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Scalett Johanssons Rückkehr an den Lido und endlich der erste Film, über den man streiten kann

Vor genau zehn Jahren begann alles, genau hier an diesem Ort. Da lief in einer Nebenreihe, die „Controcorrente“ hieß, „gegen den Strom“, der zweite Film der Tochter von Francis Ford Coppola, von Sofia Coppola, die damals auch erst wenige kannten: LOST IN TRANSLATION war bezauberndes, neues Kino für eine neue Zuschauer-Generation, und wurde zur Startrampe der Weltkarriere seiner zuvor fast unbekannten Hauptdarstellerin: Scarlett Johansson spielte die Rolle einer Frischverheirateten zwischen Jetlag und Langeweile mädchenhaft, zögerlich, sanft. Mit diesem Film ihr Durchbruch, und zwischendurch galt sie als Sex-Symbol, als neue Marilyn Monroe. Damit ist es vorbei. Inzwischen ist Scarlett Johansson, man muss das so sagen, schon ziemlich durch und ihre Karriere eher auf dem absteigenden Ast. Jetzt sitzt sie da auf den Stühlen der Pressekonferenz, blond, mit rosiger Haut, deutlich geschminkt.

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Ist Scarlett Johansson eigentlich eine schöne Frau? Darf man ja mal fragen, wo sich alle so einig scheinen. Sie ist hübsch, natürlich, aber halt so hübsch wie viele junge Frauen in ihrem Alter so um die 30. Vor dem Palazzo di Cinema, wo allabendlich die Festivalpremieren stattfinden, stehen etwa 275 herum, die mehr oder weniger so aussehen wie Scarlett Johansson. Was für sie spricht, rein äußerlich betrachtet, ist dass sie nicht so aussieht, wie alle anderen, dass sie auch nichts von dieser durchtrainierten kalten Perfektion hat, die US-amerikanische Frauen oft von europäischen und dem Rest der Welt unterscheidet. Sie ist kein „Hard Body“ (Patrick Bateman), wirkt eher europäisch, und wie aus der Zeit gefallen, dem Schönheitsideal des 17. oder 18. Jahrhunderts entsprechend.
Ist Scarlett Johansson eigentlich eine gute Schauspielerin? Das ist die andere Frage, die man auch mal stellen sollte. Auch ihr neuer Film, der ganz und gar „ihr Film“ ist, kann sie nicht schlüssig beantworten.

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In diesem Film sieht man Scarlett Johansson allerorten. Mit schwarzen Haaren und einem Pelzmantel im schottischen Hochland rund um Glasgow. Scarlett Johansson im Wald, im Auto, am Meer, Scarlett Johansson als Opfer und als Täterin, Scarlett Johansson nackt oder angezogen – Scarlett Johansson ist eigentlich dieser Film – UNDER THE SKIN heißt er, stammt vom Briten Jonathan Glazer und ist ohne Frage einer der bisherigen Höhepunkte im Wettbewerb um den Goldenen Löwen.

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Denn dies ist wenigstens endlich einmal ein Film, wie man ihn noch nicht gesehen hat. Ein Film der ausbricht aus dem dann doch sehr engen Korsett des Erzählkinos, dem Gefängnis der Handlung mit ihrem Hüpfen von Plotpoint zu Plotpoint, das eben alles in allem einen nur sehr begrenzten Variantenreichtum hat: Boy meets Girl, looses Girl, kills Girl, kisses Girl. Oder umgekehrt. Oder schlimmer: Es passiert gar nichts – und genau das ist in diesem Jahr auch schon ein paar Mal geschehen.
UNDER THE SKIN  ist dagegen ein hochspannender Film, gerade weil man auch nach seinen Ende keine Handlung kennt, die man einfach nacherzählen kann, weil man sich dann immer noch fragt, was man da eigentlich gerade gesehen hat. Es ist nicht klar, ob dies eigentlich ein guter Film ist, oder doch eher prätentiöser Quatsch. Aber genau im Nachdenken über solche Fragen, in der Nachwirkung eines Filmkunstwerks als Rätsel, liegt der Reiz eines Festivals wie Venedig, das das Kino jenseits vom Popcorn ausloten will.

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Vielleicht hat Jonathan Glazer auch einfach im Pub mit seinen Freunden gewettet: Wetten dass ich einen Film machen kann, in dem Scarlett Johannsson dauernd nackt ist? In dem man alles sieht? Er hat die Wette gewonnen. Wie oft Scarlett Johansson ihr Höschen auszieht, kann ich nicht mehr zählen. Vielleicht hat er ihr eingeredet: Du machst jetzt große Kunst. Und sie hats geglaubt. Vielleicht hat er recht.

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Johansson ist in diesem Film fast immer im Bild – wie eine Schlafwandlerin durchstreift sie Glasgow und seine Umgebung. Mal redet sie mit fremden Männern, stellt ihnen naiv wirkende Fragen, mal schläft sie mit ihnen, mal bringt sie sie um. Irgendwie scheint sie auf der Flucht zu sein, dann wieder wirkt sie wie eine Femme Fatale von einem anderen Stern. Auch für Johansson selbst war dieser Film eine Erfahrung wie ein Trip: „...I was discovering my own identity as a character, … any ideas that i had were completely irrelevant.

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Sie spielt ein Wesen, das wohl schon ein Alien ist. Sie lockt Männer in eine Ursuppe, wo sie zerplatzen. Sie ist ganz und gar unschuldig im Kennenlernen der Welt und ihres Körpers. Lustige Szene, wenn sie sich nach dem Sex verdutzt mit einer Lampe zwischen die Beine leuchtet, ihr Lover fragt: „Is anything wrong?

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Ein Nachteil ist die Digitaltechnik. Obwohl Glazer sich viel Mühe gibt erscheinen die Bilder flach und milchig, nie schön. Die Farben fügen sich, wo sie klar sind, nicht ein. Die Röte des Rots der Red.

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Regisseur Glazer zitiert die großen Kinomeister von Antonioni bis Godard, von Hitchcocks VERTIGO bis zu David Lynchs LOST HIGHWAY, nicht zuletzt aber die Tradition des phantastischen Films seiner britischen Landsleute Ken Russell und Nicholas Roeg, der mal David Bowie als Alien auf die Erde fallen ließ. In der Mitte zwischen alldem liegt der Sumpf, oder hier: Das schottische Hochland. Dabei knüpft er an an die Ästhetik der 60er Jahre – und das dürfte zumindest dem Jurypräsidenten Bernardo Bertolucci gut gefallen.

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Nach dem Kino, die Abspanncredits sind noch nicht zuende, erklärt Olaf bereits den Film und die Welt. Meist sind es Redakteurinnen, von denen er keinen Widerspruch duldend, gestikulierend einredet, Anke, Felicitas, jetzt Susan. Und die Worte können nicht groß genug sein: „Christliche Symbolik“, „Antike Mythologie“, „Abendland“. Es ist, finden wir beim Reinhören, nie ganz falsch und nie ganz richtig. Aber jedenfalls zu früh.

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Und während die Credits, die auch hier wie bei Kelly Reichardt mit computergenerierten wechselnden Pastellfarben auf schwarzem Grund geschrieben sind, ablaufen denken wir, dass man nach diesem Film anstatt das Mythologielexikon zu studieren, vielleicht besser David Hume nachlesen sollte, dem schottischen Skeptiker.

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Das ist also keineswegs ein Grund zu Buhen, wie das manche taten, die heute auch Godard ausbuhen würden. Kein Grund aber auch, ihn zu einem Akt ästhetischer Offenbarung zu erklären. Denn richtig gut ist das alles auch nicht. Nur immerhin anders.

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Und bei der Pressekonferenz meldet sich wieder der Schwede Jan Lundholm, der immer am liebsten von sich erzählt: „Ich spreche Englisch seit ich vier bin und ich habe sogar ein Buch auf englisch geschrieben.“ Äh, was war jetzt nochmal die Frage: Ach ja. Wie kamen alle mit dem schottischen Englisch zurecht?

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Zur Halbzeit des Festivals gibt es noch keine klaren Favoriten für die Preise. Während Animationsaltmeister Hiyao Miyazaki mit seiner langweiligen Fliegerbiografie enttäuschte, gehören die Filme von James Franco, von Glazer und der deutsche Beitrag, Philip Grönings DIE FRAU DES POLIZISTEN aber zu den bisher besten Arbeiten.

Bildrechte: La Biennale di Venezia

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