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„Ich finde, dass viel mehr Menschen diesen Roman lesen sollten, gerade in unserer Zeit.“

Interview mit Julian Pölsler

Die Frau versucht nie wirklich, die Wand zu überwinden oder zu umgehen. Hat diese Wand eine ganz andere Dimension?

Pölsler: Das habe ich natürlich auch geschrieben und gedreht. Ich wollte tolle Actionaufnahmen unter Wasser haben, wo sie plötzlich gegen diese Wand stößt und dann hatte ich eine Szene, wie sie auf einen Baum klettert und Steine hoch schmeißt. Ich habe für mich definiert, dass es nicht nötig ist, weil etwas ganz wichtiges passiert. Die zweite Begegnung mit der Wand ist bereits die, wo sie sieht, dass alles jenseits der Wand versteinert ist. Sie sagt sich, unter der Wand durch zu graben hätte keinen Sinn, denn es würde dort nur der Tod warten. Darum habe ich mir gedacht, ich nehme noch eine Szene mit. Die, wo das Auto gegen die Wand kracht. Ich habe lange nach einer Metapher gesucht, bei der man sieht, dass es kein Entkommen gibt. Wenn jemand wie sie unvermittelt gegen eine Wand kracht, ist das das Bild, was klar versinnbildlicht: Jetzt gibt es kein Entkommen.

Sie haben das Projekt lange erwogen und die stetige Veränderung der Buchrezeption erlebt. Setzt man da stur seine Lesart um oder versucht man, alle zufrieden zu stellen?

Pölsler: Wissen Sie, meine erste Intention war, eine Plattform für diesen großartigen Text zu schaffen. Ich finde, obwohl er in 19 Sprachen übersetzt und über eine millionen Mal verkauft wurde, dass viel mehr Menschen diesen Roman lesen sollten, gerade in unserer Zeit. Ich habe natürlich eine eigene Interpretation gehabt, die sich immer wieder gewandelt hat. Das Einzige, was geblieben ist, ist der Ansatz, dass es um eine Verwandlung geht. Nicht nur, da das Wort „Wand“ in Verwandlung vorkommt, sondern weil ich glaube, dass das das große Thema ist. Natürlich hat meine Interpretation dieser Wand immer wieder eine Veränderung erfahren durch Kritiken, die ich für meine Drehbücher bekommen habe. Für mich war klar, dass ich keine Interpretation vorgeben möchte; ich glaube, das ist so ein stiller Film. Alle Menschen sehnen sich ja so nach Stille und wenn sie eine Kinokarte kaufen, haben sie 108 Minuten Zeit, um nachzudenken. Dieses Öffnen der Interpretationsräume gibt ihnen die Möglichkeit, nachher noch nachzudenken. Ich fahre jetzt mit dem Film rund um die Welt zu den Festivals und überall ist das Interesse sehr groß, zu 90 Prozent von Frauen. Ich erfahre dort die Interpretationen dieser Menschen. Sie bilden sich ein, dass etwas im Film war und ich denke mir: Wahrscheinlich war es das, aber ich habe es nicht gesehen. So ist dieser Verwandlungsprozess noch immer nicht abgeschlossen.

Da Sie von Stille sprechen: fiel es Ihnen schwer, den Off-Text einzudämmen?

Pölsler: Ja. Das ist der Hauptkritikpunkt der Kritiker. Ich hab auch eine Drehbuchfassung geschrieben, komplett ohne Off-Text. Das war interessant. Da kam ein mittelmäßig brauchbarer Fernsehfilm heraus. Ich habe mich dann entschieden, Off-Text zu verwenden und die Frage, welchen und wie viel so beantwortet: Ich will alle meine Lieblingsstellen drin haben. Darum ist es so viel geworden und weil ich wollte, dass dieser großartigen Sprache Raum gegeben wird, weil unsere Sprache immer ärmer wird. Wohl wissend, dass das ein Kritikpunkt wird.

Von Anbeginn wirkt die Frau isoliert und betrauert weder den Verlust zwischenmenschlichen Kontakts, noch den eines einzelnen Menschen.

Pölsler: Paulus Hochkatterer, ein österreichischer Autor, hat mir eine interessante Interpretation der Wand gegeben. Das ist für ihn die exakte Beschreibung der Depression einer bereits depressiven Frau, wenn sie hinfährt. Von Anfang bis Ende ist sie in einer Depression. Diese Depression erfährt nur eine Wandlung. Deshalb habe ich versucht, diese Frau schon in ihrem scheinbar normalen Leben isoliert zu zeigen.

Sie hatten insgesamt rund 65 Drehtage?

Pölsler: Ich hatte 72 Drehtage, aber es werden offiziell nur 65 angegeben. Die restlichen Tage habe ich ohne Frau Gedeck gedreht. Das war dann nur mit Hund, nur in der Natur.

Forderte die unberechenbare Natur so viel Zeit oder die Arbeit mit einer Einzeldarstellerin?

Pölsler: Ich habe sehr um diese Drehtage gekämpft. Natürlich ist das Argument gekommen: Braucht es das wirklich? Ich wollte aber dann drehen, wenn Licht und Vegetation meiner Meinung nach optimal sind, nicht, wenn sie nur in etwa stimmen. Das fordert seinen Tribut und das ist die Zeit. Ich habe auf viele Actionszenen verzichtet zugunsten der realistischen Darstellung der Natur.

Das Presseheft erwähnt einen Director´s Cut. Sind Sie noch nicht ganz fertig mit dem Film?

Pölsler: Das Thema des Films ist für mich die Wandlung. So unterliegt auch der Film einer Wandlung. Der, der am 11. Oktober ins Kino kommt, das ist mein Film. Nichtsdestotrotz habe ich in meinem Regievertrag stehen, dass ich einen Director´s Cut machen darf. Sie wissen doch, wenn Sie einem Regisseur etwas versprechen, will er das unbedingt haben, ob er das nun brauchen kann oder nicht.

 

„Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, habe ich das Alleinsein nicht gekannt. Jetzt kenne ich es.“

Interview mit Martina Gedeck

Diese unsichtbare Wand wurde tausendfach gedeutet. Mussten Sie eine Erklärung finden?

Gedeck: Es gibt zwischen allen Menschen eine unsichtbare Wand und die ist hier stärker, dadurch, dass alles, was hinter der Wand ist, tot ist. Tot heißt, dass sie keine Beziehungen hat und haben kann zu dem, was hinter der Wand liegt. Das heißt, dass sie zu den Menschen und zu ihrem vergangenen Leben keine Beziehung mehr hat, dass sie abgeschnitten ist. Also eine Art Einbruch, was ihr den Zugang zu ihrem bisherigen Leben verwehrt. Das, denke ich, ist diese unsichtbare Wand, die sie auf sich selbst zurückwirft und auf ihre ureigenen, zu ihrem Wesen gehörenden Fähigkeiten. Die Wand löst eine Form von Reduktion aus. Dann ist natürlich interessant: was bleibt übrig? Das findet sie raus und was da übrig bleibt, ist in erster Linie ihre eigene Würde und auch die des Lebewesens, dem sie begegnet, also den Tieren und eigentlich auch dem Leben selbst. Das ist etwas, an das sie sich halten kann, von dem sie vorher vielleicht nicht einmal wusste. Die Würde hat sie vorher nicht gehabt. Sie hatte viel Welt, aber wenig Würde. So habe ich es gesehen, doch das ist subjektiv. Es kann eine Krankheit sein, eine Depression oder ein Verlust. Das finde ich dann unerheblich.

Hat die Figur Sie auch in ihrem Alltag durchdrungen? Sie außerhalb der Drehsituationen wortkarger gemacht?

Gedeck: Das war schon so, dass ich das wollte. Ich hab in der Zeit eigentlich gelebt wie die Frau. Außer, dass ich keinen Hund hatte.

Hat es Sie verändert?

Gedeck: Ich war schon vorher verändert. Ich war bereits bevor ich DIE WAND gedreht hab, ein bisschen so wie diese Frau. Deswegen war mir das nicht fremd. Ich bin jemand, der viel für sich ist und der eher kontemplativ lebt. Für mich war nur neu, dass es in einem Film behandelt wird. Die Reduktion im Spiel und dieses klare, aufs Essentielle Reduzierte war schon immer mein Wollen in meiner Arbeit. Das habe ich schon immer versucht in Rollen unterzubringen, obwohl sie sprechen. Ich hab immer eine Art unterschwellig-tiefes „basso continuo“ geführt in meinen Rollen. Ich bin von Beginn an in dieser tiefen Schicht unterwegs gewesen. Das war für mich die pure Freude.

Ist es besonders schwer ohne Spielpartner, der reagiert?

Gedeck: Ich musste viel mit einem Hund zusammenspielen. Das war ein Partner, der uns allen einiges abverlangt hat. Wir mussten wie ein eingeschworenes Paar sein. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie schwierig das war. Dann musste der Hund laufen, dann musste er warten, dann kam ich, dann musste er schnüffeln. Hat der Hund natürlich nicht gemacht. Er ist weggelaufen und war aus dem Bild. Ich hab dann eine Methode gefunden. Ich habe mit ihm gesprochen: (flüstert) „Fuß gehen, Fuß gehen!“ Wenn ich die Wand sehe und schockiert nach oben schaue, bleibt er ja nicht stehen. Das denkt man nur, weil man das im Film sieht: logisch, da ist ja die Wand. Aber er macht das nicht. Von daher war ich schon stärker denn je auf meine Partner konzentriert. Ich hab nach drei Wochen gedacht, ich bin nur beschäftigt damit, was mit dem Hund los ist. Nicht nur ich, sondern alle. Eigentlich ging es selten so wenig um mich, wie in diesem Film. Nein, das ist jetzt übertrieben, aber so kam es mir vor.

War die Begegnung mit dem Buch eine Wiederbegegnung?

Gedeck: Ja. Ich war 20, als ich dem Buch begegnet bin und fand es sehr eindrücklich geschrieben, hab vieles auch nicht begriffen. Ich war fasziniert von der Sprache und habe mich gleichzeitig auch gefürchtet. Ich fand es eher beklemmend, wie implizit das Grauen in dem Buch ist. Es schwingt immer mit. Es ist, wie wenn jemand schwer krank ist. Es ist einfacher selbst auf den Tod zu warten, als für die Angehörigen, die um Leben und Tod bangen. Also, es ist leichter es zu spielen als es zu lesen. Wenn ich den Film sehe, empfinde ich es stärker als damals beim Lesen. Ich gehe bereichert aus dem Film. Beim Buch war mir das nicht so klar. Ich wollte diese Frau nicht alleine in ihrem Wald zurücklassen. Ich wollte das Buch gar nicht weglegen.

War es beängstigend, sich als Filmfigur in dieser Beklemmung wiederzufinden oder war es eine kathartische Erfahrung?

Gedeck: Als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe, habe ich das Alleinsein nicht gekannt. Jetzt kenne ich es. Ich habe viel Vertrautes im Buch gefunden. Als erwachsener Mensch empfinde ich das Grauen als etwas Aufregendes. Ich empfinde die Tatsache, dass etwas passiert, von dem ich nicht weiß, was es ist, als anziehend. So ist es eigentlich im Leben. Wenn man erwachsen ist, denkt man, man weiß und kennt alles. Insofern hat mich dieses Grauen der Tatsache, dass es immer etwas Neues gibt, erfreut. Es geht ja auch viel um Töten und auch der Tod hat durchaus Anziehendes. Natürlich ist er grauenvoll, aber auch anziehend.

 

Bilder-Copyright: Thimfilm