunkte und viel Vorbereitung: Eine klassische Übergangsfolge, die erzählt, wie Figuren von A nach B gelangen und somit die Lücken zwischen den großen Handlungselementen füllt.

Was die siebte Folge der dritten Staffel GAME OF THRONES dennoch besonders macht, ist die Tatsache, dass sie von George R.R. Martin geschrieben ist, dessen Fantasy-Epos A SONG OF ICE AND FIRE die Vorlage zur Serie bildet. Die Handschrift des Schöpfers von Westeros wird besonders in den Dialogen deutlich: Martin lässt die Figuren in lebendiger Sprache miteinander interagieren, statt sie dem Pragmatismus der Serienerzählweise zu unterwerfen, in der zur effizienten Informationsvermittlung die Figuren kernige Einzeiler austauschen. Dadurch gelingt es Martin, in wenigen Minuten seinen Figuren mehr Konturen abzugewinnen, wobei ihm seine Liebe zum Detail zur Hilfe kommt – So lässt er Hodor eine lange Denkpause einlegen, bevor er auf Oshas Frage auf allbekannte Art antwortet („Hodor!“).

A bear there was, a bear, a bear!
All black and brown, and covered with hair!
The bear! The bear!
Oh, come, they said, oh come to the fair!
The fair? Said he, but I’m a bear!
All black, and brown, and covered with hair!

The Bear and the Maiden Fair. Der Titel der Folge bezieht sich auf ein berühmtes Volkslied in Westeros. Wie schon Tolkien flechtet auch Martin selbst gedichtete Lieder in seine Handlung ein. Diese Lieder schmücken nicht nur die reich ausstaffierte Fantasy-Welt weiter aus, sondern greifen zugleich wesentliche Motive der Erzählung auf und spielen sie auf poetische Weise noch einmal durch – eine Geschichte innerhalb der Geschichte. Kaum verwunderlich, dass sich die Lieder auch außerhalb der Bücher einer großen Beliebtheit erfreuen: Immer wieder tauchen im Internet Videos auf, in denen Fans inoffizielle Vertonungen zu Martins Texten erstellt haben. Eine der wenigen Möglichkeiten für Fans, das ansonsten durch den Autor streng überwachte, sich ausdehnende Geschichtenuniversum selbst aktiv mitzugestalten.

Oh, sweet she was, and pure, and fair!
The maid with honey in her hair!
Her hair! Her hair!
The maid with honey in her hair!

Auch in GAME OF THRONES kommen Martins Lieder immer häufiger zum Einsatz: Als pars pro toto verdichten sie die Stimmung einer ganzen Folge in einem aussagekräftigen Moment (Bronn singt in BLACKWATER vor der Schlacht gegen Stannis Rains of Castamere), charakterisieren die Figuren, von denen sie gesungen werden (Shireen Baratheons unheimliches Nonsenselied aus KISSED BY FIRE) oder nehmen dramaturgische Ordnungsfunktionen ein (Rains of Castamere als musikalisches Thema der Lannisters, The Bear and the Maiden Fair als Leitmotiv für die Beziehung zwischen Jaime und Brienne). Neben dem markanten Score von Ramin Djawadi, dessen eingängige Main Theme (Fucking GAME OF THRONES, Fucking GAME OF THRONES…) bereits auf einfallsreiche Art in den unterschiedlichsten Varianten gecovert wurde, treffen vor allem die Songs, dargeboten von Indie-Rockbands wie The National oder The Hold Steady, gerade auch außerhalb des Serienpublikums auf große Resonanz.

Girl talk in King’s Landing: Die allein schon visuell freizügigere Margaery erzählt der zugeknöpften Sansa von der Kunst zu gefallen – Hinter der unschuldigen Fassade der baldigen Königin verbirgt sich eine Frau, die sich der Macht ihrer Sexualität bewusst ist.

Girl talk in King’s Landing: Die allein schon visuell freizügigere Margaery erzählt der zugeknöpften Sansa von der Kunst zu gefallen – Hinter der unschuldigen Fassade der baldigen Königin verbirgt sich eine Frau, die sich der Macht ihrer Sexualität bewusst ist.

Oh, I’m a maid, and I’m pure and fair!
I’ll never dance with a hairy bear!
A bear! A bear!
I’ll never dance with a hairy bear!
He lifted her high into the air!
The bear! The bear!

In Martins derben Tabernenlied The Bear and the Maiden Fair geht es um das enge Miteinander der Gegensätze – der Tanz der unschuldigen Schönen mit dem wilden Biest. Ein Motiv, das sich auf so manche ungleiche Paarungen in GAME OF THRONES anwenden lässt: Die holde Starkprinzessin und der groteske Lannister-Gnom, die zarte Drachenmutter und ihr schroffer Bär, der hochgeborene Nachtwächter und die Wildlingsfrau. Die Trennlinien sind jedoch nicht so scharf, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Jedem Schönen liegt etwas Böses, jedem Abscheulichen etwas Reines inne. Das altbewährt Spiel der Zuschreibungen, Fassaden und Erwartungshaltungen: Der physisch abstoßende Hound Sandor Clegane etwa bewahrte die schöne Sansa Stark vor den Abscheulichkeiten des jungen Königs. Das Gegenüber aus dem ungestümen Ungeheuer und unschuldigen Mädchen ist ein urmythisches Motiv, dem eine eigentümliche sexuelle Spannung unterliegt. Statt wie in ihren naiven Mädchenträumen den edlen Ritter mit scheinender Rüstung betten zu dürfen, ist Sansa in THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR angewidert von dem Gedanken, ihrem zukünftigen Gemahl Tyrion Kinder schenken zu müssen. Die Ironie liegt jedoch darin, dass ihr Schwarm Ser Loras durch seine andere sexuelle Orientierung nicht an Sansa interessiert wäre, während Tyrion durch sein Einfühlungsvermögen eine große Zärtlichkeit an den Tag legen wird. Auf dem Gebiet der Freuden gilt er sogar als recht erfahren, wie Margaery verstohlen Sansa zuflüstert. Gerade im Absonderlichen, im Abstoßenden liegt ein verborgener Reiz. Nachdem der Bear im Lied über die Maiden zunächst gegen ihren Willen hergefallen ist, gibt sie sich am Ende doch seiner Animalität hin. Eine obskure Sex-Fantasie.

Der Diener befiehlt dem Herren – In THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR werden die Umkehrungen der Machtverhältnisse deutlich: Lord Tywin Lannister ist momentan der mächtigste Mann in Westeros, da selbst der unbändige König Joffrey seinem Willen unterliegt.

Der Diener befiehlt dem Herren – In THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR werden die Umkehrungen der Machtverhältnisse deutlich: Lord Tywin Lannister ist momentan der mächtigste Mann in Westeros, da selbst der unbändige König Joffrey seinem Willen unterliegt.

Der Gegensatz aus Maiden und Bear findet sich schließlich nicht nur innerhalb der vielen ungleichen Paarungen, sondern auch innerhalb einzelner Figuren wieder. In THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR läuft Arya Stark dem Hound in die Hände. Zunächst scheint sich die Konstellation zwischen Bear und Maiden zu wiederholen, die sich bereits zwischen Sandor Clegane und Sansa Stark eingestellt hatte. Doch ist Arya selbstständiger als ihre ältere Schwester, und weitaus weniger unschuldig: Ein kleines Mädchen, dessen einzige Lebensmotivation die Rache und dessen wahrer Gott der Tod ist. Auch Daenerys Targaryen ist immer weniger auf die Kraft ihres breitschultrigen Beschützers Ser Jorah Mormont angewiesen. In der Konfrontation mit einem Unterhändler der Sklavenstadt Yunkai präsentiert sie sich umringt von ihren Drachen als unbeugsame Feldherrin. In ihr noch das naive Blondchen zu sehen, ist ein fataler Fehler, den bereits die Stadt Astapor teuer bezahlen musste. Mit ihrer Armee, ihren Drachen und ihren kühnen Plänen, sämtliche Sklavengesellschaften zu zerschlagen, wird Dany als Herrscherin immer souveräner – und Ser Jorah an ihrer Seite immer unbedeutender. Er berät sie nicht mehr, sondern ist nur noch Zeuge ihrer gewachsenen Persönlichkeit.

I called for a knight, but you’re a bear!
A bear! A bear!
All black and brown and covered with hair!
She kicked and wailed, the maid so fair,
But he licked the honey from her hair!
Her hair! Her hair!

The Bear and the Maiden Fair ist das Volkslied in Westeros schlechthin, ein fröhlicher Trinkschlager, an dem sich die einfachen Leute ebenso erfreuen wie die hohen Herren an ihren langen Tafeln. Hinter dem komischen Text und der heiteren Melodie verbirgt sich das subversive Potenzial der Lachkultur, im komischen Spiel gesellschaftliche Ordnungen auf den Kopf zu stellen, gängige Rollenmuster umzukehren und die durch die Zwängen der Zivilisation unterdrückten Körperimpulse freizusetzen. Nicht umsonst finden der Bear und die Maiden auf der Fair zum Tanz zusammen – auf dem Jahrmarkt, ein Ort des Vergnügens, der Sensationen, Illusionen und Attraktionen. Kurz: Dem Schauplatz des Karnevals, in dem durch das Spiel der Masken die Verstellung im Alltag entlarvt wird. Mit der karnevalesken Verkehrung gängiger Rollenbilder in der Gesellschaft geht die Verkehrung der Geschlechterrollen einher, ein in GAME OF THRONES nicht unbekanntes Motiv. Wie in kaum einer anderen Fantasyerzählung wimmelt es in Westeros von starken Frauenfiguren – und in die Krise geratenen Männern, die an dem von ihnen verlangten Geschlechterbild verzweifeln. Jenseits der Mauer scheint in der anarchistischen Kultur der Freien Völker sogar sämtliche Geschlechter-Hierarchie abgeschafft. Wildlingsfrauen stehen den Männern als ebenbürtige Kriegerinnen gegenüber. Sie nehmen sich wen oder was sie wollen, statt in schönen Kleidern den Herren schmückend zur Seite zu stehen, durch ihre Vermählungen den diplomatischen Frieden unter den Häusern zu bewahren und als Kinderbrutstätte die Erbfolge zu sichern. So muss Jon Snow in THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR feststellen, dass Ygritte ganz und gar nicht dem gewöhnlichen Bild von Mädchen in Westeros entspricht. In ihrem Wortschatz existieren Worte wie „swooning“ oder „fainting“ nicht – Warum sollten auch Mädchen beim Anblick von Blut in Ohnmacht fallen, wenn sie von Natur aus mehr Blut zu Gesicht bekommen als Jungs?

Durch die dritte Staffel hinweg durchzieht The Bear and the Maiden Fair als Leitmotiv den Handlungsstrang von Jaime und Brienne: Locke und seine Männer singen das Lied, als sie die beiden nach Harrenhall bringen, der Zuschauer hört es, als es im Abspann von WALK OF PUNISHMENT direkt im Anschluss an Jaimes Verstümmelung ertönt und zum Ende von THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR finden sich Jaime und Brienne in einem lebensgefährlichen Reenactment des Liedes wieder.

Durch die dritte Staffel hinweg durchzieht The Bear and the Maiden Fair als Leitmotiv den Handlungsstrang von Jaime und Brienne: Locke und seine Männer singen das Lied, als sie die beiden nach Harrenhall bringen, der Zuschauer hört es, als es im Abspann von WALK OF PUNISHMENT direkt im Anschluss an Jaimes Verstümmelung ertönt und zum Ende von THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR finden sich Jaime und Brienne in einem lebensgefährlichen Reenactment des Liedes wieder.

Spiel der Zuschreibungen, Ineinanderlaufen der Gegensätze, Verkehrung der Geschlechterrollen: Die Motive von The Bear and the Maiden Fair laufen im Höhepunkt der Folge zusammen – der Bär-Szene in Harrenhall. Ironischerweise wurde das Herzstück von THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR nicht von Martin selbst geschrieben, wie auch der Titel der Folge ursprünglich ein anderer sein sollte. Lediglich aus erzählökonomischen Gründen hat die Bären-Szene in Martins Folge gefunden, die ursprünglich in der darauffolgenden Episode erscheinen sollte. Wie dem auch sei: Aus der Feindschaft zwischen der blonden Riesin und ihrer Lannister-Geisel ist mittlerweile eine feste Freundschaft geworden. Irgendwo in der Mitte von THE BEAR AND THE MAIDEN FAIR gibt Jaime Brienne sein Ehrenwort, dass er ihren Auftrag fortführen und Catelyn mit ihren Töchtern wiedervereinen wird. Auf dem Weg nach King’s Landing überkommen den Kingslayer jedoch Gewissensbisse: Seine Notlüge, mit der er Brienne in WALK OF PUNISHMENT vor einer Vergewaltigung rettete, ist nach hinten losgegangen, da Lord Tarth statt der versprochenen Edelsteine für seine Tochter ein eher mickriges Lösegeld angeboten hat. Jaime kehrt um und kann Brienne gerade noch rechtzeitig vor einem grausamen Tod bewahren. Lord Bolton ist nämlich zur Hochzeit von Edmure Tully zu den Twins aufgebrochen und hat Harrenhall in der Obhut von Locke überlassen, der Brienne zur Belustigung mit einem Holzschwert gegen einen ausgewachsenen Bären kämpfen lässt. Die ansonsten autarke Kriegerin ist zur Jungfrau in Nöten geworden, die von ihrem Ritter gerettet wird – Selbstlos springt Jaime in die Arena und verteidigt Brienne vor dem wilden Tier, während der schaulustige Mob zum Spektakel The Bear and the Maiden Fair skandiert. Was im ersten Moment als unüberlegte Rettungsaktion à la Ron Burgundy anmutet, stellt sich als cleverer Zug heraus. Jaime riskiert sein Leben, wohlweislich, dass Boltons Männer dazu gezwungen sind, ihn vor dem Tod zu schützen. Wiederum ein Spiel mit der Standardsituation. Der Konflikt geht – abgesehen vom erlegten Bären – blutlos aus. Der neue Jaime verlässt sich nicht mehr auf seine Kampfkunst, sondern, endlich, auf seinen Verstand. Gleichzeitig erreicht das Spiel mit dem The Bear and the Maiden Fair-Motiv seinen Höhepunkt: Dadurch, dass sie sich im wechselnden Machtverhältnissen nun gegenseitig jeweils das Leben gerettet haben, sind Brienne und Jaime im übertragenen Sinne sowohl zum Bear als auch zur Maiden geworden und standen in einer wortwörtlichen Übersetzung des Liedes einem echten Bären gegenüber. Selbst mit dem Spiel der Motive kann man also sein Spielchen treiben.

Then she sighed and squealed and kicked the air!
My bear! She sang. My bear so fair!
And off they went, from here to there,
The bear, the bear, and the maiden fair.

 

Bildcopyright: HBO