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Fallen die Funktionen des Hauptdarstellers, Drehbuchautors und Regisseurs in einer Person zusammen, läuten zunächst alle Alarmglocken. Zu tief sitzt beim deutschen Kinogänger der Schweiger-, neuerdings auch der Schweighöfer-Schreck. Wenn Schauspieler sich die eigenen Zeilen in den Mund legen, kann das manchmal böse enden. Gott sei Dank nicht bei diesem hier: DON JON‘S ADDICTION, das Regiedebüt von Schauspieler Joseph Gordon-Levitt, ist im Panorama-Programm der diesjährigen Berlinale zu sehen und zeigt: Auch hinter der Kamera ist Gordon-Levitt zu gebrauchen. Sein Film ist eine kleine Perle: amüsant, erfrischend, treffsicher. Smart genug, um nicht in gegenwärtige Independent-Klischees zu verfallen, im Ganzen aber noch zu brav, um wirklich gegen den Strom zu schwimmen. Ein Ausnahme-Film von Sundance halt.

Jeder kennt diesen Typen: Muskelshirt, mehr Gel als Haare und immer dicke Hose. Beim Autofahren ist es der temperamentvolle Raser, der einen hupend und brüllend von der Straße drängt. In der Mucki-Bude ist es die Kante, der vom Fitnessstudio nicht mehr sieht als Hanteln und Gewichte. Im Club ist es der Macho, der so lange an dem heißesten Mädel herumbaggert bis er, sie, und sein Riesen-Ego in der gleichen Nacht eine gemeinsame Nummer schieben. Jon Martello (Joseph Gordon-Levitt) ist eine wandelnde Testosteron-Bombe. Aufgrund seiner Aufreißer-Qualitäten nennen ihn seine Freunde Don Jon – der moderne Don Juan als sexsüchtiger Soziopath, mehr Pornoheld als Verführer. Trotz eines äußerst aktiven Sexlebens hat Jon eine Obsession für Internet-Pornographie. Im direkten Vergleich zum perfekten Videofick hält wirklicher Beischlaf nicht mit. Selbst als er in der scharfen Barbara (Scarlett Johansson) seine Traumfrau findet, kann Jon doch nicht die Finger von den Pornos, von sich lassen. Schließlich erfahren in der Begegnung mit der ungewöhnlichen Esther (Julianne Moore) seine festen Denkstrukturen erste Risse.

Unglaublich, mit was für einer Wucht Gordon-Levitt den unsympathischen Proleten auf der Leinwand verkörpert. Sechs Kilo Muskelmasse musste er sich antrainieren, um die Body Builder-Statur seiner Rolle auszufüllen. Noch beeindruckender als seine physische Verwandlung ist seine mimische: Blickt man in Don Jons Antlitz, ist nichts mehr zu sehen von dem liebenswürdigen Milchbubi-Ausstrahlung, die Gordon-Levitt selbst noch in Actionrollen aus Filmen wie INCEPTION oder THE DARK KNIGHT RISES begleitete. Stattdessen: Stumpfheit. Kein Junge von Nebenan, sondern ein Schläger-Gorilla von Tony Soprano oder der Pump-Buddy von Mac aus IT’S ALWAYS SUNNY IN PHILADELPHIA. Doch verfällt Gordon-Levitt nicht zu sehr dem Stereotyp. Er gewinnt seiner rüpelhaften Figur einen eigenwilligen Charme ab und ermöglicht so dem Publikum, sich nach und nach auf seine bizarre Welt einzulassen.

Die größte Stärke von JON DON’S ADDICTION ist mit Sicherheit der Cast. An der Seite von Gordon-Levitt überrascht Scarlett Johansson als Über-Zicke. Tückisch setzt sie ihren Körper als Werkzeug ein. Ein knappes Outfit hier, ein heißer Hüftschwung da, und Jons gesamtes Blut wandert aus dem Gehirn in südliche Körperregionen. Kriegt sie nicht das, was sie will, lässt die Drama Queen ein fürchterliches Gewitter los. Johansson schenkt dem Typus „Bitch“ ungeahnte Dimensionen. Die amüsantesten Szenen des Films ereignen sich allerdings, wenn die Familie Martello zusammenkommt. Sofort wird die Quelle für Jons Kommunikationsproblem deutlich: Mutter Angela (Glenn Headly) redet zu viel. Sie will für ihre Kinder nur das Beste – das heißt, ein Leben ganz nach ihren Wünschen. Schwester Monica (Brie Larson) redet gar nicht. Dank der Vollzeit-Beschäftigung mit ihrem Handy ist sie nur noch körperlich anwesend. Vater Jon sr. (Tony Danza) redet zu laut. Seine beiden Sprachmodi sind Fluchen und Schreien. Regelmäßig sorgen Footballspiele aus der Glotze bei ihm für wüste Ausbrüche. Vater und Sohn sind exakte Ebenbilder. Genüsslich spielen Gordon-Lewitt und Danza den Typus des leicht reizbaren Italo-Amerikaners in Unterhemd und Goldkettchen aus, geben ihren Charakteren aber gerade noch genug Tiefe, um sie nicht der Lächerlichkeit preiszugeben.
NEGATIV_Berlinale 2013_Don Jon's Addiction_Scarlett Johansson, Joseph Gordon-Lewitt
Welche Bedeutung haben Liebe, Sexualität und Leidenschaft heute? Eines der Leitmotive, die sich durch das Festivalprogramm der Berlinale 2013 ziehen. Die Protagonisten bei DON JON’S ADDICTION haben ein gestörtes Verhältnis zur Liebe. Unbewusst ist sie den Figuren längst zum Konsumgut, zur Massenware geworden. Im gegenseitigen Umwerben wird der Nachtclub zum freien Markt, auf dem Frauen als Objekte feilgeboten werden. Erfolg misst sich nach dem Marktwert der ergatterten Beute, dem Rank des chicks auf der Hot-Skala von 1 bis 10. Wahre Gefühle gehen irgendwo zwischen expliziten Sandwichwerbespots und der online Porno-Selbstbedienung verloren. In Zeiten allgemeiner Nivellierungen kommt der Perversion eine entscheidende Rolle zu. Sie gibt eine letzte Ahnung von unverfälschter Sexualität. Deshalb erhebt Jon durch extreme Ritualisierung seine Pornosucht zum Fetisch. Gordon-Levitt formt in DON JON’S ADDICTION eine einleuchtende Gleichung: Was der Porno für die Sexualität ist, ist die Hollywood-Schnulze für die Liebe. Beide haben die schnelle Erfüllung unstillbarer Bedürfnisse zum Ziel. Versucht Jon in seinem exzessiven Pornokonsum das Echte, das Einzigarte zu erleben, bildet sich Barbara ihre verzerrte Vorstellung von Beziehung aus ihren Anne Hathaway/Channing Tatum-Filmen. Das Konsumverhalten der beiden konditioniert sie zur einseitigen Betrachtung, zur Egomanie. Ein Gesellschaftsproblem.

Verfall durch Gleichförmigkeit. Treffend inszeniert Joseph Gordon-Levitt die verheerenden Folgen einer Massenkultur in den pointierten Montagesequenzen von Jons Wochenroutine. So geht es nach Masturbation, Mucki-Pumpen und Pöbelei im Straßenverkehr jeden Sonntag in die Kirche: Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt. Jedes Mal das gleiche Spiel. Jon bringt dieselben Sünden vor. Statt christlicher Ermahnung folgt die Ausgabe des pauschal abgerechnet Strafmaßes. X-mal Selbstbefriedigung und y-mal vorehelichen Sex? Macht dann z-mal Vater Unser und z-mal Ave Maria. Alles klar. Ich spreche dich los von deinen Sünden. Danke Vater. Gehe hin in Frieden. Amen. Der Nächste bitte. Absolution aus dem Automaten. Doch eröffnet DON JON’S ADDICTION eine hoffnungsvolle Perspektive: Redundanz schlägt man nur durch Varianz, der Zyklus wird durch eine unverhoffte Abzweigung verlassen. Und wenn das heißt, im Fitnessstudio die Hanteln links liegen zu lassen und einfach mal eine neue Sporthalle betreten. Aller Anfang ist klein.

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