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Die Republik, die Krise und das Kino – Cannes-Blog, Folge 16

von | 31 Mai 2015 | Cannes 2015 | 0 Kommentare

In Cannes war diesmal Sozialkitsch Trumpf

„It’s going to be something, and this something isn’t nothing.“

Gilles Jacob zu David Lynch, 1990, kurz vor dessen Gewinn der Goldenen Palme, berichtet von Isabella Rossellini

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Ungläubiges Kopfschütteln und Stöhnen bei vielen, laut vernehmbare Buhrufe selbst bei den Franzosen im Salle Debussy – es war mehr als eine faustdicke Überraschung an der Croisette, als am Sonntagabend der diesjährige Gewinner der Goldenen Palme verkündet wurde, es war ein Affront gegen alle, denen die Kunst des Kinos am Herzen liegt: Der Franzose Jacques Audiard (UN PROPHÈTE) galt zwar seit Jahren als „der amerikanischste“ unter Frankreichs Autorenfilmern, auch als ein potentieller Kandidat für die Goldene Palme, aber ausgerechnet diesmal hatte ihn an der Croisette kaum einer auf der Rechnung gehabt. Jetzt hat ihn die Jury unter Vorsitzt der Brüder Joel und Ethan Coen für sein Einwanderermelodram DHEEPAN zumindest äußerlich in den Olymp des Autorenkinos katapultiert.

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Eher schlechte Kritiken hatte es noch am Freitag für Audiards Film auch in Frankreichs Zeitungen gehagelt – und zumindest auf künstlerischer Ebene scheint das auch berechtigt: Denn DHEEPAN  ist ein überaus sentimentaler Film, der lieber Botschaften predigt, als zu beobachten, der wenig sensibel wirkt, eher forciert. Zuviel Loach ist in diesem Film, zuviel Predigt. Und zu wenig Wirklichkeit, zu wenig Beobachtung, viel zu wenig Neugier.

Damit wir uns da nicht missverstehen: Audiards Absichten, jedenfalls, die, die er behauptet, nämlich einen Realismus zu praktizieren, der das Leben möglichst direkt spiegelt, der durch die Leinwand hindurch blickt, sind völlig legitim. Das ist nicht mein Lieblingskino, aber ich teile nicht den Affekt mancher Kollegen.

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dheepan audiard cannes 2015 1

Der Held des Films gibt dem Film den Titel. Aber schon das ist doppelbödig, denn Dheepan (Antonythasan Jesuthasan) nennt sich nur so nach einem Toten, dessen Pass er an sich nimmt, seine wahre Identität erfahren wir nie. Wir wissen nur: Dheepan kommt aus Sri Lanka, war Mitglied der terroristischen „Tamil Tigers“. Und er flüchtet vor dem dortigen Bürgerkrieg, begleitet von einer fremden Frau und einem Kind, das auch nicht seines ist, das eigens in einem Waisenhaus gesucht wurde, weil man als „Familie“ bessere Chancen auf Asyl in Europa hat. In Frankreich angekommen geben sich die drei dann als so eine Familie aus und erhalten eine Wohnung in einer Banlieue, in der ein Bandenkrieg zwischen arabisch-afrikanischen Drogengangs tobt. Dheepan wird Hausmeister, kann die bösen Kinder aber auch nicht zivilisieren und greift deshalb notgedrungen zu anderen Mitteln.

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So ist DHEEPAN ein ungleichgewichtiger, mit Handlungswendungen vollgestopfter Film, der Fremdheit und Migration zum Thema macht, dabei aber in den Klischees des Sozialdramas hängenbleibt, der sich einerseits politisch engagiert gibt, anderseits auch recht spekulativ.

Denn auch, wenn Audiard mit seiner Hauptfigur sympathisiert, sind die Migranten in dem Film meist genau so, wie sie auch die rechtsextremistische Front National gern beschreibt: Sie täuschen und belügen die Behörden, erschleichen sich mit falschen Identitäten Zugang zu Europa und seinen Sozialleistungen, sie bleiben am liebsten unter sich, sie sind faul, und entweder dumm, oder kriminell und latent gewaltbereit. Sie tragen den Krieg aus ihren Ländern in unsere Städte, und zwischen den Zuständen in den Banlieus und denen im tamilischen Dschungel, oder in denen im Gaza-Streifen. Der Staat hingegen macht auf der Leinwand, wenn er denn auftaucht, immer alles richtig.

DHEEPAN ist anzurechnen, dass er die vielen auf den Nägeln brennenden Sujets Migration und Integration in den Blick nimmt – wie er das tut, ist aber mindestens unausgegoren. Der Film verkündet in jeder Szene eine „starke Botschaft“ – nur für was jetzt nochmal genau?

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Es geht auch um vieles besser. Ein paar Tage vor Audiards Film sah ich immerhin einmal einen Beitrag in den „Cannes Classics“: Jean Renoirs LA MARSEILLAISE. Vorstellt wird der Film nicht nur von einem Filmhistoriker, sondern dann auch noch von einem mittelalten Gewerkschafter der CGT, der ehemaligen kommunistischen Gewerkschaft. Sie haben die Restaurierung unterstützt. Renoir erklärt der Mann mit Emphase, habe einen Film „pour le peuple avec le peuple“ gemacht. Dies sei einer der wenigen ganz und gar republikanischen Filme. So kann man nur in Frankreich über das Kino und die Politik reden.

Tatsächlich ist MARSEILLAISE zwar etwas gealtert, aber immer noch gut anzusehen. Darin fallen einige schöne Sätze: „The troublemaker comprises the revolution.“ und „You cant make order with disorder.“ Solche Formeln waren in den Jahren des Spanischen Bürgerkrieges und der Volksfront in Frankreich klare Parteinahmen.

Auch sonst ist Renoir konservativer, als man vielleicht erwartet. Er benutzt sehr viel klassische Musik, oft aus dem 18. Jahrhundert. Ziviles Anti-Agitprop-Kino.

Fotos © Paul Arnaud / Why Not Productions., Cannes Film Festival

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