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Gestern ist mit THE HAPPIEST GIRL IN THEWORLD die zweite Folge einer vierteilige Reihe zur Rumänischen Welle in Darmstadt gelaufen. Sie findet jeden zweiten Mittwoch im Rex Kino statt, jeweils ab 20:30 Uhr. Aus Budgetgründen handelt es sich um Filme, die in deutschen Kinos bereits gelaufen sind, wenn auch nur in kleinem Rahmen. Vor jedem Film darf ich eine kurze Einführung halten. Ich danke Andreas Heidenreich, Lena Martin und dem Filmkreis der TU Darmstadt für die Konzeption und Organisation dieser Reihe.

Die Vorträge habe ich als Serie, also komplementär zueinander, um die jeweils gezeigten Filmen konzipiert.


Vor zwei Wochen haben wir mit POLICE, ADJECTIVE ein Experiment gesehen. Untersucht hat der Film die Frage, inwiefern dem, was wir sehen, Sprache, Gesetz und Konventionen Bedeutungen hinzufügen. Diese Frage ist im Film generell eine sehr bedeutende – blickt dieser doch immer in erster Linie durch die Kamera auf einen Gegenstand – im Rumänischen Film aber eine besonders wichtige. Die Neue Rumänische Welle, so einer der größten gemeinsamen Nenner, ist entstanden, weil Filmemacher die Möglichkeit hatten, die Wirklichkeit so zu zeigen, wie sie ist, und nicht wie das diktatorische Regime sie vor 1989 haben wollte.

Film vor ’89

Diese Aussage leuchtet gewiss ein, doch wer den rumänischen Film vor 1989 erkundet, wird nicht um die Einsicht umhin können, dass dieser oft sehr eng mit dem Realismus verknüpft ist. Es lässt sich sogar feststellen, dass die möglichst genaue Beobachtung der Wirklichkeit durch die Kameralinse eine der subtilsten ideologischen Waffen rumänischer Regisseure unter dem Kommunismus war. Der vermutlich bekannteste rumänische Film aus der Ära ist im Ausland Lucian Pintilies RECONSTITUIREA. Es geht darin um ein kleineres Verbrechen in einer Kneipe, das ein Gendarm von den Beteiligten nachspielen lässt, während in einem Stadion in der Nähe ein Fußballspiel stattfindet. Seine manifeste Aussage und vermutlich auch das, was ihn im Ausland, seit der Wiederentdeckung des Rumänischen Films durch die Neue Welle so attraktiv macht, ist, dass, egal wie sehr man sich mit der Suche nach der Wahrheit beschäftigt, alles, am Ende, wenn die Fußballfans aus dem Stadion zurückkehren und die Bilder füllen, egal ist. Denn die Rekonstruktion aus dem Filmtitel wird von allen missverstanden. Eine kleine Parabel also, die sich gegen das Regime richtet.

Dieselbe Zuneigung zur Beobachtung der Wirklichkeit, des Alltags, findet sich in vielen Filmen wieder – die bekanntesten Regisseure in dieser Hinsicht sind, neben Lucian Pintilie, Alexandru Tatos, Dan Pita, Liviu Ciulei und Mircea Daneliuc. Erstaunlicherweise handelt es sich bei ihren Werken oft um Genrefilme: Komödien, Historienfilme, ja sogar Western, oder um Literaturverfilmungen. Nicht alle sind stilistisch auf der Höhe der Zeit und viele strotzen von einem vom Regime auferzwungenen Pathos, aber sehr viele davon beinhalten daneben realistische Momente, die auf subtile Art wie eine Befreiung von der Ideologie der Zeit wirken.

Bedeutet das, dass diese Aussage über die Neue Rumänische Welle, bezüglich des Zeigens der Wahrheit, ein Mythos ist? Nein, denn es müssen die Auswirkungen des totalitären Regimes auf alle Bereiche der Gesellschaft bedacht werden. Fakt ist, dass die Kommunisten, seitdem sie 1944 in Rumänien an die Macht kamen, ein Gewaltsystem aufgebaut haben, das die ganze Bevölkerung ideologisch paralysierte. Anfangs ging es darum, die größten Gefahren zu beseitigen: Führungskräfte, Intellektuelle und Studenten wurden eingesperrt und gefoltert, bis sie Feinde der Partei denunzierten und sich selbst von ihren Überzeugungen schriftlich distanzierten. Gab es keine Parteifeinde, wurden manchmal sogar solche unter Folter erfunden. Also folgte daraufhin eine neue Serie von Verhaftungen, unter Verwandten und Bekannten der ersten Inhaftierten. In weniger als zehn Jahren wirkte diese Gewaltkette so gut, dass sich die Bevölkerung schlicht nicht mehr traute, über ideologische und politische Angelegenheiten zu sprechen. Selbst die Integrität der Kommunikation innerhalb von Familien wurde teilweise gesprengt – es herrschte überall Paranoia, dass einer der Nahen doch ein Spitzel sein oder werden könnte, um, im Rahmen des Systems, Vorteile daraus zu ziehen. So entwickelte sich in Rumänien mit der Zeit eine von Zweideutigkeiten geprägte Sprache, was sich besonders im Humor wiederfinden lässt. Denn es gab durchaus eine subversive Schicht der Sprache, ein Komplizentum gegen das Regime und eine Kultur der Subversion.

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Ich hatte letztes Mal davon geredet, wie sich die Neue Welle in Rumänien noch schärfer absondert, durch die Gruppe von Regisseuren, die als New Romanian Cinema etikettiert werden und die sich am strengsten dem Realismus verpflichten. Heute werden wir mit THE HAPPIEST GIRL IN THE WORLD einen Film sehen, der sich relativ exotisch in Bezug zum Realismus verhält, von einem Regisseur, Radu Jude, welcher einem sehr persönlichen Themenkomplex in seinen Filmen folgt. Darum werde ich heute auch ein wenig zu den exotischeren Regisseuren dieser Welle erzählen.

Der Traum vom Kapitalismus

Am meisten vom Realismus weicht CALIFORNIA DREAMIN‘ von 2007 ab, ein Film, dessen Regisseur, Cristian Nemescu, leider sehr jung verstorben ist. Wie die Werke von Nae Caramfil (insbesondere der 2002 fertiggestellte FILANTROPICA), ist auch dieser Film einer, der die Öffnung des Landes hin zur Demokratie, über die Aufhebung der Grenzen und den vielen, kaleidoskopischen Reizen der Popkultur umarmt. Ein Zug mit amerikanischen Soldaten und Waffen wird in einem kleinen Dorf in Rumänien von einem Bahnangestellten angehalten, weil dieser seit mehr als 50 Jahren, wie einige andere Rumänen, darauf gewartet hat, dass die Amerikaner das Land wieder befreien. Doch sie kamen nie. Während er von der Vergangenheit nicht ablassen möchte und den Zug nicht weiterfahren lässt, erlebt das kleine Dorf seinen American Dream, der, natürlich noch durch die Zensur des Regimes bedingt, erst nach der Revolution 1989, in Rumänien ankommt. Und dieser Traum wird natürlich humorvoll dekonstruiert, denn er war und ist teilweise noch eine immense Projektionsfläche für Rumänien.

Wer beobachtet wen?

Während die New Romanian Cinema Regisseure sich mit der Fähigkeit des Films auseinandersetzen, Wirklichkeit wiederzugeben, fragt eine Reihe von Regisseuren explizit danach, wer der Zuschauer sein kann, wenn er auf die Leinwand blickt. Wessen Position also die Kamera einnimmt. Am prominentesten unter ihnen ist Adrian Sitaru, der bisher drei Langfilme gedreht hat. Die ersten beiden, HOOKED (2007) und BEST INTENTIONS (2011), erzählen den Film mehr oder weniger konsequent aus POV-Einstellungen. Die Kamera übernimmt dabei immer die Rolle einer der Filmfiguren. Das wirkt teilweise sehr intim, aber oft auch sehr befremdlich, vor allem im zweiten Film, der eine größere Besetzung hat und in welchem wir oft durch die Augen von Personen schauen, die wir teilweise nicht mal richtig wahrgenommen haben. Die Fragen der Filme sind, im Vergleich zu denen der anderen Regisseure, umgekehrt: Wie wird die Wirklichkeit im Filmbild gefiltert? In seinem neuesten Film, DOMESTIC, blickt der Zuschauer nicht mehr durch die Augen der Figuren, sondern wird zum Voyeur. Die Kamera, meist statisch, ahmt die Perspektive eines jemanden nach, der kurz vor einem Fenster stehen bleibt, um in eine Wohnung hineinzuschauen.

Räume und Filmräume

Ein sehr starker Film der Neuen Rumänischen Welle ist Florin Serbans WHEN I WANT TO WHISTLE, I WISTLE. Im Zentrum des Films befindet sich ein Siebzehnjähriger, der sich in einem totalitären System befindet: einer Erziehungsanstalt. Er steht kurz vor der Entlassung, doch etwas geschieht in seinem Leben, dass die übrigen zwei Wochen, die er noch absitzen muss, unmöglich macht. Er muss jetzt sein Problem lösen, oder es wird zu spät. Das Spannendste an dem Film, neben der prägenden Hauptfigur, ist die Kameraführung. Sie begleitet ihn über die meiste Zeit des Films sehr dicht, doch im Unterschied zu ihm, überquert sie nie die räumlichen Grenzen. So werden alle seine räumlichen Verbrechen potenziert und zu Befreiungsschlägen von den Regeln des geschlossenen Systems, das er bewohnt, transformiert.

THE HAPPIEST GIRL IN THE WORLD

Was wir heute sehen werden, haben vielleicht manche von Euch 2010 bei goEast in Wiesbaden gesehen, denn der Film lief dort, bevor er in Deutschland in die Kinos kam. Er ist ein Film, dessen Drehbuch sehr stark im Vordergrund steht, also die Figurenkonzeption und die Dialoge, denn Handlung gibt es nicht viel.

Ein Film darüber, wie Familien, zumindest in Rumänien, funktionieren, wie die Beziehungen und die Machtstrukturen innerhalb von Familien gezeichnet sind, wie Eltern mit ihren Kindern reden und andersrum. Familie ist ein Hauptthema von Radu Jude, das sich durch all seine Filme und Kurzfilme als Leitmotiv zieht. Es ist persönlich, also etwas, womit er sich auskennt, wie er immer wieder betont, und das er sehr differenziert schreiben und inszenieren kann. So differenziert, dass sein Film EVERYBODY IN OUR FAMILY, der letztes Jahr bei der Berlinale gezeigt wurde, für mich eine der intensivsten und am schwersten zu durchlebenden Filmerfahrungen ist.

Radu Jude arbeitet in der Werbebranche. Neben den drei Langfilmen und drei Kurzfilmen, die er drehte, hat er hunderte von Werbespots gemacht. Werbung ist auch in diesem Film ein Thema, insofern, als dass nach der Arbeitsethik in der Branche gefragt wird. Die Frage wird ein Prozess sein, denn ein Großteil des Films besteht aus immer wieder neuen Takes des gleichen 20-sekündigen Werbespots, also ein Entstehungsprozess, während parallel dazu ein persönlicher Entscheidungsprozess verfolgt wird.

Radu Jude hatte bei Cristi Puius DER TOD DES HERRN LAZARESCU mitgewirkt und behauptet selbst, er hätte dabei viel mehr gelernt, als ihm in der Uni beigebracht wurde. Diese Prägung lässt sich sehr gut anhand der Kameraführung beobachten: Der Blick ist sehr aufmerksam, achtet auf die Geschehnisse im Film, auf kleine Gesten und spontane Ereignisse und trägt dadurch beträchtlich zur Konsistenz der Filmwelt von THE HAPPIEST GIRL IN THE WORLD bei.

Am Ende werden wir feststellen, dass das Glück im Filmtitel ein Werbeprodukt ist. Aber sollen wir bei seiner tragikomischen Entstehung lachen oder weinen?

Es folgen:

05.06.: TUESDAY, AFTER CHRISTMAS (2010) von Radu Muntean
19.06.: AURORA (2010) von Cristi Puiu