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Heute ist mit POLICE,  ADJECTIVE eine kleine, vierteilige Reihe zur Rumänischen Welle in Darmstadt gestartet. Sie findet jeden zweiten Mittwoch im Rex Kino statt, jeweils ab 20:30 Uhr. Aus Budgetgründen handelt es sich um Filme, die in deutschen Kinos bereits gelaufen sind, wenn auch nur in kleinem Rahmen. Vor jedem Film darf ich eine kurze Einführung halten. Ich danke Andreas Heidenreich, Lena Martin und dem Filmkreis der TU Darmstadt für die Konzeption und Organisation dieser Reihe.

Die Vorträge habe ich als Serie, also komplementär zueinander, um die jeweils gezeigten Filmen konzipiert.


Die Neue Rumänische Welle, das sind DER TOD DES HERRN LAZARESCU (2005) von Cristi Puiu, 12:08 EAST OF BUCHAREST (2006) von Corneliu Porumboiu und 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE (2006) oder 432 von Christian Mungiu. In den folgenden Jahren kamen noch einige Filme hinzu, sogar einige Filmemacher – viele davon gewannen Preise, wenn nicht in Cannes, wie diese drei genannten Filme, dann zumindest in Venedig, Locarno oder Berlin. So ungefähr kennen wir sie, zumindest aus den Medien.

Wer sich näher damit befasst, wird als allererstes feststellen, dass der Auftakt der Welle schon 2001 stattfand, mit Cristi Puius Debutfilm, STUFF AND DOUGH, einem kleinen Road Movie, der sich aber von den meisten Genremotiven loslöste und stattdessen sehr interessiert an Realismus im Film war. Dieser noch relativ unbekannte Film (der damals in Deutschland beim Festival in Cottbus lief und dort den Hauptpreis gewann) schien zu einer Sprache gefunden zu haben, die sich von den meisten Filmen distanzierte, die unter dem kommunistischen Regime entstanden waren. Sie distanzierte sich aber auch von den konfusen Neunzigern, einer Zeit, in welcher, mit Ausnahme von den Filmen der Altregisseure Lucian Pintilie und Nae Caramfil, überdrehte, politisch oft sehr engagierte Filme gedreht wurden, die aber filmisch wenig zu bieten hatten. Dieser kleine Film aber schaffte etwas, das im rumänischen Kino davor noch nie gedacht wurde: Er brachte die Jugend Rumäniens auf die Leinwand, so wie sie damals war, samt ihrer Sprache, ihren Ambitionen und Weltsichten.

Im Jahr darauf kamen die Regiedebüts zweier anderer Regisseure in die Kinos, die inzwischen auch zu dieser Welle zählen: Cristian Mungiu und Radu Muntean. Sowohl OCCIDENT, als auch FURIA hatten offensichtlich ihre Ambitionen, doch bleiben sie in ihrer Bedeutung weit von STUFF AND DOUGH und der Neuen Rumänischen Welle entfernt. Die nächsten Filme der beiden, wie aber auch die meisten Filme, die zu dieser Welle gezählt werden, lassen sich auf diesen einen Film aus dem Jahr 2001 zurückführen; ein erster Grund, warum der Regisseur Cristi Puiu, mit seiner obsessiven Auseinandersetzung mit dem filmischen Realismus, als Vater dieser Welle betrachtet wird.

Das geht so weit, dass in Rumänien oft nicht nur von der Neuen Rumänischen Welle, sondern auch von Das Neue Rumänische Kino geredet wird. Der zweite Begriff wird in Zusammenhang mit den Filmen von Cristi Puiu, Christian Mungiu und Radu Muntean benutzt, und zwar in Bezug auf die Tatsache, dass sie die Kamera streng als Instrument der Beobachtung verstehen und sie entsprechend einsetzen. So wird das Gerät so gut wie nie in ihren Filmen das Geschehen im Bild vorhersehen und sich entsprechend bewegen, sondern ständig die Illusion aufrecht erhalten, dass das, was gerade geschieht, eine Überraschung für sie ist, worauf sie lediglich reagiert. Darüber werde ich aber im weiteren Verlauf dieser Filmreihe ausführlicher sprechen. Die Neue Rumänische Welle also ist dann ein umfassenderes Konstrukt, das auch andere, weniger dem Realismus verpflichtete Regisseure umklammert. Denn, wie sonst im Film, sind manche der Regisseure an andere Facetten des Filmemachens interessiert.

Wir fangen unsere Reihe an mit Corneliu Porumboiu, der eher ein Dissident dieser Welle ist. Schon durch die Tatsache, dass er, wie später auch Marian Crisan, der vor kurzem seinen neuen Film ROCKER in Wiesbaden vorstellte, nicht in Bukarest dreht, sondern in der Provinz. Aber auch in der Art, wie er sich diesem neuen Realismus aus Rumänien nähert. Sein erster Langfilm, 12:08 EAST OF BUCHAREST ist vielleicht der lustigste Film dieser Welle (und wird, als Preisträger in Cannes, gelegentlich in ARTE ausgestrahlt). Sowohl inhaltlich, aber auch in der Art, wie er gefilmt wurde, ist dieser Film ein Reenactment. Ein Film also, der aus einer gewissen Perspektive etwas schon Geschehenes zu rekonstruieren versucht: inhaltlich den Ausbruch der Rumänischen Revolution in der Stadt Vaslui, wo er spielt, und formell den Blick von jemandem, der diese Revolution nicht mitgemacht hat und auf diejenigen blickt, die im Film als (mehr oder weniger) ehemalige Revolutionäre vorgestellt werden.

POLICE, ADJECTIVE hingegen blickt streng in die Gegenwart. Er dokumentiert die Routine der Polizeiarbeit in Vaslui. Observationen, Bürokratie, Wartezeiten. Wir werden es also mit sehr langen Einstellungen zu tun haben, und zwar viel extremer, als in den meisten anderen Filmen dieser Welle. Ich will nicht im Voraus verraten, was wir sehen werden, darum greife ich auf eine Analogie zurück. Unsere Wege hin zur Arbeit, zur Uni, zum Einkaufen und zurück, unsere Wartezeiten, dass sind alles Zeitblöcke, die im Film generell gekürzt werden. Meistens reichen einige Einstellungen, die uns diese Tätigkeiten signalisieren, und schon sind die Figuren woanders, vor der nächsten spannenden Herausforderung der Filmhandlung. Bei uns ist es ähnlich: Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, Smartphones, Tablets – wir versuchen meistens diese Zeitblöcke auszublenden, sie irgendwo anders zu verbringen. Und oft, ehe wir uns versehen, sind wir da, wo wir sein wollten, die Zeit ist unbemerkt vergangen. Wenn sich ein Regisseur also entscheidet, solche Zeiten in seinem Film zu gestatten, dann geschieht das, was im Film so viel Bedeutung hat: Zeit wird spürbar, sie bekommt einen Körper.

Dieser Körper ist im Film, wie wir seit der Geburt des Kinos wissen, und noch mehr seit dem Neoreralismus der Spätvierziger in Italien, auch ein Merkmal des Filmrealismus. Dass diese Zeit nicht im Schnitt entfernt wird, dass der Bildraum und die Figuren einen Zeitrahmen gegönnt bekommen, um sich zu entfalten, dass folgt der Prämisse, dass die Kamera die Fähigkeit hat, die Welt unreflektiert wahrzunehmen, so wie der Mensch es nicht könnte.

Und genau das untersucht der Regisseur in POLICE, ADJECTIVE: Welche Bedeutungen schreiben wir, als Menschen, der Wirklichkeit, und implizit unseren Existenzen, zu? Darum ist der Film auch eine Konfrontation, zwischen dem, was wir sehen, wenn der Polizist seinem Fall nachgeht, und dem, was wir mitbekommen, wenn er mit anderen darüber redet. Denn die Welt dieser Hauptfigur ist voller Charaktere, die diese Bedeutungen illustrieren: Sprache, Konventionen, und ihre höchsten Instanzen: das Gesetz und das Wörterbuch. Der interessanteste Übergang zwischen den zwei Extremen wird im Film durch die Berichte des Polizisten illustriert: Er sieht, was wir auch sehen – praktisch so gut wie nichts – und doch fügt er mehr oder weniger bewusst diese Beobachtungen so zusammen, dass sie einen Fall ergeben.

Der Film ist aber weniger daran interessiert, ob nun die Beobachtung, also im Film der Realismus, oder die Konventionen, beziehungsweise das Gesetz, sich im Recht befinden, wie an der Konfrontation der beiden. Darum vermeidet es Porumboiu so gut es geht, uns auf eine der Seiten zu locken – die Kamera wird beispielsweise nie die Perspektive des Polizisten annehmen. Doch funktioniert das? Sind wir am Ende auf der Seite der Hauptfigur, weil wir diese doch am meisten sehen im Film und ist alles ein Zeigefinger des Regisseurs, oder bleibt der Film neutral und bringt uns eher dazu, über diesen Konflikt selbst zu reflektieren? Diese Frage wird jeder für sich beantworten müssen.

 

Es folgen:

22.05.: THE HAPPIEST GIRL IN THE WORLD (2009) von Radu Jude
05.06.: TUESDAY, AFTER CHRISTMAS (2010) von Radu Muntean
19.06.: AURORA (2010) von Cristi Puiu