Seite auswählen

Die neun Minuten des Robert Lewandowski

von | Sep 26, 2015 | San Sebastian 2015 | 0 Kommentare

The Most Dangerous Game: Fußball ist nicht nur das bessere Kino, sondern manchmal reine Politik

„Well my mama told me, there’ll be days like this.“
Van Morrisson

Das Filmfestival von San Sebastian ist immer auch ein Fußballfestival. Das liegt schon daran, dass hier in jeder Kneipe mindestens ein Fernseher in irgendeiner Ecke an der Decke hängt, wo Fußball läuft. Denn Fußball ist in Spanien nochmehr als bei uns Kulturgut, und zwar für alle Schichten, ohne dass man ihn intellektuell aufblasen muss. Eine willkommene Abwechslung vom Kino, oft spannender und meistens überraschender. Mit spanischen Kritikern oder Filmemachern muss man jedenfalls nicht lange debattieren, was wichtiger und im Zweifel interessanter ist – da ist die Antwort klar. In diesem Jahr gab es höchstens einige, die an das hier bereits erwähnte Halbfinale der Baskettball-EM zwischen Spanien und Frankreich erinnerten, und meinten, Baskettball sei vielleicht noch interessanter.

So habe ich hier in der vergangenen Woche am Rande die Spiele des örtlichen Vereins, der noblen Real Sociedad San Sebastian verfolgt, die derzeit in gar keinem noblen Zustand sind. Zu Hause verlor man gegen Espanol Barcelona in letzter Minute 2-3, beim Abstiegskandidaten Granada immerhin gewann man 3-0.

Irgendwo in Fußweite kann man immer auch deutschen Fußball sehen. So war es auch beim deutschen Spitzenspiel zwischen dem FC Bayern und dem VfL Wolfsburg.

***

Ich stehe hier ja nun bei regelmäßigen Lesern bestimmt nicht im Verdacht größerer Bayern-Sympathien. Und ich gebe gern zu: Ich hätte mich auch über ein Unentschieden oder einen Wolfsburger Sieg gefreut, weil alles, was den Bayern schadet, gut ist für Borussia Dortmund. Und weil es ihnen recht geschehen würde, sie Demut lehren würde, wenigstens keinen Durchmarsch zu vollziehen.

Trotzdem muss man sagen, dass der 5-1 Sieg gegen Wolfsburg am Dienstag eine Form höherer Gerechtigkeit war. Gerecht war er natürlich nicht, jedenfalls bestimmt nicht in dieser Höhe. Aber es hat schon seine Ordnung, dass ein richtiger Verein wie der FC Bayern gegen eine Werksmannschaft gewinnt, erst recht, wenn die aus Wolfsburg kommt, aus einer Stadt, die normalerweise froh sein müsste, wenn sie einen Verein in der dritten Liga hätte.

Und nochmals erst recht, wenn der Besitzer des Vereins der Volkswagen-Konzern ist, der damit nur eine weitere Werbeplattform für seine Autos haben möchte. Am gleichen Dienstag war ja der VW-Skandal in seinem Ausmaß bekannt geworden, und am Donnerstag begrüßte mich Martin aus Chile, der seine erste Lebenshälfte als Emigrantenkind vor der Pinochet-Diktatur in Hamburg verbrachte, und HSV-Fan ist, mit der Feststellung, jetzt gehe hoffentlich Wolfsburg unter. Allerdings. Das Schönste an dem sowieso schönen Rausschmiß des etwas zu glatten und schlauen Herrn Winterkorn ist, dass damit auch ein großer Geldgeber des VfL Wolfsburg geht. Hoffen wir mal, dass Winterkorns Nachfolger eher Tischtennisfan ist. Jetzt brauchen sie jedenfalls ihr vieles Geld, um die Milliardenstrafen zu bezahlen, und man kann hoffen, dass in Wolfsburg bald ein Ausverkauf stattfindet, und Klaus Allofs seine unbestreitbaren Talente besser bei einem Traditionsverein einsetzt.

***

Aber Robert Lewandowski! Diese seine unglaublichen neun Minuten, in denen er fünf Tore gegen Wolfsburg schoß (man kann sie hier ungeschnitten angucken), waren dann doch besser, als drei Viertel aller Filme hier in San Sebastian. Man gönnt es Lewandowski, nicht weil er Ex-Borusse ist, sondern weil er sympathischer ist, als viele Kollegen, und weil er es unter dem sektenhaften Guardiola nicht leicht hat.

Zugleich war auch ein Gedanke: Was wird wohl jetzt durch seinen Kopf gehen? Kann er das begreifen? Kann das irgendwer begreifen? Diese neun Minuten sind seine, und sie sind ohne Frage (und wenn er sie nicht mehr übertrifft, aber wer glaubt das schon) der größte Moment seines Fußballerlebens. Wie ist es, wenn man das hinter sich hat?

***

Am Mittwoch bin ich mit Roger in den Altstadtkneipen abgestürzt. Er ist zum ersten Mal in San Sebastian und angemessen begeistert. Wir wollten einfach „ein Bier trinken“, haben wir auch, und dann noch eins und dann noch eins. So ging’s weiter. Zwischendurch hat Rogers Verein Eintracht Frankfurt bei Schalke verloren, mein Lieblingsclub Borussia Dortmund ausgerechnet bei den SAP-Retorten von Hoppenheim den ersten Punkt eingebüßt, das trug auch nicht zur Stimmung bei.

Eher dann schon wieder das in allen Lokalen live übertragene Ligaspiel vom FC Barcelona, die auch zum ersten Mal nicht gewinnen konnten. Es war überaus beeindruckend wie die Underdogs, die „Kelten“ von Celta Vigo in hellblauem München-60-Trickot Barca mit 4-1 vom Platz fegten. Vor allem war Vigo gut, das konnte man schon bei deren Spiel gegen FC Sevilla am Spieltag davor sehen.

***

Zwischen den Bieren haben wir einen Film gesehen. THE MOST DANGEROUS GAME in der historischen Retro, die Cooper/Schoedsack gewidmet ist. Bei uns kennt man den Film auch unter dem Schwachsinnstitel GRAF ZAROFF – GENIE DES BÖSEN. Ein kurzer smarter B-Movie mit fraglos genialen Zügen, gut gemacht, und genau das Richtige für zwei Filmkritiker, die sich angetüdelt noch einen Film reinziehen wollen. Er ist auch nur eine gute Stunde lang – wunderbare Zeitökonomie des alten Kinos. Man könnte überspitzt sagen: Je kürzer der Film, um so mehr passiert.

Nach dem Film weist Roger gleich erstmal auf die sehr gute Kamera hin und auf die Darsteller.

Es gibt darin auch Philosophien über das Spiel an sich: Die Jagd sei „ein Spiel wie Roulette, nur der Einsatz ist höher. … o no no, no sport at all.“ Interessant auch: Das Böse ist schon vor den Nazis mit dem Klavierspiel und mit deutschen Pistolen verbunden – Graf Zaroff hat eine „Luger“, wie die deutschen Offiziere beider Weltkriege.
Mehr zur Retro in den nächsten Tagen.

***

Fußball ist auch politisch, da darf man sich nichts vormachen. In Spanien sowieso. Die spanischen Zeitungen sind dieser Tage voll mit Betrachtungen über die Regionalwahl in Katalonien. Was hätte es für Folgen, wenn sich die Katalanen von Spanien abspalten würden. Da melden sich die Banken zu Wort, Politiker sowieso, auch wenn sie gar nicht gefragt wurden.
Aber auch Sport-Funktionäre wie Miguel Cardenal. Der FC Barcelona müsse dann die spanische Liga verlassen, wie alle katalanischen Clubs. „Die wären dann wie Ajax Amsterdam oder Celtic Glasgow.“ Unvorstellbar. Zumal Glasgow oder Amsterdam ja wenigstens ein paar Rivalen haben. Immerhin ist die holländische Nationalmannschaft nicht schlecht, aber auch nahezu titellos. Vielleicht werden sie einmal mit viel Glück Europameister. Aber ansonsten kann man Kleinstaaten im Fußball nicht ernstnehmen: Schweiz, Österreich, Belgien, Schottland etc.

***

Auch um Politik geht es leider viel zu viel bei unseren Qualitätsjournalisten. Und zwar um die Politik, die sie selber betreiben. Nicht informiert wird da, sondern es werden Lager bestätigt. Über Griechenland schreiben leider auch linksliberale Medien wie man seinerzeit im Kalten Krieg über die Russen: Alles Übel kommt aus Athen. Wenn sich unsere Presse erst einmal auf einen eingeschossen hat, dann interessiert man sich nicht für Nuancen. „Die Griechen wollen einen Blender“ titelte die „Welt nach Tsipras Wahlsieg vom Sonntag, und „Wortbrüchiger“ (um das Wort Lügner“ zu vermeiden) nannte ihn der „Mannheimer Morgen“. Und auch der Rest der deutschen Medien bläst ins selbe Horn.

Mag ja sogar sein – aber hat das schon einmal irgendjemand über Obama getitelt? Hat man den US-Präsidenten schon mal als Lügner und Populisten verächtlich gemacht, und von „Propaganda“ gesprochen, als der in seiner allerersten Amtshandung als gewählter Präsident verkündete, das Internierungs- und Folterlager von Guantanamo Bay werde geschlossen?

Dieselben Medien reden dann aber sehr gern von „Qualitätsjournalismus“ und empören sich zu recht gegen die Pegida-Propaganda von der „Lügenpresse“. Solche Empörten gingen auf weniger dünnem Eis, wenn sie ihre Leser nicht ideologisieren würden, sondern nüchtern anwägend informieren.

***

Der Winter naht, das sieht man auch daran, dass es endlich wieder Neues von der DFFB gibt. Zur Erinnerung: Nach den auch von uns ausführlich berichteten Querelen um die Nachfolge des als DFFB-Direktor zurückgetretenen Jan Schütte, bei denen es den Studenten gelang zwei einseitig vom Senat durchgedrückte Nachfolgekandidaten zu verhindern, hatten sich Vertreter der Studenten und Dozenten mit dem Senatskanzleichef Björn Böhning darauf geeinigt, das Verfahren neu aufzurollen, und nach neu festgelegten, transparenteren und hoffentlich auch in der Praxis fairer gehandhabten Kriterien einen Nachfolger für Schütte festzulegen.

Im Ergebnis wurde nun eine Short-List aus fünf Kandidaten präsentiert. Diese fünf Kandidaten wurden wieder einmal von den Studenten bekanntgegeben, nicht vom Senat – warum eigentlich nicht? Es handelt sich um: Bela Tarr, Dagmar Jacobsen, Romuald Karmakar, Ben Gibson und Pavel Jech. Diese fünf haben sich am gestrigen Donnerstag in einer nichtöffentlichen Vorstellungs-Vorlesung präsentiert und ihre allemal sehr unterschiedlichen Qualitäten dabei gewiss unter Beweis gestellt.

***

Man darf gespannt sein, ob sich die Findungskommission auf einen Vorschlag geeinigt hat, und ob der dann auch die Mehrheit des Kuratoriums findet. Allemal ist hoffentlich allen Beteiligten klar, worum es geht: Dass die DFFB eine unabhängige Ausbildungsstätte bleibt, deren einzigartiges Profil nicht verwässert wird, die aber auch als Institution funktionsfähig bleibt.

Diese Voraussetzungen erfüllen nicht alle Kandidaten auf gleiche Weise. Eine aufsehenerregende Wahl wäre die von Bela Tarr. Deren Folgen sind schwer zu kalkulieren, da die Kompromisslosigkeit dieses Regisseurs Vorteil wie Nachteil zugleich ist. Aber seine Wahl würde der DFFB erstmal Aufmerksamkeit garantieren, und überaus deutlich machen, dass sie so ist, wie keine andere Filmausbildungsstätte Deutschlands. Man kann davon ausgehen, dass Bela Tarr die Unterstützung der Mehrheit der Studenten haben dürfte. Die Mehrheit der Dozenten vermute ich auf der Seite von Dagmar Jacobsen. Sie repräsentiert ähnlich wie Tarr eine Identifikation mit Tradition und Gründungsideen der DFFB.

Und Jacobsen könnte, so wie ich es sehe, am ehesten diejenige sein, die in der Lage ist, einen Brückenschlag zwischen den verhärteten, zum Teil verfeindeten Fronten an der DFFB vorzunehmen. Jacobsen ist pragmatisch und ohne den starken persönlichen Profilierungsehrgeiz, den man anderen Kandidaten unterstellen muss. Zugleich ist sie aber künstlerisch offen für Stile und Vielfalt, ohne aber das grundsätzliche Niveau der DFFB-Filme zu verraten. Pavel Jech kenne ich persönlich zwar nicht. Er hat immerhin Lehrerfahrung. Wenn man sich das Interview anschaut, dass er einer Website gegeben hat, dann spüre ich dort aber „aus dem Bauch“ persönliche Skepsis. Er wirkt wie ein Verkäufer, und wer sich über die von ihm geleitete FAMU informiert, der sieht schnell, dass Jech für eine klare Richtung, Verschulung und Aufsplitterung der Ausbildung steht, weg vom Akademiegedanken. Damit, wie mit der erkennbaren Gehorsamshaltung, rückt er sicher nahe an die kühnsten Träume des Senats und ihres Großwesiers Björn Böhning.

In jedem Fall kann man hoffen, dass die Entscheidung für einen Kandidaten (oder eine Kandidatin!) fällt, der sich dem Geist der DFFB verpflichtet fühlt, der offen ist, und der nicht nur filmästhetische, sondern auch pädagogische und soziale Fähigkeiten hat. Das war es was den letzten zwei Direktoren der DFFB auf sehr verschiedene Weise gefehlt hat.
Einen neuen Fehlgriff wird man sich nicht leisten können. So wenig wie ein erneutes Scheitern des Verfahrens.

***

„Der Böhning ist ganz unmöglich“, sagte Roger, der wie ich Böhnings Partei nicht unbedingt fern steht, als wir noch nüchtern waren. „Das Erstaunliche finde ich ja immer“, meint er, „dass solche Typen nie über den Scheiß stolpern, den sie machen. Sondern im Gegenteil noch zu Filmexperten ihrer Partei werden.“ Man könnte jetzt in dem Zusammenhang auch noch über den hessischen „Filmminister“ Boris Rhein kommen, ein Rechtsausleger der Hessischen CDU, was gerade dort etwas heißen will, ein Intimfeind seines tatsächlich filmaffinen Ministerpräsidenten Bouffier, der mit allen Mitteln daran arbeitet, dass Rhein nicht sein Nachfolger wird. Rhein, gescheitert als Innenminister wie als CDU-OB-Kandidat in Frankfurt, versucht sich gerade an der Revolutionierung der dortigen Filmförderung. Aber das, wie Rheins merkwürdige und bezeichnenden Verbindungen zum PR-Guru Moritz Hunzinger, über die schon andere Minister und Abgeordnete gestürzt sind – Hey Moritz! -, das gehört vielleicht wirklich nicht hierher. Besser ein andermal.