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Böse liebe Kinder: Sofia Coppola und Francois Ozon erzählen in Cannes von den Sünden der Jugend, der Iraner Asghar Farhadi von Schuld, Trost und Vergebung.

KARNEVAL DER TIERE vom französischen Komponisten Saint-Saens, das ist seit über zehn Jahren die Musik zum Vorspann der offiziellen Selektion des Cannes-Filmfestival. Durchaus programmatisch: Denn was sind diese Filmemacher und Stars und Filmmenschen hier an der Cote anderes, als ein bunter Zoo höchst merkwürdiger Tiere. Zu ihnen gehören natürlich irgendwie auch wir Filmkritiker. Wir haben unseren eigenen Ort, vielleicht das Exotarium. Eine sehr spezielle, sehr liebenswerte und geliebte Beschäftigung ist das Spiel, das unser argentinischer Freund Diego Lerer veranstaltet. Seit einigen Jahren versammelt er Freunde und Bekannte während des Festivals zu einem sozialen Netzwerk in dem wir alle Filme die wir sehen bewerten – nach dem sehr einfachen Schema 0-10 Punkte. Das ist natürlich zu primitiv für jeden von uns, aber wenn man darum weiß, und dazu steht, funktioniert es wiederum sehr gut. Der Ort für die nötige größere Differenzierung sind ja unsere Kritiken. Jeder kann unsere Bewertungen hier nachlesen:

todaslascriticas

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In der Gesamtheit gibt diese Aufstellung übrigens dann doch ein ganz aussagekräftigen und für die Marketingfraktion vermutlich wichtigen Indikator dafür ab, wie die Cannes-Filme (und eben nicht nur der Wettbewerb) bei einigen der besten Kritiker der Welt ankommen. So sagen wir das jetzt mal, in aller gebotenen Unbescheidenheit.

Interessant ist natürlich auch, was die Bewertungen über Temperamentsunterschiede verraten. Manche bleiben fast immer unter dem Durchschnitt, andere sind deutlich darüber – wie ich bisher auch am vierten Tag mit meinen Bewertungen.

Manche versuchen sehr objektiv zu sein, andere urteilen sehr subjektiv, setzen Filme, die sie mögen, also tendenziell hoch, Sachen, die man zwar qualitativ hochwertig, aber trotzdem doof findet, deutlich runter. Und sei es nur um den Durchschnittswert zu senken.

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YOUNG & BEAUTIFUL („Jung und schön“) sang Lana del Rey zur Eröffnung. Die Sängerin ist mit diesem Song der Star des Soundtracks von THE GREAT GATSBY, mit dem am Mittwoch die Filmfestspiele von Cannes eröffnet wurden. Wer nun der Ansicht war, dass Baz Luhrmanns Romanverfilmung auch als metaphorischer Kommentar auf unsere Gegenwart zu verstehen sei, der sollte sich einmal den neuen Film von Sofia Coppola (LOST IN TRANSLATION) angucken: „Dedicated to Harris Savides“ steht auf der Leinwand, bevor es losgeht. Coppolas Kameramann in diesem Film und in SOMEWHERE, der auch bei den wichtigsten Filmen von Gus Van Sant und in David Finchers THE GAME und ZODIAC und auch für Jonathan Glazers großartigen BIRTH die Bilder gestaltete, war im Oktober 2012 kurz nach Ende der Dreharbeiten mit nur 55 Jahren an einem Hirntumor gestorben.

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Mit einem Einbruch geht es los, „Shit“ hört man, dann sind die Jugendlichen drin: Girls die Fun haben, in Schuhen und Klamotten baden. Ein Hauch von SPRING BREAKERS. Wir sehen Luxus im Überfluß: Kleider! Schuhe!! Schmuck!!! Dazwischen der aus Steinen gelegte Schriftzug „Rich Bitch“. Dazu Musik. Marken, eine Feier der Oberflächen. Man denkt sofort an MARIE ANTOINETTE.

„Based on real events“ steht auf der Leinwand, der Hinweis auf einen VANITY FAIR-Artikel, der alles inspirierte: THE SUSPECTS WORE LOUBOUTINS. Dann ist der Vorspann zu Ende.

Emma Watson schwadroniert vor einer Fernsehkamera über die „huge learning lesson“, die sie gerade erlebe. Offenbar wird ihr der Prozess gemacht. Ein Insert orientiert uns: „one year earlier“.
Ein Mädchenschlafzimmer fast ganz in Weiß, ein großes Bett, ein Bowie-Poster an der Wand. Eine all american family beim „morning prayer“. Mutter und drei Töchter, die Töchter gelangweilt, die Mutter absurd engagiert. Ihr Wunsch: „to be the best person to the greater benefit of the planet.“

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THE BLING RING erzählt eine tatsächliche Geschichte nach, die vor ein paar Jahren die Promiwelt von Los Angeles erschütterte: Eine Gruppe von High-School-Schülern, die meisten von ihnen Mädchen und aus wohlhabenden Verhältnissen, war über Monate immer wieder in die Villen von Glitzerstars wie Paris Hilton und Lindsay Lohan eingedrungen, und hatte dort teuerste Markenklamotten, Schmuck und Geld mitgehen lassen. Von Einbruch möchte man hier trotz allem kaum sprechen, denn zu den vielen Merkwürdigkeiten dieses Falls gehört, dass nie ein Fenster eingeschlagen oder sonstwie Gewalt angewandt wurde, nie heulte irgendeine Alarmsirene. Denn die Promis gingen mit ihrem Hab und Gut offenbar überaus leichtsinnig um: Bei Paris Hilton lag der Schlüssel unter der Fußmatte, bei anderen standen Fenster oder Türen einfach offen. Per googeln hatten die Kids, die viele ihrer Opfer verehrten, und vor allem deswegen stahlen, um durch ein Designerstück ihrer Lieblinge diesen noch näher zu kommen, die Adressen erfahren. Und wann ihre Bude sturmfrei war, posteten die Stars gleich selbst auf Facebook.

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Sofia Coppola erzählt all dies daher auch aus Sicht der Kids (die unter anderem von Emma Watson gespielt werden), die Ernst und Spaß nicht unterscheiden können, und das Einbrecherdasein als candy store erleben, mit mehr als einem Hauch von „Bonnie & Clyde“ – und doch zugleich noch mehr als eine sarkastische Satire auf Konsumrausch, Medienkultur und Promiwahn. Gangleaderin Rebecca – eine Halbkoreanerin, womit am Rande erwähnt einmal mehr die Böse eine Asiatin ist. Oder sind die nur geborene Führungspersönlichkeiten? – ist ein echtes fashion addict: „I want some Chanel“ stöhnt sie, und los gehts…

Da Coppola vor allem ein Genie der Schauwerte und der Oberflächen ist, stellt THE BLING RING auch die Obszönität des Luxus mancher Superreichen aus: Immer wieder sieht man wohnzimmergroße Kleiderschränke mit Haute-Couture, Kisten voller echtem Schmuck, champagnerflaschengroße Flacons mit Edelparfüm – Qualität in Quantität und zwar in einem Ausmaß, das einen König Midas neidisch machen muss. Wollte man einen Gatsby unserer Gegenwart zeigen, dann müsste dessen Villa genau so aussehen, und statt auf Long Island in den Hollywoodhills liegen – und die angebetete Daisy wäre ein drogensüchtiges Unterwäschemodel. Moralfragen bleiben in dem hochgradig unterhaltsamen THE BLING RING weitgehend außen vor. Die Jugendlichen werden zwar irgendwann erwischt und verurteilt; Coppola selbst aber urteilt nicht, sondern zeigt uns einfach, wie die Kinder unserer Wohlstandsgesellschaft ihre Tage verbringen.
Der Blick auf sie ist so neidisch wie fassungslos.

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Bei vielen Kollegen kommt der Film trotzdem vergleichsweise schlecht an. Warum? Mit Ernesto aus Chile und einem seiner Kollegen habe ich eine lange Unterhaltung darüber: Es wiederhole sich immer alles, nach einer halben Stunde bringe der Film nichts Neues, lautet ein Gegenargument, ihr Standpunkt sei unklar und unausgegoren, ein anderes. All das leuchtet mir kaum ein. Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass sich der Film zwar sehr wohl weiterentwickelt. Aber er setzt auch, wie Coppola immer, auf Wiederholungen und den Effekt des Seriellen. Denn genau darum geht es ja auch inhaltlich: Um das Immergleiche; um die Leere des Überflusses. Coppola will vom System des Luxus erzählen. Und das kann man nur, wenn man ihn darstellt, nicht symbolisch, sondern in reiner Quantität. Wenn man Überfluss auch als solchen zeigt.

Der Standpunkt scheint mir auch klar zu sein: Er liegt neben der erwähnten Medien- und Konsumkritik, dem Spott über den Promiwahn und öffentliche Dummheit, sehr einfach darin, dass sie in diesem konkreten Fall Opfer und Täter gleichsetzt. Die Moral von der Geschicht‘ ist, dass es keine Moral gibt. Die Promis sind genauso dumm, und gierig und obszön, wie die Kids, die sie bestehlen. Und natürlich haben sie mitschuld, daran, beraubt zu werden. Die Kids sind die Geister, die sie gerufen haben, sie sind auch Vorboten jener Revolution, die diese Konsumkultur, für die sie symbolisch stehen, eines Tages hinwegfegen wird.

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Ich werfe dem Film eher umgekehrt vor, dass er in alldem nicht konsequent genug ist. Dass er sich mit der Mehrheitsgesellschaft darin gemein macht, dass er ihr am Ende den Triumph gönnt, die Kids im Gefängnis zu sehen. Sie haben zwar tausende von Facebookfreunden, Fanpages und ähnliches, und werden, wenn es gut läuft bald Memoiren schreiben, die dann vielleicht auch noch verfilmt werden. Aber wir sehen sie am Ende doch in sehr unmodischen orangenen Klamotten hinter Gittern. Das hätte nicht sein müssen.

Zu den vielen Fetischen der sympathischen Fetischistin Sofia Coppola gehört leider auch der unsympathische Fetisch namens Faktenwirklichkeit. Aber wer interessiert sich im Kino schon für „real events“?
Wie eine deutsche Historikerin fuchtelt Coppola mit den Quellen herum, um damit doch eigentlich gar nichts zu beweisen. Wer den erwähnten „Vanity-Fair“-Artikel liest, wird feststellen, wie genau sich Coppola an die Fakten hält, wie sie sogar ganze Szenen und Dialoge, zugegeben sehr gute, von der Realität schreiben ließ.

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Der beste Einwand gegen THE BLING RING scheint mir ein anderer, aber verwandter zu sein: Coppola zeigt eine Handvoll Menschen, die sich nehmen, was sie wollen. Und sie zeigt sie positiv. Damit feiert sie Menschen, die im Prinzip nichts anderes sind, als ein Gatsby: Ruchlose Kapitalisten. Also Figuren, die man, wenn wir hier schon über Moral und Politik reden, nicht feiern sollte.

So kann man argumentieren. Das Gegenargument lautet meines Erachtens: Sie zeigt nicht Kapitalisten, sondern Hedonisten. Sie zeigt Gesten und Posen, zu denen die der Coolness ebenso gehören, wie die des Genusses, der Lust, der Gegenwärtigkeit, des Ästhetizismus, der Moralkritik. Die Kids, die im Zentrum des Films stehen, sind Outsider und von Anfang an Verlorene. Das was sie ihrer Gegenwart, ihren Eltern, Moral und Recht ihrer Gesellschaft entgegenhalten, ist die schon von vornherein „ohnmächtige Utopie des Schönen“, von der Adorno in der MINIMA MORALIA (§ 58) schreibt:

„So gerät das Schöne ins Unrecht gegen das Recht und hat doch Recht dagegen. Im Schönen bringt die hinfällige Zukunft dem Moloch des Gegenwärtigen ihr Opfer dar: weil in dessen Reich kein Gutes sein kann, macht es sich selber schlecht, um als Unterliegendes den Richter zu überführen. Der Einspruch des Schönen gegen das Gute ist die bürgerlich säkularisierte Gestalt der Verblendung des Heros aus der Tragödie.“

Man muss in diesem Sinn auch eine Figur wie Gatsby – wie neulich erwähnt auch ein Romantiker – retten.

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Die Provokation von Coppolas Art des Filmemachens liegt aber noch woanders: Sie liegt darin, dass diese Regisseurin die Inhalts- und Themenlastigkeit, das Content- und Plotdogma des zeitgenössischen Kinos nicht akzeptiert. Kino heißt zeigen, nicht erzählen. Es heißt Bilder, statt Worte. Ein guter Test ist es immer, einen Film einmal ohne Dialoge anzugucken. Erst wenn man ihn dann noch gern guckt, ist er wirklich gut. Ton bedeutet auch nicht immer Worte, es kann atmosphärischer Ton sein, es kann sich um Musik handeln. Worte sind überbewertet.

Coppola stellt sich eine hochinteressante, zentrale Frage: Wie erzählt man von Inhalten ohne Plot? Ohne Psychologie? Ohne Moralisieren?

Coppola akzeptiert die Differenz von Sein und Schein, von Form und Oberfläche nicht, sondern ebnet sie ein. Das wirkt dann so, als seien ihre Filme reine Oberfläche, nur noch Form. Es wirkt wie Ästhetizismus. Tatsächlich aber setzt sie sich gleich, parallelisiert sie, entdeckt sie im Sein den Schein, und im Schein das Sein.

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Truffaut hat mal gefragt: Was wäre der Film, wenn er kein Film ist? In über 80 Prozent aller Fälle wäre er dann ein Roman, ein Theaterstück, ein Sachbuch, ein politisches Manifest. Aber Film sollte öfters ein Gemälde sein, oder ein Musikstück.

Und am meisten interessieren mich Filme, die nur als Filme vorstellbar sind, nicht als irgendetwas anderes.

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Was hat Sofia Coppola also falsch gemacht? Außer dass sie eine Frau ist und kein schwuler Mann? Sie ist jedenfalls nicht die einzige. In der Sektion „Un Certain Regard“ ist fast die Hälfte aller Filme – 8 von 18 – von Frauen gedreht, im Wettbewerb nur einer. Machen Frauen also die schlechteren Filme, oder wo liegt ihr Fehler?

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Von der uneingestandenen Angst der Erwachsenenwelt vor ihren Kindern, vor deren Sünden namens Drogen, Sex, Ungehorsam und Freiheit, vor deren Ungreifbarkeit in den sozialen Netzwerken, in denen sie verschwinden mit deren merkwürdigen Stammesritualen erzählt auch der Franzose Francois Ozon (8 FRAUEN). Sein neuer Film JEUNE ET JOLIE („Jung und hübsch“) handelt von Isabelle, einem Mädchen aus gutbürgerlichen Verhältnissen, die mit 17 beginnt, als Edel-Prostituierte zu arbeiten – ohne ersichtlichen Grund. Die vielen Eurohunderter, die sie verdient, hortet sie im Kleiderschrank. Vielleicht will sie einfach experimentieren, vielleicht gefällt ihr die Macht über die Männer. Erst als ein Freier stirbt, bekommt die Fassade kalter Jugend kleine Risse. Für Ozon ist das auch Gelegenheit, Maskeraden und Heucheleien der Bourgeoisie zu entlarven, zudem ist dies eine weitere von Ozons Hommagen an starke Frauenfiguren des Autorenkinos, die von Fassbinder bis Bunuel immer schmutzige Heilige und edle Huren zugleich waren – diesmal steht eindeutig Bunuel Pate: Isabelle ist eine zeitgemäße Variante von Catherine Deneuves BELLE DE JOUR – ungerührt, klug und fast jederzeit Herrin der Situation. Bis zum Ende bleibt es aber eine Frage unserer eigenen Haltung, auf welche Seite der Moral – Hedonismus oder Anstand – wir uns bei dieser Geschichte schlagen. Weise verkörpert diesen Doppelsinn Charlotte Rampling in einem tollen Auftritt als Witwe des toten Freiers.

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Was tut aber der Film selbst? Ozon will auch von Jugend erzählen, von der Einsamkeit und Verlassenheit junger Menschen. In der Pressekonferenz erwähnt er die eigene unglückliche Jugend. Am ehesten scheint er sich mit Isabelles jüngerem Bruder zu identifizieren. Das erste Bild ist sein Blick auf die Schwester, im Sommer am Strand, durchs Fernglas. Es ist ein Voyeursblick. Aber der Bruder ist die einzige männliche Figur, der nicht als Voyeur auf die schöne Schwester schaut. Der hat eine intime Vertrautheit mit der Schwester, deckt ihre kleinen Vergehen gegen die elterliche Ordnung. Er ist Bruder, deren beste Freundin. Er berät sie beim Schminken, und erst nach einer Viertelstunde begreift man, dass deren Verhältnis nicht das Thema des Films ist. „You look like a whore“ hatte er gesagt, als sie sich für den Jungen, der sie entjungfern wird, schön gemacht hat.

Ozon erzählt von Blicken, von den Blicken aller anderen auf die Prostituierte. Die Männer kommen in Versuchung. Aber sie sind auch arme Trottel. Dumm, harmlos, gutmütig. Isabelle spielt mit ihnen mit äußerstem Geschick. Gerade dies, die Macht, die sie über die Männer hat, macht sie ihnen suspekt. Es liegt sehr viel Neid und sehr viel Aggression im Verhalten aller anderen Frauen – Ramplings Witwe ausgenommen – gegenüber Isabelle. Es ist die Angst, der Verdacht und die Ahnung, dass Isabelle etwas über ihre Männern, über alle Männer wissen könnte, das sie nie wissen werden.

Zugleich sind diese Frauen sämtlich durchtrieben. Sie haben alle etwas zu verbergen.

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Ungeachtet all dessen verfällt JEUNE ET JOLIE gegen Ende der Moral, die er doch kritisieren will, und gönnt gerade dem bürgerlichen Publikum den bequemen Ausweg: Indem er Isabelle beim Tod des Freiers erschüttert sein lässt, beim Therapeuten verletzlich, oktroyiert Ozon der Figur Gefühle auf, und schwächt sie. Sie wird wieder vom Netz der Moral eingefangen, das sie zuvor schon zerrissen hatte.

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Mit dem persischen Scheidungsdrama NADER UND SIMIN gewann Asghar Farhadi vor zwei Jahren bei der Berlinale den Goldenen Bären – und in Frankreich über eine Million Zuschauer. In Deutschland wollten nur ein paar Tausend den faszinierenden Film sehen, der ein privates Drama zugleich zum Abbild einer Gesellschaft macht. Kein Wunder, dass Farhadi mit seinem neuen Film dann lieber auch gleich in seiner Wahlheimat Premiere feiert. Hier lebt er die meiste Zeit des Jahres, den im Iran werden freigeistige Künstler bekanntlich bedroht und verfolgt. In Paris hat er auch seinen neuen Film gedreht: LE PASSÈ („Die Vergangenheit“) spielt unter Immigranten, und wieder geht es, wenn auch ganz anders, um eine Trennung: Zu Beginn fliegt Ahmad aus Teheran ein, um sich nach vier Jahren Trennung von seiner Frau Marie scheiden zu lassen. Die lebt mit zwei Töchtern aus erster Ehe in einem Haus am Rand von Paris. Man spürt, das noch viel Nähe zwischen dem Paar besteht, und schnell wird Ahmad wieder in die alten Verhältnisse und einen Strudel aus Gefühlen hineingesogen. In dessen Mittelpunkt steht Maries 16jährige Tochter Lucie. Die hat heftige Konflikte mit ihrer Mutter, deren Ursachen zunächst völlig unklar sind. Der ausgleichende Ahmad soll schlichten – und sein gutes Verhältnis zu Lucie, die sich ihren Stiefvater zurücksehnt, einsetzen. Bald ist klar, dass auch Maries neuer Freund Samir, und der missglückte Selbstmord seiner Frau, die nun im Koma liegt, hier eine Rolle spielen…

Wieder bietet Farhadi Innenansichten zweier Familien, deren Schicksal miteinander verstrickt ist. Wieder erzählt er von Schuld und Vergebung, Trost und Sühne, Entschuldigung und Ausreden. Ein Rädchen der Erzählung greift ins andere, das mag man etwas konstruiert finden, aber es ist eben zumindest sehr gut konstruiert, und glänzendes Regiehandwerk im Hinblick auf Szenenaufbau, Schauspielführung und Erzählökonomie. Jeder schiebt in dieser Story die Schuld auf den Anderen, und jeder muss seinen eigenen Anteil erkennen; jeder hat etwas Schuld, aber Schuld hat keiner Alleine, Farhadi unternimmt also auch eine Absage an den Narzissmus der Schuld, den es ja auch gibt. Diese moralische Geschichte ist so unaufdringlich wie universell. Sie ist ein bisschen kitschig, aber es bleibt aus guten Gründen alles offen, alles Entscheidende unklar. Sie wird von einer Jury mit Steven Spielberg und Ang Lee in zehn Tagen ganz gewiss gewürdigt werden.

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