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the lobsterNonstop Nonsense: Yorgos Lanthimos‘ interessanter, kluger Film THE LOBSTER 

Ernesto Garratt aus Chile, über den ich im letzten Jahr einen ganzen eigenen Blog geschrieben hatte, kann diesmal leider nur bis Mittwoch bleiben. Sehr schade, aber der Grund ist schön, denn er hat eine kleine Tochter, die er nicht so lange allein lassen will.

Ernesto ist ein „Weißer“, also einer der wenigen Träger des so überaus begehrten weißen Akkreditierungsbadges, der obersten Klasse der Filmkritiker in der strengen, für Außenstehende undurchschaubaren Rangordnung der Cannes-Besucher. Das verschaffte ihm gestern auch eine illustre Abendessenseinladung vom Festival, von der er mir gestern erzählte. Da war er zusammen mit Berühmtheiten der internationalen Filmkritik wie Michel Ciment (von Positif) und Peter Bradshaw (Guardian), und unterhielt sich mit ihnen über die guten alten vergangenen Tage der Filmkritik, als es noch kein Internet gab und man noch viel viel mehr Zeit hatte, um seine Texte zu schreiben.

Darüber reden wir jetzt auch. Denn der Faktor Zeit macht uns nicht nur zu schaffen, weil er die Bequemlichket stört. Wie im letzten Blog erwähnt: Nachdenken hilft dem Urteil. Zeit schärft die Gedanken. Ich glaube sehr an den Nutzen der Spontaneität, an die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden und Schreiben, daran, gleich und hier und jetzt zu schreiben, wenn der Eindruck noch frisch ist. Aber wenn man gleich etwas sagen muss und unter Zeitdruck steht, kommt nicht immer das Beste als erstes raus.

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„We developed a code so that we could communicate with each other, even in front of the others, without one knowing, what we are saying.“ – THE LOBSTER ist der bisher erstaunlichste, überraschendste Film im Wettbewerb. In ihm vermischen sich Autorenkino und Science-Fiction-Fantasy. Der Grieche Yorgos Lanthimos zeigt in allen seinen Filmen – DOGTOOTH und ALPES liefen auch in Deutschland – Gruppen, die durch enge, absurde, seltsame Regeln gesteuert werden, die keiner versteht, die aber den Protagonisten als höchst selbstverständlich erscheinen.

Diesmal reist er in eine Phantasiewelt, die sich möglicherweise in einer nicht allzu fernen Zukunft befindet.

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Im ersten Bild, das nichts mit dem Rest zu tun hat, sehen wir erstmal, wie eine nicht mehr ganz junge Frau im Auto durch die Berge fährt, plötzlich vor einer Wiese mit Maultieren anhält, aussteigt, eines der Maultiere erschießt, und wieder einsteigt.

the lobster lanthimosDann ein Mann namens David, die einzige Filmfigur, die einen Namen hat. Eine Erzählerin aus dem Off – die sich später als die von Rachel Weisz gespielte Filmfigur entpuppt – erzählt, sein Fall habe dann doch Maßnahmen erfordert und er wird in ein Hotel eingeliefert, das eine Mischung aus Krankenhaus und Gefängnis zu sein scheint. Man muss alles abgeben, und ist dem liebevollen Zwangsregime der Leiter hilflos ausgesetzt – so lange bis man nach gewissen Regeln eine Paarbeziehung eingegangen ist, was spätestens nach 45 Tagen geschehen sein muss. THE LOBSTER heißt der Film, weil jeder Insasse für sich ein Tier wählen muss, und David wählt einen Hummer, weil er „100 Jahre alt werden will und das Meer liebt.“ 

Das Zwangsregime bezieht sich vor allem auf Paarbeziehungen und Sex. Die Neigug einer Hauptfigur zur Masturbation wird etwa damit bestraft, dass dessen Hand in einen aktiven Toaster gesteckt wird.

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In der ersten Hälfte habe ich THE LOBSTER gar nicht gemocht. Der Film ist repräsentativ für das Autorenkino unserer Tage in seiner Machart. Er ist unnötig verkünstelt und verkopft, absurd und doof. Ein Film, der von Entfremdung erzählen möchte, aber dabei sich selber die Diagnose stellt, weil er bis zum Exzess selbst entfremdet ist. Auch ein weiterer jener Filme, die uns am Ende doch sehr wenig über uns selbst erzählen, oder nur dort, wo unsere Reaktionen verräterisch werden. Und ganz grundsätzlich liebt Lanthimos seine Mitmenschen etwa so sehr, wie Ulrich Seidl, also gar nicht. Der Film ist eiskalt, zynisch.

Auch über den Humor kann man streiten: Gerade zu Beginn ist jeder zweite Satz ein Gag, jede zweite Szene ein gespielter Witz. Und irgendwann habe ich gedacht: Wie Didi Hallervordens NONSTOP NONSENSE für Intellektuelle.

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lobster yorgos lanthimosAber er ist auch klug. Er ist sehr gut gemacht, schlau in der Form. Ein philosophischer Essay über Verhaltenslehren der Kälte. Auch dies ist wieder ein Film über Freiheit, ihre Facetten und Abgründe. Zugleich auch ein Film über Selbstfesselung, eine makabere Satire über unsere Obsession mit Paarbeziehungen einerseits und über unsere Obsession fürs Alleinsein andererseits. Die Inszenierung ist so elegant wie exzentrisch, immer sehr kontrolliert, aber mit nur wenigen Zugeständnissen ans Hollywood-Kino.

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THE LOBSTER stellt zwei imaginäre Gemeinschaften vor: Die Welt der Stadt, ein puritanischer Wohlfahrtsstaat, in dem Tugendterror herrscht und nur Paarbeziehungen erlaubt sind, und eine neoliberale Gemeinschaft, deren Mitglieder im Wald leben und einen radikalen Individualismus praktizieren. Beide Gruppen ähneln sich mehr als ihnen lieb ist, in ihrem Totalitarismus mit menschlichem Antlitz und vor allem durch die radikalen Gruppen-Regeln, die mit einem brutalen Strafregiment durchgesetzt werden.

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Die Individualisten brechen allerdings ab und an auch in die Wohnungen der anderen Seite ein, um dort praktische Aufklärungsarbeit zu leisten und Lügen und Selbstbetrug aufzudecken – eine Art Wahrheitsterrorismus, der enthüllt, dass die Wahrheit eben auch eine terroristische Seite hat.

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In einem tollen Auftritt spielt Colin Farell die Hauptfigur David, die zunächst in ein Wohlfühlgefängnis kommt, um dort für das Leben in der Stadt gleichgeschaltet zu werden. Irgendwann flieht er und lebt dann im Wald bei den Individualisten. Doch an beiden Orten wird er nicht recht glücklich. Natürlich sind daran auch die Frauen schuld – kein Wunder, wenn diese von Rachel Weisz und Lea Seydoux gespielt werden. Vor allem Seydoux ist großartig als charismastische Revolutionärin, die einen zu allerlei Unsinn verführen könnte – eine Ulrike Meinhof der Zukunft.

Dies sind aber nur die zwei wichtigsten von einem ganz Dutzend exzellenter, origineller, sehr unterschiedlicher selbstbewusster Frauenfiguren, die den Film dominieren. Und so ist THE LOBSTER in jeder Hinsicht ein atemberaubender, so fesselnder wie verwundernder Film – der erste echte große Favorit auf die Goldene Palme.

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„Oh, wieder soooo viele Franzosen im Wettbewerb, immer das Gleiche.“ – mehr als einer spricht mich auch hier wieder in diesem Sinne an. Wenn man in Cannes einem Menschen begegnet, mit dem man nichts zu reden hat, dann ist es immer eine gute Idee, mal so den Wortfetzen „Die Franzosen im Wettbewerb…“ in die Luft zu werfen, um einen antifranzösischen Redeschwall auszulösen, bei dem auch die zahlreichen französischen Koproduktionen nie unerwähnt bleiben, und ebenso nicht die offenbar totalitäre Rolle der französischen Weltvertriebe.

Das ist ein interessantes Phänonem, weil Vergleichbares nie passiert, wenn in Venedig vier Italiener laufen, oder wenn in Berlin vier Deutsche und zehn deutsche Koproduktionen im Berlinale Wettbewerb gezeigt werden, und jeder zweite Film von Match Factory oder Bavaria, oder Beta vertrieben wird. Da sagt man dann: Gut, dass Dieter Kosslick was für den deutschen Film tut. 

Mit dem kleinen entscheidenden Unterschied, dass das französische Kino oft besser und fast immer viel relevanter ist, als das deutsche.

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Bei diesem Gespräch kommt man dann auch immer auf „Die üblichen Verdächtigen“ zu sprechen, auf jene Regisseure, meistens Herren fortgeschrittenen Alters, die scheinbar ein Abonnement auf die Wettbewerbsteilnahme in Cannes haben. Solche Regisseure gibt es tatsächlich, und jedem von uns fallen vermutlich sofort ein paar Namen ein, auf die das zutrifft. Mir zum Beispiel: Wong Kar-wai, Emir Kusturica, die Dardennes, Michael Haneke.

Wenn aber dann zum Beispiel einmal einer dieser Filme woanders läuft, dann heißt es sofort: „Der wurde offenbar in Cannes abgelehnt.“ Oder: „Der muss wohl sehr schlecht sein.“ Letzteres heißt es auch, wenn der Film „nur“ in „Un Certain Regard“ läuft. So wie in diesem Jahr die Filme von Apichatpong Weerasethakul, von Naomi Kawase, von Brillante Mendoza. Dabei gibt es vielleicht einfach nur gerade besonders viele asiatische Filme und da bereits einige im Wettbewerb laufen, wollte man nicht die Hälfte aller Wettbewerbsplätze mit Asiaten bestücken.

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Hätte man im Wettbewerb diesmal wieder die neuen Filme von Arnaud Desplechin und von Philippe Garrel gezeigt, hätten auch wieder alle von „Den üblichen Verdächtigen“ geredet. Nun laufen deren Filme aber in der „Quinzaine“ und sind viel viel besser, als die zwei französischen Beiträge von Emmanuelle Bercot und von Maiwenn, und keiner schreibt: Toll, dass mal „Die üblichen Verdächtigen“ nicht im Wettbewerb laufen. So etwas wird so gut wie nie gesagt.

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Erste erwähnenswerte Zwischenstände gibt es bei den verschiedenen Filmspiegeln und Kritikerwertungen. Bei Le Film Français dominiert so klar, wie für mich unverständlich Moretti mit nicht weniger als 7 Topwertungen (von 15 möglichen). THE LOBSTER bekommt dagegen zwar einige gute Wertungen, aber keine einzige Top. Immerhin bewerten die Kollegen dort auch die Sektion „Un Certain Regard“.
Bei Screen führt CAROL deutlich vor SON OF SAUL, über den ich hier ein andermal noch schreiben werde.

Unbedingt hinweisen möchten wir auch auf Josef Lederles sehr lesenswerten Cannes-Blog beim Filmdienst.

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