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OATHKEEPER – Der Titel der Folge leitet sich von dem Namen ab, den Brienne ihrem neuen Schwert gegeben hat. Ein Beweis von Jaimes Wandlung: Das aus Eddard Starks Klinge Ice neugeschmiedete Schwert soll nun in den Händen der Lady of Tarth Sansa vor den Übeln der Lannisters bewahren. © HBO

OATHKEEPER – Der Titel der Folge leitet sich von dem Namen ab, den Brienne ihrem neuen Schwert gegeben hat. Ein Beweis von Jaimes Wandlung: Das aus Eddard Starks Klinge Ice neugeschmiedete Schwert soll nun in den Händen der Lady of Tarth Sansa vor den Übeln der Lannisters bewahren. © HBO

OATHKEEPER war voller Überraschungen: Dany hat mit einem taktischen Manöver die letzte Stadt in der Sklavenbucht eingenommen, jenseits der Mauer finden gleich drei Erzählfäden zusammen, in King’s Landing offenbaren sich die wahren Drahtzieher von Joffreys Ermordung und kleine Momente der Aufrichtigkeit lassen die Hoffnung aufkeimen, dass nicht alles Gute in Westeros verdorben ist – noch nicht jedenfalls.

Die größte Überraschung der Folge war jedoch, dass man als Kenner der Buchreihe für weite Strecken seit langem wieder die Aufregung spüren durfte, nicht zu wissen, was als nächstes passieren wird. So führte das Ende der Folge den Zuschauer so weit in den Norden wie noch nie zuvor, zu den Lands of Always Winter, direkt ins Herz des kalten Reichs der White Walker. Ein Ort, den der Leser im Buch bisher noch nicht erreicht hat. OATHKEEPER entfernte sich von der Buchvorlage so stark wie keine Episode zuvor – Wird sich GAME OF THRONES in Zukunft noch mehr von Martins Fantasy-Reihe emanzipieren und seine eigene Version der Geschichte erzählen? Das phänomenale Ende der Folge lässt den Zuschauer jedenfalls in hoffnungsvoller Erwartung weiterer Überraschungen zurück.

Drachen statt Harpyien

Breaker of Chains? In Meereen befreit Dany die Sklaven – und zeigt gegenüber den Sklavenherren die gleiche Unbarmherzigkeit, mit der diese einst ihre Sklaven behandelten. Statt das System zu überwinden scheint Dany es nur umzudrehen. © HBO

Breaker of Chains? In Meereen befreit Dany die Sklaven – und zeigt gegenüber den Sklavenherren die gleiche Unbarmherzigkeit, mit der diese einst ihre Sklaven behandelten. Statt das System zu überwinden scheint Dany es nur umzudrehen. © HBO

Über Nacht steht Meereen unter neuer Führung. Wie bereits in BREAKER OF CHAINS angedeutet, konnte Dany die Stadt mithilfe aufständischer Sklaven (und natürlich ihrer eigenen Unsullied-Armee) ohne Probleme erobern. Dass die eigentlichen Kampfhandlungen ausgespart blieben, hat jedoch nicht nur Ausstattungsgründe. Während im Norden der Angriff der Wildlinge als episches Spektakel der vierten Staffel aufgebaut wird, lag in Meereen der Akzent nicht auf der kriegerischen Aktion an sich, sondern ausschließlich auf den Folgen ihres Ausgangs. Präsentiert sich die Eroberung der Stadt für GAME OF THRONES-Verhältnisse noch als sehr zurückhaltend, was Gewaltdarstellungen angeht, stellt sich die Brutalität erst mit Danys neuer Herrschaft ein. Als Reaktion auf die Wegweiser gekreuzigter Sklaven aus TWO SWORDS lässt sie ebenfalls Kreuze aufstellen, an die sie nun die Sklavenherren nageln lässt. Den Rat ihres Vertrauten Selmy ignorierend, beantwortet sie Unrecht nicht mit Gnade, sondern „Gerechtigkeit“. Ein erschreckendes Bild: In selbstgefälliger Pose thront Dany als grausame Siegerin über Meereen. Die gigantische Harpyien-Statue, das Wahrzeichen der einstmaligen Herrscher der Stadt, wird von den Bannern des Hauses Targaryen überdeckt – Ein roter, dreiköpfiger Drache auf schwarzem Grund. Das alte Monster wurde durch ein neues ersetzt.

Zum Reiz von GAME OF THRONES gehört, dass die Figuren der Serie sich im permanenten Wandel befinden – meist zum Schlechten, aber gelegentlich auch zum Guten. Ambivalente Charaktere, die ihre eigene Agenda verfolgen und somit Sympathie wie auch Unverständnis beim Zuschauer hervorrufen. Dabei wird meistens eine gewisse Balance gehalten: Geht es mit der einen Figur auf, fällt eine andere nach unten. Während Dany nun sich auf einen dunklen Pfad begibt, scheint es in King’s Landing mit Jaime Lannister weiter bergauf zu gehen. Zwar hinterließ die vieldiskutierte Szene zwischen ihm und Cersei aus BREAKER OF CHAINS für viele Zuschauer einen dunklen Fleck auf der mühsam reingewaschenen Weste des Kingslayers. Doch scheint es in OATHKEEPER so, als ob die Szene nie stattgefunden hätte – was zeigt, dass sie als ausgearteter Exzess im Grunde keine Relevanz für Jaimes Charakterentwicklung haben sollte. Stattdessen erlebten wir nun Jaime von seiner besten Seite: In Tyrions Zelle teilte er einen großartigen Moment mit seinem dem Untergang geweihten Bruder. Jaime wird sich Cerseis unbeugsamer Grausamkeit bewusst. Sie will Tyrion tot sehen, auch wenn seine Unschuld erwiesen werden sollte. Die Distanz zu seiner Schwester wird immer größer – was jedoch von beiden Seiten ausgeht. Im Zuge seiner langen Läuterung will Jaime letztlich die Dinge richtigstellen. Um sein Versprechen gegenüber der verstorbenen Catelyn Stark einzuhalten, schickt er Brienne aus der Hauptstadt mit der Mission, Sansa zu suchen und vor den Haschern von Cersei zu beschützen.

Jaimes guter Willen manifestiert sich in der vielsagenden Geste, Brienne mit dem Schwert auszustatten, das in TWO SWORDS aus Ned Starks Klinge Ice von Tywin Lannister neu geschmiedet wurde. Damit stellt er sich gegen seinen Vater. Für das Oberhaupt des Lannister-Clans war das Einschmelzen des Schwertes im cold open der ersten Folge der vierten Staffel ein deutliches Zeichen für den absoluten Sieg über die Starks – und eine Metapher für die Zerstörung all der ritterlichen Ideale, für die Ned Stark einstand und seinen Kopf verlor. Jaime gibt dem von Tywin entwerteten Schwert eine neue Bedeutung und kodiert es vom Symbol der Demütigung zu einem Zeichen von Hoffnung um. Mit diesem Schwert will Jaime für sein Wort einstehen, dass er Lady Stark im Tausch für seine Freiheit gab. Jaime will ein anderer Mann sein, ein ehrbarer Mann wie sein einstiges Gegenüber Ned Stark. Ein Ritter, dessen Eintrag in den Annalen der Kingsguard ebenso große Taten ziert wie der seines Vorgängers und Idols Ser Barristan Selmy – und seinen Königsmord vergessen lässt. Oathkeeper heißt das neue Schwert und man kann als Zuschauer nur hoffen, dass Jaime seinem Schwur zum Guten treu bleiben wird. Lichte Momente wie diese werden in GAME OF THRONES immer rarer…

Die Waffen einer Frau

Oh I just can’t wait to be king – Wird sich wohl Tommen Baratheon gedacht haben, als sich Margaery in seine Gemächer schleicht, um ihren zukünftigen König und – wie sie oft – Gemahl besser kennenzulernen. © HBO

Oh I just can’t wait to be king – Wird sich wohl Tommen Baratheon gedacht haben, als sich Margaery in seine Gemächer schleicht, um ihren zukünftigen König und – wie sie oft – Gemahl besser kennenzulernen. © HBO

In der von männlichen Protagonisten dominierten Welt des Fantasy-Genres hatten es Frauen noch nie leicht. Zwischen böser Hexe und lieblicher Prinzessin waren die Rollen nie wirklich ambivalent gestaltet. Entweder musste der Held gegen sie kämpfen, sie retten, ihren Verführungen widerstehen oder an ihrer Seite scheinbar gleichberechtigt kämpfen – um sie am Ende doch nur wieder zu retten. Mit den Low Fantasy-Geschichten der letzten Jahrzehnte wurde jedoch die Schwarzweißmalerei und der unbestrittene Heroismus der High Fantasy ebenso in Frage gestellt wie die stereotypen Geschlechterrollen. GAME OF THRONES ist dafür ein gutes Beispiel: In Westeros gibt es viele interessante Frauenfiguren. Sie alle kämpfen um ihren Platz in dieser grausamen, patriarchalen Welt, jedoch mit unterschiedlichen Waffen.

So hat sich Dany ganz ihrem imperialistischen Erbe verschrieben (Haus Targaryen eroberte einst die Sieben Königreiche mit ihren Drachen) und den Weg der Stärke gewählt. Vom hilflosen Mädchen zur Mutter der Drachen war es ihre Tapferkeit wie auch ihre Kompromisslosigkeit, die sie nach oben brachte. Auch Brienne kämpft sich mit ihrer physischen Stärke durch, doch wird sie von einem strengen Moralempfinden geleitet, mit dem sie eine große Angriffsfläche bietet. Ihre Methode, Konflikte in einer offenen, aber ehrlichen Auseinandersetzung zu lösen, steht der Heimlichkeit von Cersei und den Tyrells direkt entgegen. Zwar ist Cersei ähnlich wie Dany eine Machtpolitikerin, doch entsprechen ihre Waffen mehr dem Klischee der verschlagenen Intrigantin, die ihren Verstand, ihre Lügen, ihren Körper einsetzt, um die Männer um sich herum zu kontrollieren.

Die Tyrells sind dem sehr ähnlich. Olenna Tyrell, die Matriarchin der Familie, offenbart sich als die tatsächliche Mörderin von König Joffrey; dem Stereotyp entsprechend führt sie die einfache, aber wirkungsvolle „Waffe einer Frau“ – Gift. Ihre Enkelin dagegen stellt eine neue Generation der „intriganten Schlange“ dar. Cersei hasst Margaery vielleicht deswegen so sehr, weil sie hinter der Fassade der gutherzigen jungen Königin ebenso eine kalte Manipulatorin sieht, wie sie selbst eine ist. Tatsächlich ist das liebliche Lächeln der jungen Rose nicht der Ausdruck ihres gütigen Wesens, sondern ihre Waffe, mit der sie das ganze Königreich einnimmt. In der Szene aus OATHKEEPER, in der sie nachts den künftigen König Tommen besucht, als wäre sie ein Schulmädchen, dass sich heimlich in das Zimmer eines Jungen schleicht, zeigt sich das besonders. Margaery repräsentiert einen neuen Grad der Manipulation: Sie gebraucht nicht plumpe sexuelle Verführung wie Cersei oder einst ihre Großmutter, sondern Verständnis, Einfühlsamkeit und Unschuld, um die Männer für sich zu gewinnen. Sansa besitzt über eine ähnliche Macht – nur ist sie sich dessen nicht bewusst. Ihre Naivität und Zerbrechlichkeit ist real, doch ebenso einnehmend.

Winter is definitely coming

In OATHKEEPER gerät Bran in die Hände ehemaliger Nachtwächter. Die Handlung hat keine Entsprechung in den Büchern – und ist genau deswegen so reizvoll. © HBO

In OATHKEEPER gerät Bran in die Hände ehemaliger Nachtwächter. Die Handlung hat keine Entsprechung in den Büchern – und ist genau deswegen so reizvoll. © HBO

OATHKEEPER war nicht die erste Folge, die mit einigen Erzählsträngen von Martins Buchvorlage abwich. Änderungen in der Geschichte gab es seit der ersten Folge: Figuren wurden zusammengestrichen oder weggelassen, neue wie Locke oder Ros erfunden. Wichtige Zusammenhänge wurden oft verkürzt und sehr eindeutig dargestellt (in den Büchern werden die Hintergründe von Joffreys Ermordung nur angedeutet, nicht aber offen ausgesprochen, schon gar nicht von den Figuren selbst). Dennoch stellt die Folge einen wichtigen Weichenpunkt in der Erzählung von GAME OF THRONES dar. Wie schon in der dritten Staffel angefangen, entfernen sich Benioff und Weiss von ihrer bisherigen Handhabung, pro Staffel ein Buch zu adaptieren. Dies liegt an den dramaturgischen Problemen, die sich mit dem vierten und fünften Band der A SONG OF ICE AND FIRE-Reihe für die Serie ergeben: Die Handlung nach dem dritten Band wird eine Weitläufigkeit und Komplexität erreichen, die selbst mit der komplizierten Zopfdramaturgie von GAME OF THRONES nicht mehr darstellbar sein wird. Das GAME OF THRONES-Universum steht an den Grenzen seiner maximalen Ausdehnung. Also lassen Benioff und Weiss es sich wieder zusammenziehen – statt in die Breite geht es nun in die Tiefe.

Dies hat durchaus seine Vorteile, wie vor allem die Geschehnisse auf und jenseits der Mauer in OATHKEEPER beweisen. Die Serie greift auf bereits bekannte Schauplätze – wie Crasters Haus – zurück und benutzt sie als Knotenpunkte, an denen sich Figuren kreuzen und Handlungsstränge verweben: Bran und seine Gefährten geraten in die Gefangenschaft jener Meuterern der Nachtwache, die in AND NOW HIS WATCH IS ENDED Lord Commander Mormont ermordeten und das Haus einnahmen. Für die interessiert sich auch Jon Snow – nicht nur, um den Verrat an Mormont zu rächen, sondern vor allem weil sie in den Händen von Mance Rayder empfindliche Informationen über die Mauer preisgeben könnten. Er bricht mit einer Schar Freiwilligen auf, um die Meuterer zur Strecke zu bringen. Unter seiner Crew befindet sich jedoch der Bolton-Scherge Locke, der sich auf der Suche nach Bran und Rickon in die Reihen der Nachtwache geschlichen hat. Ein spannungsvoller Moment, der die retardierende Handlung von Jon Snow (wir warten doch alle nur auf den Angriff der Wildlinge!), den sich ziehenden Plot von Bran (wann kommt er endlich bei seiner dreiäugigen Krähe an?) und die nicht einschätzbare Erzählstrang des rein für die Serie erfundenen Lockes miteinander verbindet. Wie wird die Situation aufgelöst?

Zur Krönung dieser Konzentration von Handlungssträngen führt schließlich die Spur eines Babys zu einem weiteren Erzählstrang. Crasters letzter Sohn wird von den Meuterern im Schnee ausgesetzt und von einem White Walker mitgenommen bis in die Lands of Always Winter. Wurde in den Büchern bisher nur spekuliert, was die White Walkers mit Crasters neugeborenen Söhnen anstellt, bekommen es die Zuschauer von GAME OF THRONES deutlich zu sehen: Aufgebahrt in einem Stonehenge aus Eisblöcken, nimmt das Baby die eisblauen Augen der White Walkers an, nachdem es von einer dieser Kreaturen – ihrem Anführer? – berührt wurde. Ein Fingerzeig, der einmal mehr bildgewaltig auf die wahre Bedrohung des Winters aufmerksam macht und noch stärker als in den Büchern den Eindruck erweckt, dass alles tatsächlich auf ein klares Ziel hinsteuern könnte: Winter is DEFINITELY coming!

 

Andere Gedanken:
* Ein weiterer badass-Spruch von Dany: „I will answer unjustice with justice“. Emilia Clarke bekommt die besten one-liner in der Serie!
* Dicht gefolgt von Littlefinger, der neben seinem „chaos is a ladder“-Monolog aus THE CLIMB in OATHKEEPER einen weiteren Monolog halten darf, der auch in einem Trailer zur Staffel verwendet wurde: „always confuse your enemies“.
* Partnertausch: Podrick Payne und Brienne geben eine ebenso reizvolle buddy movie-Alternative ab wie Jaime und Tyrion, der in OATHKEEPER einen wunderbaren Arbeitstitel für die Lannister-bromance gab: „The Kingslayer Brothers“
* Leider gibt es in letzter Zeit für Jeor Mormont und Barristan Selmy in Essos nicht viel zu tun. Wird es sich ändern, wenn sie mit der neuen Herrscherin von Meereen eine neue Dany vorfinden?
* Wer außer Tyrion weiß aus dem Lannister-Clan eigentlich noch über die angeblich heimliche Liebe zwischen Cersei und Jaime Bescheid?
* Um dem Vorwurf von vermeintlichen Verstößen gegen physikalischen Gesetzmäßigkeiten in Westeros zuvor zukommen, gelten ab sofort die folgenden Maßeinheiten: Ein „Locke“ misst die Krümmung des Raums, während mit einem „Bran“ die Krümmung von Zeit dargestellt wird. Beispielsweise: 1 Locke = Der Abstand zwischen Dreadfort und der Wall; 1 Bran = Wachstumsrate eines durchschnittlichen Teenagers jenseits der Mauer.
* Da die Erzählweise von GAME OF THRONES den Autoren wenig Flexibilität gibt, um auf Zuschauerreaktionen in einer laufenden Staffel noch zu antworten, wird es sehr wahrscheinlich sein, dass auf die Jaime/Cersei-Szene aus BREAKER OF CHAINS nicht mehr eingegangen wird. Es war halt ein unglücklicher Schuss übers Ziel hinaus, ähnlich der Prostituierten-Szene mit Littlefinger aus YOU WIN OR YOU DIE.
* Große Augen, offener Mund: Tommens Reaktion auf Margaerys Nachtbesuch war grandios. Schöne Träume, süßer Prinz!