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Letzte Woche ist mit TUESDAY AFTER CHRISTMAS die dritte Folge einer vierteilige Reihe zur Rumänischen Welle in Darmstadt gelaufen. Sie findet jeden zweiten Mittwoch im Rex Kino statt, jeweils ab 20:30 Uhr. Aus Budgetgründen handelt es sich um Filme, die in deutschen Kinos bereits gelaufen sind, wenn auch nur in kleinem Rahmen. Vor jedem Film darf ich eine kurze Einführung halten. Ich danke Andreas Heidenreich, Lena Martin und dem Filmkreis der TU Darmstadt für die Konzeption und Organisation dieser Reihe.


Letzte Woche hatte ich angekündigt, über Copycats zu sprechen, über rumänische Filmemacher, die sich einer bei Festivals und Kritikern hochgepriesenen Stilistik bedienen und Filme wie die von Cristi Puiu mit ihren mediokren Werken formell nachahmen. Viele dieser Filme liefen auf Festivals im Ausland, einige sogar hier in der Gegend, bei goEast, doch sie verraten sich meistens selbst: Die Länge der Einstellungen ist oft unmotiviert, die Kameras sind nicht konsequent in ihrer Haltung als Beobachter oder Erzähler, die Themen dieser Filme stehen nicht im Einklang mit ihrer ästhetischen Ausarbeitung. Ich habe mich jedoch entschlossen, heute doch keinen Spaziergang durch solche Filme zu machen, denn wir sind ja schließlich im Kino, um gute Filme zu sehen und um über gute Filme zu sprechen. Ein weiterer Grund ist der Film von heute, TUESDAY AFTER CHRISTMAS, in der Regie von Radu Muntean, der sich als Gelegenheit anbietet, über solche nachahmenden Filmkonstruktionen zu diskutieren, und gleichzeitig bei interessanten Filmen zu bleiben.

Bevor wir im ersten Teil der Filmreihe POLICE, ADJECTIVE angeschaut haben, habe ich unter anderem erzählt, dass Radu Muntean mit seinem Regiedebüt FURIA einen Gangsterfilm schuf. So wie er, startete auch Cristian Mungiu seine Karriere mit einem formell exotischen Film, OCCIDENT. Es handelt sich beim zweitem um eine Geschichte, die drei Mal nacheinander mit unterschiedlichen Szenen und aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt wird. Beide Filme sind eher als Publikumsfilme zu bezeichnen und sind durch ein reges Erzähltempo und einen humoristischen Blick geprägt. Doch beide Filmemacher haben danach eine andere stilistische Richtung eingeschlagen – sie haben sich mehr oder weniger dem Realismus verpflichtet. Cristian Mungiu, der bekannteste rumänische Filmemacher dank der Goldenen Palme für 4 MONATE, 3 WOCHEN UND 2 TAGE, hat sich zum Themenfilmer entwickelt: Unter dem Themenkomplex Kommunismus und Gesellschaftskritik sind seine Filme am besten zu fassen. Radu Muntean, der nach FURIA einen einprägsamen Film über die Nacht vom 22. Dezember 1989 drehte, THE PAPER WILL BE BLUE, hat sich mit seinen nächsten Filmen immer mehr für das gegenwärtige Rumänien interessiert. Mit BOOGIE (2008) und TUESDAY AFTER CHRISTMAS (2010) porträtiert er die Entwicklung seiner Generation, der Menschen also, die zur Zeit der Revolution gerade ihr Abitur hinter sich hatten.

Was die Filme der beiden Regisseure charakterisiert, vor allem die von Cristian Mungiu, ist ihre Kompromisshaltung zwischen Realismus und einem Kino der Zeichen, der Effekte, der Dramaturgie. Das zeigt sich in dem Akzent auf manche, für die Handlung wichtigen Szenen, in dem Platzieren diverser Gegenstände im Bild, die die Figuren einen Tick zu auffallend beschreiben, oder dadurch, dass die Spannung auf der Audioebene unterstützt wird durch kleine, kaum merkbare Manipulationen. Etwas spöttisch ließe sich sogar über Mungiu behaupten, dass eine seiner größten Ambitionen diejenige ist, seinen Filmen sowohl Boxoffice-Erfolge als auch die Schätzung der Festivals und der Kritik zuzusichern. Bei Radu Muntean verhielt sich das ein bisschen anders. Während THE PAPER WILL BE BLUE schon durch sein Thema ein interessanter Film ist, wird in BOOGIE das Sensationelle durch einen Akzent auf die blumige Sprache hergestellt. Seine Filme jedoch bleiben tendenziell beobachtend, dem Realismus verpflichtet und implizit daran interessiert, eine sehr konsistente Filmwelt zu zeigen.

Anders verhält es sich mit TUESDAY AFTER CHRISTMAS, dem Film, den wir gleich sehen werden. Im Unterschied zu Radu Munteans anderen Filmen, spielt er in intimen Räumen, um eine Familie zentriet – in Orten also, in welche wir sonst keinen Einblick bekommen. Es wäre also zu erwarten, dass dieser Film noch realistischer, noch mehr an Beobachtungen interessiert ist, als die vorigen Werke des Regisseurs. Wenn wir jedoch diesen Film aus der Perspektive des Realismus betrachten, muss er scheitern. Das macht ihn aber zu einem idealen Kandidat für eine Diskussion darüber, wie Realismus im Film hergestellt wird. Denn, wir werden schnell feststellen, dass dieser Film aus Standardsituationen besteht, welche die Figuren schnell charakterisieren und uns ihre Beziehungen zueinander nah bringen. Dazwischen werden kleine Einfälle eingestreut, die realistisch anmuten: kleine Alltagsspielchen, Wortwechsel, Witze. Diese suggerieren alle eine Spontanität des Geschehens, doch generell merken wir, dass diese Filmwelt relativ inkonsistent ist. Die Einfälle passen nicht zum Schematismus der Figurenkonstruktion, die Kamera oszilliert zwischen Nichtbeteiligung, einigen Akzentsetzungen durch Unschärfe und einer manchmal sehr prominenten Kadrierung. Der Film funktioniert nicht als eine gefilmte Zeitspanne aus der Lebenswirklichkeit der Figuren – aber funktioniert er als eine Schematisierung dieser Wirklichkeit?

Mit dieser Frage lässt sich eine zweite mögliche Art, TUESDAY AFTER CHRISTMAS zu schauen, einleiten: als einen Film, der sich eher in Form eines Versuchs mit der Idee von Realismus auseinandersetzt. Anstatt Kontexte, Geschichten oder Zusammenhänge mit der Zeit entstehen zu lassen, stellt der Film diese gleich konkret vor. Er akzentuiert hier und da innere Konflikte der Figuren oder zeichnet ihre Positionen im Konflikt miteinander, doch generell verfolgt er diese direkten Vorstellungen von charakteristischen Situationen aus dem Familienleben ähnlich, wie ein realistischer Film sie verfolgen würde. Die spontanen Momente, die ich bereits erwähnt habe, stärken nur diese Illusion des Realismus. Denn, im Endeffekt, ist ein Spielfilm immer eine Konstruktion und er kann sich nur bis zu einer bestimmten Grenze der Wirklichkeit annähern. TUESDAY AFTER CHRISTMAS, ließe sich dann behaupten, schaut darauf, wie dieser Filmrealismus überhaupt konstruiert wird.

Natürlich habe ich nur zwei Arten vorgestellt, wie sich der Film lesen ließe, aber diese erscheinen mir sehr wichtig als spekulative Wegweiser, denn TUESDAY AFTER CHRISTMAS hat mehr zu bieten als nur eine Familie, die auseinander geht. Was genau, liegt an Ihnen zu entscheiden.

Es folgt:

19.06.: AURORA (2010) von Cristi Puiu