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Copyright: Georges Biard

Catherine, Françoise, Julie und die anderen
San Sebastian-Blog, Folge 5

Und dann steht tatsächlich Catherine Deneuve neben einem. Am Mittwoch Spätnachmittag, vor dem Principe, dem etwas abseits gelegenen Altstadtkino, in dem aber die meisten Festivalfilme laufen. Seit gestern Abend ist sie da. Jetzt geht sie mit einem Bekannten, von dem ich später erfahre, dass es der Direktor der Madrider Cinemathek ist, in die Fellini-Ausstellung, die auch noch zum Rahmenprogramm des Festivals gehört. Und da steht sie also, in einem leichten Sommerkleid mit veilchenfarbenen Blumenmuster, mit offenem Haar, immer noch schön, aber doch auch eine Großmutter, die sich gut gehalten hat, und langsam, wie um mit den hochhackigen Schuhen nicht umzuknicken, über den Platz wackelt. Die Deneuve sieht einfach immer ein bisschen so aus, als blicke sie spöttisch auf die Welt um sie herum, dass ist einfach so, und hat nichts mit Erfahrungen zu tun, mit Männern, die ihr zu Füßen lagen und mit Geringschätzung für die Welt. Wer ihre frühen Filme nochmal anguckt, wird diesen Blick darin wiederfinden, und auch das Lächeln, das spöttisch aussieht, aber doch vielleicht einfach nur souverän ist.
Man weiß, dass die Deneuve sich alle Freiheiten herausnimmt, und heute nur noch macht, was sie will. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie sich in ihre Verträge hineinschreiben lässt, einfach immer und überall rauchen zu dürfen – in unserer heutigen Hygiene- und Gesundheitswahnwelt macht sie das schon fast zu einem Menschheitsfeind. Das reichert dieses Bild noch an, das hartnäckig über sie kursiert: Die Deneuve sei kalt, arrogant, dumm, kompliziert. Nichts davon ist, so wie ich sie nun auch schon bei ein paar Gelegenheiten erlebt habe, auch nur entfernt wahr: Die Deneuve ist lustig, warmherzig, offen, ziemlich schlau, sogar ein bisschen intellektuell und vor allem ungemein selbstironisch. Später wird man in Festivalkreisen auch hier wieder augenrollend erzählen, dass sie, als sie vom Flughafen ans erste Haus am Platz, das Hotel Maria Cristina vorgefahren wurde, „acht Minuten lang“ – offenbar hatte da einer seine Stoppuhr dabei – im Auto gesessen sei, und im geschlossenen Wagen ihre Zigarette zuende geraucht habe – während alle Fotografen und wartenden Fans ihr durch die Scheibe zusehen konnten. Erst dann sei sie ausgestiegen.Die Geschichte glaube ich sofort. Es gibt Leute, die die Deneuve für so etwas hassen. Ich liebe sie für solche Momente.

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Stephanie, eine in England lebende australische Kritikerin, macht mich zunächst neidisch, weil sie von mehreren Interviews mit Deneuve erzählt. Dann aber kommt noch eine tolle Anekdote: Vor einigen Jahren war Stephanie von irgendeinem Weltvertrieb oder Verleih zu einem Abendessen eingeladen, bei dem Catherine Deneuve als Stargast des Abends angekündigt war. Sie kam ziemlich pünktlich, sah sich kurz um, lächelte freundlich und ging wieder. Die halbwegs entsetzten Gastgeber fragten Deneuve Entourage, was denn passiert sei. die Antwort war einfach: Das Abendessen war ein Buffet – „and Mademoiselle is not standing up for dinner.“

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Schon für solche Erlebnisse kann man das baskische Filmfestival gar nicht genug schätzen, San Sebastian gehört zwar zu den wichtigen der Welt, ist aber ungleich intimer, als die Großereignisse in Cannes, Venedig und Berlin. Da passiert es einem tatsächlich, dass man plötzlich neben einer Deneuve vor dem Kino steht oder sich Michael Fassbender im Restaurant an den Tisch gegenüber setzt. Umgekehrt können diese Berühmtheiten aber auch hier noch unbehelligt von permanentem Blitzlichtgewitter flanieren, und die Autogrammjäger kommen nicht gleich in Kohortenstärke – zumal die Basken auch zurückhaltend sind, und zu stolz, um einen Filmstar, der auch mal seine Ruhe haben möchte, zu belästigen.

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Jacques Demy

Das hätte sich die Deneuve wohl auch verbeten. Für zwei Tage war die ungekrönte Königin des französischen Kinos nach San Sebastian gekommen, „aus privaten Gründen“ wie sie schon vorab verbreiten ließ – sprich: Keine Interviews und auch keine Pressekonferenz wollte sie geben, gerade mal ein paar Minuten für die Fotografen ließ sie zu. Wer ein bisschen mitgedacht hatte, konnte ihr trotzdem ganz nahe kommen, ihr zuhören und sogar ein paar Sätze mit ihr wechseln. Denn der für sie „private“ Anlass war natürlich die Festival-Retrospektive für Jacques Demy und die Vorstellung seines vielleicht besten Films, Les Demoiselles de Rochefort von 1967. In dem spielt die Deneuve die Hauptrolle und, was für sie wohl noch wichtiger ist, an der Seite ihrer Schwester Françoise Dorléac. Es sollte deren letzter Film werden, wenige Monate später kam Dorléac (1942-1967) bei einem fürchterlichen Verkehrsunfall ums Leben – bis heute hat Deneuve, wie sie selbst sagt, diesen schockhaften Verlust nicht wirklich überwunden. Und so stand sie dann da, sichtlich bewegt und etwas unsicherer als sonst, vor Beginn des Films im ausverkauften Kinosaal und rang mit ihren Gefühlen: „Dies ist ein besonderer Film für mich, einer meiner Lieblingsfilme, denn ich darin spiele ich mit meiner Schwester. Ich wünsche ihnen viel Vergnügen.“ Viel mehr kam dann nicht. Zuvor aber hatte sie schon von ihrer Wertschätzung für Demy berichtet, mit dem sie vier Filme drehte, mehr, als mit jedem anderen Regisseur.

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Was soll man über diesen Film sagen? Les Demoiselles de Rochefort, den ich tatsächlich noch nie gesehen hatte – manchmal ist es gut, wenn man sich etwas fürs Kino aufhebt – ist aus heutiger Sicht der absolute Wahnsinn. Ein völlig unmöglicher und absurder, gleichzeitig brillanter und alberner, vor allem aber ganz wunderbarer Film. Es ist nicht einfach so zu sagen, wie er wohl 1967 gewirkt haben mag, als er herauskam. Heute wirkt er wie der Ausdruck einer verlorenen Zeit, eine Ära von Freiheit, Lebendigkeit, Öffentlichkeit, Unbeschwertheit und Lebensfreude. Die Geschichte ist kaum der Rede wert: Es geht um vor allem zwei Provinzgirls, deren Träume vom besseren, anderen Leben, großer Welt und tollen Männern. Und den Aufbruch nach Paris, wo solche Träume sich zu erfüllen scheinen: „Je veux voir la capitale“ sagt das dritte Mädchen, das am Schluss die Stadt auch verlässt, abhaut. Das muss als Rechtfertigung genügen.

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Aber was der Fim eigentlich ist, ist etwas völlig Anderes: Er ist Bewegung, Farbe und Frauen. Die Farbdramaturgie ist extrem komplex und gut gemacht und in ihrer inneren Logik schwer zu erfassen. Dies ist jedenfalls ein Film in Gelb und Blau und Weiß. Grün kommt kaum vor, nur gelegentlich als Komplementärfarbe zu Orange. Rot auch kaum, aber wenn, dann zentraler, oder in seiner abgeschwächten Form: Als Rosa.
Mode und Stil sind hier alles. Jede Geste, jeder Ort sind hier extrem stilisiert. Die ganze Welt ist eine Bühne. Ein quadratisches Cafe aus Glas, Metall und hellem Holz bildet das Zentrum eines quadratischen Platzes. Die Musik ist keine, sondern ein von Demy entwickelter ganz eigener Stil des Sprechgesangs. Ein wirklicher Fremdkörper ist nur Gene Kelly – der Einzige, der den Krieg schon erlebt hat. Er ist einfach zu alt für diesen Film, und auch sein Gesicht ist wie aus einer anderen Zeit.
Die Frauen: Deneuves erster Auftritt im schwarzen Ballettanzug, blonde Haare, weiße Haut, dann noch im Spiegel verdoppelt – was soll man dazu noch sagen. Dann Dorléac mit roten Haaren, im weißen Kleid mit Gelb. Dann hat Deneuve auch schon ein weißes Kleid an, das genau dort Rosa ist, und beide singen: „We are a pair of twins“. Girls just wanna have fun – so kann man das alles zusammenfassen. Wenn die beiden Schwestern zusammen sind, ist der Film am besten.
Manchmal klingt alles recht gleich und es tritt zwischendurch auch ganz schön auf der Stelle, aber die Nummern sind für sich genommen schon sehr gut. Und selten sieht man einen Film, bei dem einfach alle Leute mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus dem Kino gehen .

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Ist das jetzt Nouvelle Vague? In der Leichtigkeit unbedingt, in Charme und Sexyness, in der Nonchalance und Jugendlichkeit. Aber sonst?

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Le Skylab

Mit einer zweiten französischen Schauspielerin hatte der Tag begonnen: Julie Delpy, zwei Jahrzehnte lang in Frankreich und Hollywood ein Topstar, hat bereits vor ein paar Jahren ihre Lust am Regieführen entdeckt: Zwei Tage in Paris war ein Achtungserfolg, Die Gräfin eher etwas für Fans, aber mit ihrem neuen Film Le Skylab, der im Wettbewerb zu sehen ist, dürfte sich Delpy wieder ein großes Publikum erobern: Ein Dorf irgendwo an der bretonischen Küste auf dem Land nahe Saint-Malo ist der Schauplatz von Julie Delpys vierter Regiearbeit. In einem Schuppen findet abends eine Strandparty statt, vor allem für die Kinder der Sommergäste aus Paris. Gespielt werden Discohits wie Born to be alive, denn man befindet sich im Juli 1979, in jener Nacht, an dem das Skylab-Weltraumlabor auf die Erde zurückstürzte und verglühte. Da legt der hübsche DJ, der heimliche Schwarm der elfjährigen Albertine, aus deren Perspektive alles erzählt wird, etwas ganz Neues auf, und plötzlich bricht der Punk in den Disco-Glimmer ein, so wie das abstürzende Skylab in die Erdatmosphäre. Und nach dieser Nacht wird nichts mehr so sein, wie vorher. In Le Skylab erzählt Delpy einerseits von ihrer heranwachsenden Hauptfigur und der Zeit der ersten Zungenküsse, zugleich aber auch liebevoll, doch ohne falsche Nostalgie vom Frankreich der späten 70er: Der Algerienkrieg und die „OAS SS“ ist noch ebenso präsent, wie der Mai ’68, Mitterand schickt sich an, Präsident zu werden, und die Gespräche drehen sich um Frauenbefreiung und Filme wie Die Blechtrommel, Apocalypse Now und Alien. Die Form dieses klugen, sehr gelungenen Crowdpleasers ist grundsätzlich die einer heiteren Sommerkomödie, wie sie sie nur die Franzosen zustandebringen, aber eben mit kleinen Rissen, durch die sich ernsthaftere und mitunter bittere Töne einschleichen.

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Man wird auch zurückgeworfen in die 70er Jahre, als es noch eine gute Nachricht war, dass die Zugfahrt Paris – Saint-Malo „in weniger als 6 Stunden“ bewältigt wurde, in denen die Menschen vom ersten Anrufbeantworter träumen, in denen der oberste Hemdknopf der nerdigen Cousins immer geschlossen bleibt, und Muschelketten gerade der letzte Schrei waren, in der Lieder wie La balade des gens heureux oder Hallelujah von Milk & Honey im Radio liefen und einer Jugend, in der man im Garten Zelte aufbaute und die Kinderspiele sich verändern: „Wollen wir Doktor spielen.“ – „Nein, wir spielen Mami und Papa. Leg Dich auf mich und hüpf.“

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Le Skylab

Im Zentrum allerdings steht das Familiengeflecht: Zum Geburtstag der Mutter treffen sich fünf Geschwister mit Partnern und Kindern. „Das ist eine Hommage an die Generation meiner Eltern, die so viel verändert haben – und natürlich eine Erinnerung an meine eigene Kindheit“ erzählte Delpy im Interview. Delpy erzählt von fünf sehr unterschiedlichen Geschwistern, die sich mit ihren Kindern im Haus der Mutter treffen, um deren Geburtstag zu feiern. Konflikte brechen auf, es wird gestritten – aber auch gelacht und gut gegessen. „Das ist eine menschenfreundliche Version von Thomas Vinterbergs Das Fest, sagt Delpy: „Ich wollte zeigen, dass Familie zwar nicht immer nur schön ist, aber auch nicht nur fürchterlich.“ Sie selbst spielt die Mutter der elfjährigen Albertine, aus deren Perspektive der Film erzählt ist – ein Alter Ego ihrer eigenen Mutter, der Schauspielerin Marie Pillet, die in Zwei Tage in Paris noch mitspielte, 2009 aber an Krebs verstarb. Manchmal ist der Film ein bisschen dilettantisch inszeniert, Längen scheinen die Regisseurin genausowenig zu kümmern, wie Probleme der Continuity. Aber wie sie mit den Kindern vor der Kamera umgeht, zeugt von großer Könnerschaft.

Am Schluß fehlt ein Buchstabe am Bahnhofsschild: Der Name der Stadt lautet jetzt Saint-Mao.

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